Archäologie im Gazastreifen
Archäologie auf dem Territorium des Gazastreifens
From Wikipedia, the free encyclopedia
Die Archäologie im Gazastreifen befasst sich mit dem Territorium des Gazastreifens, das als solches zwar erst 1949 geschaffen wurde, aber als historische Landbrücke zwischen Afrika und Asien – ein Abschnitt der Via Maris – besonderes Interesse beanspruchen kann.

Alle aus dem Gazastreifen bekannten Inschriften wurden 2014 im Band 3 der Reihe Corpus Inscriptionum Iudaeae/Palaestinae (CIIP) publiziert. Das epigraphische Material ist damit sehr gut erschlossen. Viel schlechter steht es um die Grabungsdokumentation. Sie liegt zwar bei den Ausgrabungen in der britischen Mandatszeit (1920–1949) vor, entspricht aber nicht den modernen Standards. Unter ägyptischer Verwaltung (1949–1956 und 1957–1967) wurde im Gazastreifen kaum gegraben. Bei den von israelischen Institutionen seit 1967 durchgeführten Grabungen fehlen vielfach abschließende Berichte. Nicht besser sieht es bei den seit ihrer Gründung 1994 von der palästinensischen Altertümerverwaltung (zusammen mit internationalen Partnern) durchgeführten Grabungen aus.
Archäologische Fundplätze
Die folgende Liste führt die im Jahr 2025 bekannten oder vermuteten Fundplätze des Gazastreifens in nord-südlicher Reihenfolge auf.[1]
| Bild | Koordinaten[2] | Archäologische Stätte | Ausgrabung oder Beschreibung | Ausgräber oder Report | Jahr | Befunde |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1018.1114 | Tell esch-Schuqaf | Israelische Altertümerverwaltung | Yaacov Huster | 1991 | Badehaus und künstliche Fischteiche.[3] | |
| 1018.1114 | Tell esch-Schuqaf | Israelische Altertümerverwaltung | Yaacov Huster | 1999 | Spätantik-frühbyzantinischen Kirche mit Mosaikfußboden. Die archäologische Stätte liegt unmittelbar südlich der Grenze zu Israel. Abbruch der Ausgrabung wegen der Nähe zu einem Armeeposten.[4][5] | |
| 1026.1066 | Bēt Lahiyā | Palästinensische Altertümerverwaltung, École biblique | Fasl al-Atal, René Elter | 2022 | Rettungsgrabung: Römische Nekropole.[6] | |
| 1037.1063 | Tell el-Chirbe | 2007 oder früher | Mosaik.[7] | |||
|
0974-0990.1055-1070 ⊙ |
al-Balāchīya | – | Georg Gatt | 1884 | Großes Ruinenfeld mit Scherbenhaufen, Säulentrümmern und -kapitellen auf einem die Küstenlinie etwa 10 Meter überragenden Plateau.[8] | |
| 0974-0990.1055-1070 | al-Balāchīya | Palästinensische Altertümerverwaltung, École biblique | Moain Sadeq, Jean-Baptiste Humbert | 1995–1996 | Massive neuassyrische Lehmziegelbefestigungen; römische Häuser, Warenlager; villa maritima; hellenistische Nekropole; zwei byzantinische Kirchen; byzantinische Nekropole.[9] | |
| 0974-0990.1055-1070 | al-Balāchīya | Palästinensische Altertümerverwaltung, École biblique | Moain Sadeq, Jean-Baptiste Humbert | 2005 | Zwei hellenistische Wohnhäuser mit bemalten Wänden, „gut erhalten und flankiert, wie es scheint, von einem öffentlichen Platz … ein seltenes Beispiel eines aristokratischen Viertels, das man im Übergang von der Ptolemäer- zur Seleukidenherrschaft datieren muss.“[10] | |
| Mittelmeer nahe al-Balāchīya | – | – | 2017 | Hortfund mit Münzen des 4. Jahrhunderts v. Chr.[11] | ||
| 0975.1042[12] | al-Mīnā | – | Georg Gatt | 1884 | Östliche Stadtmauer von Maioumas: etwa drei Meter breit, wurde als Baumaterial nach Gaza abtransportiert, ebenso wie zersägte Säulen, zehn Kapitelle lagen noch nahe der alten Stadtmauer.[13] | |
| 0965.1043[14] | al-Mīnā | Ägyptische Altertümerverwaltung | 1965 | Mosaik.[15] | ||
| 0965.1043[16] | al-Mīnā | Israelische Altertümerverwaltung | Asher Ovadiah | 1967 | Synagoge von Gaza-Maiumas; industrieller Komplex (Färberei?); massive spätantike Befestigung; falls Stadtmauer von Gaza-Maioumas, lag die Synagoge außerhalb derselben.[17] Vgl. zu den Funden im Kontext der Synagoge: CIIP, Band 3: Nr. 2460 Stifterinschrift; Nr. 2461 hebräische Inschrift דויד „David“ neben dem Harfespieler; Nr. 2462 griechische Inschrift eines in der Nähe gefundenen fragmentarischen Marmorbeckens, die Roubelos, Isses und Beniamin nennt; das Objekt befindet sich heute im Rockefeller Museum. Nr. 2463 Fragment einer marmornen Schranke, dessen griechische Inschrift den Holzhändler Isses nennt; das Objekt soll 1967 im Bereich der Synagoge gefunden worden sein, ist aber verschollen. | |
