Angelika C. Messner
Sinologin
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Angelika C. Messner (* 1961 in Sterzing[1]) ist eine italienisch-deutsche Sinologin, Medizinhistorikerin und -anthropologin. Sie lehrt und forscht als Professorin an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, wo sie das Chinazentrum leitet.[2][3] Sie ist zudem Honorarprofessorin am China Studies Centre der University of Sydney.[4]
Leben
Messner studierte Medizin, Sinologie, Ethnologie und Geschichte der Medizin an den Universitäten Innsbruck, Wien und Freiburg im Breisgau sowie als Stipendiatin des Österreichischen Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMWF) an der Peking-Universität.[1] Den Magister Artium erwarb sie 1991 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg in den Fächern Sinologie und Ethnologie mit einer Arbeit zu Schwangerschaft und Geburt in frühesten chinesischen Quellen, wie dem Wushi’er bingfang 五十二病方 (Rezepturen gegen zweiundfünfzig Krankheiten) aus den Mawangdui 馬王堆 - Seidentexten (3. Jh. v. Chr.). Im Jahr 2000 erschien ihre medizin- und sozialgeschichtlich ausgerichtete sinologische Dissertation zu Irresein in der chinesischen Geschichte im Franz Steiner Verlag.[5] Ihre Habilitationsschrift liegt im Böhlau Verlag vor.[6]
Messner hat zahlreiche leitende Funktionen in wissenschaftlichen Editionsreihen, Projekten und Institutionen im In- und Ausland inne. An der CAU fungierte sie als Sprecherin der Societas Ethologica et Sociologica, Collegium Philosophicum (2016–2021), als Mitglied des Zentralen Ethikausschusses (2018–2024), als Sprecherin der AG “Partizipation-Forschung” zur Implementierung der UN-Konvention der Rechte Behinderter (2016–2021) und gegenwärtig als Co-Sprecherin des ZAAS (Zentrum für Afrikanische und Asiatische Studien)[7]. Als Sprecherin der „Regionale Medizintraditionen“ der interdisziplinären Arbeitsgruppe (IAG) Zukunft der Medizin: Gesundheit für alle an der Berlin Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW), 2019–2022,[8] wirkte sie an Konferenzen und Symposien mit und als Mitherausgeberin des Denkanstoßes Zukunft der Pflege.[9][10][11] Für den World Health Summit (WHS) organisierte sie Wissenschaftliche Vortrags- und Diskussionsrunden, u. a. 2019, Berlin Oct. 27: „Traditional medical practices & Global Health“ mit Su Yichang, Tapei, Liu Depei, Beijing, Ama de Graft Aikins, London, Ghana, Simon Barquara, Mexico.[12] Als Präsidentin der IASTAM (International Association for the Study of Asian Medicines (2017–2024)) förderte sie die akademische Forschung zu asiatischen Medizintraditionen,[13][14] richtete den 9. International Congress of Traditional Asian Medicines, ICTAM, in Kiel (August 6-12, 2017) aus und organisierte die 10. ICTAM in Taipei (June 20-24, 2024) mit.[15][16] Sie gehört der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste (EASA)[17][18] an und engagiert sich als Beirätin der Deutsch-Chinesischen Medizingesellschaft (DCGM)[19] für den internationalen Wissenschaftsaustausch im Bereich Medizin und Pflege. Als Co-Vorsitzende des ZAAS (Zentrum für Asiatische und Afrikanische Studien)[7] koordiniert sie das ZAAS-Zertifikatsstudium an der CAU. Als Leiterin des BMFTR-geförderten ChiKoN (Chinakompetenz im Norden Deutschlands) Projektes, 2023–2026, fördert sie die chinabezogene Forschung, Forschungssicherheit und eine differenzierte Zusammenarbeit mit dem ostasiatischen Raum regional wie überregional.[20] Dies geht Hand in Hand mit ihrer Rolle als Gründungsmitglied des Verbundes der Chinazentren an Deutschen Hochschulen (VcDH),[21] als dessen Co-Sprecherin sie derzeit fungiert.
