Armut in Indien

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Armut in Indien ist weitverbreitet und ein erhebliches Problem. Mit einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von ca. 2500 US-Dollar wurde Indien 2024 von der Weltbank zu den Ländern mit unterem mittleren Einkommen gezählt.[1] Nach seiner Unabhängigkeit 1947 hatte Indien lange den Status als eines der ärmsten Länder der Welt und war für eine Zeit lang das Land mit den meisten Menschen in extremer Armut weltweit. Durch eine beschleunigte Wirtschaftsentwicklung seit den 1990er Jahren hat Indien die extremsten Formen von Armut zurückdrängen können und hunderte Millionen Menschen konnten in die aufstrebende Mittelschicht aufsteigen. Die Armutsquote in Indien variiert je nach Definition und Quelle, jedoch zeigen alle Messweisen einen beständigen Rückgang der Armut. So lag der Anteil der Inder mit einem Tageseinkommen von unter 3 US-Dollar (in Kaufkraftparität) pro Tag 2022 noch bei ca. 5 Prozent, nachdem er Anfang der 1990er Jahre noch bei ca. 50 Prozent gelegen hatte.[2] Auch andere soziale Indikatoren wie die Kindersterblichkeit, Analphabetismus und Unterernährung haben sich kontinuierlich verbessert. Allerdings ist relative Armut weiterhin sehr verbreitet und 2022 lebten weiterhin vier Fünftel der Bevölkerung von weniger als 8 US-Dollar pro Tag.[3] So sind prekäre Lebensverhältnisse üblich, mit Problemen wie Unterbeschäftigung, Obdachlosigkeit und niedrigem Bildungsstand. Große Teile der Bevölkerung haben außerdem noch nicht ausreichend am Wirtschaftsaufschwung partizipieren können und die soziale Ungleichheit gilt als sehr hoch (teilweise beruhend auf uralten Kastenverhältnissen).[4]

Lebensverhältnisse im Slum Dharavi von Mumbai (2016)

Geschichte

Armut hat in Indien tiefe historische Wurzeln. Das traditionelle Kastensystem führte dazu, dass Angehörige niederer Kasten (z. B. Dalit/„Unberührbare“) systematisch in Armut gehalten und sozial ausgegrenzt wurden.[5] Bereits vor der Kolonialzeit gab es hierarchische Ungleichheit, doch die britische Kolonialherrschaft verschärfte die ökonomische Verelendung. Indien wurde von einer bedeutenden Exportwirtschaft für Fertigwaren zu einem Rohstofflieferanten degradiert, und die einheimische Industrie wurde weitgehend zerstört. Der Anteil Indiens an der Weltwirtschaft schrumpfte unter britischer Herrschaft dramatisch, von rund 27 % um 1700 auf nur noch etwa 3 % im Jahr 1950[6] und das Land erlebte mehrere schwere Hungersnöte mit Millionen Toten, darunter die letzte in Bengalen während des Zweiten Weltkriegs.[7]

Mit dem Abzug der Briten und der Teilung Indiens 1947 erlebte das Land Massenvertreibungen mit der Ankunft von Millionen Flüchtlingen. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit gehörte Indien zu den ärmsten Ländern der Welt. Pro Kopf lag die Wirtschaftsleistung um 1950 bei weniger als 100 US-Dollar[8] und die Bevölkerung wuchs rasant. Die erste Regierung unter Jawaharlal Nehru reagierte mit einem Industrialisierungsprogramm, ersten Sozialmaßnahmen und Maßnahmen zur Geburtenkontrolle. Ein großer Erfolg der frühen Jahre war die Zurückdrängung des Hungers durch die Grüne Revolution ab den 1960er Jahren, trotz Bevölkerungswachstum blieben befürchtete Hungersnöte aus. Doch das Wirtschaftswachstum blieb moderat und die frühen Regierungen setzten vorwiegend auf zentralisierte Planung und Protektionismus (Lizenzwirtschaft). Entsprechend ging die Armutsquote zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren nur sehr langsam zurück, Indien blieb überwiegend agrarisch und arm.[9]

