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Arbeiderdemokratene

Norwegische sozialliberale Partei vor 1945 From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Arbeiderdemokratene (später: Radikale folkeparti) war während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine sozialliberale Partei in Norwegen. Sie ging aus jenen Gruppen der Arbeitervereine (Arbeidersamfunn) hervor, welche die Zuwendung zu den Sozialisten der Arbeiderpartiet nicht mitmachen wollten, sondern die Zusammenarbeit mit den Liberalen (Venstre-Partei) fortsetzen wollten, allerdings in organisatorischer Selbständigkeit und mit radikalerem Programm.

Parteivorsitzender Johan Castberg (bis 1926)
Alf Mjøen (ab 1926)
Existenz als Partei 1906–1965
Präsenz im Storting 1900–1936
Schnelle Fakten Arbeiderdemokratene Radikale folkeparti, Parteivorsitzender ...
Arbeiderdemokratene
Radikale folkeparti
Parteivorsitzender Johan Castberg (bis 1926)
Alf Mjøen (ab 1926)
Existenz als Partei 1906–1965
Ausrichtung Linksliberalismus
Agrarismus
Georgismus
Präsenz im Storting 1900–1936
Sitze Storting 6 / 123 (Wahl 1915)
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Die Partei war bis 1936 im Storting vertreten. Obwohl sie nur wenige Sitze einnahm, war sie auf Grund ihrer dauerhaften Zusammenarbeit mit der Venstre durchaus einflussreich. Ihr Gründer und überragender Kopf, Johan Castberg, konzipierte die von der Venstre vertretene Sozialpolitik maßgeblich mit und war 1908–1910 und 1913–1914 Minister in der Regierung von Gunnar Knudsen.

Ihren Rückhalt fand die Partei in den Kleinbauern und kleinstädtischen Handwerkern, einem Potential, um das sie mit Venstre und Arbeiderpartiet konkurrieren musste. Landesweit gelang ihr das nicht, aber sie war in Oppland und Hedmark die einflussreichste Partei und konnte auch nur dort Parlamentssitze erobern und Bürgermeister stellen.

Geschichte

Arbeidersamfunn

Johan Castberg (1862–1926), Abgeordneter für Oppland 1901–1909, 1913–1921 und 1925–1927†

In Norwegen wurden ab 1850 in den meisten Städten und in vielen Gemeinden Arbeitervereine gegründet, mit der philanthropischen Zielsetzung der Volksaufklärung und -erziehung. Die in der Regel von Beamten, Geistlichen, Arbeitgebern und anderen etablierten Vertretern der Gesellschaft geleiteten Vereinigungen trafen sich zu Vorträgen und Festen und gründeten Bibliotheken. Viele Vereine engagierten sich für Konsumgenossenschaften, Sparvereine und Krankenkassen. „Politik war zunächst aus den Versammlungen verbannt.“[1]

Dies änderte sich in den 1870er Jahren, als sich die Opposition im Storting erfolgreich für die Aufwertung des Parlaments gegenüber König und Verwaltung einsetzte und allmählich ihre eigene Partei, die Venstre (dt.: Linke) aufbaute. 1879 übernahm die Venstre die Leitung des größten Arbeitervereins, des Kristiania Arbeidersamfund. Im darauffolgenden Jahr fand die erste nationale Arbeiterversammlung (Landsarbeidermøtet) statt, die ebenfalls von der Linken dominiert wurde. Am 1. Januar 1884[2] schlossen sich die meisten norwegischen Arbeitervereine zu einer Dachorganisation (De forenede norske Arbeidersamfund, DFNA) zusammen.

Nach ihrer Gründung 1887 gewann Det norske Arbeiderparti (heute Arbeiderpartiet genannt) allmählich einen starken Einfluss auf die Arbeitervereine. Viele Vereine verließen die DFNA und wurden direkt zu Ortsverbänden der sozialistischen Arbeiderpartiet, so auch 1893 der Kristiania Arbeidersamfund. Dort, wo die Arbeitervereine weiterhin die Venstre unterstützten, drängten sie gleichzeitig die Partei dazu, die spezifischen Interessen der Arbeiter zu vertreten. „Sie spielten eine bedeutende Rolle in der Propaganda, die 1898 zur Einführung des allgemeinen Wahlrechts für Männer führte.“[1]