| 0965.1043[18] | al-Mīnā | Archäologischer Stabsoffizier der Militärverwaltung des Gazastreifens | Asher Ovadiah | 1976 | Großes Gebäude (4./5. Jahrhundert) unter der Synagoge von Gaza-Maioumas; in der Nachbarschaft ein Badehaus mit verputztem Becken (keine Mikwe); etwa 650 Meter nördlich der Synagoge direkt an der Küste eine massive Befestigung des 4./5. Jahrhunderts, vielleicht ein Wachtturm.[19] | |
| al-Mīnā
(Umgebung) |
– | – | 1872 | Marmorblock mit einer samaritanischen Inschrift (Dtn 15,29–31a EU in samaritanischer Rezension und Dtn 31,8 EU) in einem Kontext mit zwei weiteren beschrifteten Steinen und drei Marmorsäulen. Letztere wurden umgehend als Baumaterial verwendet. Der Marmorblock wurde 1930 in Jerusalem identifiziert und publiziert.[20] Er befindet sich heute im Jerusalemer Haus Tabor (Schwedisches Theologisches Institut).[21] | ||
| 1007.1045 | en-Nazla | Palästinensische Altertümerverwaltung, École biblique | Moain Sadeq, Jean-Baptiste Humbert | 1996–2000 | Byzantinische Kirche mit Mosaikfußboden und großer Nekropole.[22] | |
| 1010.1040 | Ard-al-Moharbin
(Dschabaliya) |
École biblique | René Elter, Fadel al-Otul | 2023 | Große römische Nekropole auf einem Areal von etwa 2700 Quadratmetern. Im September 2023 waren 135 Bestattungen untersucht worden, darunter zwei mit Weinlaub bzw. mit Delphinen verzierte Bleisarkophage. Skelette wurden zur Untersuchung ins Ausland gebracht.[23][24][25] Abbruch der Ausgrabung nach Beginn des Krieges in Israel und Gaza im Oktober 2023. | |
| 1001.1034 | al-Muchetim
(Dschabaliya) |
Palästinensische Altertümerverwaltung, Direction générale des relations culturelles, scientifiques et techniques (DGRCST) | 1996–1997 | Mosaikfußboden einer spätantik-frühbyzantinischen Kirche mit Baptisterium.[26][27][28] | ||
| Scheich Radwan
(Gaza-Nord) |
– | Victor Guérin | 1869 | Grabmonument des Walī Scheich Radwan auf einem Hügel, erbaut mit antiken Spolien, darunter Teilen von Marmorplatten; möglicherweise war hier ein spätantik-frühbyzantinisches Kloster.[29] | ||
| 0995.1014 | Tell Harūbe
(Gaza, nordöstliche Altstadt) |
Palestine Exploration Fund | William J. Phythian-Adams | 1922 | Abfolge von Stadtmauern Gazas seit der Spätbronzezeit.[30] | |
| Gaza, westliche Altstadt | – | – | 1910 | Hypogäum mit anthropoidem Marmorsarkophag.[31] | ||
| Gaza-Stadt (Umgebung) | – | – | 1970er Jahre | Hortfund aus dem 6./7. Jahrhundert: 30 Metallobjekte (darunter zwei bronzene Leuchter, zwei bronzene Öllampen, zwei bronzene Schnellwaagen mit Zubehör, ein silbernes Armband, zwei Silberringe und vier bronzene Siegelringe, ein Räuchergefäß und eine einfache Patera), zwei Keramikgefäße und 476 Münzen in einem großen Pithos, außerdem ein Marmorbecken. Die Objekte wurden wahrscheinlich in einer Kirche deponiert und „vor etwa dreißig Jahren“ gefunden; sie befinden sich im Israel-Museum.[32] | ||
| Gaza-Stadt (Umgebung) | – | – | 1973 | Perserzeitliches, hornförmiges Keramik-Rhyton in Form eines kauernden Widders, Imitation achämenidischer Vorbilder. Privatbesitz, im Antikenhandel erworben.[33] | ||
| Massāʿīd[34] | – | – | 1950 | Brunnen in einem Orangenhain, darin eine zerbrochene Amphora, ein Sandsteinblock 29 × 27 × 14 cm mit rundem Loch in der Mitte (Öl- oder Weinpresse), ein marmornes Kapitell und eine 67 cm hohe, fragmentarische hellenistische Basaltstatue eines Triton mit eingelegten Augen.[35] | ||
| 0981.1025 | Namenloser Ort | Mosaik.[36] | ||||
| 0938.0995 | Tell es-Sakan | Palästinensische Altertümerverwaltung, Centre national de la recherche scientifique | Pierre de Miroschedji, Moain Sadeq | 1999 | Rettungsgrabung: ein 5 Hektar umfassender Siedlungshügel, der vollständig der Frühbronzezeit angehört; das Fundspektrum der älteren Schichten ist ägyptisch geprägt.[37] | |
| 0943.0983 | al-Moghrāqa | Gaza Research Project | Louise Steel, Joanne Clarke, Moain Sadeq | 1999, 2000 | Siedlung (kein Tell) in Nachbarschaft des Tell el-ʿAjjul; Keramik vor allem der Mittelbronzezeit II b-c; Deponierung ägyptischer Tonkegel, die in die Zeit von Thutmosis III. und Hatschepsut datiert werden und wohl zu einem ägyptischen Gebäude (Grab?) gehörten, das aber nicht identifiziert wurde. Abbruch der Grabungen infolge der Zweiten Intifada.[38] | |