Erst ab den 1970er-Jahren ist ein klarer Abwärtstrend erkennbar, der sich nach den Wirtschaftsreformen von 1991 deutlich beschleunigte.[9] Während in den frühen 1990er-Jahren Schätzungen zufolge noch fast die Hälfte der Bevölkerung in Armut lebte, sank die Armutsrate bis 2011/12 auf 21,9 %.[10] Laut Weltbank lebten 2011 noch über 16 % der Inder in extremer Armut (weniger als $2,15 pro Tag), wohingegen dieser Anteil bis 2022/23 auf rund 2,3 % sank. Innerhalb eines Jahrzehnts konnten etwa 170 Millionen Menschen der extremen Einkommensarmut entkommen.[11] Indien konnte so neben der Volksrepublik China maßgeblich zum Rückgang der globalen Armut beitragen. Gestützt wurde dieser Armutsrückgang neben einem robusten Wirtschaftswachstum auch durch aktive Maßnahmen der Regierung zur Armutsbekämpfung.[12]

Verbreitung von Armut

Armutsentwicklung in Indien

War Indien um die Jahrtausendwende noch Heimat des größten Anteils der Weltarmut, so liegt die Zahl der extrem Armen heute Schätzungen zufolge bei nur noch einigen Dutzend Millionen. Ein ähnlicher Trend zeigt sich in multidimensionalen Armutsindikatoren: 2005 galten noch über 640 Millionen Inder als „multidimensional arm“ (unter anderem mangelhafte Versorgung in Bereichen Gesundheit, Bildung, Lebensstandard), wohingegen innerhalb von zehn Jahren etwa 273 Millionen Menschen diese Form der Armut überwinden konnten. Bis 2015 war der Anteil der multidimensional Armen damit von über der Hälfte auf rund 27 % der Bevölkerung gesunken.[12] Trotz dieser Erfolge weist Indien aufgrund seiner Bevölkerung weiterhin eine der größten absoluten Zahlen armer Menschen weltweit auf. Außerdem leben viele Menschen knapp oberhalb der Armutsgrenze, sodass sie bei wirtschaftlichen Krisen oder Inflation wieder in Armut fallen können. Insgesamt ist jedoch der Armutstrend eindeutig rückläufig: sowohl die Einkommensarmut als auch Maße der Lebensarmut haben seit den 1990er-Jahren kontinuierlich abgenommen.

Weitere Informationen Jahr, Anteil unter 3,00 $ ...
Armutsentwicklung in Indien (nach Tageseinkommen in Int. Dollar)
Jahr Anteil
unter 3,00 $[2]
Anteil
unter 4,20 $[13]
Anteil
unter 8,30 $[3]
1977 59,7 % 82,9 % 97,4 %
1983 50,9 % 78,0 % 97,2 %
1987 51,8 % 78,7 % 97,0 %
1993 47,5 % 76,2 % 97,3 %
2004 46,4 % 74,5 % 96,3 %
2009 34,6 % 66,1 % 95,0 %
2011 27,1 % 57,7 % 92,5 %
2022 5,3 % 23,9 % 82,1 %
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Hunger

Die Ernährungssicherheit ist in Indien seit jeher ein wichtiges Thema. Im Jahr 2022 belegte Indien im Global Food Security Index unter 113 wichtigen Ländern den 68. Platz in Bezug auf die Ernährungssicherheit.[14] 2024 waren weiterhin knapp 200 Millionen Inder (ca. 15 %) unterernährt[15], der weltweit höchste Wert in der Gesamtzahl und vergleichbar mit vielen afrikanischen Ländern beim Anteil. Ein großes Problem ist außerdem Untergewicht bei Säuglingen und Kleinkindern und 2024 waren immer noch ein Drittel der Kinder chronisch unterernährt[16], mit negativen Einflüssen auf Kindesentwicklung und Kindersterblichkeit (in Indien deutlich höher als in den Industrieländern).[17] Um das Grundrecht der Bürger auf zugängliche und erschwingliche Lebensmittel zu gewährleisten, hat das Parlament Indiens 2013 den National Food Security Act verabschiedet. Dieses Gesetz, auch bekannt als Right to Food Act, zielt darauf ab, etwa zwei Drittel der 1,3 Milliarden Einwohner Indiens mit subventionierten Getreideprodukten zu versorgen.[18]

