Amos Tversky

israelischer Psychologe From Wikipedia, the free encyclopedia

Amos Nathan Tversky (* 16. März 1937 in Haifa, Völkerbundsmandat für Palästina, heute Israel; † 2. Juni 1996 in Stanford, Kalifornien)[1] war ein israelischer kognitiver Psychologe und ein Pionier der mathematischen Psychologie. Gemeinsam mit Daniel Kahneman begründete er das Feld der Verhaltensökonomik (Behavioral Economics). Seine Forschungen über kognitive Verzerrungen und das menschliche Entscheidungsverhalten unter Risiko veränderten das Verständnis von Rationalität in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften grundlegend.

Leben

Amos Tversky wurde als Sohn polnischer Einwanderer geboren. Sein Vater war Tierarzt, seine Mutter Jenia Tversky eine bekannte Sozialarbeiterin und spätere Abgeordnete der Knesset.[1]

Militärdienst

Nach dem Abitur diente Tversky in der Fallschirmjägerbrigade der israelischen Armee und stieg bis zum Rang eines Hauptmanns (Seren) auf. Er wurde für Tapferkeit ausgezeichnet, nachdem er während einer Übung das Leben eines Soldaten rettete und dabei selbst durch Splitter schwer verwundet wurde, die zeitlebens in seinem Körper verblieben. Er nahm an drei Kriegen teil (Sueskrise 1956, Sechstagekrieg 1967, Jom-Kippur-Krieg 1973).

Akademischer Werdegang

Nach dem Studium der Psychologie und Philosophie an der Hebräischen Universität Jerusalem promovierte Tversky 1965 an der University of Michigan bei Clyde Coombs über Messtheorie. Nach Stationen an der Hebräischen Universität Jerusalem, wechselte er 1978 an die Stanford University, wo er bis zu seinem Tod lehrte.[1] Tversky starb nach Angaben der Stanford University an einem metastasierten malignen Melanom.[1]

Werk und Forschung

Tversky war führend in der psychologischen Untersuchung von Heuristiken, der Entdeckung systematischer menschlicher Fehler (Kognitive Verzerrung) und der Untersuchung von Entscheidungen unter Risiko. Er war bekannt für seine Fähigkeit, komplexe psychologische Phänomene in formalen Modellen abzubilden und entwickelte mit Daniel Kahneman die Prospect Theory, um menschliche Urteile bei wirtschaftlichen Entscheidungen realistischer als im traditionellen Kosten-Nutzen-Modell zu modellieren.[2] Galten Kahneman und Tversky an der Hebräischen Universität anfangs als Rivalen, so legte sich das im Jahr 1969. Danach saßen sie häufig zusammen in einem Seminarraum, durch dessen geschlossene Tür oft Lachen zu hören war. Tverskys Frau sagte später, ihre Beziehung sei intensiver gewesen als eine Ehe.[3] Ihr Ziel war es, die Annahme des Homo oeconomicus (des rein rationalen Entscheiders) experimentell zu widerlegen. Sie identifizierten mentale Abkürzungen, die Menschen nutzen, um Wahrscheinlichkeiten einzuschätzen, die jedoch zu systematischen Fehlern führen (z. B. Verfügbarkeitsheuristik, Repräsentativitätsheuristik und Ankerheuristik). Ihr 1979 in Econometrica veröffentlichter Artikel gilt als einer der meistzitierten Texte der Wirtschaftswissenschaften. Die Theorie erklärt, warum Menschen Verluste stärker gewichten als Gewinne (Verlustaversion) und bei potenziellen Verlusten risikofreudiger entscheiden als bei Gewinnen. Unabhängig von Kahneman entwickelte Tversky 1977 das „Kontrastmodell der Ähnlichkeit“. Er zeigte, dass Ähnlichkeitsurteile nicht geometrisch (als Distanz im Raum), sondern über den Vergleich von gemeinsamen und unterscheidenden Merkmalen funktionieren.

Bedeutung und Vermächtnis

Als Daniel Kahneman 2002 gemeinsam mit Vernon L. Smith den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, betonte er in seiner Rede und in Interviews mehrfach, dass Tversky diesen Preis ohne Zweifel mit ihm geteilt hätte, wäre er noch am Leben gewesen (Nobelpreise werden nicht posthum verliehen).

Einfluss auf die Wirtschaftswissenschaften

Tversky gilt als einer der maßgeblichen Wegbereiter der modernen Verhaltensökonomik, die heute fester Bestandteil der Finanzwissenschaft und Politikberatung (Nudging) ist. Durch die konsequente Infragestellung des klassischen Modells des Homo oeconomicus (des rein rational handelnden und nutzenmaximierenden Akteurs) löste er gemeinsam mit Kahneman einen Paradigmenwechsel in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften aus. Die 1979 veröffentlichte Prospect Theory (Neue Erwartungstheorie) bot eine mathematisch präzise und psychologisch fundierte Alternative zur traditionellen Erwartungsnutzentheorie. Sie erklärte erstmals systematisch Phänomene wie die Verlustaversion und das asymmetrische Risikoverhalten des Menschen. Diese Erkenntnisse bilden heute das Rückgrat der Behavioral Finance, die untersucht, wie kognitive Verzerrungen Marktphasen wie Spekulationsblasen oder Herdenverhalten beeinflussen. In der modernen Politikberatung mündeten Tverskys Arbeiten in das Konzept des Nudging (maßgeblich durch Richard Thaler und Cass Sunstein popularisiert): Hierbei werden Entscheidungssituationen so gestaltet („Choice Architecture“), dass Menschen unter Berücksichtigung ihrer psychologischen Prädispositionen zu vorteilhafterem Verhalten bewegt werden, ohne auf Verbote zurückzugreifen.

Kulturelle Rezeption

Die Zusammenarbeit und Freundschaft zwischen Tversky und Kahneman steht im Zentrum von Michael LewisBestseller The Undoing Project (2016; deutsch: Aus der Welt. Grenzen der Entscheidung oder eine Freundschaft, die unser Denken verändert hat.). Lewis würdigt darin ihre Pionierarbeit auf dem Gebiet der Verhaltensökonomie, die weitreichende praktische Auswirkungen hatte: So förderten ihre Erkenntnisse über kognitive Fehlleistungen die Entwicklung der evidenzbasierten Medizin und führten zu neuen Ansätzen in der staatlichen Regulierung, die psychologische Faktoren stärker berücksichtigt (etwa im Bereich des Nudging). Zudem reflektiert Lewis in dem Werk, dass Tverskys und Kahnemans Theorien über systematische Entscheidungsfehler erst das intellektuelle Fundament für viele seiner eigenen Schriften bildeten, von finanzwirtschaftlichen Themen bis hin zur statistischen Revolution im Baseball (Moneyball).[4]

Auszeichnungen und Ehrungen (Auswahl)

Werke (Auswahl)

Fachartikel

  • Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk mit Kahneman in Econometrica, Band 47, No. 2 (Mar., 1979), S. 263–291.
  • Assessing Uncertainty in Journal of the Royal Statistical Society. Serie B (Methodologisch), Band 36, Nr. 2 (1974), S. 148–159.
  • Availability: A heuristic for judging frequency and probability mit Daniel Kahneman in Cognitive psychology, 5.2 (1973), S. 207–232.
  • Belief in the law of small numbers mit Daniel Kahneman in Psychological bulletin, 76.2 (1971), S. 105.

Bücher

  • Daniel Kahneman, Paul Slovic, Amos Tversky: Judgment under uncertainty: Heuristics and biases. Cambridge University Press, New York 1982.

Literatur

  • Russell J. Fuller: Amos Tversky, Behavioral Finance, and Nobel Prizes in Financial Analysts Journal, Band 52, No. 4 (Jul./Aug. 1996), S. 7–8.
  • Eva Feder Kittay: The Creation of Similarity: A Discussion of Metaphor in Light of Tversky's Theory of Similarityin PSA: Proceedings of the Biennial Meeting of the Philosophy of Science Association, 1982, Band eins Contributed Papers (1982), S. 394–405.
  • Michael Lewis: Aus der Welt. Grenzen der Entscheidung oder eine Freundschaft, die unser Denken verändert hat. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2016, ISBN 978-3-593-50686-9.
  • Richard H. Thaler: The Psychology and Economics Conference Handbook: Comments on Simon, on Einhorn and Hogarth, and on Tversky and Kahneman in The Journal of Business, Band 59, Nr. 4, Teil 2: The Behavioral Foundations of Economic Theory (Okt. 1986), S. S279–S284.

Einzelnachweise

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