| 0934.0976 | Tell al-ʿAdschūl | British School of Archaeology in Egypt | Flinders Petrie | 1930–1934 | Bedeutende mittelbronzezeitliche Stadt mit Palast, drei Goldschätze.[39] | |
| 0934.0976 | Tell al-ʿAdschūl | British School of Archaeology in Egypt | Ernest H. Mackay, Margaret A. Murray | 1938 | Kurze Nachgrabung.[40] | |
| 0934.0976 | Tell al-ʿAdschūl | Palästinensische Altertümerverwaltung, Swedish Archaeology in Jordan, Palestine and Cyprus | Moain Sadeq, Peter M. Fischer | 1990, 2000 | Nachgrabung: Mehrere Gruben mit geringen Mengen eisenzeitlicher Keramik. Ob in der Eisenzeit hier eine Siedlung bestand, eine saisonale oder gelegentliche Anwesenheit von Menschen, ist nicht bestimmbar.[41] | |
| 0913.0978 | Tell en-Neqēz[42] | – | – | 1879 | Marmorstatue des sitzenden Zeus-Marnas.[43] | |
| 0943.0960 | Tur Ichbena[44] | Mandatory Department of Antiquities | Jacob Ory | 1932 | [45][46] | |
| 0943.0960 | Tur Ichbena[47] | Israelische Altertümerverwaltung | Ram Gophna | 1977 | [48] | |
| 0943.0960 | Tur Ichbena[49] | Israelische Altertümerverwaltung | Eliezer D. Oren, Yuval Yekutieli | 1987 | Frühbronzezeitliche Siedlung. Das Fundspektrum umfasst viele ägyptische Artefakte, teils importiert, teils lokal hergestellt. Das ermöglicht es, den Einfluss der ägyptischen Expansion nach Kanaan auf die dortigen frühbronzezeitlichen Siedlungen genauer zu bestimmen.[50] | |
| 0896.0957 | Tell Umm el-ʿAmr | Israelische Altertümerverwaltung | 1991–1992 | Spätantik-frühbyzantinische Kirche mit Mosaikfußboden. | ||
| 0896.0957 | Tell Umm el-ʿAmr | Palästinensische Altertümerverwaltung, École biblique | René Elter, Ayman Hassoune | 2002 | Spätantik-frühbyzantinische Klosteranlage (UNESCO-Welterbe Hilarionkloster)[51][52] | |
| 0903.0952 | Dēr en-Nuserat | Palästinensische Altertümerverwaltung | Yasser Khassouna | 2004 oder früher | Spätantik-frühbyzantinische Klosteranlage (Seridoskloster?): Hof umgeben von Kirche (mit Krypta und Bodenmosaik), Badehaus, Gästehaus und Zellen.[53] | |
| 0939.0951 | Bureidsch | École biblique | René Elter | 2022 | Spätantik-frühbyzantinischer Kirchenkomplex mit Mosaikfußboden.[54][55] | |
| 0848-0856.0912-0908 | Tell er-Ruqēsch | Mandatory Department of Antiquities | Jacob Ory | 1940 | Flacher, teilweise sandbedeckter Hügel in Küstennähe. Rettungsgrabung anlässlich des Baus eines Polizeipostens: etwa 30 eisenzeitliche Brandbestattungen. Die Funde gelangten nur zum Teil ins Rockefeller Museum, wo die hohe Qualität der Keramik auffiel.[56][57] | |
| 0848-0856.0912-0908 | Tell er-Ruqēsch | Israelische Altertümerverwaltung | Avraham Biran | 1973 | Rettungsgrabung anlässlich des Baus der Küstenstraße. Siedlung, zu der der von Ory untersuchte Friedhof gehörte: fünf perserzeitliche Strata, ein Stratum der Eisenzeit II.[58] | |
| 0848-0856.0912-0908 | Tell er-Ruqēsch | Ben-Gurion-Universität im Negev | Eliezer D. Oren | 1982–1984 | Stark befestigte phönizische Stadt (späte Eisenzeit bis persische Zeit); Handelszentrum an der Via Maris, Seehafen; gegründet als assyrisches Karum; Verwaltungszentrum der Perserzeit.[59][60] | |
| 0869.0926 | Abu Baraqeh | Palästinensische Altertümerverwaltung | 1997 oder 1998 | Kleine dreischiffige Kirche aus spätantik-frühbyzantinischer Zeit. Das Bodendenkmal wurde wiederholt durch Raubgrabungen geschädigt. Die Altertümerbehörde stellte deshalb den Mosaikfußboden sicher; er wurde im Musée départemental Arles antique restauriert und danach in Paris, Arles und Genf bei Ausstellungen gezeigt.[61][62][63] | ||
| 0852.0909 | Umm al-Hadschar | Israelische Altertümerverwaltung | Avraham Biran, Vassilios Tzaferis, M. Shaharabani | 1973 | Rettungsgrabung anlässlich des Baus der Küstenstraße. Große Thermenanlage mit Mosaikfußboden, 5./6. Jahrhundert.[64] | |
| 0849.0907 | Namenloser Ort | Israelische Altertümerverwaltung | Avraham Biran | 1973 | Rettungsgrabung anlässlich des Baus der Küstenstraße. Spätantik-frühbyzantinisches öffentliches Gebäude, teils mit Marmorplatten ausgelegt, teils mit Mosaikfußböden.[65] | |