Ab 1888 lebte Johan Castberg in Gjøvik, wurde Mitglied des dortigen Arbeitervereins, kurz danach Vorsitzender der Vereine in Hedmark und Oppland (damals: Kristians Amt), und ab 1903 als deren Vorsitzender endgültig zur „zentralen Figur“[2] der Dachorganisation DFNA. Castberg, der zwar die örtliche Venstre in Gjøvik leitete, aber wenig Einfluss auf die Gesamtpartei besaß, empfand die Zusammenarbeit der Arbeitervereine mit der Venstre „als sehr schwierig“.[3] Bei den Stortingwahlen von 1900 und 1903 kandidierten er und andere Arbeitervertreter auf eigenen Listen, die mit jenen der Venstre verbunden waren.[4] In diesen beiden Wahlen wurden Castberg für Kristians Amt und Thore Embretsen Myrvang für Hedmarkens Amt gewählt.

In Gjøvik erschien seit 1904 die Zeitung Velgeren „als Kampforgan für Johan Castberg“ und die Anliegen der Arbeitervereine. Die von Hans Volckmar und später Ivar Tveit geleitete Zeitschrift war bis 1920 ein Sprachrohr für sozialpolitischen Reformgeist und überbot die Linie der Venstre an Radikalität.[5]

Arbeiderdemokratene

Olav Andreas Eftestøl (1863–1930), Abgeordneter für Hedmark 1907–1915

Die Entwicklung von der Dachorganisation der Arbeitervereine zur politischen Partei mit fester Struktur war fließend und langwierig. „Es ist schwierig zu sagen, wann die Partei gegründet wurde.“[4] Jedenfalls beschloss die Landesversammlung von 1906, der Organisation den formalen Status einer Partei zu geben und als eigenständige Liste an den Wahlen teilzunehmen.[4][2] Ab den Stortingwahlen 1906 wurde die Partei als Arbeiderdemokratene (Arbeiterdemokraten) bezeichnet, wie die offizielle Statistik belegt,[6] der die seriösen Quellen folgen.[4][3] Dass dieser Name erst ab 1911 verwendet wurde, wird mehrfach behauptet,[2][7][8] ist aber unzutreffend.

Nach jeder Wahl zwischen 1906 und 1918 entsandten die Arbeiderdemokratene einige Vertreter in das Storting. Höhepunkte waren die Jahre 1912 und 1915 mit 8 bzw. 6 Mandaten. In diesen beiden Jahren erzielte die Partei sämtliche fünf für Kristians Amt (Oppland) vorgesehenen Sitze. In Oppland und Hedmark, wo der Schwerpunkt der Organisation lag, waren die Arbeiderdemokratene die einflussreichste Partei.[2] Sie konnte aber auch nur dort Parlamentssitze erobern und Bürgermeister stellen. Die in Telemark und Trøndelag existierenden Parteiorganisationen konnten nicht reüssieren.[4] In Trøndelag erschienen mit Ungskogen und Trønderbladet von Arbeiterdemokraten herausgegebene Zeitungen.[8]

Johan Castberg blieb auch nach der Umwandlung zur politischen Partei ihr Vorsitzender – bis zu seinem überraschenden Tod 1926. Er gehörte beiden Venstre-Regierungen von Gunnar Knudsen als Minister an: In der kurzlebigen Minderheitsregierung vom März 1908 bis Januar 1910 war er Justizminister. In der zweiten, im Februar 1913 antretenden Regierung, war er zunächst Handels-, dann Sozialminister, trat aber nach Meinungsverschiedenheiten mit Knudsen, vor allem in Zollfragen, im April 1914 zurück.

Während der übrigen Zeit standen die Arbeiderdemokratene in Opposition, real gegen die Høyre- oder nur formell gegen die Venstre-Regierung. Durch die dauerhafte Zusammenarbeit mit der Venstre konnte die an sich kleine Partei große Teile ihres Programms umsetzen, vor allem in der Sozialpolitik. Solange sie als „Brücke zur Arbeiterklasse“ angesehen wurde, wurde ihre „Radikalität“ in Kauf genommen.[7]

Die Zusammenarbeit zwischen der Venstre und den Arbeiterdemokraten brachte etliche soziale Reformen auf den Weg, darunter Unfallversicherungen für bestimmte Berufsgruppen (Fischer 1908, Seeleute 1911, Industriearbeiter 1915) und eine Krankenversicherung (1911 bzw. 1915). Im Jahre 1909 wurde ein Normalarbeitstag von 10 Stunden festgelegt und die Kinderarbeit beschränkt.[7] Im selben Jahr führte Norwegen auf Vorschlag des Justizministers Castberg ein liberales Scheidungsrecht ein. 1915 folgte die rechtliche Gleichstellung von unehelichen und ehelichen Kindern (durch sechs, später nach Castberg benannte Gesetze).

