Aridoamerika
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Aridoamerika bezeichnet eine ökologische und kulturelle Großregion in Nordamerika, die sich über Nordmexiko und den Südwesten der Vereinigten Staaten erstreckt. Der Begriff wurde 1943 vom Anthropologen Paul Kirchhoff eingeführt, um dieses durch Trockenheit geprägte Gebiet von der agrarisch geprägten Region Mesoamerika im Süden abzugrenzen.[1] Kennzeichnend für Aridoamerika ist das überwiegend wüstenhafte Klima mit sehr geringen Niederschlägen und daraus resultierend eine vorwiegend nomadische oder halbnomadische Lebensweise der vorkolonialen Bevölkerung. Trotz der unwirtlichen Bedingungen entwickelten sich dort eigenständige indigene Kulturen, während nur begrenzter Ackerbau möglich war. Trotz moderner Technologie und bescheidener Bewirtschaftung bleibt ein Großteil Aridoamerikas bis heute eine dünn besiedelte Ödlandregion, obwohl sich einige große Metropolen wie Phoenix oder Las Vegas innerhalb der Region befinden.

Geografie


Aridoamerika umfasst große Teile des nördlichen Mexiko (von den Wüsten Tamaulipas’ und Nuevo Leóns bis zur Baja California) sowie die angrenzenden Trockenregionen des Südwestens der USA (insbesondere Arizona, New Mexico, Nevada, Utah, West-Texas und Süd-Kalifornien).[1] Geographisch liegt das Gebiet zwischen der Sierra Madre Occidental im Westen und der Sierra Madre Oriental im Osten, die wie Klimabarrieren wirken. Dazwischen erstrecken sich weite Tafel- und Beckenlandschaften mit wüstenhaftem oder halbwüstenhaftem Charakter. Zu Aridoamerika zählen mehrere große Wüsten Nordamerikas – darunter die Sonora-Wüste und die Chihuahua-Wüste, letztere gilt mit 647.500 km² als die flächenmäßig größte Wüste des Kontinents.[2] Der nordwestlichste Teil von Aridoamerika wird von der Mojave-Wüste bedeckt. Topografisch gesehen ähnelt die Mojave-Wüste stark der Große-Becken-Wüste, die unmittelbar nördlich davon liegt.[3]
Das Klima ist extrem trocken; viele Landstriche erhalten im Jahresmittel unter 400 mm Niederschlag. Die Temperaturen erreichen im Sommer oft über 40 °C, während es aufgrund der geringen Luftfeuchtigkeit in den Nächten stark abkühlt und bis in den Frostbereich fallen kann. Die wenigen ganzjährig wasserführenden Flüsse – vor allem der Colorado River und der Río Grande – spielen eine entscheidende Rolle im ansonsten wasserarmen Gebiet und bilden teils auch natürliche Grenzen zwischen Mexiko und den USA innerhalb der Region.[1] Entlang dieser Flussläufe haben sich fruchtbarere Oasen gebildet, die für Mensch und Tier lebenswichtig sind. Insgesamt ist Aridoamerika durch eine ausgeprägte Ödland- und Wüstenökologie charakterisiert, die sich deutlich von den feuchten Tropen und Hochländern Mesoamerikas unterscheidet.
Politische Einteilung
Die folgenden mexikanischen Staaten liegen vollständig in Aridoamerika:
Der Nordteil der folgenden mexikanischen Bundesstaaten liegt in Aridoamerika:
Die südlichen Teile der folgenden US-amerikanischen Bundesstaaten liegt in Aridoamerika:
Flora und Fauna

Die Vegetation Aridoamerikas besteht hauptsächlich aus xerophytischen (trockenheitsangepassten) Pflanzen. Typisch sind Sukkulenten wie Kakteen und Agaven, die Wasser in ihren Geweben speichern, sowie tiefwurzelnde Sträucher und Dorngewächse (z. B. der Kreosotbusch). In den tieferen Lagen dominieren Wüstenpflanzengesellschaften mit Kakteenarten (etwa der Saguarokaktus in der Sonora-Wüste) und saisonal grünen Dornsträuchern.[1] In höher gelegenen oder etwas feuchteren Gebieten kommen auch Yucca-Pflanzen und vereinzelte Grasflächen vor. Die Artenvielfalt ist dabei bemerkenswert hoch – allein die Chihuahua-Wüste beherbergt schätzungsweise rund 3.000 Pflanzenarten, darunter über 500 verschiedene Kakteenarten (ein Drittel weltweit).[4]
Auch die Tierwelt hat sich an die lebensfeindlichen Bedingungen angepasst. Reptilien sind besonders artenreich (zahlreiche Eidechsen- und Klapperschlangen-Arten) und Insekten. Viele Säugetiere bleiben dagegen klein oder nachtaktiv. Weit verbreitet sind Nagetiere und Hasen (z. B. der Eselhase) sowie kleine Raubtiere wie der Kitfuchs und der Kojote. Größere Säuger sind seltener; Maultierhirsche, Gabelböcke (Pronghorn) und in den Gebirgszonen das Wüsten-Dickhornschaf gehören zu den wenigen größeren Wildtieren der Region. Die Vogelwelt umfasst spezialisierte Arten wie den Wegekuckuck (Roadrunner), der im Buschland nach Insekten und kleinen Echsen jagt, sowie Greifvögel wie den Steinadler, die über den offenen Ebenen nach Beute suchen. Insgesamt wurden in den Wüsten Aridoamerikas hunderte Wirbeltier-Arten nachgewiesen, für die Chihuahua-Wüste sind über 130 Säugetierarten und rund 500 Vogelarten dokumentiert.[1][2][4]
Kultur