| 0842.0900 | Namenloser Ort | Siedlung 2. Hälfte 5. Jahrtausend v. Chr.[66] | ||||
| 0839-0842.0898-0899 | Tell Qatif (Umgebung) | Israelische Altertümerverwaltung | Avraham Biran, Claire Epstein | 1973 | Neolithische Keramik, Steingeräte und Feuersteinwerkzeug.[67] | |
| 0839-0842.0898-0899 | Tell Qatif (Umgebung) | Ben-Gurion-Universität im Negev | Isaac Gilead | 1979, 1980, 1983 | „Qatif is among the latest Neolithic sites in Israel.“[68][69] | |
| 0863.0899;
08605.08964 ⊙ |
Dēr el-Balah | Israelische Altertümerverwaltung, Hebräische Universität Jerusalem | Trude Dothan | 1972, 1973, 1977, 1982 | Ägyptische Residenz, Nekropole mit zahlreichen anthropoiden Tonsarkophagen.[70][71] | |
| 0822.0882 | Tell er-Ridan | Israelische Altertümerverwaltung | Fanny Vitto, Gershon Edelstein | 1973 | Rettungsgrabung anlässlich des Baus der Küstenstraße. Nördlicher Hügel: Gruppe von Räumen der Mittelbronzezeit II mit tabun; südlicher Hügel: Töpferwerkstatt mit Brennofen und Grabkammer mit zwei Skeletten und Beigaben der Mittelbronzezeit II; zwischen beiden Hügeln ein Friedhof der Spätbronzezeit.[72] | |
| 0880.0816 | ʿAbasān al-Kabīr | – | Gottlieb Schumacher | 1886 | Brunnen, Grundmauern, marmorne Säulenbasen, Mosaik.[73] | |
| 0880.0816 | ʿAbasān al-Kabīr | Mandatory Department of Antiquities | ? | 1919 | In der Ortsmitte: Zwei benachbarte Mosaikfußböden mit geometrischem Muster unter freiem Himmel; in der Nähe Spolien, darunter kleine Säulen; vermutlich spätantik-frühbyzantinische Kirche. Teile des Mosaiks von Soldaten herausgeschnitten. Überdeckung des Mosaiks veranlasst.[74] | |
| 0880.0816 | ʿAbasān al-Kabīr | Palästinensische Altertümerverwaltung, École biblique | Moain Sadeq | 1995 | Spätantik-frühbyzantinischer Mosaikfußboden vermutlich einer Kirche.[75][76] | |
| Chan Yunis
(Umgebung) |
– | – | 2022 | Kopf einer Kalksteinstatue der Göttin Anat[77] | ||
| 0778.0787 | Chirbet Rafah | Ben-Gurion-Universität im Negev | Eliezer D. Oren | 1978 | Nabatäischer Chan (2. Jahrhundert v. Chr. – 2. Jahrhundert n. Chr.)[78] | |
| 0774.0792 | Tell esch-Schech Suleiman Rafah | Ben-Gurion-Universität im Negev | Barbara L. Johnson, Pau Figueras | 1982 | Der Tell nordöstlich des modernen Stadtzentrums von Rafah wurde mit dem hellenistischen und römischen Ort Raphia identifiziert. Fragmente marmorner Säulen und Platten sowie Tesserae deuten auf öffentliche Bauten hin. Der kleine Tell Rafah etwa 4 Kilometer nördlich davon an der Küste wurde als Hafen von Raphia identifiziert.[79] | |
| Rafah | – | – | 1973 | Griechischer Meilenstein aus der Zeit des Kaisers Severus Alexander, zusammen mit einem Epitaph vom israelischen Altertümerdepartement aus dem Antikenhandel erworben.[80] | ||
| Rafah
(Umgebung) |
– | – | 1974 oder früher | Bei Raubgrabungen gefundene Scherben mit śrḫ-Emblem des Pharaos Narmer.[81] | ||
| Rafah
(Umgebung) |
– | – | 1976 | Hortfund mit byzantinischen Münzen des 6. Jahrhunderts n. Chr.[82] | ||
| Tell Zurab | – | – | 2008–2009 | Hortfund: etwa 1500 Silbermünzen des 4. Jahrhunderts v. Chr. in einem Gefäß.[83] |
Die wichtigsten Grabungen und Funde
Osmanische Zeit
Im Jahr 1879 wurde eine Kolossalstatue des sitzenden Zeus aus weißem Marmor in einer Düne beim Wadi Gaza, „etwa zehn Minuten vom Strande entfernt“, entdeckt. „Auf der Höhe jenes Sandhügels ist die Statue im Sande in einer Tiefe von 2 m zufällig aufgefunden worden. Schon früher hatten hier nämlich arabische Maurer Steine gefunden, auch nach ihnen gegraben und dieselben in der Stadt verkauft. Aus der regelmässigen Form derselben ist zu schliessen, dass sie von einem ehemaligen Gebäude an diesem Ort herrühren.“[84] Eine Untersuchung dieser Fundstätte unterblieb. Die Skulptur, eine eklektische Arbeit aus römischer Zeit, ist 3,20 Meter hoch und zeigt Spuren absichtlicher Zerstörung. Allgemein wird angenommen, dass es sich um eine Darstellung des mit dem kretischen Zeus identifizierten Stadtgottes Marnas handelt. Möglicherweise stammt die Statue nicht aus Gaza, sondern aus einem Heiligtum südlich der Stadt.[85] Sie befindet sich heute im Archäologischen Museum Istanbul.