Als Vorfeldorganisation diente den Arbeiterdemokraten der 1913 gegründete Norwegische Kleinbauernverband (Norsk Småbrukerforbund, später in Norsk Bonde- og Småbrukarlag umbenannt). Hier organisierten sich die Pächter und Eigentümer kleiner Landwirtschaften. Der Verein war offiziell parteiunabhängig, traf aber bei den Arbeiderdemokratene auf große Sympathie und ideologischen Rückhalt. Ab den 1930er Jahren geriet der Kleinbauernverband unter den Einfluss der sozialistischen Arbeiderpartiet.[9]

Radikale folkeparti

Alf Mjøen (1869–1956), Abgeordneter für Oppland 1913–1924 und 1928–1936

Im Jahre 1921 änderte die Partei ihren Namen in Radikale folkeparti (Radikale Volkspartei).[4][10][3][2][7] Arbeiderdemokratene wurde in Klammern dahintergestellt[7] – aber vor allem blieb der alte Name inoffiziell, aber allgemein, in Gebrauch.[3][7] Im damaligen Sprachgebrauch bezeichnete Radikal den Willen zu einer tiefgreifenden, „an der Wurzel“ anpackenden Umgestaltung – als Gegensatz dazu wurde Moderat gebraucht.[11]

Die Radikale folkeparti war noch bis 1933 im Storting vertreten, mit zwei bzw. ab 1927 mit nur mehr einem Abgeordneten. Dieser letzte Abgeordnete war Alf Mjøen, der nach dem Tod von Castberg 1926 den Parteivorsitz übernommen hatte. Spätestens 1927 war die Partei nur mehr in Oppland aktiv und ihre Vertreter kandidierten für die Stortingwahl auf einer gemeinsam mit der Venstre aufgestellten Liste.[3] Diese Listengemeinschaft bestand bis 1961 (nach der offiziellen Statistik[12]).

In Oppland erzielte die Radikale folkeparti auch bei Kommunalwahlen noch Erfolge, so etwa 1934, als sie in 6 der 35 Gemeinden den Bürgermeister stellte. (16 Bürgermeister gingen an die Arbeiderpartiet, 7 an die Bondepartiet, 2 an die Venstre.)[13]

Nach dem Ausscheiden aus dem Storting 1936 „verschwand die Partei vor dem Zweiten Weltkrieg praktisch aus der norwegischen Politik.“[3] Die gemeinsame Liste in Oppland bestand nur mehr aus Mitgliedern der Venstre. 1952 wurde die Radikale folkeparti im Nordisk familjebok noch als existent, aber „unbedeutend“ erwähnt.[11] 1965 wurde die Partei formell aufgelöst.[3] Der letzte Parteitag hatte 1927 stattgefunden.[7]

Ideologie

Die Arbeiderdemokratene bzw. Radikale folkeparti war eine sozialliberale Partei unter den Rahmenbedingungen des 19. Jahrhunderts. In den 1880er Jahren und noch bis zum Ersten Weltkrieg stellte die einfache Landbevölkerung, kleine Bauern und Pächter, Landarbeiter und Handwerker mit oder ohne Nebenerwerbslandwirtschaft die zahlenmäßig dominierende Bevölkerungsgruppe dar. Dies war das Wählerpotential der Partei und die Klientel, deren Interessen sie vertrat.

Castberg war überzeugt, dass der Bauernstand den zukünftigen Wohlstand Norwegens sichern sollte. Dazu sollten aus den landlosen Arbeitern selbständige, auf eigenem Boden produzierende und finanziell abgesicherte Kleinbauern werden. Land sollte nicht enteignet, sondern dessen Erwerb durch günstige Kredite ermöglicht werden. Die Lösung der „Landfrage“ würde auch die Nation fördern: „Der Grundgedanke war, dass ein Kleinbauer, der sein eigenes Land besaß und ein eigenes Haus hatte, auch bereit war, das Land im Falle eines Krieges zu verteidigen. Darüber hinaus bildeten die Kleinbauern ein stabiles soziales Element in einer Zeit, die von zunehmender Distanz und Konfrontation zwischen den sozialen Schichten geprägt war.“[14]

