Anna Walder
Schweizer Frauenrechtlerin
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Anna Walder (* 1. März 1894 in Wängi; † 27. März 1986 in Frauenfeld) war die erste Berufsberaterin für Frauen im Kanton Thurgau, Pionierin der Berufsausbildung von Frauen und Initiantin des Bundes thurgauischer Frauenvereine (jetzt Thurgauer Frauenzentrale).[1]

Leben und Wirken
Anna Walder wurde als Tochter von Susanna Walder (geb. Leutenegger) und Hermann Walder in Wängi im Thurgau geboren.[2] Sie erfuhr die Ungleichheit von Mann und Frau spätestens dann, als ihr der Zugang zur Kantonsschule und damit zum Medizinstudium verwehrt wurde. Als zeitlebens unverheiratete Frau engagierte sie sich für Frauenrechte.[3] Nach ihrer Ausbildung begann sie ihre berufliche Laufbahn als Lehrerin und engagierte sich früh in Fragen der weiblichen Berufsbildung.[4] Anna Walder war Vorreiterin der institutionalisierten Berufsberatung für Frauen in der Schweiz und setzte sich aktiv für die Gleichstellung sowie die Bildungs- und Berufschancen von Mädchen und Frauen ein. Durch ihre langjährige Arbeit trug sie massgeblich zur Etablierung und Professionalisierung der Berufsberatung und zur weiteren Entwicklung von Frauenvereinen bei. Ihr Engagement für die Frauenerwerbstätigkeit und ihre Netzwerkarbeit sind bis heute für frauenpolitische Akteurinnen in der Schweiz von grundlegender Bedeutung.
Am Tag der Frau 2020 würdigte die Frauenzentrale Thurgau Anna Walder mit einem Besuch im Thurgauer Frauenarchiv, wo sich ihr Nachlass befindet.[5][6] Ihr Wirken wurde 2021 mit einer HOMMAGE anlässlich des 50. Jahrestags des Frauenstimm- und Wahlrechts in der Schweiz geehrt.[7] und fand im gleichen Jahr weitere Resonanz bei der Ausstellung 8 Frauen im Schaufenster in der Frauenfelder Innenstadt.[8]
Berufliche Stationen und Engagement
Anna Walder erhielt ihre Ausbildung in den Jahren 1907 bis 1919 an verschiedenen Institutionen. Sie besuchte von 1907 bis 1909 die Mädchensekundarschule in Frauenfeld und absolvierte 1909 an der École supérieure pour Jeunes Filles in Neuenburg classes spéciales de français. Zwischen 1918 und 1919 durchlief sie einen Lehrgang als Fürsorgerin.
Von 1920 bis 1924 leitete sie das Thurgauische Frauensekretariat. In dieser Zeit war sie zudem als Haushalt- und Arztgehilfin ihres Vaters tätig sowie als Fürsorgerin des Thurgauischen Frauenvereins für gefährdete Mädchen und Frauen. Ab 1922 übernahm sie bis 1962 die Leitung der Thurgauischen Zentralstelle für weibliche Berufsberatung, wo sie maßgeblich den Aufbau und die Entwicklung von Beratungsangeboten für Mädchen und Frauen vorantrieb.[9]
In den 1930er bis 1950er Jahren förderte Walder intensiv die Berufsorientierung von Frauen und ihren Zugang zu neuen Berufsfeldern. 1926 gründete sie den Bund thurgauischer Frauenvereine (heute Frauenzentrale Thurgau), der die Vernetzung und Interessenvertretung von Frauen in Politik, Bildung und Beruf unterstützt.[10]
- Lehrgang als Fürsorgerin 1918–1919; Ecole supérieure pour Jeunes Filles, Neuenburg: classes spéciales de français 1909
- Mädchensekundarschule in Frauenfeld 1907–1909
- 1922–1962: Leiterin der Thurgauischen Zentralstelle für weibliche Berufsberatung
- 1926: Gründung des Bundes thurgauischer Frauenvereine (heute Frauenzentrale), für die Vernetzung und Interessenvertretung der Frauen in Politik, Bildung und Beruf
- 1930er–1950er Jahre: Aufbau und Entwicklung von Beratungsangeboten für Mädchen und Frauen, Förderung der Berufsorientierung sowie Unterstützung von Frauen beim Zugang zu neuen Berufsfeldern.
Berufsausübung
- Zentralstelle für weibliche Berufsberatung, Thurgau: Leiterin 1922–1962
- Thurgauischer Frauenverein: Fürsorgerin für gefährdete Mädchen und Frauen
- Leiterin des Thurgauischen Frauensekretariats 1920–1924
- Haushalt- und Arztgehilfin ihres Vaters[10]
Literatur und Schriften
- Verena Jacobi, Anna Forster: Anna Walder (1894–1986): Berufsberaterin. In: Thurgauer Beiträge zur Geschichte. Band 132, 1995, S. 305, doi:10.5169/seals-585828 (e-periodica.ch [abgerufen am 29. November 2025]).
