Annibale Carracci
italienischer Maler und Kupferstecher
From Wikipedia, the free encyclopedia
Annibale Carracci (* vor 3. November 1560 (Taufe) in Bologna; † 15. Juli 1609 in Rom) war ein vor allem in Bologna und Rom tätiger Maler und Kupferstecher. Neben Michelangelo Merisi da Caravaggio gilt er als einer der bekanntesten Maler der Zeit um 1600.


Leben
Annibale war ein Sohn des Schneiders Antonio Carracci.[1] Auch sein älterer Bruder Agostino war Künstler, und Annibale soll das Malerhandwerk bei seinem Cousin Lodovico Carracci erlernt haben. Einige frühe Werke, darunter der berühmte Bohnenesser in der Galleria Colonna (Rom) zeigen jedoch auch eine Orientierung an Bildern von Bartolomeo Passarotti.[1]

Zusammen mit Ludovico und Agostino gründete er die Accademia degli Incamminati, die sich zum Ziel setzte, die Malerei ihrer Zeit zugunsten einer größeren Natürlichkeit zu überwinden. Um dies zu erreichen, arbeiteten sie sehr viel mit Studien an lebenden Modellen.[2]
Annibale Carraccis erstes bekanntes religiöses Gemälde ist die 1583 entstandene Kreuzigung in der Kirche Santa Maria della Carità in Bologna.[1]
Kurz danach schuf er gemeinsam mit Lodovico und Agostino Fresken im Palazzo Fava, bei denen die Hand der einzelnen Künstler nicht immer eindeutig zu identifizieren ist.[3][4] Annibales Fresken im Camerino d’Europa des Palazzo Fava wurden von den konservativeren Bologneser Malern wegen „bloßer Naturnachahmung“ kritisiert.[3]
1584–1585 unternahm er eine Reise nach Parma, wo er den weichen malerischen Stil von Correggio kennenlernte[1] und eine Pietà mit Heiligen für die Kapuzinerkirche von Parma malte (datiert 1585).[5] Möglicherweise kam er in dieser Zeit auch nach Florenz, Mantua und Venedig.[1] In den folgenden Jahren erhielt er außerdem Aufträge für Kirchen in Reggio Emilia: eine Himmelfahrt und die sogenannte Madonna di San Matteo, die sich heute beide in der Dresdner Gemäldegalerie befinden.[6]
Wahrscheinlich 1587 folgte eine weitere Reise nach Venedig.[7] In den folgenden Jahren bis 1595 orientierte er sich stark an der besonderen Farbigkeit der Gemälde von Paolo Veronese und Tintoretto.[1]

In Bologna malte er um 1590, wiederum zusammen mit seinem Bruder und seinem Cousin, im Palazzo Magnani einen umfangreichen Freskenzyklus zu Romulus und Remus. Auch hier ist es schwierig, die Hand der einzelnen Künstler eindeutig zu identifizieren,[3] jedoch scheint Annibale mittlerweile unter den drei Carracci die Führung übernommen zu haben.[8]
Bis 1595 schuf er zahlreiche Altarbilder für Kirchen in Bologna oder Reggio Emilia, von denen sich heute viele in großen Museen und Sammlungen befinden. Außerdem erhielt er Aufträge von privaten Kunden, wie dem Herzog von Ferrara und auch vom Hof der Farnese in Parma,[9] wie die Darstellung der Mystischen Hochzeit der Hl. Katharina, die er für Ranuccio Farnese malte und 1595 in dessen Auftrag als Geschenk für den Kardinal Odoardo Farnese (den Bruder Ranuccios) nach Rom mitgebracht haben soll;[10] später gelangte das Bild aus der Sammlung Farnese ins Museo di Capodimonte in Neapel.[11] Etwa zur selben Zeit entstanden Bilder mit mythologischen Themen, wovon die zwei Versionen einer Darstellung von Venus und Adonis (Prado, Madrid; KHM, Wien) zeugen, oder das Gemälde mit Venus, einem Satyr und zwei Amoretten in den Uffizien in Florenz.[11]
Ende 1594 folgte er – zusammen mit Agostino – zum ersten Mal einer Einladung von Odoardo Farnese nach Rom und begann ab 1595 in dessen Palazzo wahrscheinlich zunächst mit der Dekoration des Camerino. Dafür entstand u. a. das Bild mit Herkules am Scheideweg, das sich heute im Museo di Capodimonte (Neapel) befindet.[1][2]

