Anicia Iuliana

römisch-byzantinische Prinzessin From Wikipedia, the free encyclopedia

Anicia Iuliana – auch Juliana Anicia – (* um 462/463;[1.1] † 527 oder 528[2.1][1.1]) war eine spätantike Aristokratin des Oströmischen Reiches.

Anicia Iuliana (Zuordnung unsicher).

Herkunft

Iuliana entstammte väterlicherseits der gens Anicia, einem der vornehmsten Adelsgeschlechter des Reiches.[3.1] Ihr Vater Anicius Olybrius regierte 472 für wenige Monate als Kaiser des Weströmischen Reiches, ihre Mutter Placidia war eine Tochter des Kaisers Valentinian III.[3.2] Mütterlicherseits gehörte Iuliana damit der theodosianischen Dynastie an, ihr Urgroßvater war Theodosius II.[4.1] Als Kaisertochter führte sie den Titel nobilissima; außerdem ist sie als patricia bezeugt.[3.3][4]

478 bot Kaiser Zenon ihre Hand dem Goten Theoderich an, doch kam die Verbindung nicht zustande.[5] Stattdessen heiratete sie den General Areobindus.[6] Ihr Sohn Olybrius bekleidete bereits 491 das Konsulat und heiratete Eirene, eine Nichte des Kaisers Anastasius.[3.4]

Leben

Iuliana gehörte zu den reichsten und politisch sichtbarsten Aristokratinnen Konstantinopels.[3.3][7.1] Im Aufruhr von 512 wurde Areobindus von Teilen der aufständischen Menge als Gegenkaiser vorgeschlagen. Nach dessen Ablehnung trat Iuliana selbst im Ausgleich mit Kaiser Anastasius hervor.[8] Kirchenpolitisch stand sie auf der Seite des chalkedonischen Bekenntnisses. In der Forschung wird ihr eine wichtige Rolle in den aristokratischen und kirchlichen Netzwerken zugeschrieben, die 519 zur Beendigung des Akakianischen Schismas beitrugen.[7.2][3.5] Sie stand in enger Verbindung zum Mönchsvater Sabas.[9] Sie starb kurz nach dem Regierungsantritt Justinians I. am 1. August 527.[10]

Stiftungen

Iuliana trat öffentlich als Stifterin und Bauherrin hervor. Zu ihren wichtigsten Projekten gehörten die Theotokos-Kirche im Stadtviertel Honoratae, die Kirche der hl. Euphemia en tois Olybriou und vor allem die Polyeuktoskirche in Konstantinopel.[1.2][7.3] Die der Polyeuktoskirche beigegebene Inschrift, die vollständig in der Anthologia Graeca (I 10) erhalten ist, feiert Iuliana als neue, Salomo übertreffende Bauherrin und liest sich nach dem Urteil der Forschung als dynastisch-politisches Manifest.[1.3][11.1] Die Polyeuktoskirche galt bis zum Bau der justinianischen Hagia Sophia als größter Sakralbau der Hauptstadt.[12.1][13] Ihre Baudatierung ist in der Forschung umstritten. Während ältere Arbeiten die Bauzeit auf 524–527 festlegten, sprechen Ziegelstempelauswertungen dafür, dass die Fundamente bereits 507/508 bis 511/512 vorbereitet und der Oberbau zwischen 517/518 und 520/521 errichtet worden sein könnten.[14][3.6][1.4]

Der Anicia-Codex

Widmungsbild im Anicia-Codex: Anicia Iuliana, flankiert von den allegorischen Figuren Megalopsychia (Großherzigkeit, links) und Phronesis (Klugheit, rechts); zu ihren Füßen kniet Eucharistia technon (Dankbarkeit der Künste), während ein Putto als Pothos tes philoktistou (Sehnsucht der Bauliebenden) einen Codex überreicht. Die Bezeichnung Sophia für die zentrale Figur entstammt einer späteren Hand und gehörte nicht zur ursprünglichen Beschriftung.[1.5]

Der Wiener Dioskurides, auch Anicia-Codex genannt, ist Anicia Iuliana gewidmet. Laut Inschrift überreichten die Bewohner von Honoratae ihr den Codex als Dank für den dort errichteten Kirchenbau.[1.6][3.7] Der Codex enthält neben dem pharmazeutisch-botanischen Hauptwerk des Pedanios Dioskurides auch Texte des Arztes und Dichters Nikander sowie weitere naturkundliche Traktate. 1997 wurde er als eines der ersten Objekte in das Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen.[3.2]

Datierung

Die traditionell für die Entstehung des Codex angeführte Jahreszahl 512/513 beruht auf einer Passage in der Chronik des Theophanes, in der Iuliana im Zusammenhang der Unruhen jenes Jahres als Stifterin der Theotokos-Kirche in Honoratae bezeichnet wird.[15] Allerdings erwähnt Theophanes den Kirchenbau lediglich als identifizierendes Epitheton Iulianas und trifft damit keine chronologische Aussage über den Zeitpunkt der Errichtung. Das Jahr 512/513 ist daher als Datierungsgrundlage für den Codex nicht belastbar.[16]