Vor 1910 wurde am westlichen Stadtrand von Gaza ein Hypogäum entdeckt, vielleicht eine Grabkammer mit vertikalem Einstiegsschacht. Diese Grabform ist in der Küstenregion Palästinas in neubabylonisch-persischer Zeit mehrfach bezeugt, was auf phönizischen Einfluss deutet.[86] Darin befand sich ein sehr gut erhaltener menschengestaltiger (anthropoider) Marmorsarkophag einer Frau. Er wird ins 5. Jahrhundert datiert. Solche Marmorsarkophage wurden in Gaza nicht hergestellt. Eine phönizische Kaufmannsfamilie, die in Gaza wohnte, hatte erheblichen Aufwand getrieben, um die Verstorbene in einem echten Marmorsarkophag aus sidonischer Werkstatt zu bestatten.[87] Die Grabausstattung gelangte um 1910 in den Antikenhandel und zerstreute sich, aber der Sarkophag wurde von der Polizei sichergestellt und ins Museum in Konstantinopel transportiert (heute Archäologisches Museum Istanbul, Inv. Nr. 2168). Mehrere Exponate in der Sammlung Plato von Ustinows, darunter „eine elegante Jardinière aus Bronze […] und eine ungewöhnliche Oinochoe aus bemalter Keramik, modelliert in Gestalt eines Frauenkopfes“, stammten wahrscheinlich aus diesem Hypogäum.[88]
Mandatszeit
Von 1930 bis 1934 führte Flinders Petrie im Auftrag der British School of Archaeology in Egypt groß angelegte Ausgrabungen auf dem Tell al-ʿAdschūl durch. In der frühen Mittelbronzezeit gab es auf dem Tell einige Bestattungen mit Kupferbeigaben, die Petrie veranlassten, diese Phase als copper age zu bezeichnen. In der Mittelbronzezeit II A entstand eine große Stadt mit Palast. Um 1650 v. Chr. wurde sie zerstört. Auf ihren Ruinen wurde eine neue Stadt mit Palast gebaut. „Die hoch entwickelte Architektur, die Goldschätze, hauptsächlich Anhänger mit dem Bild der auf Gesicht, Brüste und Scham reduzierten syr. Göttin und ihrem achtstrahligen Stern …, die zahlreichen königlichen und privaten Skarabäen … wie auch die großen Mengen lokaler und importierter Keramik sind Beweis genug für ihre Bedeutung und ihren Reichtum.“[89] In der Spätbronzezeit und frühen Eisenzeit bestand auf dem Tell al-ʿAdschūl eine Festung. Petrie identifizierte diesen Tell mit der vorhellenistischen Stadt Gaza. Die Goldobjekte der drei auf dem Tell al-ʿAdschūl gefundenen mittelbronzezeitlichen Horte befinden sich heute teils im British Museum, teils im Rockefeller Museum.
- Tell al-ʿAdschūl
Israelische Altertümerverwaltung
Die archäologische Stätte Dēr el-Balah liegt südlich der gleichnamigen Stadt im Gazastreifen. Im Zuge der Landgewinnung entdeckten Einheimische einen unter Dünen verborgenen frühbronzezeitlichen Friedhof mit anthropoiden Sarkophagen aus Ton. Sie brachten die Beigaben wie auch Fragmente der Tonsärge über mehrere Jahre auf den Antikenmarkt. Nach dem Sechstagekrieg 1967 wurden diese Objekte von Jerusalemer Antikenhändlern häufig angeboten. Trude Dothan ging dem nach und fand heraus, dass diese Altertümer aus dem Gazastreifen stammen mussten. Sie wandte sich an den Verteidigungsminister Moshe Dayan. Er stand als Hobbyarchäologe und Sammler in Kontakt mit einem Beduinen aus dem Gazastreifen, der die Lage des frühbronzezeitlichen Friedhofs kannte.[90] Die Rettungsgrabung, gemeinsam durchgeführt von Teams der Hebräischen Universität und der Universität Tel Aviv, begann 1972 und wurde unter Leitung von Dothan in vier Kampagnen bis 1982 durchgeführt. Als Ertrag fasst Dothan zusammen: Dēr el-Balah war im 14./13. Jahrhundert eine ägyptische Siedlung an der Grenze zu Kanaan. Im 14. Jahrhundert stand hier ein repräsentatives Gebäude, das stilistische Ähnlichkeiten mit Bauten aus Amarna aufweist. Es könnte der Palast des ägyptischen Gouverneurs oder eine private Villa gewesen sein. In der Nähe gab es, wie in der zeitgenössischen ägyptischen Villenarchitektur öfter, einen künstlichen Teich. Später wurde an der Stelle dieses Palastes eine Festung errichtet. Im 13. Jahrhundert, in der Zeit der Ramessiden, gab es ein Handwerkerdorf in Dēr el-Balah. Im Bereich des Teichs wurden nun Brennöfen eingerichtet. Die Handwerker waren spezialisiert auf tongebrannte anthropoide Sarkophage und Grabbeigaben; die auf dem benachbarten Friedhof untersuchten Bestattungen zeigen, dass diese Objekte vor Ort produziert wurden. Dēr el-Balah war aber auch einbezogen in den damaligen Fernhandel, wie zypriotische, mykenische und minoische Ware im Fundspektrum beweist.[91]
Palästinensische Altertümerverwaltung und internationale Partner