Die große Bedeutung des Grundbesitzes, einerseits als ursprüngliche Quelle allen Reichtums und andererseits als Mittel möglichen Missbrauchs und daher als bevorzugte (wenn nicht einzige) Basis der Steuereinhebung, ist auch ein Kennzeichen der von Henry George erdachten Theorie des Georgismus, die von vielen Mitgliedern der Partei wohlwollend aufgenommen wurde. Johan Castberg schlug als Justizminister ein Konzessionsgesetz vor, das 1909 beschlossen wurde und den Erwerb von Wasserläufen in Norwegen stark einschränkte. „Damit sollte verhindert werden, dass große ausländische Unternehmen die norwegischen Bodenschätze aufkaufen und kontrollieren.“[15]

Die Arbeiderdemokratene traten für Reformen „an der Wurzel“ ein, in Sozialfragen, im Arbeitsschutz und im Familienrecht, im Wahlrecht und im Kartellrecht und für den Schutz der norwegischen Ressourcen. „Ein Herzensanliegen war die Zollfreiheit für Lebensmittel, die die kleinen Leute brauchten.“[7] In der praktischen Politik ergaben sich aus diesen Zielen zahlreiche Berührungspunkte und Übereinstimmungen mit den Positionen der sozialistischen Arbeiterpartei. Aber die Ablehnung jeder Form des Klassenkampfes,[3] die nationalistische Gesinnung inklusive der Bereitschaft, in die Landesverteidigung zu investieren, und eine gefühlsmäßige Ablehnung des großstädtischen Milieus zogen einen Graben zur Arbeiderpartiet.

„Die Tage der Partei waren nach den Wahlen von 1918 gezählt, denn die Kleinbauern wurden nicht zur breiten Volksklasse in Norwegen.“[7]

Übersichten

Ergebnisse der Wahlen zum Storting

Weitere Informationen Wahljahr, Prozente ...
Arbeiderdemokratene
Radikale folkeparti[16][17][18]
WahljahrProzenteMandate
1900 a2
1903 a2
19064,84
1909 b3
1912 b8
19154,26
19183,33
19212,52
19241,82
19271,41
19300,81
19330,61
19360,40
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a 
Kandidaten des Arbeidersamfunn auf Listen der Venstre
b 
Kandidaten der Arbeiderdemokratene auf Listen der Venstre

Storting-Mitglieder

Weitere Informationen Amt/Fylke, Name ...
Arbeiderdemokratene / Radikale folkeparti
Amt/FylkeName190019031906190919121915191819211924192719301933
Hedemarkens Amt
Hedmark fylke
Thore Embretsen MyrvangJaJaJaJa
Olav Andreas EftestølJaJaJa
Wollert Konow (H)Ja
Ingebrigt LøbergJa
Kristians Amt
Oppland fylke
Johan CastbergJaJaJaJaJaJaJa
Sigurd Andersen FedjeJa
Edvard Olsen LandheimJaJaJa
Ole Martin LappenJaJaJaJa
Alf MjøenJaJaJaJaJaJaJa
Ole Gudbrandsen HoviJa
Olaus Trondson IslandsmoenJa
Johannes Torsteinsen KrukhougJa
Peder Aslak Berntsen OwrenJa
SUMME224386322111
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1912 und 1915 erzielte die Partei sämtliche fünf für Kristians Amt vorgesehenen Sitze im Storting.

Bürgermeister (Auswahl)

Weitere Informationen Amt/Fylke, Kommune ...
Arbeiderdemokratene / Radikale folkeparti
Amt/FylkeKommuneNameLebenszeitBürgermeister
HedmarkElverumOlav Andreas Eftestøl1863–19301902–1907
Johan Peter Røkke1871–19561908–1916
TrysilHalvor Lunde1859–19411905–1919
Ytre RendalPeter Edvard Vorum1884–19701913–1934
OpplandBiriHagbart Wiklund1881–19581914–1931
BrandbuOle Hansen Egge1871–19551905–1922
1926–1934
KolbuErik Gaardløs1878–19371935–1936
Østre TotenOle Weflen1846–19281913–1922
VardalHalvor Fosmark1860–19331902–1910
Arne Fosnes1864–19231910–1922
Ludvig Skjerven1884–19671926–1928
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Siehe auch

Literatur

  • Margit Thorud: Det radikale folkepartis fremvekst. Eigenverlag, Oslo 1947 (Information).
  • Tertit Aasland: Fra arbeiderorganisasjon til mellomparti. (Universitetet i Oslo, Institutt for statsvitenskap: Skrifter.) Universitetsforlaget, Oslo 1961.

Einzelnachweise

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