Alois Rey

Schweizer Geistlicher, Historiker und Dozent From Wikipedia, the free encyclopedia

Alois Rey (* 19. November 1908 in Zürich; † 24. Juni 1987 in Schwyz; heimatberechtigt in Buttwil) war ein Schweizer römisch-katholischer Geistlicher, Historiker und Dozent.

Leben

Herkunft und Privatleben

Alois Rey wurde in Zürich geboren und stammte aus Buttwil. Er war römisch-katholischer Konfession und lebte bis zu seinem Tod in Schwyz. Seine akademische und berufliche Laufbahn war geprägt durch ein tiefes Engagement für die Erforschung der Schweizer Kirchen- und Religionsgeschichte.

Ausbildung und Priestertum

Rey besuchte die Schulen in Adliswil, Sarnen, Saint-Maurice und die Stiftsschule Einsiedeln.

Er absolvierte sein Theologiestudium an der Theologischen Hochschule in Chur und setzte seine akademische Ausbildung mit einem Geschichtsstudium an der Universität Freiburg fort. Diese kombinierte Ausbildung in Theologie und Geschichte prägte seinen später charakteristischen Forschungsansatz, der theologische und historische Perspektiven verband. Im Juli 1934 wurde er zum Priester geweiht. Als Vikar wirkte er zunächst ein Jahr in der Pfarrei St. Franziskus in Zürich-Wollishofen und von 1935 bis 1938 in der Pfarrei Maria Lourdes in Zürich-Seebach, die 1935 erbaut worden war.

An der Universität Freiburg studierte Rey in Geschichte und Kunstgeschichte bei dem Historiker Oskar Vasella, dem Lehrstuhlinhaber für Schweizer Geschichte. Vasella verfolgte das Ziel, das katholische Defizit in der schweizerischen Reformationsforschung zu beheben und katholische Sichtweisen in die Darstellung der Glaubensspaltung in der Eidgenossenschaft einzubringen. Von Vasella übernahm Rey nicht nur sein zentrales Forschungsthema, sondern erlernte auch die methodischen Grundlagen wissenschaftlicher Quellenarbeit: Quellensuche, Quellenerschliessung und fachgerechte Quellenbearbeitung. 1941 beendete er das Studium mit dem Doktorat.

Lehrtätigkeit

Von 1942 bis 1974 war Alois Rey Geschichtslehrer am Kollegium Maria Hilf in Schwyz. Während dieser dreissigjährigen Tätigkeit unterrichtete er Geschichte als Hauptfach und weitere Fächergruppen wie Freihandzeichnen. Trotz der Anforderungen seiner Schularbeit, einschliesslich einer Tätigkeit als Feldprediger während des Aktivdienstes, behielt Rey seine wissenschaftlichen Forschungsinteressen bei und publizierte regelmässig in den Mitteilungen des Historischen Vereins des Kantons Schwyz.

Nach seiner Pensionierung 1974 widmete sich Rey mit intensiverer Kraft seinen Forschungen, bis gesundheitliche Beschwerden – insbesondere Diabetes und später Erblindung – seine Arbeit zunehmend beeinträchtigten.

Wissenschaftliches Werk

Reys bedeutendste Arbeit ist seine Dissertation Geschichte des Protestantismus in Arth bis zum Prozess von 1655. Dieses Werk basiert auf intensiven Archivstudien in mehreren bedeutenden Schweizer Archiven: dem Pfarrarchiv Arth, dem Archiv des Alten Landes Schwyz (heute Staatsarchiv Schwyz) und dem Kapitelsarchiv Luzern.

Das Werk gliederte sich in mehrere Teile. Ein einleitender Abschnitt behandelte die Stellung der Fünf Orte (siehe Alte Eidgenossenschaft#Reformation) zur Glaubensfrage und fasste den damaligen Forschungsstand zusammen. Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Darstellung der neugläubigen (protestantischen) Gemeinde in Arth im 17. Jahrhundert.

