Aripiprazol

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Aripiprazol ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der atypischen Neuroleptika und wird zur Behandlung von Schizophrenie sowie zur Behandlung und Rezidivprophylaxe manischer Störungen eingesetzt. Unter dem Handelsnamen Abilify wurde er 2004 europaweit für die orale Therapie zugelassen. Zulassungsinhaber ist Ōtsuka Pharmaceutical Co., Ltd. Abilify gehört zu den „Blockbuster-Medikamenten“ (Umsatz 2010 über sieben Mrd. Dollar).

Schnelle Fakten Strukturformel, Allgemeines ...
Strukturformel
Allgemeines
Freiname Aripiprazol
Andere Namen

7-{4-[4-(2,3-Dichlorphenyl)piperazin-1-yl]-butoxy}-3,4-dihydro-1H-chinolin-2-on (IUPAC)

Summenformel C23H27Cl2N3O2
Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer 129722-12-9
EG-Nummer (Listennummer) 603-355-5
ECHA-InfoCard 100.112.532
PubChem 60795
ChemSpider 54790
DrugBank DB01238
Wikidata Q411188
Arzneistoffangaben
ATC-Code

N05AX12

Wirkstoffklasse
Wirkmechanismus
  • D2-Rezeptor-Partialagonist
  • 5HT1A-Rezeptor-Partialagonist
  • 5HT2A-Rezeptor-Antagonist
Eigenschaften
Molare Masse 448,39 g·mol−1
Aggregatzustand

fest

Schmelzpunkt

139,0–139,5 °C[1]

Löslichkeit

0,02 mg·l−1 in Wasser[2]

Sicherheitshinweise
Bitte die Befreiung von der Kennzeichnungspflicht für Arzneimittel, Medizinprodukte, Kosmetika, Lebensmittel und Futtermittel beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung[3]

Gefahr

H- und P-Sätze H: 301
P: 264270301+312+330501[4]
Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen (0°C, 1000 hPa).
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Anwendungsgebiete

Aripiprazol ist indiziert zur Behandlung der Schizophrenie bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 15 Jahren, zur Behandlung von mäßigen bis schweren manischen Phasen der Bipolar-I-Störung bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 13 Jahren und zur Vorbeugung vor neuen manischen Episoden bei Erwachsenen.[5]

Off-Label (keine Zulassung) kann Aripiprazol als Ergänzung eingesetzt werden bei unipolarer Depression (schwere depressive Phasen ohne Manien im Krankheitsverlauf). In gleicher Weise findet es Verwendung bei autistischer Störung, Alzheimer-Krankheit mit Psychose sowie Trichotillomanie.[6]

Aripiprazol gilt als Therapie der ersten Wahl bei der Tic-Krankheit und beim Tourette-Syndrom. Bei letzterem ist Aripiprazol in den USA zugelassen.[7]

In niedriger Dosierung („low-dose Aripiprazole“, LDA) wird die Substanz off-label gegen ME/CFS eingesetzt. Die Datenlage dazu ist begrenzt.[8]

Für die Verabreichung gibt es Tabletten, Schmelztabletten, Lösung zum Einnehmen und Injektionslösung. Für die Erhaltungstherapie bei Schizophrenie bei erwachsenen Patienten, die stabil mit oralem Aripiprazol eingestellt sind, ist eine Depotform (Injektionssuspension für die intramuskuläre Anwendung) verfügbar.

Pharmakodynamische und pharmakokinetische Eigenschaften

Aripiprazol ist ein funktionell selektiver Ligand am Dopamin-D2-Rezeptor. Es wirkt an diesem Rezeptor als Partialagonist über das G-Protein Gαi/o, während es über den Gβγ-Signalweg als robuster Antagonist fungiert.[9] Am 5-HT2A-Rezeptor wirkt Aripiprazol als reiner Antagonist.[10] Zusätzlich aktiviert es den 5-HT1A-Rezeptor wiederum als Partialagonist.[11][12]

Aripiprazol besitzt eine Halbwertszeit von 60–80 Stunden. Eine maximale Plasmakonzentration wird nach etwa drei bis fünf Stunden erreicht.[10] Bei Depotpräparaten kommt es nach vier bis sieben Tagen zu maximaler Plasmakonzentration; das Steady state wird nach vier Dosen erreicht. Der Hauptmetabolit ist Dehydroaripiprazol.[13]

Die agonistische Wirkung nützt bei relativem Dopaminmangel im ZNS: Der etwa 30%ige Agonismus soll beispielsweise im Frontalhirn zum Tragen kommen.