Obdachlosigkeit

Obdachlosigkeit ist ein erhebliches soziales Problem in indischen Städten. Die Volkszählung 2011 erfasste 1,7 Millionen Obdachlose in Indien, wobei die tatsächliche Zahl noch deutlich höher liegen dürfte.[19] Daneben sollen Millionen Straßenkinder unter prekären Bedingungen in Indien leben.[20] In Mumbai und Bangalore wird ihre Zahl auf über 100.000 geschätzt und in Kalkutta auf knapp 85.000.[21]

Demografische und regionale Unterschiede

Armutsrate in indischen Bundesstaaten (2012)

Die Verbreitung von Armut variiert in Indien stark nach Region, sozialer Gruppe und Siedlungsraum. Regional zeigt sich ein deutliches Gefälle zwischen einzelnen Bundesstaaten. In wirtschaftlich rückständigeren Bundesstaaten Nord- und Ostindiens ist die Armutsquote traditionell am höchsten. So lag 2011/12 der Anteil der Menschen unter der Armutsgrenze in Bundesstaaten wie Chhattisgarh (39,9 %), Jharkhand (36,9 %), Bihar (33,5 %) oder Odisha (ca. 33 %) weit über dem Landesdurchschnitt. Dagegen wiesen vergleichsweise wohlhabende Regionen wie Goa (5,1 %), Kerala (7,1 %) oder Punjab und Himachal Pradesh (jeweils ca. 8 %) geringere Armutsraten auf.[10] Allgemein weist Südindien bessere Sozialindikatoren auf als große Teile des Nordens und Ostens. Einige bevölkerungsreiche Bundesstaaten konzentrieren einen Großteil der armen Bevölkerung: 2011 lebten etwa 65 % der extrem armen Inder in nur fünf Bundesstaaten (Uttar Pradesh, Bihar, Maharashtra, Westbengalen und Madhya Pradesh). Diese Regionen haben jedoch in den letzten Jahren auch überproportional zur Armutsreduktion beigetragen, bis 2022 ging ihr Anteil an der Gesamtarmut auf 54 % zurück.[11]

Soziale Unterschiede (Kaste/Stamm) spielen ebenfalls eine große Rolle. Historisch benachteiligte Gruppen wie die Dalit und besonders die Adivasi (Angehörige der indigenen Stammesbevölkerung) sind deutlich häufiger von Armut betroffen als höhere Kasten. Ein großer Teil der Armen gehören Untersuchungen zufolge selbst benachteiligten Kasten oder Stämmen an. Laut dem Multidimensional Poverty Index von 2021 lag die Armutsquote bei den Scheduled Tribes (Adivasi) bei 50,6 %, bei den Scheduled Castes (Dalits) bei 33,3 %, während sie in der übrigen („höherkastigen“) Bevölkerung nur 15,6 % betrug.[22] Kastendiskriminierung ist besonders stark verbreitet in einigen konservativ geprägten Bundesstaaten wie Bihar in Nordindien, was dort die soziale Entwicklung behindert.[23] Auch die muslimische Bevölkerung von Indien gilt als ökonomisch benachteiligt und ist überdurchschnittlich häufig von Armut und Analphabetismus betroffen.[24] Die Alphabetisierungsrate von Christen, Sikhs und Buddhisten ist dagegen höher als die der Hindus.[25]