Forschung
Messner hat international rezipierte Beiträge zur chinesischen Medizingeschichte und zur interdisziplinären Begründung der Emotionswissenschaft[22][23][24] verfasst. Im Forschungsschwerpunkt Medizingeschichte und -anthropologie, als Brückenwissenschaft zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, untersucht sie die historischen Diskursformationen zu Emotionen, normativen Krankheitsvorstellungen und entsprechenden Praktiken aus einer emischen Perspektive und setzt diese in ein Verhältnis zu den konkreten leiblichen bzw. biophysischen Prozessen.[25][26][27][28] Dieser Ansatz prägt auch ihre Forschungsbeiträge zur chinesisch-europäischen Begegnungsgeschichte.[29][30] Dabei hat ihre Forschung zur Übersetzung und Analyse chinesischer medizinischer Quellen zur Etablierung des Gegenstandes „Emotionen in der chinesischen Geschichte“ in der globalen Sozial-, Medizin- und Wissenschaftsgeschichte beigetragen.[31][32][33][34][35][26] Das von ihr entwickelte methodologische Instrumentarium für die Beschreibung und Analyse von Emotionen fand Anwendung in diversen internationalen Forschungsprojekten. Namentlich lassen sich das Forschungsprojekt Emotions In History and Literature. An Interdisciplinary Research on Emotions and States of Mind in Ming-Qing Period (2001–2010)[36][37] unter der Leitung von Paolo Santangelo, die von ihr initiierten Villa-Vigoni-Forschungskonferenzen Rekonstruktion von Emotionswissen im China der Späten Kaiserzeit (2008–2011)[38] sowie das Forschungsprojekt Civility, Virtue and Emotions in Europe and Asia (2011–2014) aufführen.[39] Gegenwärtig konzentriert sich Messners Forschung auf die Sedimentierungsprozesse gesellschaftspolitischer Transformation in lokale und individuelle lebensweltliche Kontexte und die sich wandelnden Fürsorge-Praktiken. So befragte sie etwa im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Ministry of Science and Technology in Taiwan (MOST) geförderten Forschungsprojekt Materialities of Medical Culture In/Between Europe and East Asia 醫藥文化的物質頂: 介於歐洲與東亞之間 (2018–2023) in transkultureller Perspektive die Care-Praktiken, Befindlichkeiten und Handlungsformen in den „Kindergärten für an Demenz Leidende“ in Taiwan.[40][41][42]
Mitgliedschaften
- Full Member ROOTS Exzellenzcluster
- EASA (European Academy of Science and Arts) - Class I
- DCGM (Deutsch-Chinesische Gesellschaft für Medizin) - Beirat
- ZAAS (Centre for Asian and African Studies, Kiel University) - Sprecherin
- IASTAM (International Association for the Study of Traditional Asian Medicine) - Präsidentin (2017–2024)
- VCdH (Verbund der Chinazentren an deutschen Hochschulen) - Gründungsmitglied und Co-Sprecherin
Veröffentlichungen (Auswahl)
Bücher
- mit Lena Liefke (Hrsg.): Nachhalitigkeit. Chinas Umgang mit Umwelt und Nachwelt in Vergangenheit und Gegenwart. Jahrbuch der Deutschen Vereinigung für Chinastudien. Nr. 19. Harrassowitz, Wiesbaden 2025, ISBN 978-3-447-12297-9.
- mit Annette Grüters-Kieslich, Andreas Radbruch, Roman Marek (Hrsg.): Zukunft der Pflege. Denkanstöße aus der Akademie. Eine Schriftenreihe der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft. Nr. 17, De Gruyter, Berlin Juni 2024, ISBN 978-3-949455-34-6.
- mit Christine Blättler und Ralf Köhne (Hrsg.): Theoretische Neugierde. Horizonte Hans Blumenbergs. Allgemeine Zeitschrift für Philosophie. AZP, Beiheft 2. frommann-holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2023, ISBN 978-3-7728-2892-8.