Der Gazaner Bauunternehmer Jawdat Khoudary interessierte sich seit 1986 für Altertümer, und während sein Betrieb im Lauf der Jahre als Partner von USAID zum größten Bauunternehmen in Palästina aufstieg, erhielt er von den Bauarbeitern interessante Fundstücke, auf die sie bei Ausschachtungen gestoßen waren. Seine Sammlung wuchs.[92] Im Jahr 1991 oder 1992 legten Khoudarys Arbeiter im Flüchtlingslager Nuseirat einen sehr gut erhaltenen spätantik-frühbyzantinischen Gebäudekomplex mit Marmorsäulen und Mosaikfußböden frei. Er war nach eigener Darstellung machtlos dagegen, dass zahlreiche Gazaner sich von der Baustelle holten, was immer sie tragen konnten. Zwar kaufte er ihnen ab, was möglich war, aber das meiste ging in den Antikenhandel. Schließlich wurde die israelische Altertümerverwaltung aufmerksam und begann zu Khoudarys Frustration mit einer Ausgrabung, die aus seiner Sicht nur die israelischen Magazine füllte.[93]
Infolge des Gaza-Jericho-Abkommens nahm die Palästinensische Autonomiebehörde 1994 ihre Arbeit auf. Sie richtete ein Ministerium für Altertümer und Tourismus ein. Theoretisch war es eine Institution; aufgrund der politischen Rahmenbedingungen arbeiteten die Sektionen im Westjordanland und im Gazastreifen weitgehend selbständig. Moain Sadeq wurde Direktor der Altertümerabteilung von Gaza. Im gleichen Jahr kam der Dominikaner Jean-Baptiste Humbert, Archäologe der École biblique et archéologique française de Jérusalem, nach Gaza. Eine langjährige Zusammenarbeit beider Institutionen nahm ihren Anfang, wobei der französische Partner technische und finanzielle Mittel beisteuerte. Es waren meist Rettungsgrabungen. Infolge des Bevölkerungswachstums im Gazastreifen boomte nämlich die Baubranche. Im Gegensatz zum Westjordanland waren Raubgrabungen und Antikenschmuggel im abgeriegelten Gazastreifen das geringere Problem.[94] Nach Etablierung der palästinensischen Altertümerverwaltung kooperierte Khoudary mit den Fachleuten und stellte ihnen, wenn nötig, seine Baumaschinen zur Verfügung. Wenn eine Rettungsgrabung unter großem Zeitdruck stattfand, ließ er den Bauaushub von seinen Lastwagen abtransportieren, damit dieser in Ruhe untersucht werden konnte.[95]
Die Kooperation zwischen Altertümerabteilung und École biblique in Gaza sah so aus: Die Altertümerabteilung überprüfte die Baustellen. Im Jahr 2008 gehörten 15 Mitarbeiter zum Team, die fast alle mindestens den Bachelorgrad in Archäologie an einer arabischen Universität erworben hatten; einer hatte einen Mastergrad und Sadeq als Leiter der Abteilung hatte an der Freien Universität Berlin promoviert. Darüber hinaus gehörten Fachleute für Restaurierung zur Altertümerabteilung, die ihre Ausbildung in Frankreich oder Tunesien erhalten hatten.[96] Die Ergebnisse der Baustellenbegehungen wurden mit den Fachleuten der École biblique diskutiert und dann entschieden, wo eine Ausgrabung lohnte. Dabei kam es zu schmerzhaften Entscheidungen: Im Jahr 2000 war ein Sportzentrum für die Jugend des asch-Schati'-Flüchtlingslagers geplant, und bei den Ausschachtungen stieß man auf ein hellenistisches Wohnhaus mit bemalten Wänden. Das war, so Jean-Baptiste Humbert, „eine wirklich wichtige Entdeckung mit Implikationen nicht nur für den Nahen Osten, sondern für den ganzen Mittelmeerraum.“[97] Nach langen Diskussionen entschieden die Stadtverwaltung und die Anwohner, auf das Sportzentrum zu verzichten.[98]

Der Tell es-Sakan befindet sich fünf Kilometer südwestlich von Gaza und wurde 1998 im Zuge von Bauarbeiten entdeckt. Die Rettungsgrabung begann, als schon ein großer Teil des Siedlungshügels abgebaggert war. Dieser Tell umfasst etwa fünf Hektar; die Siedlungsschichten, die teilweise neun Meter hoch erhalten waren, gehören ganz der Frühbronzezeit an. Das Fundspektrum ist in den älteren Schichten größtenteils ägyptisch. Die Ausgräber nehmen deshalb an, dass Tell es-Sakan im frühen 4. Jahrtausend (Frühbronze I) von Menschen aus dem Niltal angelegt wurde; ihre Siedlung umgaben sie mit Lehmziegelmauern, die von außen durch einen etwa zwei Meter hohen Erdwall geschützt waren. Damit ist Tell es-Sakan die älteste bekannte ägyptische Festung außerhalb des Niltals. Möglicherweise war der Ort im späten 4. Jahrtausend ein ägyptisches Verwaltungszentrum. Am Ende des 3. Jahrtausends wurde Tell es-Sakan wohl im Rahmen eines ägyptischen Rückzugs aus Palästina friedlich aufgegeben und blieb unbesiedelt, bis sich um 2650 v. Chr. (Frühbronze III) eine einheimische kanaanäische Bevölkerung hier ansiedelte. Das Fundspektrum dieser Stadt, die um 2350 v. Chr. aufgegeben wurde, zeigt keinen ägyptischen Einfluss mehr, wohl aber Kontakte ins Landesinnere Palästinas.[99]