Etwa von 1597 bis 1600 schuf er die Deckenfresken in der Galleria Farnese mit Allegorien der Macht der Liebe, die sich um das zentrale Bild mit dem Triumph des Bacchus und der Ariadne gruppieren. Stilistisch integrierte Annibale dabei auch Elemente der römischen Tradition, insbesondere von Michelangelos Fresken an der Decke der Cappella Sistina (u. a. die Ignudi) und von Raffaels Wand- und Deckengemälden in der Villa Farnesina (insbesondere die Galatea). Zwei Szenen der Decke malte Agostino, der jedoch nach einem heftigen Streit mit Annibale Rom verließ und im Februar 1602 starb.[12]
Die Ausschmückung der Galeriewände mit Stuck und Bildern, die die von der Tugend beherrschte sinnliche Liebe zum Thema haben, entstand vermutlich zwischen 1602 und 1604 unter Carraccis Leitung mit Hilfe seiner Mitarbeiter und Schüler Domenichino, Giovanni Lanfranco, Sisto Badalocchio und Antonio Carracci.[1][2] Die Galleria Farnese gilt in der Kunstwissenschaft als das umfangreichste Dekorationsprogramm der römischen Kunst seit dem frühen 16. Jahrhundert und wurde zu einem wichtigen Vorbild für die Freskomalerei des folgenden Jahrhunderts. Sie begründete Annibale Carraccis Ruhm.
Zur gleichen Zeit arbeitete Carracci an zahlreichen anderen Aufträgen und schuf unter anderem die beiden berühmten Pietà-Darstellungen im Museo Capodimonte, Neapel (ca. 1600) und im Louvre (vollendet 1607), sowie eine Himmelfahrt Mariens (ca. 1600–1601) für die römische Kirche Santa Maria del Popolo,[1] die in direkter Konkurrenz zu Caravaggio entstand.

Für seine Arbeiten an der Galleria Farnese erhielt Annibale die relativ geringe Summe von nur 500 Scudi, was der Überlieferung nach der Grund für Depressionen und Krankheit gewesen sein soll. Tatsache ist, dass er im März 1605 schwer erkrankte und sich davon nie ganz erholte.[1] 1606 verließ er den Palazzo Farnese, wo er bis dahin gewohnt hatte, und zog in die Gemeinde von San Lorenzo in Lucina in Rom.[1] Alle Arbeiten Carraccis aus dem Zeitraum von 1605 bis 1609 entstanden mit starker Beteiligung der Werkstatt, darunter teilweise verlorene Fresken in der Cappella Herrera von San Giacomo degli Spagnoli in Rom, bei denen Francesco Albani, Lanfranco und Badalocchio mitwirkten.[1]
Im Sommer 1609 reiste Annibale in Begleitung des Malers Baldassare Aloisi nach Neapel, erkrankte jedoch so schwer, dass er bald nach Rom zurückkehren musste. Dort starb er am 15. Juli 1609. Bei seiner Aufbahrung wurde sein Gemälde mit dem Christus mit der Dornenkrone auf dem Katafalk aufgestellt.[13] Auf seinen eigenen Wunsch hin wurde er im Pantheon begraben.[1]
Neben den bereits genannten Künstlern war wahrscheinlich auch der als „Gobbo dei Carracci“ bekannte Pietro Paolo Bonzi sein Schüler.[14][15]
Würdigung

