Amalie Skram

norwegisch-dänische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin From Wikipedia, the free encyclopedia

Amalie Skram (* 22. August 1846 in Bergen als Berthe Amalie Alver; † 15. März 1905 in Kopenhagen) war eine norwegisch-dänische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin.

Amalie Skram, 1869 von Georg Emil Hansen fotografiert

Leben

Amalie und Erik Skram, Gemälde des dänischen Malers Harald Slott-Møller, 1895

Berthe Amalie Alver wurde am 22. August 1846 in Bergen geboren. Die Eltern besaßen einen kleinen Landhandel, der jedoch in Konkurs ging, als Amalie 17 Jahre alt war. Ihr Vater Mons Monsen Alver setzte sich daraufhin in die USA ab, um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, und ließ die Mutter mit ihren fünf Kindern allein. Zu ihren Geschwistern, insbesondere zu ihrem Bruder Ludvig, hielt sie eine enge Bindung aufrecht.[1]

Auf Druck der Mutter willigte Amalie in eine Ehe mit dem neun Jahre älteren Kapitän Müller ein, mit dem sie die Welt bereiste.[1] Sie hielt sich mit ihm u. a. in London, Mexiko, auf den Westindischen Inseln, in Australien, Peru und am Schwarzen Meer auf.[1] Nach dreizehn Ehejahren und der Geburt zweier Söhne erlitt sie 1878 eine Psychose und wurde im Gaustad-Krankenhaus bei Kristiania behandelt; anschließend lebte sie mit den Söhnen zeitweise bei Verwandten, vor allem bei ihrem Bruder Ludvig.[1] In dieser Zeit begann sie journalistisch zu arbeiten; 1877 erschien in der Bergens Tidende ihre erste Rezension (zu Marie Grubbe).[1]

Gemeinsam mit ihren Söhnen zog sie nach Christiania, dem heutigen Oslo, und begann schriftstellerisch tätig zu werden. Außerdem traf sie dort andere Schriftsteller, wie Arne Garborg und Bjørnstjerne Bjørnson, mit denen sie über Jahre in Kontakt blieb. In Kristiania wurde sie Mitarbeiterin des Dagbladet und bewegte sich auf dem radikalen Flügel um Bjørnson; sie knüpfte u. a. Kontakte zu Edvard Brandes und Holger Drachmann.[1] Ihre erste Erzählung Madam Høiers Leiefolk (1882) stieß in Norwegen auf starke Ablehnung; zeitweise erwog sie sogar eine Auswanderung in die USA, bevor sie 1882 bei Bjørnson Erik Skram kennenlernte.[1]

1884 heiratete Amalie Müller erneut, diesmal den dänischen Schriftsteller Erik Skram, mit dem sie sich in Kopenhagen niederließ. Aus der Ehe ging eine Tochter hervor. In Kopenhagen schloss sie erneut an radikale literarische Kreise an und verfasste gemeinsam mit ihrem Mann das Schauspiel Fjældmennesker (uraufgeführt 1892).[1] Die Verpflichtungen als Hausfrau, Mutter und Schriftstellerin sowie die in ihren Augen schwache öffentliche Resonanz auf ihre literarische Arbeit führten zu einem weiteren Zusammenbruch 1894, in dessen Folge Amalie Skram in der 6. Abteilung des Kopenhagener Kommunehospitals (unter Knud Pontoppidan) und anschließend im Sankt-Hans-Hospital behandelt wurde.[1] 1899 wurde auch die zweite Ehe geschieden. Ab 1901 erhielt sie eine dänische Dichtergage; sie lebte mit der Tochter zurückgezogen im Kopenhagener Stadtteil Østerbro.[1] Sie starb sechs Jahre später; ihre Urne wurde später vernichtet, und sie äußerte den Wunsch, als „Dansk Borger, dansk Undersaat og dansk Forfatter“ erinnert zu werden.[1]

Literarischer Werdegang

Im Jahr 1882 debütierte Amalie Skram unter dem Namen Amalie Müller mit der Erzählung Madam Høiers Leiefolk. Drei Jahre später folgte ihr erster Roman Constance Ring. Der Roman wurde in der zeitgenössischen Debatte um Sexualmoral (Sædelighedsfejde) als interventionistische Stimme gelesen und thematisiert die ungleichen Geschlechterrollen als gesellschaftliches Systemproblem.[1] Sie schrieb weitere Romane und Erzählungen, die in drei Kategorien unterteilt werden können:

Eheromane

Zu diesen zählen Constance Ring, Lucie, Fru Ines und Forraadt, die die Rolle der Frau in der Ehe und dabei vor allem auch die weibliche Sexualität, ein Tabuthema zur damaligen Zeit, behandeln. Ihre Arbeiten wurden oft als Provokationen empfunden und lösten Proteste aus. Als besonders konsequent und künstlerisch gelungen gilt Forraadt (1892), das die zerstörerische Dynamik eines ungleichen Eheverhältnisses zwischen einem erfahrenen Kapitän und einer sehr jungen Frau seziert.[1]

