American Mother (Oper)

Oper von Charlotte Bray From Wikipedia, the free encyclopedia

American Mother (deutsch: ‚Amerikanische Mutter‘) ist eine Oper in sieben Szenen von Charlotte Bray (Musik) mit einem Libretto von Colum McCann. Sie wurde am 31. Mai 2025 im Theater Hagen uraufgeführt.

Schnelle Fakten Operndaten, Personen ...
Operndaten
Titel: American Mother
Form: Oper in sieben Szenen
Originalsprache: Englisch
Musik: Charlotte Bray
Libretto: Colum McCann
Literarische Vorlage: Colum McCann, Diane Foley
Uraufführung: 31. Mai 2025
Ort der Uraufführung: Theater Hagen
Spieldauer: ca. 80 Minuten
Ort und Zeit der Handlung: ein Gerichtsgebäude in Virginia, Oktober 2021
Personen
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Handlung

Die Oper handelt von den Nachwirkungen des von einer IS-Terrorzelle ausgeführten Mordes an dem US-amerikanischen Journalisten James Foley. Dieser war 2012 in Syrien entführt und im August 2014 ermordet worden. Ein mutmaßliches Video seiner Enthauptung wurde bei YouTube eingestellt. Die Terroristengruppe bestand aus britischen Muslimen, die von ihren Geiseln „The Beatles“ genannt wurden. Einer der Täter, Alexanda Kotey bzw. „Jihadi George“, wurde später zusammen mit einem weiteren Mitglied der Zelle festgenommen und in den USA vor Gericht gestellt. Er war geständig. Als Bedingung für eine lebenslange Freiheitsstrafe anstelle einer Todesstrafe erklärte er sich zu einem Treffen mit den Angehörigen seiner Opfer bereit. Einzig Diane Foley, die Mutter von James Foley, nahm dieses Angebot an. Die Begegnung fand im Oktober 2021 in einem Gerichtsgebäude in Virginia statt und bildet den Inhalt der Oper.

Vor dem Treffen denkt Diane Foley darüber nach, wie sie dem Mörder ihres Sohnes gegenübertreten kann. Sie überlegt, wie sie ihn anreden soll, mit seinem Nachnamen Kotey, seinem Vornamen Alexanda oder direkt als Mörder. Ein Gefängniswärter führt Alexanda in den Raum. Er ist schweigsam, zeigt wenig Reue und wirkt aggressiv. Der Wärter gibt deutlich zu erkennen, wie sehr er ihn und alle Muslime verabscheut. Diane hingegen bleibt ernst und sachlich. Sie erzählt vom Leben ihres Sohnes als Kriegsreporter. Im Hintergrund der Bühne erscheint dieser selbst in Form von Erinnerungen oder Rückblicken auf sein Leben. Auch Alexanda erzählt von seinem Leben in England und den Gründen, aus denen er sich dem IS angeschlossen hatte. Er hatte selbst eine Familie in Syrien und muss davon ausgehen, dass er sie nicht mehr wiedersehen wird. In einem imaginären Dialog mit Diane klagt Alexandas Mutter darüber, ebenfalls einen Sohn verloren zu haben. Er lebe zwar noch, sei aber dennoch fort. Beide Frauen sind sich darin einig, dass Mütter am meisten unter Kriegen leiden. Diane zeigt große Trauer. Dennoch reicht sie Alexanda zum Abschied die Hand, die dieser nach einigem Zögern annimmt.

Gestaltung

Orchester

Die Orchesterbesetzung der Oper umfasst die folgenden Instrumente:[1][2]

Musik

Die Komponistin Charlotte Bray orientierte sie sich stark an der Textstruktur. Sie wies den verschiedenen Figuren der Oper unterschiedliche Gesangsstile und Intervall-Strukturen zu, deren Partien sie weitgehend unabhängig von der übrigen Musik schrieb. Da ihr Alexanda Koteys Sprechweise als „sehr abgehakt“ beschrieben wurde, erhielt dieser einen Staccato-Stil und große Intervallsprünge, häufig in Nonen. James Foley gab sie viele reine Quarten und Quinten, dem Gefängniswärter eine intensive Chromatik.[3]

Das Orchester hat mehrere längere instrumentale Abschnitte. Sie geben der Sängerin der Diane Foley wichtige Pausen, aber dort wird auch das musikalische Material vorgestellt. Außerdem nutzte Bray sie für Experimente mit den Orchesterfarben. In den ersten beiden Szenen gibt es wiederkehrende Motive. Die Einleitung zur sechsten Szene nach James’ zweitem Monolog nannte Bray den „düsterste[n] Teil der Partitur“. Das „tickende Element der Zeit“ spielt besonders für dessen Szenen eine große Rolle. Es wird sowohl im Orchester als auch in der Sprache hervorgehoben. Die erste und die letzte Szene sind der inneren Stimme Diane Foleys gewidmet.[3]