Annibale war der bedeutendste der drei Carracci.[1] Sein vielfältiges Werk erlangte zu Lebzeiten und darüber hinaus große Bewunderung. Er malte außerdem lebendige und originelle Porträts. Von seiner Hand sind auch zwei Karikaturen erhalten (im Louvre und auf Schloss Windsor).[1]
Seine teilweise von Heiligen bevölkerten Landschaften orientieren sich an Bildern von Nicolò dell’Abate und wurden ihrerseits zum Vorbild für die Ideallandschaften von Domenichino, Nicolas Poussin und Claude Lorrain.[1]
Carracci hinterließ auch Radierungen (darunter der so genannte Christus von Caprarola von 1597). In seinen frühen Jahren schuf er auch Stiche, war jedoch auf diesem Gebiet nicht so fleißig wie sein Bruder Agostino.
Viele seiner Werke erschienen als Kupferstiche, besonders die Fresken der Galleria Farnese (von Carlo Cesio, Pietro Aquila u. a.), außerdem die so genannten Elementi del disegno, 30 Blätter von François de Poilly. Simon Guillain radierte unter Beihilfe Alessandro Algardis Carraccis Serie von Straßenstudien mit Marktschreiern und Händlern (Le arti di Bologna) in 78 Blättern (Rom 1646, spätere Ausg. 1740); auch bei Giuseppe Maria Mitelli, Bologna 1660).
Bildergalerie
Galleria Farnese, Rom
- Carraccis Deckenfresken in der Galleria des Palazzo Farnese, Rom (nach der Restaurierung von 2015)
Religiöse Gemälde
- Kreuzigung, 1583, Santa Maria della Carità, Bologna
- Pietà mit Heiligen, 1585, Galleria Nazionale, Parma
- Kirschenmadonna, Louvre, Paris
- Madonna di San Matteo, 1588, Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden
- Mariä Himmelfahrt, 1590, Prado, Madrid
- Himmelfahrt Mariens, 1600–1602, Santa Maria del Popolo, Rom
- Beweinung Christi, 1606, National Gallery, London
- Verkündigung Mariens, Musée Jacquemart-André, Paris
- Hl. Sebastian, ca. 1583, Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden
Mythologische und allegorische Gemälde
- Allegorie von Wahrheit und Zeit, Royal Collection
- Venus und Adonis, um 1595, Kunsthistorisches Museum, Wien
- Latona und die lykischen Bauern, Gemäldegalerie, Schloss Kroměříž
Porträts
- Der Bohnenesser, 1584, Palazzo Colonna, Rom
- Porträt eines Musikers (Claudio Merulo ?), Museo di Capodimonte, Neapel
- Lachender Mann mit Affe, 1588–90, Uffizien, Florenz
- Kopf eines alten Mannes, Dulwich Picture Gallery
- Mann im Profil, Royal Collection
- Lautenspieler (Giulio Mascheroni), um 1600, Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden
Werke (Auswahl)


