André Contamine

französischer Alpinist und Bergrettungsausbilder From Wikipedia, the free encyclopedia

André Contamine (* 24. August 1919 in Feissons-sur-Salins; † 22. März 1985 in Cluses) war ein französischer Bergsteiger und Lehrer an der École nationale de ski et d’alpinisme (ENSA). In dieser Funktion entwickelte er die Grundlagen für das moderne Bergrettungswesen. In den 1950er Jahren war er einer der führenden Alpinisten Frankreichs, dem im Mont-Blanc-Massiv viele Erstbegehungen von Fels- und Eiskletterrouten gelangen, die heute als „große Klassiker“ eingestuft werden.

Leben

André Contamine wurde in der Tarentaise geboren, die eine natürliche Region Frankreichs und eine historische Provinz Savoyens ist. Seine Eltern waren Bauern. Als Kind besuchte er die Gemeindeschule und arbeitete für seine Eltern als Hirte. In seiner Freizeit unternahm er Wander- und Radtouren. Ab 1934 lebte er in Paris und arbeitete in einer Metzgerei, erst als Lehrling und später als Metzger. In dieser Zeit verbrachte er einen Großteil seiner Freizeit beim Klettern in den Felsblöcken von Fontainebleau.[1]

Von 1940 bis 1942 leistete er seinen Militärdienst im „13e bataillon de chasseurs alpins“ (13. Bataillon der Gebirgsjäger) ab, das in Barby im Département Savoie stationiert war. Von 1942 bis 1943 war er Ausbilder in der Organisation „Jeunesse et montagne“, deren Ziel es war, Freiwilligen der aufgelösten französischen Luftstreitkräfte Grundlagen einer militärischen Ausbildung zu vermitteln.[2][3] Hier lernte er auch die Bergsteiger Louis Lachenal, Lionel Terray und Gaston Rébuffat kennen. Er beteiligte sich dann als Maquis in der Résistance an der Befreiung der Tarentaise.[2][1]

1947 trat er der neu gegründeten „École nationale de ski et d’alpinisme“ (ENSA, deutsch: Nationale Schule für Skifahren und Alpinismus) bei, in der er bis zu seinem Ruhestand als Ausbilder arbeitete. Contamine galt als ausgezeichneter Pädagoge, der sein Wissen mit wenigen, präzisen Sätzen vermittelte. Gleichzeitig betätigte er sich als Bergführer in Chamonix.[2][1] Er war auch maßgeblich an der Verbesserung von Kletterausrüstung beteiligt, so gilt der von ihm entwickelte Eispickel „Super Conta“ als der beste seiner Zeit.[2][4]

Eine seiner wichtigsten Aufgaben betraf die Verbesserung der Bergrettung in Chamonix. Er war für die Ausbildung der Rettungskräfte zuständig, nahm aber auch selbst an etwa sechzig Bergrettungseinsätzen teil.[2] Er propagierte schon früh den Einsatz von Hubschraubern zur Bergrettung, was damals viele ablehnten. Contamine überzeugte schließlich den Piloten Jean Moine, ihn mit einem Helikopter auf den Gipfel des Mont Blanc zu fliegen.[2][5] Sie landeten dort am Morgen des 6. Juni 1955 um 5:55.[6] Damit war bewiesen, dass der Einsatz von Helikoptern für Rettungsflüge im Hochgebirge möglich ist. Dieser Flug gilt als der Beginn des modernen Rettungswesens im Gebirge.[2]

Im Rahmen seiner Tätigkeiten an der ENSA wurde Contamine später zum Kontrolleur des französischen Skilehrwesens und des Bergführerberufs berufen. 1984 beendete er schließlich seine Karriere als Ausbilder.[2] Im September 1984 ging er in Rente und starb im darauffolgenden März an einem Herzschlag.

Alpinismus

Nordost- und Nordwand der Les Droites (Sommer)

André Contamine unternahm als Bergführer und privat etwa 1.500 Klettertouren in hohen Schwierigkeitsgraden. Im Mont-Blanc-Massiv machte er 32 seiner insgesamt etwa 40 Erstbegehungen, von denen einige heute als große „Klassiker“ gelten. Contamines Erstbegehungen folgten, bei geringstmöglichem Hakeneinsatz, so weit als möglich dem direktesten Weg zum Gipfel. Zu den Eis- und Mixed-Routen-Klassikern gehören zum Beispiel die Les-Droites-Nordostwand, die Aiguille-de-Triolet-Nordwand oder die direkte Nordwand der Aiguille Verte. Auch seine Routen Petites-Jorasses-Westwand, Grand-Dru-Südpfeiler und Aiguille-du-Midi-Südwand werden zu den großen Fels-Klassikern des Montblanc-Gebiets gerechnet.[7]

Muztagh Tower (Baltoro-Gletscher Gebiet, Karakorum, Pakistan)

Contamine reihte auch mehrere schwere Routen aneinander (neudeutsch „Enchainment“ genannt). Beispielsweise kletterte er zusammen mit Louis Lachenal nacheinander die Ostwand des Dent du Caïman, den Ost-Grat der Aiguille du Plan und den größten Teil des Ostgrats des Dent du Crocodile, bevor sie das Mittagsgewitter zur Umkehr zwang.[1][8] Im Karakorum erreichte er am 12. Juli 1956 zusammen mit Paul Keller und Robert Paragot den Gipfel des lange Zeit als unbesteigbar geltenden Muztagh Towers (zweite Besteigung, eine Woche nach der Erstbesteigung durch ein englisches Team).[1][9]

Am 16. Mai 1966 fuhr André Contamine mit Ski die Nordwand des Mont Blanc hinunter, was die zweite Befahrung überhaupt war. Er war dabei in Begleitung von Maurice Herzog und Valéry Giscard d’Estaing.[10] Die drei ließen sich von einem Helikopter zum Gipfel fliegen. Als französischer Präsident verbot Giscard d’Estaing später das Absetzen von Passagieren in den Bergen.[11]

Auswahl von Erstbegehungen im Montblanc-Gebiet

  • 1946 Les Droites, Nordostpfeiler, Direkter Ausstieg,[7]
  • 1947 Aiguille de Triolet, Nordwand mit direktem Ausstieg, „Contamine-Lachenal-Führe“,[7]
  • 1950 La Brioche an der Aiguille des Grands Charmoz, Ostsporn,[7][12]
  • 1952 Grand Dru, Südpfeiler, „Bastien-Contamine“,[7]
  • 1953 Aiguille Noire de Peuterey, N-S Überschreitung,
  • 1954 Aiguille du Moine, Direkte Ostwand, „Labrunie-Contamine Führe“,
  • 1955 Petites Jorasses, Westwand, „Contamine-Führe“,[7]
  • 1957 Aiguille du Midi, Südwand, „Contamine-Führe“,[12]
  • 1957 Aiguille du Midi, Ostsüdostpfeiler, „Contamine-Führe“,[7]
  • 1957 Aiguille du Peigne, Westwand am Gendarme, „Vaucher-Contamine-Führe“,[12][13]
  • 1957 Aiguille du Triolet, Direkte Nordwand,
  • 1959 Pointe Lachenal am Montblanc du Tacul, Südsüdostwand, „Contamine-Führe“,
  • 1962 Aiguille Verte, Nordostwand, „Contamine-Führe“,[7]
  • 1963 Montblanc du Tacul, Nordwand über das Felsdreieck, „Contamine-Mazeaud“,
  • 1968 Montblanc du Tacul, Nordwand, „Contamine-Grisolle-Führe“,

Auszeichnungen

Einzelnachweise

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