Der Chor hat eine eher abstrakte Funktion in Form „einer Art Erweiterung der Figuren auf der Bühne“.[3] Er verstärkt „bestimmte Aspekte der emotionalen Spannung“. Zu Beginn sind seine Einwürfe nur kurz. Oft wiederholt er wie ein Echo Fragmente der Solopartien. Gelegentlich kommentiert er auch die Handlung, vergleichbar mit dem Chor des antiken griechischen Theaters. Auf die Hasstiraden des Gefängniswärters antwortet er beispielsweise mit dem Text „How to find justice? How to avoid revenge?“ (‚Wie ist Gerechtigkeit zu erlangen, wie Rache vermeidbar?‘) und nimmt damit eher Dianes Position ein. Beim Auftritt von Alexandas Mutter tritt der Damenchor erstmals szenisch als „Gruppe der Mütter“ in Erscheinung. Der Chor tritt in seiner Gesamtheit erst in der Schlussszene auf.[4] Dort mischt er sich mit den Solostimmen, um den Gefühlskonflikt Dianes und Alexandas darzustellen, bevor sie sich die Hand reichen.[3] Auf Diane mehrfach geäußerte Bitte „Take my hand“ (‚Nimm meine Hand‘), antwortet Alexanda mit den Worten „You are a mother to us all“ (‚Du bist uns allen eine Mutter‘). Die letzten drei Worte wiederholt der Chor zusammen mit den Stimmen von James, Alexanda und seiner Mutter, wodurch der Mörder als Zeichen der Versöhnung wieder in die Gesellschaft zurückfinden kann.[4]

Werkgeschichte

American Mother ist ein Auftragswerk des Theaters Hagen. Dessen Intendant Francis Hüsers bat die britische Komponistin Charlotte Bray um eine neue Oper für sein Haus. Bray schlug daraufhin selbst das Sujet vor. Sie hatte einige Monate zuvor einen Artikel über das Treffen zwischen dem Terroristen Alexanda Kotey und der Mutter seines Opfers James Foley gelesen und war nach eigener Aussage „sofort gefesselt“ von der Frage, worüber die beiden gesprochen haben könnten. Bray wandte sich daraufhin an eine befreundete Journalistin, die den Kontakt zu Diane Foley vermittelte. Diese arbeitete zu dieser Zeit bereits mit dem irischen Schriftsteller Colum McCann, der bei dem Treffen anwesend gewesen war, an einem Buch über das Thema, und war sofort auch mit einer Opernfassung einverstanden.[3] Als Bray das Projekt McCann vorstellte, hatte dieser das Buch gerade fertiggestellt. Er hörte sich einige ihrer Kompositionen an, die ihn nach eigener Aussage begeisterten, und erklärte sich bereit, das Libretto zu verfassen, obwohl das für ihn Neuland war und er erst zwei Mal eine Oper besucht hatte. Nach zwei Wochen konnte er den ersten Entwurf vorlegen. Anschließend ging es in Zusammenarbeit mit Bray und dem Regisseur Travis Preston an die Details.[5]

Der Handlungsumfang des Librettos entspricht ungefähr 40 Seiten vom Anfang und 20 Seiten vom Ende des Buchs. Die umfangreiche Schilderung der weltpolitischen Zusammenhänge in der Vorlage entfällt. Die Oper ist somit im Gegensatz zum Buch völlig unpolitisch. Andererseits nahm McCann auch Ergänzungen wie den Auftritt von Alexandas Mutter oder den als Person erkennbaren Gefängniswärter vor.[6] Die sich außerhalb des eigentlichen Treffens abspielenden Szenen wurden in Form von „traumartigen Sequenzen“ in die Handlung eingebunden.[7]

Bei der Uraufführung am 31. Mai 2025 spielte das Philharmonische Orchester Hagen unter der Leitung des Musikdirektors Joseph Trafton. Es sangen Katharine Goeldner (Diane Foley), Timothy Connor (Alexanda Kotey), Roman Payer (James Foley), Angela Davis (Mrs. Kotey) und Dong-Won Seo (Gefängniswärter). Die Inszenierung stammte von Travis Preston, Bühne und Kostüme von Christopher Barreca, das Videodesign von Ruey Horng Sun und das Lichtdesign von Martin Gehrke.[8] Preston sah McCanns Libretto nicht als Dokumentation, sondern als „Allegorie über Erlösung“. Er stellte daher „die allegorischen Aspekte der Handlung in den Vordergrund“. Das Bühnenbild war als abstrakter „architektonischer Raum“ gestaltet. Die Kostüme und Requisiten mit persönlichem Bezug dagegen wurden nach authentischen Vorbildern ausgewählt.[4] Sowohl der Intendant Hüsers als auch der Musikdirektor Trafton verabschiedeten sich mit dieser Produktion vom Hagener Theater.[9]

Die Produktion erhielt sehr gute Kritiken. Guido Krawinkel von der Deutschen Bühne nannte sie eine „ergreifende Uraufführung“, eine „beeindruckende Oper […], die ebenso berührt wie nachdenklich stimmt. Und auch die szenische wie musikalische Umsetzung gelingt ausgezeichnet.“[10] Regine Müller beschrieb sie in der Opernwelt als „mitreißendes, erschütterndes, rundum geglücktes Musiktheater, souverän aus der Taufe gehoben“.[9] Die Online-Opernzeitung Der Opernfreund brachte gleich zwei Rezensionen. Pedro Obiero wies auf den „langanhaltende[n] Beifall nach einer tief bewegenden Aufführung“ hin.[11] Bernhard Stoelzel nannte diese Uraufführungen einen „Coup“ und lobte sowohl die „schlicht[e] und dennoch absolut treffend[e]“ Inszenierung als auch das hohe Niveau der Ausführenden.[12] Christoph Schulte im Walde meinte in der Neuen Musikzeitung, dass es Bray gelungen sei, ihren im Programmheft geäußerten Wunsch, sie wolle „Menschen mit Themen konfrontieren, die sonst oft ignoriert werden“, umzusetzen. Trafton habe für eine „ganze Fülle irisierender Klangtableaus von großer suggestiver Kraft“ gesorgt.[13] Für Stefan Schmöe vom Online Musik Magazin war dies „einer der spannendsten Theaterabende der Saison“.[14]

Einzelnachweise

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