- Anna Forster: Anna Walder. Berufsberatung für Töchter, in: Verein «Thurgauerinnen gestern – heute – morgen» (Hrsg.): Bodenständig und grenzenlos. 200 Jahre Thurgauer Frauengeschichte(n). Huber Frauenfeld, Frauenfeld 1998, ISBN 978-3-7193-1159-9. S. 134–135.
- Stefan Keller: Bildlegenden: 66 wahre Geschichten. 1. Auflage. Rotpunktverlag, Zürich 2016, ISBN 978-3-85869-711-0.
Eigene Publikationen
- 20 Jahre Berufsprüfungen für Bäuerinnen, Gruppe Ostschweiz. Jubiläumsbericht 1946–1966
- 1932: Berufsberatung für Mädchen in Thurgau, in: Zeitschrift für Frauenberufe, 5/1932, S. 112–117[11]
- 1948: Die Entwicklung der Berufsberatung für Frauen in der Schweiz, in: Schweizerische Zeitschrift für Berufsberatung, 2/1948.
- Die bäuerliche Haushaltlehre und die Berufsausbildung der Bauerntochter, hrsg. von der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für den Hausdienst, Zürich 1955
- 1959: Berufswahl und Persönlichkeit bei jungen Frauen, in: Bulletin Berufsberatung, 1959, S. 41–52.[10]
- Erinnerungen: Menschen, die ich erlebte, Frauenfeld 1972;
- Mein Elternhaus - Erinnerungen an Wängi, in: TZ, 2. Februar 1973;
- Mein Elternhaus. Menschen, die mein Leben bereicherten, Frauenfeld 1973
- Mein Weg zur Berufsberatung, in: Schaffner, Hans (Hrsg.): Das Wichtigste in meinem Leben. Bekannte Frauen und Männer erzählen, Bern 1983, S. 258–264.
Fachartikel
- Helen Schaeffer (Hrsg.): Vor mir die Welt. Ein Lebens- und Berufsbuch für die junge Schweizerin, Erlenbach ZH 1943 (A. W. als Mitherausgeberin und Mitverfasserin);
- Die Freundinnen junger Mädchen (S. 29–32), Die Berufsberatung für Mädchen im Thurgau (S. 152–155), in: Schibler-Kaegi Ciaire J. (Hrsg.): Die Frau im Thurgau. Ein Gemeinschaftswerk, Frauenfeld 1953;
- Spätere Berufsmöglichkeiten für die gut ausgebildete Bauerntochter. Votum anlässlich der Berufsberaterinnenkonferenz vom 26. November 1955 in Uster, Separatdruck aus: Berufsberatung und Berufsbildung Nr. 1/2 (1956).
- Jahresberichte:
- Jahresberichte des Thurgauischen Frauenvereins zur Hebung der Sittlichkeit und der Sektion Thurgau des Schweizerischen Vereins der Freundinnen junger Mädchen 1919–23;
- Jahresberichte der Freundinnen junger Mädchen, Sektion Thürgau, 1929–43;
- Jahresberichte über die Zentralstelle für weibliche Berufsberatung, in: Bericht über die Tätigkeit des Thurgauischen Lehrlingspatronats 1922-27 (die Jahresberichte 1928–61 in StATG, ohne Sign., Akten des Departements für Inneres). Jubiläumsberichte: 20 Jahre Thurgauische Zentralstelle für weibliehe Berufsberatung 1922–1942, Frauenfeld 1942;
- 30 Jahre Thurgauische Zentralstelle für weibliche Berufsberatung 1922–1952, Frauenfeld 1952; Thurgauische Zentralstelle für weibliche Berufsberatung. Jubiläumsbericht 1922–1962, Frauenfeld 1962;
- Sektion Thurgau der Freundinnen junger Mädchen. Jubiläumsbericht 1929–1979, Frauenfeld 1980 (betrifft nur die Zeit von 1929 bis 1969);
- Thurgauische Arbeitsgemeinschaft für den Hausdienst. Jubiläumsbericht 1935–1960, Frauenfeld 1961;
- 40 Jahre Bund thurgauischer Frauenvereine 1926–1966, Frauenfeld 1965;
- 20 Jahre Berufsprüfung für Bäuerinnen Gruppe Ostschweiz 1946–1966, Frauenfeld 1965.[1]
Weblinks
- André Salathé: Anna Walder. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 20. August 2013.
- Sekundärliteratur im Online-Katalog der Kantonsbibliothek Thurgau
- e-periodica.ch
- Hommage 2021
- Archiv für Agrargeschichte Eintrag Anna Walder