Die Armut ist in ländlichen Gebieten Indiens tendenziell stärker verbreitet als in den Städten. Im Jahr 2011 lag die Armutsquote auf dem Land bei 25,7 %, während in den urbanen Zentren 13,7 % der Menschen als arm galten.[10] Armut konzentriert sich also überproportional in den ländlichen Regionen, wo Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und formellen Arbeitsplätzen oft eingeschränkt ist. Allerdings hat auch hier ein Aufholprozess eingesetzt: Bis 2022 sank die Extreme-Armut-Rate auf dem Land auf geschätzte 2,8 %, in den Städten auf 1,1 %.[11] Während die Einkommenschancen in Städten besser sind, ist die soziale Ungleichheit sehr hoch. So hat der starke Zustrom vom Land zur Bildung von Slums geführt, in denen 2020 knapp die Hälfte aller Stadtbewohner Indiens lebten.[26] So wurde das Stadtviertel Dharavi von Mumbai als das größte Armenviertel Asiens bezeichnet.[27]

Kampf gegen die Armut

Die Bekämpfung der Armut ist seit Jahrzehnten ein zentrales politisches Ziel in Indien. Bereits in den 1950er und 1960er Jahren startete die Regierung Landreformen und ländliche Entwicklungsprogramme, um die Lebensbedingungen der Landbevölkerung zu verbessern. In den 1970er Jahren rückte das Thema mit Premierministerin Indira Gandhis Slogan „Garibi Hatao“ („Schafft die Armut ab“) ins Zentrum der Politik.[28] Es wurden umfangreiche Armutsbekämpfungsprogramme eingeführt, etwa subventionierte Kredite und Beschäftigungsprogramme für Arme in ländlichen Gebieten. Seit den 1980er Jahren und verstärkt in den 2000ern hat Indien schrittweise ein breiteres Sozialschutz-System aufgebaut. Besonders bedeutsam war die Einführung eines ländlichen Beschäftigungssicherungs-Gesetzes (MGNREGA) im Jahr 2005, das jeder ländlichen Familie 100 Tage bezahlter Arbeit pro Jahr garantiert.[29] Dieses Programm gilt als eines der größten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen weltweit und hat das Einkommen vieler armer Haushalte erhöht sowie den Aufbau von Infrastruktur in Dörfern gefördert.[12]

Auch das Public Distribution System (PDS), ein staatliches Verteilungssystem für günstige Grundnahrungsmittel, spielt eine wichtige Rolle. Durch subventionierte Lebensmittelrationen über das PDS und verwandte Sozialprogramme konnten Hunger und extreme Not gelindert und die Armutsquoten besonders in ländlichen Regionen gesenkt werden. Darüber hinaus hat die Regierung zahlreiche weitere Initiativen gestartet, um ein soziales Sicherungsnetz zu knüpfen. Hierzu zählen unter anderem kostenlose Schulspeisungen, ländliche Gesundheitsprogramme, Wohnungsbau für Einkommensschwache und direkte Einkommensübertragungen. In den 2010er Jahren wurde durch die BJP-geführte Regierung Narendra Modis mit der Pradhan Mantri Jan Dhan Yojana eine landesweite Finanzinklusions-Offensive durchgeführt, durch die Hunderte Millionen Bürger ohne Zugang zum Finanzsystem ein Bankkonto erhielten. Zugleich etablierte Indien mit der Aadhaar-ID ein biometrisches Ausweissystem, das in Verbindung mit Direct Benefit Transfer (DBT) Verfahren dazu dient, Sozialleistungen ohne Umwege direkt an die Berechtigten auszuzahlen.[12]

Insgesamt ist das Sozialsystem in Indien allerdings noch rudimentär und ein großer Teil der Bevölkerung arbeitet in informellen Verhältnissen (Landarbeiter, Tagelöhner) ohne Renten- oder Sozialansprüche. Mitte der 2020er Jahre lag der Anteil des informellen Sektors immer noch bei weit über 80 Prozent aller Arbeitskräfte.[30]

Einzelnachweise

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