Arthur von Seelstrang

preußischer Vermessungsingenieur, Mathematiker und Professor From Wikipedia, the free encyclopedia

Arthur von Seelstrang, auch Arturo Seelstrang (* 24. oder 23. Mai 1838 in Tzulkinnen (Kreis Gumbinnen) in Ostpreußen; † 28. November 1896 in Córdoba in Argentinien), war ein deutscher Vermessungsingenieur, Mathematiker und Hochschullehrer.

Porträt von Arthur von Seelstrang, 1884

Leben

Herkunft und militärische Laufbahn

Arthur von Seelstrang entstammte dem ostpreußischen Adel.

Er diente vier Jahre lang als Offizier im 2. Garderegiment zu Fuß. Dieses in Berlin stationierte Regiment gehörte zur Garde-Infanterie.[1]

Auswanderung nach Argentinien

Im Jahre 1863 gab er seine militärische Karriere auf und wanderte nach Argentinien aus. Die Gründe für diese Entscheidung sind nicht überliefert.

Argentinien befand sich zu dieser Zeit in einer Phase intensiver Modernisierung und Expansion. Nach Jahrzehnten innerer Konflikte zwischen Unitariern und Föderalisten hatte das Land unter Präsident Bartolomé Mitre begonnen, sich zu konsolidieren. Die argentinische Regierung verfolgte eine aktive Einwanderungspolitik, um das dünn besiedelte Land zu erschließen und europäisches Wissen ins Land zu holen. Besonders deutsche Einwanderer waren wegen ihrer technischen Fähigkeiten und ihrer Arbeitsmoral geschätzt.

1863 schloss er sein Studium an der Universität von Córdoba als Ingenieur ab, womit er einer der ersten war, die diesen Titel an der Universität erlangten.[2]

Tätigkeit als Landvermesser und Eisenbahningenieur

Neuer Stadtplan von Montevideo, 1865

Nach Beendigung seines Studiums widmete sich von Seelstrang topografischen Vermessungen für verschiedene Eisenbahngesellschaften; unter anderem leitete er die Arbeiten um den Bau des Streckenabschnitts nach Totoralejos im Nordwesten der Provinz Córdoba für die staatliche Eisenbahngesellschaft Ferrocarril Central Norte.

1865 erstellte er einen Stadtplan von Montevideo in Uruguay.[3]

Diese Tätigkeit als Landvermesser war von großer Bedeutung für die territoriale Erschließung des Landes. Die argentinische Pampa musste vermessen, parzelliert und kartographiert werden, um sie wirtschaftlich nutzbar zu machen. Diese Arbeit erforderte nicht nur mathematische Kenntnisse und technisches Geschick, sondern auch körperliche Belastbarkeit und die Fähigkeit, unter primitiven Bedingungen in entlegenen Gebieten zu arbeiten.

Die Landvermessung stand im Zentrum der argentinischen Expansionspolitik jener Jahre. Die sogenannte Conquista del Desierto (Eroberung der Wüste), eine Bezeichnung für die gewaltsame Unterwerfung der indigenen Bevölkerung, schuf die Voraussetzungen für die Ausdehnung der Siedlungsgebiete europäischer Einwanderer und ihrer Nachkommen. Vermesser wie von Seelstrang leisteten die Pionierarbeit für diese Expansion; sie erfassten das Land kartographisch und schufen die Grundlagen für die spätere Landverteilung.

Präsident Nicolás Avellaneda beauftragte Seelstrang am 29. März 1875 gemeinsam mit Oberst Manuel Obligado (1838–1896) und dem politischen Leiter Don Aurelio Díaz mit der Erkundung des Chaco-Territoriums, genauer gesagt des Abschnitts zwischen der Mündung des Arroyo El Rey und der Mündung des Río Bermejo. Ziel der Kommission, der sich später auch der Landvermesser Enrique Foster (1842–1916) anschloss, war die Standortsuche für künftige Stadtgründungen. Das Team zeichnete letztlich für die städtebauliche Planung von Resistencia verantwortlich, der Hauptstadt der Provinz Chaco.

In dieser Zeit erwarb von Seelstrang praktische Kenntnisse der argentinischen Geographie. Die jahrelange Feldarbeit vermittelte ihm einen unmittelbaren Einblick in die topographischen, klimatischen und geologischen Verhältnisse des Landes.

Das Jahr 1875 markierte den Beginn einer gezielten kartografischen Expansion Argentiniens über den Río Negro hinaus nach Patagonien – initiiert durch einen strategischen Regierungsauftrag. Im Vorfeld der Weltausstellung 1876 in Philadelphia beauftragte die nationale Vorbereitungskommission das Ingenieursbüro von Arthur von Seelstrang und Alfred Tourmente mit der Erstellung einer Wandkarte. Dieser offizielle Auftrag verfolgte ein klares Ziel: Die nationale Delegation sollte auf internationaler Bühne mit einer weitreichenden territorialen Präsenz repräsentiert werden. Die Kartografen setzten diese staatliche Vorgabe präzise um, indem sie Patagonien mit einer durchgehenden Linie in das Staatsgebiet integrierten. Damit schufen sie im Auftrag der Regierung jene Silhouette, die den heutigen Umrissen Argentiniens bereits gleicht.[4]

Als Arthur von Seelstrang 1875 in der Kolonie Las Palmas nahe dem Fluss Quiá auf historische Ruinen stieß, vermutete er dahinter die Überreste einer bis heute unidentifizierten spanischen Stadt.