- mit Andreas Bihrer und Harm-Peer Zimmermann (Hrsg.): Alter und Selbstbeschränkung. Beiträge aus der Historischen Anthropologie. Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-205-79420-2.
- Zirkulierende Leidenschaft. Eine Geschichte der Gefühle im China des 17. Jahrhunderts. Böhlau, Wien 2016, ISBN 978-3-412-50348-2.
- mit Margrit Pernau, Helge Jordheim et al. (Hrsg.): Civilizing Emotions: Concepts in Asia and Europe. Oxford University Press, Oxford 2015, ISBN 978-0-19-874553-2.
- mit Konrad Hirschler (Hrsg.): Heilige Orte in Asien und Afrika. Räume göttlicher Macht und menschlicher Verehrung. EB-Verlag, Schenefeld 2006, ISBN 978-3-936912-19-7.
- Medizinische Diskurse zu Irresein in China (1600–1930). Franz Steiner, Stuttgart 2000; ISBN 978-3-515-07548-0.
Artikel
- Ohne Geländer gehen. Zwischen Ost und West – Gestern & Heute. In: Christian Baatz et al. (Hrsg.): Natur, Ethik, Gesellschaft. Festschrift für Konrad Ott. Metropolis, Marburg 2024, ISBN 978-3-7316-1605-4, S. 167–184.
- Physiologies of Love. In: Katy Barclay. A Cultural History of Love in the Age of Enlightenment. Band 4. Bloomsbury, London 2024, ISBN 978-1-350-11983-3, S. 153-170, doi:10.5040/9781350119536.0013.
- mit Annette Grüters-Kieslich: Empfehlungen: Lösungsvorschläge für die Zukunft der Pflege in Deutschland. In: Angelika C. Messner, Andreas Radbruch, Anette Grüters-Kieslich Roman Marek (Hrsg.): Zukunft der Pflege. Denkanstöße aus der Akademie. Eine Schriftenreihe der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft. Nr.17, De Gruyter, Berlin Juni 2024, ISBN 978-3-949455-34-6, S. 17-25, online.
- Cura als Konzept am Beispiel Chinas. In: Angelika C. Messner, Andreas Radbruch, Anette Grüters-Kieslich, Roman Marek (Hrsg.): Zukunft der Pflege. Denkanstöße aus der Akademie. Eine Schriftenreihe der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft. Nr.17. De Gruyter, Berlin Juni 2024, ISBN 978-3-949455-34-6, S. 133-139, online.
- mit Roman Marek und Zhao Xudong: Anxiety and Global Health in Chinese Perspectives. In: John Allegrante et al. (Hrsg.): Anxiety Culture: The New Global State of Human Affairs. Johns Hopkins University Press, Baltimore 2024, ISBN 978-1-4214-5036-0, S. 170–184.
- Das Abweichende und Fragmentarische Favorisierend, Qi 氣 zur Wirkung bringen. In: Petra Maria Meyer, Felix Schackert (Hrsg.): Kräfte einfangen. Energetisches in Philosophie und Künsten. Schriftenreihe der Muthesius Kunsthochschule herausgegeben von Christiane Kruse, Petra Maria Meyer, Norbert M. Schmitz und Arne Zerbst. Brill/Fink: Dynamis, Paderborn 2024, ISBN 978-3-7705-6902-1, S. 159–170.
- Comparative Guts and East-Asian Cultures: On the Workings of the Ars Combinatoria. In: Chiara Thumiger, Angelika C. Messner (Hrsg.): Comparative Guts: Exploring the Inside of the Body through Time and Space. Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Exzellenzcluster ROOTS: Kiel 2024, doi:10.38071/2024-00345-3.
- Schmerz in der Chinesischen Medizin. In: Jasmin Mersmann, Evke Rulffes (Hrsg.): unBinding Bodies. Zur Geschichte des Füßebindens in China. Transcript, Bielefeld 2023, ISBN 978-3-8376-6834-6, S. 97-105, doi:10.1515/9783839468340-007.
