Hans Joas

deutscher Soziologe und Sozialphilosoph From Wikipedia, the free encyclopedia

Hans Joas (* 27. November 1948 in München) ist ein deutscher Soziologe und Sozialphilosoph.

Hans Joas, 2014

Joas ist Ernst-Troeltsch-Honorarprofessor[1] an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. Er war vom April 2011 bis zum März 2014 Permanent Fellow[2] am Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) und bis zum Sommersemester 2011 als Max-Weber-Professor Leiter[3] des Max-Weber-Kollegs für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien an der Universität Erfurt. Er ist außerdem Visiting Professor of Sociology and Social Thought[4] und Mitglied[5] des Committee on Social Thought an der University of Chicago, ordentliches Mitglied[6] der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Leben

Hans Joas wurde im Jahr 1979 mit der Dissertation Praktische Intersubjektivität. Die Entwicklung des Werkes von George Herbert Mead an der Freien Universität Berlin promoviert.[7] und war bis 1983 wissenschaftlicher Mitarbeiter[8] am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. In dieser Zeit vertrat er 1980/81 an der Universität Tübingen eine Professur.[9] Joas habilitierte sich 1981.[9] Von 1984 bis 1987 war er als Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft nochmals am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung tätig.[9] Zugleich übernahm er Gastprofessuren für Soziologie an der University of Chicago (1985) und an der University of Toronto (1986).[9]

Hans Joas in der Aula am Wilhelmsplatz in Göttingen, als Abschlussvortragender des Historikertags 2014

Im Jahr 1987 erfolgte der Ruf als Professor an die Universität Erlangen-Nürnberg. Diese Professur hatte er bis 1990 inne. Daran schloss sich die Berufung an das John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien und Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin an, wo er bis 2002 Ordinarius blieb. Während der Zeit an der FU war er 1992 und 1999/2000 Fellow am Swedish Collegium for Advanced Study in the Social Sciences und Gastprofessor an der Universität Uppsala, 1994 Fellow am Indiana Institute for Advanced Study der Indiana University Bloomington, 1996 und 1998 Gastprofessor an der University of Wisconsin–Madison, 1997 Theodor-Heuss-Professor an der New School for Social Research in New York City, 1998 Gastprofessor an der Duke University. Im Jahr 2000 wurde er zum Professor an der University of Chicago berufen, 2002 auch als Max-Weber-Professor an die Universität Erfurt, wo er das Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien leitete. 2002 war er noch Gastprofessor an der Universität Wien, 2004 bis 2005 Ernst-Cassirer-Professor am Swedish Collegium for Advanced Study in the Social Sciences und im akademischen Jahr 2005/2006 Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin. Im Sommersemester 2012 hatte Joas als erster Wissenschaftler die neu geschaffene Gastprofessur der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung an der Universität Regensburg inne. Seine Vorlesung behandelte das Thema „Sakralisierung und Säkularisierung“.[10] Im Sommersemester 2014 war er als Gastprofessor (Torgny Segerstedt Professor) an der Universität Göteborg und im Jahr 2017 war er als Fellow am Stellenbosch Institute for Advanced Study (STIAS) an der Universität Stellenbosch, Südafrika. Er ist Mitglied der Grundwertekommission der SPD.[11]

Forschungsschwerpunkte

Hans Joas konzentriert sich auf Sozialphilosophie und soziologische Theorie, insbesondere des amerikanischen Pragmatismus und des Historismus; Religionssoziologie und Soziologie von Krieg und Gewalt[12] sowie den Wertewandel in der modernen Gesellschaft.[13]

Ein besonderer Schwerpunkt von Joas’ Forschung ist die Entstehung der Werte. Er erarbeitete dazu eine Theorie der affirmativen Genealogie von Werten, insbesondere der Menschenrechte.[14] Nach Joas entstehen Werte in Erfahrungen der Selbstbildung und Selbsttranszendenz. Hierzu hat er eine Phänomenologie der Erfahrung der Selbsttranszendenz „vom individuellen Gebet bis zur kollektiven Ekstase in archaischen Ritualen oder in nationalistischer Kriegsbegeisterung“ entwickelt; „sie schließt moralische Gefühle, die Öffnung des Selbst im Gespräch und im Erlebnis der Natur ein.“[15] Joas betont, dass seine Betrachtung der Kontingenz der Wertentstehung keineswegs „als ein Plädoyer gegen die Ansprüche einer universalistischen Moral“ zu verstehen sei.

In einem dreibändigen Werk versucht Joas, aus diesen Voraussetzungen heraus den Grundriss einer Globalgeschichte des moralischen Universalismus zu entwickeln. Im ersten, 2017 erschienenen Band Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung[16] hat er eine detaillierte Kritik der auf Max Weber zurückgehenden Geschichtserzählung von einem seit den hebräischen Propheten voranschreitenden weltgeschichtlichen Prozess der Entzauberung und die Skizze einer Alternative dazu vorgelegt. Im zweiten, 2020 erschienenen Band Im Bannkreis der Freiheit. Religionstheorie nach Hegel und Nietzsche[17] geht es parallel dazu um eine Überwindung des auf Hegel zurückgehenden Geschichtsbilds einer im protestantischen Christentum gipfelnden Religionsgeschichte und ihrer konstitutiven Bedeutung für die Konstitution moderner politischer Freiheit. In Porträts bedeutender philosophischer, soziologischer und theologischer Religionsdenker werden dabei die Ansätze zu einer Alternative weiter konkretisiert. In dem in Arbeit befindlichen dritten Band (Arbeitstitel „Universalismus. Weltherrschaft und Menschheitsethos“) wird diese Alternative derzeit historisch-soziologisch breit ausgearbeitet. Sein jüngstes Buch (2022) „Warum Kirche? Selbstoptimierung oder Glaubensgemeinschaft“ bezieht die Debatten über ein neues Verständnis von Kirche und über Kirchenreform auf diese Geschichte des moralischen Universalismus.

Kritik

An seinem Buch Die Macht des Heiligen (2017) bemängelte Thomas Assheuer: „Mit den Blutspuren der Religion hält Joas sich nur kurz auf; der Hinweis, auch nicht monotheistische Religionen besäßen ein Gewaltpotenzial, muss ihm genügen. Gern hätte man mehr darüber erfahren, warum Religionen – derzeit der Islam – trotz ihres universalistischen Kerns kaum Widerstand gegen ihren mörderischen Missbrauch entwickeln. Erstaunlich ist, dass der Religionsphilosoph René Girard bei Joas ebenso wenig auftaucht wie Emmanuel Levinas mit seiner scharfen Unterscheidung von archaischem Sakralen und monotheistischem Heiligen. Zu kurz kommt schließlich die Frage, wie sich ästhetisches Transzendenzerleben – etwa in einem Kinofilm – von religiösen Intensitätserfahrungen unterscheidet.“[18]

Auszeichnungen

Schriften (Auswahl)

Literatur

  • Sabine Schößler: Der Neopragmatismus von Hans Joas: Handeln, Glaube und Erfahrung. Lit Verlag, Münster 2011, ISBN 978-3-643-11191-3.
  • Heinrich Wilhelm Schäfer (Hrsg.): Hans Joas in der Diskussion: Kreativität – Selbsttranszendenz – Gewalt. Campus, Frankfurt 2012, ISBN 978-3-593-39524-1.
  • Bernhard Laux (Hrsg.): Heiligkeit und Menschenwürde. Hans Joas’ neue Genealogie der Menschenrechte im theologischen Gespräch. Herder, Freiburg 2013, ISBN 9783451341489.

Einzelnachweise

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