Anfang 2014 machte eine wohlerhaltene Bronzestatue des Apollon weltweit Schlagzeilen.[100][101] Den veröffentlichten Fotos zufolge weist die Statue Ähnlichkeit mit dem Apollon von Piräus auf. Allein aufgrund von Fotos lässt sich nicht entscheiden, ob sie echt ist. Ein Fischer aus Nuseirat hatte die Statue nach eigenen Angaben aus dem Meer geborgen. Das allerdings ist wegen der Oxidation der Oberfläche unwahrscheinlich. Eine Fälschung wäre aufgrund der Gaza-Blockade sehr aufwendig gewesen, eine große Menge Kupfer hätte durch das Tunnelsystem aus Ägypten importiert werden müssen. Kurz wurde die Statue bei eBay angeboten und verschwand dann, angeblich in einem Magazin der Hamas. Gerüchten zufolge war die Statue bei Tunnelbauten der Hamas im Norden des Gazastreifens entdeckt worden und sollte auf dem Antikenmarkt verkauft werden. Durch eine Indiskretion sei der Fund öffentlich bekannt geworden.[102]
Erhaltung und Präsentation
In Israel

Eine Auswahl der anthropoiden Sarkophage aus Dēr el-Balah gehört zur Dauerausstellung des Israel-Museums. Im Jahr 2008 zeigte das Museum in einer Sonderausstellung sowohl herausragende Objekte aus Dothans Grabungen als auch zahlreiche Objekte aus den vorhergegangenen Raubgrabungen, die sich im Israel Museum sowie in verschiedenen Privatsammlungen (darunter derjenigen Moshe Dayans) befinden und sich Dēr el-Balah zuordnen lassen.[103]
In Palästina
Erschließung archäologischer Stätten

Die Palästinensische Altertümerbehörde strebte die pädagogische und touristische Entwicklung wichtiger archäologischer Stätten an – Israel hatte es vorgemacht. Im Gazastreifen war der Tourismus allerdings von geringer Bedeutung und seit 2007 (Gaza-Blockade) inexistent. Trotzdem wurden zwei spätantik-frühbyzantinische Klosteranlagen mit Schutzbauten versehen und so für die palästinensische Bevölkerung erschlossen: Tell Umm el-ʿAmr (Hilarionkloster, seit 2024 Weltkulturerbe) und al-Muchetim. Im Januar 2022 wurde die archäologische Stätte al-Muchetim nach dreijähriger Restaurierung in Anwesenheit von Hamas-Vertretern und Erzbischof Alexios von Tiberias der Öffentlichkeit übergeben. Ein Schutzbau überdeckte Kirche, Diakonikon und Baptisterium. Besucher konnten von hölzernen Laufstegen aus die Mosaiken betrachten. Zur Restaurierung hatte die französische Premiere Urgence Internationale rund 250.000 Dollar beigesteuert, auch das British Council hatte sich finanziell beteiligt.[104]
Von den Ausgrabungen Flinders Petries auf dem Tell al-ʿAdschūl (1930–1934) war schon Anfang der 1980er Jahre „so gut wie nichts“ mehr zu sehen: „Quer über den Tell wurde ein zusammenhängendes Stück Ackerland mit dem Trax planiert. Dadurch sind archäolog. Schichten angeschnitten und viel Scherben freigelegt worden.“[105] Die bedeutende archäologische Stätte war 2021 überbaut und muss als verloren gelten.[106]
Im Jahr 2017 ließ das Hamas-geführte Innenministerium von Gaza einen großen Teil des Grabungsgeländes des Tell es-Sakan für den Wohnungsbau und eine Militärbasis planieren. Aufgrund des Protests von Archäologen und der Gazaner Zivilgesellschaft wurden die Arbeiten eingestellt; rund ein Drittel des Tell war bereits zerstört.[107][108]
Langjährig schwierig war die Situation für die großflächige archäologische Stätte al-Balāchīya, wo seit 1995 gegraben wurde. Während der Jahre 2003–2005 war das Areal in einem sehr schlechten Zustand. Es wurde von offenen Abwasserkanälen durchzogen und diente als Mülldeponie. Die Entdeckung eines „bemalten Hauses“ aus hellenistischer Zeit wurde Anlass für eine neue Kampagne 2005.[109] Im Jahr 2012 wurde die Stätte als Hafen Anthedon auf die Tentativliste des UNESCO-Welterbes gesetzt.[110] Medienberichten zufolge wurde ein Teil des Geländes 2013 von Bulldozern planiert, um als militärisches Trainingsgelände der Hamas zu dienen. Im Zuge des Gazakriegs ab 2023 wurde al-Balāchīya durch israelisches Bombardement und nachfolgende Räumarbeiten mit Bulldozern vollständig zerstört.[111]
Ausstellungen
Im Juli 2000 fand im Institut du monde arabe in Paris eine kleine Ausstellung zur Archäologie im Gazastreifen statt: Gaza mediterranéenne. Anschließend wurde sie in anderen französischen Städten gezeigt. Dafür hatten Moain Sadeq und Jean-Baptiste Humbert 221 Objekte ausgewählt. Über Haifa wurden sie nach Paris verschifft. Im September 2000 begann die Zweite Intifada. Als Botschafterin der Palästinensischen Autonomiebehörde veranlasste Laila Shahid, dass die Exponate zu ihrer Sicherheit in Paris magaziniert wurden. So sollte eine Beschlagnahmung durch israelisches Militär verhindert werden.[112]
Im Jahr 2006 zeigte das Musée d’art et d’histoire in Genf eine Ausstellung zur Geschichte des Gazastreifens seit pharaonischer Zeit; die Leihgaben stammten aus dem Bestand der Gazaner Altertümerverwaltung und aus der Privatsammlung Jawdat Khoudarys.[113] Auf die Machtergreifung der Hamas 2007 reagierte Israel mit der Gaza-Blockade; infolgedessen blieben die Leihgaben in Genf, als Khoudarys privates Archäologiemuseum 2008 der Öffentlichkeit übergeben wurde.