- The ‘pan‘ of Pandemics: Why Asian Approaches matter. In: Alexander Kramer, Michael Medzech (Hrsg.): Covid-19 Pandisziplinär und International. Gesundheitswissenschaftliche, gesellschaftspolitische und philosophische Hintergründe. Springer, Bielefeld 2023, ISBN 978-3-658-40524-3, S. 473-488, doi:10.1007/978-3-658-40525-0_21.
- Angst und Anderes. Wie können wir die Welt neu sehen. In: Christine Blättler, Ralf Köhne and Angelika Messner (Hrsg.): Theoretische Neugierde. Allgemeine Zeitschrift für Philosophie. AZP, Beiheft 2. Frommann-holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2023, ISBN 978-3-7728-2892-8, S. 263-277, doi:10.5771/9783772834776-263.
- Drei Fragen an die Freundschaft. In: Gabriel Thelen, Helena Obendiek, Yinchun Bai (Hrsg.): Handbuch China-Kompetenzen. Best-Practice-Beispiele aus deutschen Hochschulen. Transcript, Bielefeld 2022, ISBN 978-3-8376-5975-7, S. 37-50, doi:10.1515/9783839459751-004.
- Why and How Places Matters. In: Harald Pechlaner, Hannes Thees und Wei Manske-Wang (Hrsg.): The Clash of Entrepeneural Cultures? An Interdisciplinary Approach Focusing on Asian and European. Springer, Cham (Schweiz) 2022, ISBN 978-3-030-97049-9, S. 159-167, doi:10.1007/978-3-030-97050-5_13.
- Anger, Hate and Aggression. In: Katie Barclay and Peter Stearns (Hrsg.): Routledge History of Emotion in the Modern World. Routledge, Abingdon, Oxon & New York 2022, ISBN 978-1-03-230465-6, S. 64-76, doi:10.4324/9781003023326-6.
- Zirkulierende Leidenschaften – ein Beitrag zur Wissens- und Medizingeschichte Chinas. In: Sigrun Abels, Tania Becker, Phillip Mahltig (Hrsg.): Mobilität in der chinesischen Geschichte, herausgegeben von der Deutschen Vereinigung für Chinastudien. Jahrbuch der Deutschen Vereinigung für Chinastudien. Band 15. Harrassowitz, Wiesbaden 2021, ISBN 978-3-447-11724-1, S. 129-155, doi:10.7788/9783412504922.
- Die nachhaltige Medizin ist eine integrative Medizin. In: Andreas Radbruch, Konrad Reinhard (Hrsg.): Nachhaltige Medizin. Denkanstöße aus der Akademie. Eine Schriftenreihe der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Nr. 5. Berlin, Juli 2021, ISBN 978-3-949455-00-1, S. 152-156, online.
- Die Gesundheit ist ein Verb. Medizin ist mehrsprachig und vielstimmig. Chinesische und andere Perspektiven. In: Philip van der Eijk, Detlev Ganten, Roman Marek (Hrsg.): Was ist Gesundheit? Interdisziplinäre Perspektiven aus Medizin, Geschichte, Philosophie und Religion. De Gruyter, Berlin 2021, ISBN 978-3-11-071319-0, S. 133-145, doi:10.1515/9783110713336-011.
Weblinks
- Angelika C. Messner auf der Website des Chinazentrums der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
- Literatur von Angelika C. Messner im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- ORCID-Profil von Angelika C. Messner
- Honorary Professor am China Studies Centre der University of Sydney
- Social Sciences Research Network
- Angelika C. Messner für History of Science ON CALL vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte
- Informationsdienst Wissenschaft, Press release zum Start des Projekts ChiKoN (Chinakompetenz im Norden): China und Norddeutschland. Beziehungsstatus: Kompliziert. vom 14. November 2023
- MOST-DFG Joint Research Project: 2018–2023 Materialities of Medical Culture In/Between Europe and East Asia
- DFG Research Project: 1999–2000 Medizinische Diskurse zu Irrsein in China (1600-1930)