Rey analysiert die geografische Lage Arths – an der Pilgerstrasse nach Einsiedeln und der Gotthardstrasse gelegen – als wesentlichen Faktor für die Ausbreitung reformatorischer Ideen. Der rege Transitverkehr von Händlern, Metzgern, Viehhändlern und Weinsäumern ermöglichte die Verbreitung reformatorischer und häretischer Schriften. Gleichzeitig reisten Arther Einheimische in reformierte Gebiete, insbesondere nach Zürich. Auf diese Weise entstanden Gelegenheiten zum Austausch mit reformierten Personen – bisweilen aus religiösem Interesse, häufig aber auch aus reiner Neugierde.

Rey beschreibt ausführlich die Entstehung der geheimen neugläubigen Gemeinde zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Er dokumentiert ihre internen Selbstbezeichnungen (Nikodemiten, „Hummel“, Täufer, Brüder, Herrgottsjünger) und ihre nächtlichen Zusammenkünfte, Beziehungen zu Zürich und inneren Streitigkeiten. Besondere Aufmerksamkeit widmete Rey dem Täuferhandel von 1629/30 und der Vorgeschichte des späteren Grossen Prozesses.

Die abschliessenden Kapitel behandelten den Prozess von 1655 selbst. Rey schilderte die heimliche Flucht der Nikodemiten in das Zürichbiet im September 1655 über den Zugersee. Zwischen 32 und 45 Personen – Männer, Frauen und Kinder – wurden in Zürich aufgenommen. Diese Flucht provozierte das Handeln der Schwyzer Regierung. Nach der Verhaftungsanordnung durch den Rat am 22. September wurden etwa 30 Personen festgenommen. Die Beschlagnahme ihrer Güter erbrachte rund 40.000 Kronen.

Rey analysierte das zeitgenössische Prozessverfahren unter Berücksichtigung der komplexen Rechtslage zwischen den eidgenössischen Bünden und den jurisdiktionalen Verwicklungen mit Zürich und anderen reformierten Orten. Er beschreibt die Verhandlungen aktengetreu und mit grosser Genauigkeit. Vier Angeklagte wurden zum Tode durch das Schwert verurteilt und hingerichtet; einige wurden an die Inquisition in Mailand überwiesen; ein Teil wurde freigelassen.

In seiner abschliessenden Bewertung vermied Rey jede hagiografische Vereinfachung. Stattdessen betonte er, dass die Arther Neugläubigen seit 1651 einen religiösen und politischen Beunruhigungsherd allerersten Ranges bildeten und dass die Regierung tatsächlich auf Drängen der Bevölkerung handelte.

In den Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz veröffentlichte Rey zwei Teile seines Aufsatzes Zu den Staats- und religionspolitischen Folgen der Arther Wirren. Darin argumentierte Rey, dass der Arther Handel von 1655 nicht isoliert betrachtet werden dürfe. Vielmehr bildete er die unmittelbare Vorgeschichte zum ersten Villmergerkrieg von 1656. Die Flucht der Arther nach Zürich und ihre Hinrichtung in Schwyz führten zur Entladung tieferer politischer und konfessioneller Spannungen. Aus einem lokalen Flüchtlingsstreit wurde ein Kampf um eidgenössische Verfassungsreformen. Der Streit um die Güterherausgabe durch Schwyz führte zur kriegerischen Eskalation. Im zweiten Teil untersuchte Rey den religiösen Hintergrund der Affäre, insbesondere durch die Analyse der Reformverfassung des Vierwaldstätterkapitels von 1608 und ihre Reaktion auf das Konzil von Trient.

Nach seiner Pensionierung 1974 intensivierte Rey seine Publikationen trotz zunehmender gesundheitlicher Beeinträchtigungen.

Der 30-seitige Aufsatz Die Grundzüge des europäischen Nikodemismus schilderte die Arther Ereignisse in einem breiteren europäischen Rahmen. Rey untersuchte zunächst die Begriffsgeschichte des Nikodemismus, behandelte den Versuch eines katholischen Nikodemismus, seine praktischen Erscheinungsformen in Frankreich und in den Reformationskirchen sowie theoretische Varianten. Der abschliessende Abschnitt analysierte den spezifischen Nikodemismus der Arther Gemeinde.