Vor der Ankunft der Europäer war Aridoamerika nur dünn besiedelt. Eine Vielzahl indigener Völker lebte hier als nomadische oder halbnomadische Jäger und Sammler, da Ackerbau in dem extrem trockenen Klima kaum möglich war. Die Menschen nutzten die natürlichen Ressourcen der Wüste: Sie sammelten wild wachsende Nahrung wie Nopal-Kakteen (Feigenkaktus-Blätter und -Früchte), Agaven, Mesquite-Samen und Eicheln und jagten Kleintiere und Wild, um ihren Bedarf zu decken. Viele Gruppen wohnten zeitweise in Höhlen oder improvisierten Unterkünften und zogen je nach Jahreszeit den verfügbaren Ressourcen nach. Ihre Werkzeuge und Waffen waren vergleichsweise einfach, verwendet wurden etwa Steinaxt und Metate (Reibstein) zur Nahrungsbereitung sowie Bogen und Pfeil zur Jagd. Kontakte mit den sesshaften Kulturen Mesoamerikas bestanden jedoch durchaus (z. B. durch Handel).[5] Die mesoamerikanischen Völker der Azteken und Maya bezeichneten die nomadischen Wüstenstämme pauschal als „Chichimeken“, ein Nahuatl-Begriff, der allgemein für die nicht-sesshaften Völker Aridoamerikas stand. Entsprechend galten diese Gruppen aus Sicht der Hochkulturen und später der Spanier als unzivilisierte Barbaren, die keine festen Städte, keine Schrift und keine monumentalen Bauten besaßen. Die Spanier führten im 16. Jahrhundert nach ihrer Eroberung Zentralmexikos lange Kämpfe gegen die Chichimeken im Norden („Chichimekenkriege“), da diese dem Vorstoß in ihre Gebiete erbittert widerstanden.[6]
Trotz überwiegender Nomadisierung entwickelten sich in einigen Teilen Aridoamerikas auch komplexere Siedlungen. In Oasen- und Flusstälern des Nordens entstanden bereits in vorkolonialer Zeit halbsesshafte Ackerbaukulturen, die gewisse Einflüsse aus Mesoamerika aufwiesen. Archäologische Stätten wie Paquimé (Casas Grandes) im Norden des heutigen Bundesstaates Chihuahua oder die Felsensiedlungen von Mesa Verde (im heutigen Colorado) zeugen von dörflichen Gemeinschaften mit Bewässerungsfeldbau, keramischer Produktion und dauerhafter Architektur innerhalb der Wüstenregion.[7] Diese Kulturen werden zur Unterregion Oasisamérica gerechnet, da hier – begünstigt durch bessere Wasserverfügbarkeit – zwischen ca. 500 v. Chr. und 1500 n. Chr. eine weitgehend sesshafte Lebensweise mit Feldbau, festen Häusern (teils in Adobe-Bauweise) und Vorratshaltung möglich war. Zu den bekanntesten Oasiskulturen zählen die Anasazi (Ancestral Pueblo), Mogollon und Hohokam[1], die im Gebiet des heutigen Arizona/New Mexico bzw. im Norden Mexikos ansässig waren und teilweise hochentwickelte Technologien (wie Bewässerungssysteme und mehrstöckige Lehmziegelbauten) hervorbrachten.
Moderne Besiedlung und Urbanisierung
In der Gegenwart ist Aridoamerika politisch zwischen Mexiko und den USA aufgeteilt. Abseits einiger städtischer Ballungsräume bleibt die Region wegen des Klimas sehr dünn besiedelt. Große Wüstengebiete Nordmexikos (insbesondere in Chihuahua, Sonora, Coahuila und Baja California) sowie im US-amerikanischen Südwesten (v. a. Arizona, Nevada, Utah) weisen extrem niedrige Bevölkerungsdichten auf, da Wassermangel und Hitze die Ansiedlung erschweren. Mexikos Norden bleibt bis heute kaum besiedelt, während sich der Bevölkerungsschwerpunkt im fruchtbaren und feuchten Süden und Zentrum befindet.[8] Die vorhandene Bevölkerung konzentriert sich vor allem auf Oasen und Flusstäler sowie auf einige durch Infrastruktur begünstigte Standorte. Bedeutende heutige Städte sind meist an Wasserquellen oder Verkehrsachsen gelegen, Beispiele sind Hermosillo (Sonora) und Chihuahua-Stadt im nördlichen Mexiko oder Phoenix (Arizona) und Las Vegas (Nevada) in den USA. Insgesamt leben in den ariden Gebieten Aridoamerikas jedoch nur wenige Millionen Menschen. Allein die Chihuahua-Wüste wird auf rund 5 Millionen Einwohner geschätzt, vorwiegend konzentriert in Städten entlang des Río Grande an der mexikanisch-amerikanischen Grenze (z. B. die Zwillingsstädte Ciudad Juárez/El Paso).[4]
Wirtschaft
Wirtschaftlich sind diese Regionen geprägt durch Bewässerungslandwirtschaft in den wenigen geeigneten Lagen (Anbau z. B. von dürre-resistenten Kulturen wie Bohnen, Mais) und extensive Viehzucht (insbesondere die Haltung von Ziegen und Schafen). Außerdem spielen der Bergbau (Kupfer, Silber, Gold und Eisen) und die Erdöl-/Erdgasförderung an Ressourcenstandorten eine große Rolle, und in jüngerer Zeit gewinnt auch die Nutzung erneuerbarer Energie (Solar- und Windkraft in den sonnenreichen, windigen Wüsten) sowie der Tourismus an Bedeutung.[1]