Bei erhöhter Neurotransmission an D2-Rezeptoren, wie sie für Schizophrenie angenommen wird (Hypothese: Überangebot von Dopamin im limbischen System, u. a. für das Entstehen von Emotionen zuständig), nutzt man den antagonistischen Effekt an diesem Rezeptor („Dopaminhypothese“).

Klinische Wirksamkeit

Klinische Prüfung

Die europäische Zulassung beruht auf mehreren klinischen Studien:

  • Schizophrenie: Studien zeigten, dass Abilify bei der Behandlung von Symptomen von Schizophrenie mit standardisierten Bewertungsskalen (wie der Positive and Negative Syndrome Scale, PANSS) wirksam ist. In Studien mit 1203 Erwachsenen war Abilify bei der Symptomlinderung wirksamer als Placebo (Scheinmedikament). In einer weiteren Studie mit Erwachsenen war Abilify, um das Wiederauftreten der Symptome nach einem Jahr zu verhindern, genauso wirksam wie das Antipsychotikum Haloperidol. Abilify wurde außerdem an 302 Jugendlichen im Alter von 13 bis 17 Jahren untersucht, wobei die Ergebnisse zeigen, dass Abilify wirksamer als Placebo ist. Eine Studie an 544 Patienten, die wegen Unruhe und Verhaltensstörungen mittels Aripiprazol-Injektion behandelt wurden, zeigte, dass die Verbesserung über 24 Stunden größer als mit Placebo und ähnlich wie mit Haloperidol war.[14]
  • Bipolare Störung I: Studien zur bipolaren Störung I zeigten, dass Abilify bei der Behandlung manischer Episoden, unter Anwendung standardisierter Bewertungsmaßstäbe wie der Young-Mania Rating Scale (YMRS), wirksam ist. In vier von fünf Studien mit 1900 Erwachsenen war Abilify bei der Linderung manischer Symptome wirksamer als Placebo, wobei zwei dieser Studien zeigten, dass Abilify eine ähnliche Wirkung wie Haloperidol und Lithium hat. Andere Studien zeigten, dass Abilify wirksamer war als Placebo, um manische Episoden bei zuvor behandelten Erwachsenen bis zu 74 Wochen zu verhindern, und wenn es zusätzlich zur bestehenden Behandlung verwendet wurde. Eine Studie an 296 Kindern und Jugendlichen zeigte, dass Abilify bei Patienten ab 13 Jahren wirksamer war als Placebo, um manische Symptome zu mindern. Schließlich zeigte eine Studie mit 291 Patienten, die wegen Unruhe und Verhaltensstörungen mittels Aripiprazol-Injektion behandelt wurden, dass nach zwei Stunden die Verbesserung unter Abilify größer als unter Placebo und ähnlich wie mit Lorazepam war.[14]

Reviews

In der Behandlung der Schizophrenie zeigte sich Aripiprazol ähnlich gut wirksam wie andere Antipsychotika. Das Sicherheitsprofil war, bezogen auf metabolische Veränderungen im Vergleich mit Clozapin, Risperidon und Olanzapin sowie auf extrapyramidale Nebenwirkungen im Vergleich mit typischen Antipsychotika und Risperidon, günstiger.[15] Außerhalb der Schizophreniebehandlung zeigte sich Aripiprazol unter den Zweite-Generation-Antipsychotika als wirksamste Substanz bei der bipolaren Manie und dem Tourette-Syndrom.[16]

Unerwünschte Wirkungen

Zu den unerwünschten Wirkungen zählen extrapyramidal-motorische Störungen, die allerdings nur relativ gering auftreten.[6] Die Häufigkeit von Spätdyskinesien lässt sich noch nicht beurteilen. Es wird vermutet, dass bei Atypika im Vergleich zu älteren Präparaten ein geringeres Risiko besteht, was allerdings nicht belegt ist.

