Anendophasie

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Anendophasie bezeichnet das weitgehende oder vollständige Fehlen einer inneren Stimme bzw. eines inneren Monologs, also innerer Sprachprozesse beim Denken.

Definition

Menschen mit Anendophasie berichten typischerweise, dass sie keine oder nur sehr seltene innere Sprachprozesse haben – im Gegensatz zu den meisten Menschen, die regelmäßig Gedanken als inneres Selbstgespräch wahrnehmen[1].

Betroffene erleben ihre Gedanken meist nicht als gesprochene oder gehörte Worte, sondern eher in Form von Bildern, abstrakten Konzepten, Szenen oder rein konzeptuellen Prozessen. Der Begriff wurde 2024 von Johanne S. K. Nedergaard (Universität Kopenhagen) und Gary Lupyan (University of Wisconsin-Madison) geprägt[2] und leitet sich vom Griechischen ab („an-“ = „ohne“, „endo-“ = „innerlich“, „im Inneren“ oder „innenliegend“, „-phasie“ = „Sprechen“, „Rede“ oder „Stimme“).

Frühere Beobachtungen zu ähnlichen Phänomenen stammen von Russell Hurlburt, der seit den 2010er-Jahren Variabilität im inneren Erleben erforscht.[3]

Schätzungen zufolge sind etwa 5–10 % der Bevölkerung betroffen[4], wobei es sich um ein Kontinuum handelt: von häufiger innerer Sprache bis hin zu nahezu vollständiger Abwesenheit.[2]

Forschung zum Einfluss der Anendophasie auf kognitive Leistungen

In ihrem 2024 erschienenen Artikel "Not everybody has an inner voice: Behavioral consequences of Anendophasia"[2], prägten Nedergaard und Lupyan den Begriff Anendophasie für das weitgehende Fehlen der Erfahrung innerer Sprache und untersuchten deren kognitive Konsequenzen in vier experimentellen Studien. In einer Stichprobe von Erwachsenen, die entweder sehr häufig oder sehr selten innere Sprache berichteten, zeigte sich, dass Personen mit gering ausgeprägter innerer Sprache in einer verbalen Arbeitsgedächtnisaufgabe schlechter abschnitten und größere Schwierigkeiten bei Reimurteilen (also der Beurteilung, ob Wörter sich reimen oder nicht) hatten, während sich bei Task-Switching-Aufgaben (Wechsel zwischen einfachen Aufgaben) und kategorialen Wahrnehmungsurteilen keine systematischen Unterschiede zwischen den Gruppen ergaben.

Die Autorinnen und Autoren folgern, dass Anendophasie vor allem sprachnahe Prozesse wie verbales Arbeitsgedächtnis und lautbasierte Entscheidungen beeinträchtigt, ohne jedoch generelle Defizite in kognitiver Kontrolle oder Wahrnehmung zu implizieren.[2]

Kritik

Die Forschung zur Anendophasie ist jung. Kritiker wie Andreas Lind zweifeln an der Existenz der Anendophasie und kritisieren die von Nedergaard und Lupyan verwendete Methodik als unzureichend.[5]

Siehe auch

Einzelnachweise

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