In seinem Aufsatz Dekan Balthasar Trachsel von Arth und die Früh-Reformation in Schwyz vertiefte Rey seine 1944 begonnene Untersuchung des ersten reformfreundlichen Arther Pfarrers Balthasar Trachsel (1493–1562)[1], der mit Zwingli befreundet war, heiratete und später in Wigoltingen im Thurgau als Prädikant wirkte. Rey behandelte die Funktion von Trachsel als Dekan des Vierwaldstätterkapitels – eine Position, die lange unbekannt war, durch den Fund einer Wappenscheibe im Schweizerischen Landesmuseum aber gesichert wurde. Mit genauer Quellenauswertung – trotz der dürftigen Überlieferung (Rats- und Gerichtsprotokolle fehlten; primäre Quellen beschränkten sich auf Zwingli-Briefe) – rekonstruierte Rey die Früh-Reformation in Schwyz, ihre anfänglichen Sympathien und ihre Ablehnung nach 1523.

Aufmerksam gemacht durch den Kunsthistoriker Albert Jörger (* 1947) aus Schindellegi, untersuchte Rey die Reformation in Tuggen und Kaltbrunn im Gaster. Rey rekonstruierte in Neues über Jakob Kaiser, den Reformator von Kaltbrunn und Tuggen die geheimgehaltene Nikodemiten-Gemeinde in Tuggen, verfolgte Kaisers Schicksal und analysierte die Politik der Fünf Orte sowie den bündischen Grundgedanken der eidgenössischen Verfassung. Der Aufsatz bot auch neue Erkenntnisse zu Kaisers Verhaftung und vermutlichem Ende.

In seiner letzten Arbeit Allerlei Reformatoria aus dem Flecken Schwyz sammelte Rey verschiedene reformationsgeschichtliche Materialien und bot präzise Definitionen zur Unterscheidung von Neugläubigen und anderen religiösen Gruppen, analysierte die evangelische Frühgemeinde in Schwyz, dokumentierte die Täufer und einzelne reformierte Personen wie Martin Betschart[2] und untersuchte Formen der mündlichen religiösen Propaganda sowie Korrespondenzen zwischen Zwingli und anderen Akteuren.

Spätere Jahre und Lebensende

In seinen letzten Lebensjahrzehnten erschwerte chronische Diabetes Reys Arbeit zunehmend. Ab 1979 verschärfte sich die Situation dramatisch durch ein schweres Augenleiden; 1983 war er zu 95 Prozent blind. Trotzdem publizierte er weiter. Hilfreiche Unterstützung erhielt er durch Mya Fischer aus Zürich und Rosa Weber-Klein aus Schwyz, die ihm durch Vorlesen, Literaturbeschaffung und Schreibarbeiten halfen.

Nach seiner Pensionierung zog sich Rey zunehmend ins Altersheim Acherhof in Schwyz zurück, wo er schliesslich durch seine Krankheit an den Rollstuhl gebunden wurde.

Er wurde auf dem Friedhof in Schwyz beigesetzt.[3]

Schriften (Auswahl)

  • Geschichte des Protestantismus in Arth bis zum Prozess von 1655. In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 44. 1944. S. 1–179 (Digitalisat).
  • Zu den staats- und religionspolitischen Folgen der Arther Wirren. In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 46. 1947. S. 40–51 (Digitalisat).
  • Zu den staats- und religionspolitischen Folgen der Arther Wirren (II.). In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 47. 1948. S. 70–94 (Digitalisat).
  • Anton Castell: 1897–1950. In: Zeitschrift für schweizerische Geschichte, Band 30, Heft 4. 1950. S. 607 (Digitalisat).
  • Die Begegnung von Reformation, Gegenreformation und katholischer Reform in den Arther Wirren (1620–1655). In: Der Geschichtsfreund: Mitteilungen des Historischen Vereins Zentralschweiz, Band 118. 1965. S. 132–186 (Digitalisat).
  • Die Grundzüge des europäischen Nikodemismus und der Nikodemismus der Arther Gemeinde. In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 68. 1976. S. 1–33 (Digitalisat).
  • Dekan Balthasar Trachsel von Arth und die Früh-Reformation in Schwyz (1520–1524). In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 71. 1979. S. 221–256 (Digitalisat).
  • Neues über Jakob Kaiser, den Reformator von Kaltbrunn und Tuggen. In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Jg. 75. 1983. S. 131–147 (Digitalisat).
  • Allerlei Reformatoria ais dem Flecken Schwyz. In: Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz, Band 77. 1985. S. 53–64 (Digitalisat).

Literatur

Einzelnachweise

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