In Einzelfällen wurde von einer Verschlimmerung psychotischer Symptome berichtet. Diese Störwirkung wird ebenfalls mit dem besonderen Wirkmechanismus von Aripiprazol in Verbindung gebracht.[17][18]

Weiterhin können folgende Nebenwirkungen auftreten:

Bei älteren Patienten mit Demenz führt Aripiprazol wie wohl alle Antipsychotika zu erhöhter Sterblichkeit; deshalb soll es diesen Patienten nur strikt und bei Fehlen einer Alternative verschrieben werden.[28][6]

Schwangerschaft und Stillzeit

Abruptes (plötzliches) Absetzen einer bestehenden und wirksamen antipsychotischen Therapie sollte wegen des Rückfallrisikos bei Eintreten einer Schwangerschaft vermieden werden. Jüngste Daten zeigen für Gabe von Aripiprazol in der Schwangerschaft kein erhöhtes Risiko für das Ungeborene. Eine Studie mit über 9000 Schwangerschaften, bei denen 1756 Patientinnen Aripiprazol bekamen, zeigte kein erhöhtes Fehlbildungsrisiko beim Kind. Die Leitlinie Schizophrenie empfiehlt jedoch bei Verordnung eines Antipsychotikums in der Schwangerschaft Olanzapin, Risperidon und Quetiapin.

Aripiprazol scheint nur in geringem Maße in die Muttermilch überzugehen. Allerdings nimmt unter Aripiprazol die Milchproduktion ab. Eine Studie zeigte vermehrte Sprach- und Sprechstörungen und Verhaltensauffälligkeiten bei gestillten Kindern.[6] In der Stillperiode gilt Quetiapin als atypisches Antipsychotikum der Wahl.[6] Stillen ist bei Monotherapie und guter Beobachtung des Kindes laut Embryotox unter Vorbehalt akzeptabel.[29]

Aripiprazol mit Sensor

Im November 2017 erhielt Otsuka Pharmaceutical von der US-amerikanischen Zulassungsbehörde (FDA) für die USA die Zulassung von Aripiprazol mit einem Sensor: Abilify MyCite. Die Tabletten enthalten einen eingebetteten Sensor, der aufzeichnet, dass das Medikament eingenommen wurde und sich im Magen aufgelöst hat. Der Sensor sendet bei Verdauung eine Nachricht an ein tragbares Pflaster. Das Pflaster überträgt die Informationen beispielsweise an ein Smartphone, so dass der Patient die Einnahme auf einem digitalen Medium verfolgen kann. Die FDA betont, dass die Fähigkeit von Abilify MyCite – die Einhaltung der Behandlungsvorgaben durch die Patienten zu verbessern – nicht nachgewiesen wurde. Die Sensortechnologie stammt von Proteus Digital Health.[30]

Siehe auch

Handelsnamen

Abilify (EU, USA), viele Generika. Abilify MyCite (USA)

Depotpräparate: Abilify Maintena (EU)

Bewertung

Im Vergleich zu anderen atypischen Antipsychotika kommt es nur zu geringer Sedierung (Ermüdung), und allenfalls gelegentlicher Gewichtszunahme. Es ist relativ hohes Risiko für Akathisien und Unruhe beschrieben. Aripiprazol kann auch zusammen mit Antidepressiva eingesetzt werden (niedrigere Dosis), und zusammen mit anderen Antipsychotika, um bessere Wirksamkeit, Verminderung des Gewichtsanstieges und von Hyperprolaktinämie (vermehrte Milchproduktion bei Stillenden) zu erreichen.[6]

In einer Stellungnahme im Jahr 2010 beschieden die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und die deutsche KBV Aripiprazol keine bessere Wirksamkeit im Vergleich zu kostengünstigen typischen und anderen atypischen Antipsychotika.[31]

Anmerkungen

  1. „Die Häufigkeit von berichteten unerwünschten Wirkungen bei der Anwendung nach Markteinführung kann nicht bestimmt werden, da sie aus Spontanmeldungen stammen. Folglich wird die Häufigkeit dieser Nebenwirkungen als "nicht bekannt" bezeichnet.“

Einzelnachweise

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