Artur Wehrli

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Artur Wehrli (geboren 1876 in Kilchberg ZH; gestorben 1915 vermutlich in Murten) war ein Schweizer Fotograf. Zusammen mit seinen zwei älteren Brüdern, Bruno (1867–1927) und Heinrich, genannt Harry (1869–1906), gründete er in Kilchberg ZH das Fotografengeschäft «Gebrüder Wehrli» und zählt mit ihnen zu den Pionieren der Alpin-Fotografie. Die Brüder Wehrli erschlossen breiten Bevölkerungsschichten die alpine Welt der Landschaftsfotografie und spielten eine zentrale Rolle bei der Kommerzialisierung der Bild-Postkarte.

Artur Wehrli, Schweizer Alpinist und Fotograf
Blick vom Hohtälligrat auf das Ober Gabel­horn und die Wellen­kuppe
Drei Bergsteiger an der Zermatter Breithornseite, Blick auf Rimpfischhorn und Strahlhorn

Leben und Werdegang

Artur wuchs in einer kinderreichen Familie auf. Der Vater war Bürger von Ebnat-Kappel im Toggenburg und bekleidete in der Weberei Rieter eine leitende Stellung. Die aus St. Gallen stammende Mutter, geborene Luise Füssmann, arbeitete als Stickerei-Zeichnerin. Zuerst wohnte die Familie in Winterthur-Wülflingen und ab Frühjahr 1883 in Kilchberg im Kanton Zürich. Der Vater starb, als Artur sieben Jahre alt war.[1]

Artur Wehrli wuchs mit den älteren Brüdern Bruno und Heinrich («Harry») sowie vier Schwestern auf. Er besuchte die Sekundarschule in Kilchberg[2] und die Industrieschule Zürich. Danach liess er sich wie zuvor schon sein Bruder Bruno zum Fotografen ausbilden und absolvierte eine Lehre in der Zürcher «Lichtdruckerei und Verlagsanstalt Schröder & Co.», bei der auch sein Bruder Harry gearbeitet hatte.[3]

Am 17. Dezember 1905 wurde Artur Wehrli das Bürgerrecht von Kilchberg zugesprochen.[4] In der Gemeinde war Artur Wehrli zwar nicht politisch aktiv, jedoch war er Mitglied mehrerer Vereine. Er soll der sportlichste der Wehrli-Brüder gewesen sein und war sowohl Mitglied des Turnvereins als auch der Kilchberger Alpenclub-Sektion «Wiesel». Mit seinen Brüdern gehörte er zu den ersten Kilchberger Skisportlern.[5] Seine Liebe zu diesem Sport spiegelte sich auch in seinen Fotografien von Skifahrern wider.

Als einziger der drei Wehrli-Brüder blieb Artur unverheiratet.[4]

Artur Wehrli war ein begeisterter Ballonfahrer und fertigte bei den Ballonfahrten auch Landschaftsaufnahmen an. Von seiner Fahrt mit dem Kugelballon «St. Gotthard» im Jahr 1912 sind Luftaufnahmen von Lausanne aus 868 m Höhe erhalten.[6] Diese Fahrten waren für ihn nicht immer ungefährlich. So berichtete beispielsweise Viktor Silberers Wiener Luftschiffer-Zeitung am 1. Mai 1912 über einen Ballonunfall, der sich am 14. April 1912 in der Schweiz ereignet hatte und bei dem Artur Wehrli aus dem Ballonkorb gefallen war:

„Der Ballon «St. Gotthard» stieg […] bei klarstem Wetter und mäßigem Nordostwind auf. Wehrli, der Ballonphotographien machen wollte, bestand zunächst auf der Absicht, die Fahrt möglichst niedrig zu halten […] Es war klar, dass eine glatte Landung ausgeschlossen war […] als ein unwiderstehlicher Wirbelwind den Ballon zur Erde riß. Trotz rascher Ballastausgabe prallte «St. Gotthard», ein Bäumchen streifend, am Boden auf […] Da stürzte Wehrli aus dem Korbe. Ich machte durch Zuruf darauf aufmerksam, wollte Herrn Wehrli fassen, es gelang mir indessen nicht. Der durch Wehrlis Sturz erleichterte Ballon erhob sich rasch in die Höhe […] Leute fanden die Sachen des Herrn Wehrli. Er selbst konnte sich nach Lausanne begeben.“

Aus dem Bericht des Ballonführers Leutnant Santchi[7]

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs zeigte Artur Wehrli großes Interesse am militärischen Luftschifferdienst. Als Mitte März 1915 in Murten ein fünfwöchiger «Versuchskurs für Fesselballonstationen» eingerichtet wurde, rückte er als Freiwilliger ein.[8] Bereits zwei Wochen nach Dienstantritt führte jedoch eine Lungenentzündung, die er sich in den ersten Tagen bei einem Einsatz zugezogen hatte, zu seinem plötzlichen Tod. Er wurde nur 39 Jahre alt. Am 30. März 1915 wurde er in Kilchberg militärisch bestattet.[3]

Werk

Geschäftstätigkeit

Mitte der 1890er Jahre gründeten die Wehrli-Brüder ihr eigenes Geschäft an der Alten Landstrasse in Winterthur. Bereits 1897 waren vier Mitarbeiterinnen angestellt. Nach der Jahrhundertwende konnten die Wehrli-Brüder ihr Geschäft mit Neu- und Anbauten an der Alten Landstrasse, der Weinbergstrasse und der Paradiesstrasse in Winterthur ausbauen.

Mit dem Aufkommen des Tourismus in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gelangte das Geschäft mit bebilderten Postkarten zum Durchbruch. Da die Rückseite die ersten zehn Jahre ausschliesslich für die Adresse reserviert war, waren die ersten Ansichtskarten auf der Bildseite mit Grussworten übersät. Nebst der Photoglob aus Zürich gehörten die Gebrüder Wehrli zu den führenden Kräften in diesem Metier. Sie blieben bei ihrer traditionellen Schwarzweissfotografie, die sie ausschliesslich in den Formaten 13 × 18 cm und 18 × 24 cm vertrieben. Aber sie nutzten den Photochromdruck zur Herstellung von farbigen Postkarten.[9]

Neben den Postkarten stellten sie auch Fotoalben und Panoramafotos her. Für die Weltausstellung in St. Louis 1904 stellten sie ein Panoramabild des Gornergrats auf Bromsilber-Papier von über 20 m Breite und 2 m Höhe her, die damals grösste Landschaftsfotografie der Welt.[10][11]

Nebst den touristisch attraktiven Orten im Bündnerland, im Berner Oberland, im Wallis und im Genferseegebiet dokumentierten die Gebrüder Wehrli auch abgelegenere, dafür landschaftlich umso reizvollere Gegenden des Alpen- und Voralpengebietes. Das Kartengeschäft war damals mit zeitintensiven und aufgrund der schweren und sperrigen Geräte auch beschwerlichen Reisen verbunden.

1904 fusionierten die Fotografengeschäfte Gebrüder Wehrli Kilchberg und Bachmann Luzern zur Aktiengesellschaft Photographie-Verlag Wehrli A.-G. Die Zahl der Angestellten hatte sich seit 1897 mehr als verdoppelt. Nach dem Tod Harry Wehrlis, des bisherigen Geschäftsführers, übernahm Adolf Zehnder, Präsident des Verwaltungsrates, die administrative Leitung des Unternehmens. Bruno Wehrli machte sich ab 1914 selbständig. Er produzierte aber im Auftragsverhältnis unter dem Namen Verlag Wehrli AG weiterhin Postkarten für die Wehrli AG, die fortan als reine Vertriebsgesellschaft geschäftete.[12]

Fotografie

Artur Wehrli war ein passionierter Fotograf. Er stellte Schwarzweiss-Fotos in hoher Qualität her. Er und sein Bruder Bruno dokumentierten gemeinsam alle touristischen Orte der Schweiz. Nebst Landschaften wählten sie oft auch Hotels, bekannte Denkmäler, imposante Brücken und Bergbahnen für ihre Sujets, aber auch Menschen bei der Arbeit und kulturelle Themen wie regionale Volkstrachten. Von ihm selbst existiert auch ein Foto, auf dem er gemeinsam mit seiner Schwester Lilly in der Kilchberger Tracht posierte.[9]

Als aktive Alpinisten transportierten sie ihre fotografischen Gerätschaften und notwendigen Utensilien für die Entwicklung bis in die Hochalpen. Gemeinsam mit seinem Bruder Bruno fotografierte Artur Wehrli auf ausgedehnten Reisen touristisch attraktive Orte, erschloss aber auch abgelegene, landschaftlich reizvolle Gegenden fotografisch. Mit ihren Bildern trugen sie zur Popularität der Bergwelt bei. Viele ihrer Aufnahmen kanonisierten sich im Laufe der Zeit zu eigentlichen Postkartensujets.