Literatur

Quellen

  • Anthologia Graeca I 10 (Polyeuktos-Inschrift). Hrsg. und übers. von Hermann Beckby: Anthologia Graeca. Bd. 1. Heimeran, München ²1965, S. 126–131.
  • Gregor von Tours: De Gloria Martyrum 103. Hrsg. von Bruno Krusch: Gregorii episcopi Turonensis miracula et opera minora. (= MGH, Scriptores rerum Merovingicarum, Bd. 1,2.) Hahn, Hannover 1885, S. 105–107.
  • Johannes Malalas: Chronographia 16,19. Hrsg. von Ioannes Thurn: Ioannis Malalae Chronographia. (= CFHB, Bd. 35.) De Gruyter, Berlin 2000.
  • Kyrillos von Skythopolis: Vita Sabae 68–69, 73. Hrsg. von Eduard Schwartz: Kyrillos von Skythopolis. (= Texte und Untersuchungen, Bd. 49,2.) Hinrichs, Leipzig 1939, S. 170–172.
  • Malchos: fr. 16. In: Roger C. Blockley: The Fragmentary Classicising Historians of the Later Roman Empire. Bd. 2. Cairns, Liverpool 1983, S. 424–427.
  • Prokopios von Caesarea: Bella I 8. Hrsg. und übers. von Henry B. Dewing. (= Loeb Classical Library, Bd. 48.) Heinemann, London 1914.
  • Theophanes: Chronographia AM 6005. Übers. und kommentiert von Cyril Mango und Roger Scott unter Mitarbeit von Geoffrey Greatrex: The Chronicle of Theophanes Confessor. Byzantine and Near Eastern History AD 284–813. Clarendon Press, Oxford 1997, ISBN 978-0-19-822568-3, S. 238–242.

Sekundärliteratur

  • Jonathan Bardill: Brickstamps of Constantinople. Bd. 1. Oxford University Press, Oxford 2004.
  • Jonathan Bardill: A New Temple for Byzantium: Anicia Juliana, King Solomon, and the Gilded Ceiling of the Church of St. Polyeuktos in Constantinople. In: William Bowden, Adam Gutteridge, Carlos Machado (Hrsg.): Social and Political Life in Late Antiquity. (= Late Antique Archaeology, Bd. 3,1.) Brill, Leiden 2006, S. 339–370.
  • Christoph Begass: φιλοκτίστης. Ein Beitrag zum spätantiken Euergetismus. In: Chiron 44, 2014, S. 165–190.
  • Christoph Begass: Der Brief des Paulos Helladikos (CPG 7531). Autor, Datierung und Kontext. In: Jahrbuch der Österreichischen Byzantinistik 65, 2015, S. 1–8.
  • Carmelo Capizzi: Anicia Giuliana (462 ca. – 530 ca.). Ricerche sulla sua famiglia e la sua vita. In: Rivista di studi bizantini e neoellenici N.S. 5 (XV), 1968, S. 191–226.
  • Carmelo Capizzi: Anicia Giuliana. La committente. Jaca Book, Mailand 1997, ISBN 88-16-43504-6.
  • Bente Kiilerich: The Image of Anicia Juliana in the Vienna Dioscurides: Flattery or Appropriation of Imperial Imagery? In: Symbolae Osloenses 76, 2001, S. 169–190. doi:10.1080/003976701753388012.
  • John Martindale: The Prosopography of the Later Roman Empire. Bd. II. Cambridge University Press, Cambridge 1980.
  • Andreas E. Müller: Ein vermeintlich fester Anker. Das Jahr 512 als zeitlicher Ansatz des „Wiener Dioskurides“. In: Jahrbuch der Österreichischen Byzantinistik 62, 2012, S. 103–109.
  • Geoffrey Nathan: `Pothos tes Philoktistou`: Anicia Juliana's Architectural Narratology. In: J. Burke u. a. (Hrsg.): Byzantine Narrative. Papers in Honour of Roger Scott. (= Byzantina Australiensia, Bd. 16.) Australian Association for Byzantine Studies, Melbourne 2006, S. 433–443.
  • Geoffrey Nathan: The Vienna Dioscorides' dedicatio to Anicia Juliana: A Usurpation of Imperial Patronage? In: Geoffrey Nathan, Lynda Garland (Hrsg.): Basileia. Essays on Imperium and Culture in Honour of E. M. and M. J. Jeffreys. (= Byzantina Australiensia, Bd. 17.) Australian Association for Byzantine Studies, Brisbane 2011, S. 95–102.
  • Geoffrey Nathan: Augusta Unrealized: Anicia Juliana and the Logistics of Place. In: Christian Rollinger, Nadine Viermann (Hrsg.): Empresses-in-Waiting. Female Power and Performance at the Late Roman Court. (= Women in Ancient Cultures.) Liverpool University Press, Liverpool 2024, S. 205–222. DOI: 10.3828/9781802075939.
  • Hanna-Riitta Toivanen: The Church of St. Polyeuktos, Archaeology and Texts. In: Acta Byzantina Fennica N.S. 2, 2003–2004 (2005), S. 127–149.
Commons: Anicia Iuliana – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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