Am 31. Mai 1876 legte er der Nationalregierung seinen Abschlussbericht vor. Darin bezeichnete er den traditionell als San Fernando bekannten Ort erstmals offiziell als Resistencia. Mit diesem ausdrücklichen Vorschlag Seelstrangs fand der Name Einzug in die staatlichen Dokumente und avancierte später zur endgültigen Bezeichnung der chacoanischen Hauptstadt.

Akademische Karriere in Córdoba und staatliche Aufträge

In Ausübung seiner Funktion als Chefingenieur kam von Seelstrang mit den Professoren der Fakultät für Physikalisch-Mathematische Wissenschaften der Universidad Nacional de Córdoba in Kontakt. Diese schlugen ihn für die Professur im Fach Topografie vor. Im Jahr 1880 wurde er an die Universidad Nacional de Córdoba berufen und erhielt im selben Jahr die Ehrendoktorwürde (Doctor Honoris Causa); später war er auch Dekan der Fakultät. Diese Berufung erfolgte zu einem Zeitpunkt, als Argentinien unter Präsident Julio Argentino Roca eine Phase wirtschaftlichen Aufschwungs erlebte und seine Bildungsinstitutionen modernisierte. Die Berufung eines deutschen Mathematikers mit praktischer Erfahrung in der Landvermessung entsprach dem Bestreben, die naturwissenschaftlichen Fakultäten zu stärken und den Anschluss an internationale Standards zu finden.

Als Professor für Mathematik und Topografie trug von Seelstrang zur Ausbildung einer neuen Generation argentinischer Ingenieure, Vermesser und Wissenschaftler bei. Die Mathematik bildete die Grundlage für die technischen Disziplinen, die das Land für seine Entwicklung dringend benötigte. Seine Lehrtätigkeit verband theoretisches Wissen mit praktischer Anwendung.

Von 1886 bis 1888 führte er den argentinischen Teil der Grenzkommission zur Beilegung der Misiones-Grenzstreitigkeiten mit Brasilien. Für diesen Einsatz wurde er in den Rang eines Obersten befördert.

Zu seinen Kollegen an der Hochschule in Cordóba gehörte unter anderem Fritz Kurtz.

Mitgliedschaften in wissenschaftlichen Institutionen

1880 wurde Arturo Seelstrang zum Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften (Academia Nacional de Ciencias) ernannt und trat zwei Jahre später als Vorstandsmitglied in deren Leitungsgremium ein. Diese Position bekleidete er bis zu seinem Tod. Darüber hinaus war er Mitglied des späteren Argentinischen Geografischen Instituts (Instituto Geográfico Argentino).

Im Herbst 1884 wurde er zum Ehrenmitglied der Geographischen Gesellschaft Bremen ernannt.

Rolle bei der Argentinischen Ausstellung in Bremen 1884

Im Jahre 1884 übernahm von Seelstrang eine diplomatisch-kulturelle Mission: Als Generalkommissar[5] der argentinischen Regierung leitete er die von der Geographischen Gesellschaft in Bremen veranstaltete argentinische Ausstellung. Diese Ausstellung war Teil der intensiven Bemühungen Argentiniens, europäisches Kapital und weitere Einwanderer anzuziehen.

Bremen, als bedeutende Hafenstadt und Zentrum des deutschen Überseehandels, war ein strategisch gewählter Ort für eine solche Präsentation. Die Ausstellung sollte die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die natürlichen Ressourcen und die Entwicklungspotenziale Argentiniens einem deutschen Publikum vor Augen führen.

Wissenschaftliche Publikationen

In den Jahren 1884 bis 1887 veröffentlichte von Seelstrang mehrere Aufsätze über Argentinien und Patagonien, die sein praktisches Wissen und seine wissenschaftlichen Beobachtungen einem Fachpublikum zugänglich machten. Diese Publikationen erschienen in einer Zeit intensiven internationalen Interesses an Südamerika, als europäische Geographen, Naturforscher und Ethnologen die noch wenig erforschten Regionen des Kontinents zu dokumentieren suchten.

Patagonien, jene riesige, dünn besiedelte Region im Süden Argentiniens, übte eine besondere Faszination auf die europäische Wissenschaft aus. Die Region war erst kurz zuvor durch die Conquista del Desierto unter argentinische Kontrolle gebracht worden und war geographisch noch weitgehend unerschlossen. Von Seelstrangs Beiträge zu diesem Thema dürften auf eigenen Beobachtungen während seiner Vermessungstätigkeit beruht haben und trugen zur wissenschaftlichen Erschließung dieser Region bei.