Dank der Photochromie-Technik druckte der Photographie-Verlag Wehrli A.-G. auf der Basis von s/w-Bildern auch Tausende farbige Postkarten,[13] um deren Herstellung und Vertrieb sich sein Bruder Harry kümmerte.[9]

Bedeutung

Obwohl Dichter wie Albrecht von Haller und Jean-Jacques Rousseau die Alpen schon früh beschrieben und Künstler sie in Bildern festhielten, galten die Hochalpen im 18. und frühen 19. Jahrhundert noch nicht als ästhetisch bewunderte Landschaft, sondern höchstens als abgelegenes, schwer zugängliches Gebiet. Erst die Fotografie machte ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die hochalpine Eis- und Felswelt einem breiten Publikum als eindrucksvolle Natur vertraut.[14]

Die ersten zwei Generationen der Alpinfotografen richteten sich an ein elitäres Publikum, das für den künstlerischen Wert und die technischen Schwierigkeiten einer solchen Fotografie Verständnis hatte und über die finanziellen Mittel verfügte, um solche Fotos erwerben zu können. Paul Hugger rechnet die Gebrüder Wehrli der dritten Generation dieser Alpinfotografen zu. Bruno und Artur Wehrli waren selber Alpinisten.[15] Ihre Sujets brachten dem breiten Publikum die Wildheit und Schroffheit der bisher weitgehend unbekannten Welt der Alpen nahe.

Die Bedeutung der fotografischen Leistung der Gebrüder Wehrli besteht in der Popularisierung der Gebirgsfotografie. Das trifft einerseits auf die Sujets zu, welche die Wildheit, Schroffheit der Alpenwelt und die Kühnheit der Alpinisten, aber auch die zu Sinnbildern des Friedens, der seelischen Erhebung kondensierten Gebirgslandschaften gekonnt ins Bild setzen. Andererseits trifft dies auch auf die Vermarktung der so gewonnenen Bilder als günstige Ansichtskarten zu, was die Popularisierung beförderte.[16]

Nachlass und Sammlungen

Ein Teil der Negative der Gebrüder Wehrli ist seit 1974 im Eidgenössischen Archiv für Denkmalpflege in Bern eingelagert.[17] 1977 übernahm das Eidgenössische Archiv für Denkmalpflege die Sammlung Wehrli, die 34'000 Glasplatten der Formate 13 × 18 cm und 18 × 24 cm umfasste. Ausserdem kam der gesamte Bestand der s/w-Negative der Firma Photoglob-Wehrli AG, das sind 120'000 Negative, zu dieser Zeit als Dauerdepositum ins Eidgenössische Archiv für Denkmalpflege.[18]

Literatur

  • Paul Hugger (Hrsg.): Gebrüder Wehrli. Pioniere der Alpin-Fotografie. Mit einem biografischen Text von Johannes Vogel. Limmat, Zürich 2005, ISBN 3-85791-475-0.
  • Johannes Vogel: Fotoverlag Gebrüder Wehrli Kilchberg. In: Gemeinde Kilchberg (Hrsg.): Neujahrsblatt. Nr. 33. Kilchberg 1992, S. 3–27 (kilchberg.ch [PDF; 4,8 MB]).
  • Wehrli A.-G. (Hrsg.): General-Katalog Wehrli A.-G. mit:
    • Verzeichnis der Verlags-Artikel
    • I. Nordost-Schweiz
    • II. Bündnerland
    • III. Central-Schweiz
    • IV: Gebiet der Berneralpen
    • V: Basel, Aarau, Solothurn, Fribourg, Lac Léman
    • VI: Wallis, Hoch-Savoyen
    • VII: Tessin u. Oberitalienische Seen
    • VIII: Ansichten allgemeinen Genres
    • Spezial-Katalog der Photochromien, 1906. Wehrli A.-G., Kilchberg 1906.
Commons: Artur Wehrli – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

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