- Fleischerladen, ca. 1582–83, Christ Church Picture Gallery, Oxford; andere Version in der Sammlung D. Gordon in Haddo House, Aberdeenshire
- Leichnam Christi mit den Leidenswerkzeugen, Staatsgalerie, Stuttgart, um 1582
- Der Bohnenesser, Galleria Colonna, Rom, ca. 1583–1584:
- Kreuzigung, Santa Maria della Carità, Bologna, 1583
- Porträt des Giacomo Turrini, Christ Church, Oxford, 1585
- Taufe Christi, San Gregorio, Bologna, 1585
- Pietà mit Heiligen, Galleria nazionale di Parma, 1585
- die Jagd und der Fischfang, Louvre, Paris, ca. 1587–88
- Kreuzigung Christi, Yale University Art Gallery, ca. 1587–88
- Madonna di San Matteo, Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden, 1588
- Venus, ein Satyr und zwei Amorini, Uffizien, Florenz, ca. 1588
- Venus und Adonis, Prado, Madrid, ca. 1588–89
- Flusslandschaft, National Gallery of Art, Washington, ca. 1589–90
- Bacchantin, Uffizien, Florenz, um 1590
- Himmelfahrt Mariä, Pinacoteca nazionale di Bologna, 1592
- Madonna mit den Hl. Lukas und Katharina, Louvre, Paris, 1592
- Madonna mit Kind und den Hl. Giovanni Evangelista und Katharina, Pinacoteca nazionale di Bologna, 1593
- Auferstehung Christi, Louvre, Paris, 1593
- Selbstporträt, Pinacoteca di Brera, Mailand, um 1593
- Jesus und die Samariterin, Pinacoteca di Brera, Mailand, 1594–95
- Almosen des Hl. Rochus, Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden, 1594–95
- Dekorationen im Palazzo Farnese, Rom:
- Die Tugenden des Kardinals Odoardo Farnese, im Camerino, 1595–97, darunter
- Hercules am Scheideweg, heute: Museo di Capodimonte, Neapel
- Dekor und Fresken Die Macht der Liebe, in der Galerie, 1597–1600 und 1602–1604
- Die Tugenden des Kardinals Odoardo Farnese, im Camerino, 1595–97, darunter
- Marienkrönung, Metropolitan Museum, New York, ca. 1596
- Geburt Mariens, Louvre, Paris, ca. 1598–99
- Landschaft mit dem Opfer Isaaks, Louvre, Paris, ca. 1599
- Pietà, Museo di Capodimonte, Neapel, ca. 1599–1600
- Die drei Marien am Grabe, Eremitage, St. Petersburg, ca. 1600
- Lautenspieler (Giulio Mascheroni), um 1600, Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden
- Johannes der Täufer weist auf Jesus, um 1600, Metropolitan Museum, New York
- Mariä Himmelfahrt, Santa Maria del Popolo, Rom, ca. 1600–1601
- Landschaft mit einer Brücke, Gemäldegalerie, Berlin, um 1603
- sechs Lünetten mit biblischen Szenen in Landschaften, Galleria Doria-Pamphilj, Rom, um 1603
- Pietà, Louvre, Paris, 1602/03–1607
- Latona und die lykischen Bauern, Gemäldegalerie, Schloss Kroměříž (Datum ?)
Gedenkmünze
- Italien, 10-Euro 2009, Rom, auf den 400. Todestag, Silber-925fein, 34 mm, Auflage: 9.000 Stück
Literatur
- Giovanni Pietro Bellori: La vita di Annibale Carracci. In: Le vite de pittori, scultori ed architetti moderni... 2. Edition. Rom 1728, S. 1–57.
- Carracci, 3) Annibale. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Band 3, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig/Wien 1885–1892, S. 824.
- Carracci, Annibale. In: Lexikon der Kunst. Bd. 3. Karl Müller Verlag, Erlangen 1994, S. 118–121.
- Henry Keazor: „Il vero modo“. Die Malereireform der Carracci. Gebrüder Mann Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-7861-2561-7.
- Donald Posner: Carracci, Annibale. In: Dizionario Biografico degli Italiani, Volume 20, 1977, Artikel auf Treccani (italienisch; Abruf am 10. September 2020)
- Claudio Strinati: Annibale Carracci. Art e Dossier/Giunti Gruppo Editoriale, Florenz 2001 (italienisch).
- Hans Tietze: Annibale Carraccis Galerie im Palazzo Farnese und seine römische Werkstätte. In: Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien. Band 26, Heft 2, Wien 1906.
- Roberto Zapperi: Annibale Carracci. Bildnis eines jungen Künstlers. Wagenbach, Berlin 1990, ISBN 978-3-8031-3557-5.
Weblinks
- Annibale Carracci bei Google Arts & Culture
- Zeichnungen nach dem Vorbild des A.C. in französischen Museen