Seine Aufsätze erschienen vermutlich in deutschen und argentinischen Fachzeitschriften und dienten sowohl der wissenschaftlichen Dokumentation als auch der Werbung für Argentinien als Einwanderungsland.

Kartographische Werke

Die Karte des argentinischen Geografieinstituts von 1885, gezeichnet von Seelstrang, zeigt den Beagle-Kanal samt seinen Grenzen sowie den Antarktischen Ozean

Von Seelstrangs bedeutendstes wissenschaftliches Projekt war zweifellos der Atlas de la República Argentina, dessen Herausgabe er ab 1886 leitete. Dieses Kartographieunternehmen sollte erstmals eine umfassende, wissenschaftlich fundierte kartographische Darstellung des gesamten argentinischen Staatsgebietes bieten (siehe Beagle-Kartographie ab 1881).

Die Erstellung eines nationalen Atlas war im 19. Jahrhundert ein Projekt von höchster symbolischer und praktischer Bedeutung. Kartographisch erfasstes Territorium war kontrolliertes, verwaltbares und wirtschaftlich nutzbares Territorium. Ein vollständiger Atlas demonstrierte die staatliche Souveränität über das gesamte Gebiet und diente zugleich als Grundlage für Infrastrukturplanung, Ressourcenerschließung und militärische Strategie. Für Argentinien war ein solcher Atlas ein Instrument der Staatsbildung.

Von Seelstrang konnte für dieses Projekt auf seine jahrelangen Erfahrungen als Landvermesser und seine mathematischen Kenntnisse zurückgreifen. Die Leitung eines solchen Großprojekts erforderte nicht nur wissenschaftliche Kompetenz, sondern auch organisatorische Fähigkeiten, die Koordination verschiedener Mitarbeiter und die Beschaffung und Auswertung umfangreicher Daten aus verschiedenen Quellen.

Tragischerweise blieb das Werk unvollendet. Die schwere Wirtschaftskrise, die Argentinien in den 1890er Jahren erfasste, machte die Fortsetzung des kostspieligen Projekts unmöglich. Die sogenannte Pánico de 1890 (auch bekannt als Baring-Krise) führte zu Bankenzusammenbrüchen, Staatsbankrott und einer tiefen Rezession, die auch wissenschaftliche und kulturelle Projekte in Mitleidenschaft zog. Das Scheitern des Atlas-Projekts war symptomatisch für die Fragilität der argentinischen Modernisierung, die auf ausländischem Kapital und günstigen Weltmarktbedingungen beruhte.

Dennoch stellten die erschienenen Teile des Atlas ein wichtiges Dokument der argentinischen Kartographiegeschichte dar und zeugen von Seelstrangs wissenschaftlichem Anspruch und seiner Bedeutung für die geographische Erschließung Argentiniens.

Zu den bedeutendsten Beiträgen von Arturo Seelstrang zählt auch die Mapa hipsométrico de la República Argentina (Hypsometrische Karte der Republik Argentinien). Dieses Werk sollte ursprünglich auf Kosten der Academia Nacional de Ciencias gedruckt werden, jedoch verhinderten finanzielle Probleme der Institution die Umsetzung dieses Vorhabens.

Ehrungen und Auszeichnungen

Von Seelstrang wurde am 13. September 1880 die Ehrendoktorwürde von der Universität Cordoba verliehen.

Im Ort Resistencia wurde die Straße C. Seelstrang Agrimensor nach Arthur von Seelstrang benannt.

Schriften und Karten (Auswahl)

Neue Karte der Republik Argentinien
  • Representaciones del Gran Chaco en viajeros de la década de 1870: las navegaciones de Emilio Castro Boedo y Arturo Seelstrang. 1870 (pdf).
  • Construido por los ingenieros A. de Seelstrang y A. Tourmente por orden del Comité Central Argentino para la Exposición de Filadelfia. 1876 (Digitalisat).
  • Die argentinische Provinz Santa Fe. In: Verhandlungen der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, Band 11. Berlin, 1884. S. 285–291 (Digitalisat).
  • Patagonien und seine Besiedelung. In: Deutsche Geographische Blätter, Band 7. Bremen, 1885. S. 221–252 (Digitalisat).
  • Buenos-Aires, die Hauptstadt der argentinischen Republik. In: Deutsche Geographische Blätter, Band 8. Bremen, 1885. S. 305–329 (Digitalisat).
  • Das Quellgebiet des Rio Chubut. In: Deutsche Geographische Blätter, Band 9. Bremen, 1886. S. 169–172 (Digitalisat).
  • Guillermo Kraft; Arturo Seelstrang: Atlas de la República Argentina. 1886 (Digitalisat).
  • Karte des Territoriums Neuquén. 1889 (Digitalisat).

Literatur

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI