Andrea Alpago
italienischer Arzt und Arabist
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Andrea Alpago (* um 1452 in Belluno; † 22. Januar 1522 in Padua; auch Andrea Bongaio oder Andrea Bellunensis) war ein italienischer Arzt, Arabist und Übersetzer aus dem Arabischen. Er wirkte rund 30 Jahre lang als Arzt am venezianischen Konsulat in Damaskus und gilt als einer der letzten bedeutenden Vermittler naturwissenschaftlicher und medizinischer Texte, insbesondere der Schriften Avicennas (Ibn Sīnā), in das lateinische Europa der Renaissance.

Leben
Andrea Alpago wurde Mitte des 15. Jahrhunderts (vermutlich kurz vor 1452) in Belluno geboren. Er entstammte der lokalen Adelsfamilie Bongaio (Grafen von Alpago).[1] Seine akademische Ausbildung erhielt er an der Universität Padua, wo er 1481 den Abschluss in den Artes liberales erwarb und anschließend in Medizin promoviert wurde.[2] Am 30. Juli 1481 wurde er zum examen in artibus zugelassen und bestand es am 3. August 1481.[2]
Um das Jahr 1487 begab sich Alpago in den Dienst der Republik Venedig und wurde Leibarzt des venezianischen Konsuls in Damaskus. Dort hielt er sich bis 1517 auf. Diese ungewöhnlich lange Zeit im Nahen Osten nutzte er, um die arabische Sprache zu erlernen und Handschriften zu sammeln. Er stand in engem Austausch mit arabischen Gelehrten, als seinen wichtigsten Lehrer nennt er den Damaszener Arzt und Philosophen Ibn al-Makkī (lat. Rays Ebenmechi).[3] Am venezianischen Konsulat kam es ab 1506/07 bis 1513 zu wiederholten Konflikten mit aufeinanderfolgenden Konsuln. Alpago wurde u. a. finanzieller Unzulänglichkeiten beschuldigt, jedoch 1507 und 1512 freigesprochen.[4]
Neben seiner medizinischen und übersetzerischen Tätigkeit fungierte Alpago auch als politischer Informant. In Briefen an die venezianische Führung berichtete er über die geopolitischen Verschiebungen seiner Zeit, etwa den Aufstieg der Safawiden unter Schah Ismail I. oder die Expansion der Portugiesen im Indischen Ozean, welche den venezianischen Gewürzhandel bedrohte.[5]
Nach der Eroberung von Damaskus durch die Osmanen (1516/17) verließ Alpago Syrien. Er lebte von 1517 bis 1520 als Arzt in Nikosia auf dem venezianisch beherrschten Zypern. Im Dezember 1520 kehrte er nach Italien zurück. Aufgrund seines Rufs als Kenner der arabischen Medizin wurde er 1521 auf einen Lehrstuhl für praktische Medizin an der Universität Padua berufen.[6] Er starb jedoch bereits wenige Monate später am 22. Januar 1522.[7] Er hinterließ ein beträchtliches Vermögen von 7788 Dukaten sowie Bücher und Waren.[7]
Werk
Alpagos wissenschaftliches Lebenswerk bestand in der Erneuerung der lateinischen Avicenna-Rezeption. Er kritisierte die im Mittelalter angefertigten Übersetzungen, insbesondere jene von Gerhard von Cremona, als fehlerhaft.