Generationsromane

Das Hauptwerk Amalie Skrams, die vierbändige Reihe Hellemyrsfolket, setzt sich mit dem Schicksal einer ganzen Familie über mehrere Generationen auseinander. Ähnlich wie die Eheromane sind auch die Generationsromane stark vom Naturalismus geprägt und prangern soziale Missstände der damaligen Zeit an. Die Arbeit an der Tetralogie erstreckte sich über elf Jahre; Ausgangspunkt war der Suizid eines jungen Mannes, der Skram zur Rückblende auf die vorangegangenen Generationen und ihre „ererbte Schuld“ veranlasste.[1] Die Bände verbinden Milieuschilderungen aus Bergen und vom norwegischen Westland mit seefahrtsnahen Passagen und nutzen auch regionale Sprachebenen (Strile-Dialekt), um soziale Determinationen sichtbar zu machen.[1]

Nervenklinikromane

Ihre letzten beiden Werke Paa St. Jørgen und Professor Hieronimus siedelte Amalie Skram in ihrer damaligen Lebensumgebung, der Nervenklinik, an. Auch diese Romane verursachten einigen Aufruhr in Dänemark und brachten Verbesserungen in den Anstalten. Zugleich entfachten sie eine öffentliche Debatte über die Zustände in der 6. Abteilung des Kommunehospitals; Pontoppidan reagierte 1897 mit der Streitschrift 6te Afdelings Jammersminde und legte kurz darauf sein Amt nieder.[1]

Allen Werken gemeinsam ist der naturalistische Ansatz und der Wille, gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Skrams Werk gehört zum norwegischen Naturalismus[2][3]. Die betont weibliche Sicht auf viele Probleme der damaligen Zeit machte Amalie Skram außerdem zu einer Kronzeugin der Frauenbewegung der europäischen frühen Moderne. Ihre Werke gerieten zunächst bald in Vergessenheit, wurden jedoch ab den 1960er Jahren vom Feminismus und der Genderforschung wieder stärker beachtet. Neuere, KI-gestützte Forschung hat die kanonische Stellung des Moderne gennembrud kontextualisiert und gezeigt, dass kanonisierte Autorinnen und Autoren wie Skram für die Breite der populären Literatur der Zeit nur bedingt repräsentativ sind (Auswertung von 850 Romanen aus den Jahren 1870–1900).[4] Demnach zeigen viele zeitgenössische Autorinnen – anders als das gängige Bild – eine deutlichere Affektladung mit Themen wie Liebe und Religion; negative und positive Emotionslagen stehen gleichberechtigt neben realistischen, neutralen Schreibverfahren der männlichen Kollegen.[4]

Werke

Romane
  • Constance Ring, 1885
    • Konstanze Ring. Übersetzt von Marie Kurella[5]. Wigand, Leipzig 1897
  • Lucie, 1888, Liebesgeschichte zwischen dem Advokaten Gerner und einer Tänzerin vom Tivoli
    • Lucie. Wigand, Leipzig 1898
  • Forraadt, 1892
    • Verraten. Übersetzt von Emmy Drachmann. Langen, Paris/Leipzig/München 1897. (Digitalisat)
  • Hellemyrsfolket:
  • Professor Hieronimus, 1895
    • Professor Hieronymus. Übersetzt von Mathilde Mann, Langen, Paris/Berlin, 1895. Angezeigt auch mit dem Titel: Im Irrenhause (Professor Hieronymus), Wohlfeile Ausgabe, Langen, München 1895 (1897)
    • Professor Hieronimus (zusammen mit På Sct. Jørgen): Übersetzt von Christel Hildebrandt, Nachwort von Gabriele Haefs. Guggolz Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-945370-07-0
  • På Sct. Jørgen, Fortsættelse af „Professor Hieronimus“, 1895
  • Julehelg, 1900
  • Mennesker, 1905 (unvollendet)
Novellen
  • Børnefortellinger, 1890
  • Kjærlighed i Nord og Syd, 1891. Darin: Bøn og anfægtelse, Knut Tandberg und Fru Inés
  • Sommer, 1899
    • Sommer. Kleine Erzählung. Übersetzt von Adele Neustädter. Langen, München 1900
Theaterstücke
  • Agnete, 1893 (Deutsch: Bearbeitet von Therese Krüger und Otto Erich Hartleben. Berlin, Deutsche Schriftsteller-Genossenschaft 1895). (Digitalisat)
  • Fjældmennesker (zusammen mit Erik Skram), uraufgeführt 1892.[1]

Literatur

Commons: Amalie Skram – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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