Khoudary war es wichtig, ein eigenes Museum für seine Exponate zu haben und sie nicht im Stadtmuseum Gazas, dem ehemaligen Gouverneurspalast (Qasr al-Basha), zu zeigen. Hinter dem Stadtmuseum standen ja nur „fragile lokale Autoritäten.“[114] Die Exponate seines Museums wurden während der Operation Eiserne Schwerter verschüttet oder zerstört. Auch die Exponate der École biblique, die im Qasr al-Basha ausgestellt waren, müssen nach Zerstörung des Palastes wahrscheinlich als Kriegsverlust gelten.[115] Ein Highlight dieser Ausstellung war ein mit dem Motiv von Weinreben und Trauben verzierter Bleisarkophag aus der Nekropole von al-Balāchīya.[116] Der 2022 gefundene Kopf einer Kalksteinstatue der Göttin Anat war ebenfalls im Qasr al-Basha ausgestellt.[117] In Chan Yunis gab es das Al-Qarara Kulturmuseum (Privatsammlung Abu Lahia), das 3000 bronzezeitliche und jüngere Artefakte besaß. Die israelische Armee forderte zwar vorab zur Evakuierung auf, doch blieb keine Zeit, die Exponate vor dem Bombardement in Sicherheit zu bringen; von der Sammlung blieben nur Keramik- und Glasscherben übrig. Bereits in den ersten Kriegstagen wurde das Museum von Rafah, „das eine reiche Sammlung historischer Artefakte, Münzen, Kleidung und Schmuck“ besaß, durch israelisches Bombardement komplett zerstört.[118]
Magazinierung
Das Magazin der École biblique et archéologique française de Jérusalem, die größte archäologische Sammlung des Gazastreifens, befand sich seit 2005 bekanntermaßen im Erdgeschoss eines Hochhauses im Gazaner Stadtteil Rimal. Im Januar 2024 wurde es von israelischen Soldaten betreten; Gazaner Mitarbeiter berichteten danach über Schäden und Verluste.[119] Der Direktor der israelischen Altertümerverwaltung, Eli Eskozido, veröffentlichte in den sozialen Medien ein Video über die „Entdeckung“ dieser Altertümer durch israelische Soldaten.[120]
Am 10. September 2025 forderte ein Sprecher der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte die Bewohner des Wohnblocks zur Evakuierung auf. Die israelische Luftwaffe zerstörte in Vorbereitung der kompletten Einnahme von Gaza-Stadt planmäßig Hochhäuser. Die École biblique kontaktierte die französische Regierung, die zusammen mit der UNESCO und dem Lateinischen Patriarchat von Jerusalem einen mehrtägigen Aufschub der Bombardierung erwirkte, um das Magazin evakuieren zu können. Die wichtigsten Artefakte wurden in die katholische Kirche zur Heiligen Familie in der Altstadt von Gaza gebracht.[121]
Ausstellung in Frankreich

Von April bis Dezember 2025 zeigte das Institut du monde arabe in Paris die in Genf aufbewahrten Leihgaben aus Gaza sowie historische Fotografien unter dem Titel Trésors sauvés de Gaza. 5000 ans d’histoire.[122]
Literatur
- Helga Weippert: Palästina in vorhellenistischer Zeit. Mit einem Beitrag von Leo Mildenberg (= Handbuch der Archäologie, Vorderasien II, Band 1). Beck, München 1988.
- Götz Schmitt: Siedlungen Palästinas in griechisch-römischer Zeit: Ostjordanland, Negeb und (in Auswahl) Westjordanland (= Beihefte zum Tübinger Atlas des Vorderen Orients, Band 28). Reichert, Wiesbaden 1995, ISBN 3-88226-820-4.
- Pau Figueras: From Gaza to Pelusium: Materials for the Historical Geography of North Sinai and Southwestern Palestine (332 BCE – 640 CE). Ben-Gurion University of the Negev Press, Beer-Sheva 2000.
- Jean-Baptiste Humbert (Hrsg.): Gaza mediterranéenne: Histoire et archéologie en Palestine. Editions Errance, Paris 2000, ISBN 2-87772-196-5.
- Yizhar Hirschfeld: The Monasteries of Gaza: An Archaeological Review. In: Brouria Bitton-Ashkelony, Arieh Kofsky: Christian Gaza in Late Antiquity (= Jerusalem Studies in Religion and Culture, Band 3). Brill, Leiden / Boston 2004, S. 61–88.
- Gaza, à la croisée des civilisations. Band 1: Contexte archéologique et historique. Chaman Edition, Neuchâtel 2007, ISBN 978-2-9700435-5-3 (Inhaltsverzeichnis).
- Fareed Armaly: Crossroads and Contexts: Interviews on Archaeology in Gaza. In: Journal of Palestine Studies, Band 37/1 (2008), S. 43–81 (Online).
- Mamoun Fansa (Hrsg.): Gaza – Brücke zwischen Kulturen. 6000 Jahre Geschichte. Begleitschrift zur Sonderausstellung des Landesmuseums Natur und Mensch Oldenburg vom 31. Januar bis zum 5. April 2010, Philipp von Zabern, Mainz 2010, darin besonders:
- Christina Wawrzinek: Nomaden und blühende Städte – Gaza von den Anfängen bis zur Eroberung durch Alexander den Großen, S. 24–44;
- Karen Aydin: Unter fremder Herrschaft, S. 59–74.
- Moain Sadeq: An Overview of Iron Age Gaza in Light of the Archaeological Evidence. In: John R. Spencer, Robert A. Mullins, Aaron Brody (Hrsg.): Material Culture Matters. Essays on the Archaeology of the Southern Levant in Honor of Seymour Gitin. Eisenbrauns, Winona Lake 2014, S. 239–254.
- Jean-Baptiste Humbert: À Gaza, une archéologie abandonnée. In: Jens Kamlah, Achim Lichtenberger (Hrsg.): The Mediterranean Sea and the Southern Levant: Archaeological and Historical Perspectives from the Bronze Ages to Medieval Times (= Abhandlungen des Deutschen Palästina-Vereins, Band 48): Harrassowitz, Wiesbaden 2021, S. 185–244.
- Marino Ficco: Heritage under Siege: The Case of Gaza and a Mysterious Apollo. In: Public Archaeology, November 2023, S. 1–16.
- Wolfgang Zwickel: Gaza: Archaeology and History (= Ägypten und Altes Testament, Band 129). Ugarit-Verlag, Münster 2025, ISBN 978-3-96327-296-7 (im Druck).
Weblinks
- Israelische Altertümerverwaltung: Archive of the Department of Antiquities of Mandatory Palestine (1919–1948)
- Gaza, inventaire d’un patrimoine bombardé
- Hebräische Universität Jerusalem: A Digital Corpus of Early Christian Churches and Monasteries in the Holy Land
- American Society of Overseas Research: Levantine Ceramics Project (LCP)
- HAL open science: Gaelle Thévenin: Au carrefour du Levant. Gaza, des origines à la conquête romaine
- HAL open sience: Véronique Blanc-Bijon, Patrick Blanc: Discovery, Preservation, and Study of Mosaic Pavements in the Gaza Territory