Der Kanon der Medizin
Alpago fertigte keine vollständige Neuübersetzung von Avicennas Hauptwerk, dem Kanon der Medizin, an. Stattdessen revidierte er die mittelalterliche lateinische Fassung anhand alter arabischer Manuskripte, die er im Orient erworben hatte. Er korrigierte zahlreiche Passagen und fügte ein umfangreiches Glossar, die Interpretatio Arabicorum nominum, hinzu, in dem er über 2000 arabische Fachbegriffe – vor allem pflanzliche Drogen der Materia medica – erläuterte.[8] Diese überarbeitete Fassung wurde postum 1527 von seinem Neffen Paolo Alpago in Venedig herausgegeben und wurde im 16. Jahrhundert zur Standardausgabe des Werkes.[9]
Philosophische Schriften
Über die Medizin hinaus übersetzte Alpago philosophische Schriften Avicennas, die dem lateinischen Westen bis dahin unbekannt waren, darunter die Risāla aḍḥawiyya (Abhandlung über das jenseitige Leben) und das Compendium de anima. In seinen Kommentaren versuchte er, Avicennas Lehren mit der christlichen Theologie in Einklang zu bringen und grenzte sich dabei von den radikalen Aristotelikern seiner Zeit (Averroisten) ab.[10]
Ausgewählte Ausgaben
Die meisten Werke wurden postum von Paolo Alpago bei Giunta in Venedig verlegt:
- Principis Avicennae Liber Canonis [...] ab Andrea Bellunensi ex antiquis Arabum originalibus [...] correcti. Venedig 1527 (und weitere Auflagen).
- Serapionis medici Arabis celeberrimi Practica. Venedig 1540 (korrigierte Ausgabe eines Johannes Serapion senior zugeschriebenen Kompendiums).
- Avicennae philosophi praeclarissimi ac medicorum principis Compendium de anima. Venedig 1546.
- Ebembitar Arabs de malis Limonibus. Venedig 1583 (Übersetzung eines Traktats über Zitronen von Ibn al-Bayṭār).
Literatur
- Marie-Thérèse d’Alverny: Avicenne et les médecins de Venise. In: Medioevo e Rinascimento. Studi in onore di Bruno Nardi. Firenze 1955, S. 177–198.
- Marie-Thérèse d’Alverny: Andrea Alpago, interprète et commentateur d’Avicenne. In: Aristotelismo padovano. Atti del XII congresso internazionale di Filosofia. Firenze 1960, S. 1–6.
- Dag Nikolaus Hasse: Andrea Alpago in Damaskus. Politik und Philosophie um 1517. In: Berndt Hamm u. a. (Hrsg.): Reichweiten. Dynamiken und Grenzen kultureller Transferprozesse in Europa, 1400–1520. Band 2, de Gruyter, Berlin/Boston 2021, ISBN 978-3-11-074037-0, S. 43–64. (doi:10.1515/9783110740509-003)
- Giorgio Levi della Vida: Alpago, Andrea. In: Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 2. Rom 1960, S. 524–527. (online)
- Francesca Lucchetta: Il medico e filosofo bellunese Andrea Alpago († 1522), traduttore di Avicenna. Profilo biografico. Antenore, Padua 1964.
- Raphaela Veit: Avicenna’s Canon in East and West. A Long History of Editions. In: Variants. 5, 2006, S. 331–341.
- Raphaela Veit: Der Arzt Andrea Alpago und sein medizinisches Umfeld im mamlukischen Syrien. In: Andreas Speer, Lydia Wegener (Hrsg.): Wissen über Grenzen: Arabisches Wissen und lateinisches Mittelalter. Berlin/New York 2006 (Miscellanea Mediaevalia 33), S. 305–316.
- Raphaela Veit: Andrea Alpago und Schah Ismāʿīl. Der Begründer der Safavidendynastie im Zeugnis eines Venezianer Gesandtschaftsarztes, Händlers und Informanten. In: Pavlína Rychterová, Stefan Seit, Raphaela Veit (Hrsg.): Das Charisma – Funktionen und symbolische Repräsentationen. Historische, philosophische, islamwissenschaftliche, soziologische und theologische Perspektiven. Akademie Verlag, Berlin 2008, S. 457–465.
- Raphaela Veit: Alpago, Andrea. In: Encyclopaedia of Islam Three. Band 2, Brill, Leiden/Boston 2008, S. 82–83. (online)
- Raphaela Veit: Materia Medica in a Multilingual Context. Avicenna’s Canon of Medicine and Its Latin Translation of Book II. In: Medieval Encounters. 29 (2–3), 2023, S. 196–221. (doi:10.1163/15700674-12340162)
Weblinks
- Literatur von und über Andrea Alpago im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Andrea Alpago in der Yale University Library