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Ausrottung der vier Plagen

chinesische Kampagne während dem "großen Sprung nach vorne" From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Ausrottung der vier Plagen (chin.: 除四害 chú sìhài), auch Ausrottung der vier Übel[1] genannt, war eine von 1958 bis 1961 laufende Massenkampagne in der Volksrepublik China, die während des „Großen Sprungs nach vorn“ initiiert wurde.[2][3.1]

Propaganda-Plakat aus dem Jahre 1958: „Rottet die vier Plagen aus!“

Die Kampagne sollte der Eindämmung von Krankheiten und der landwirtschaftlichen Produktionssteigerung dienen und richtete sich gegen Ratten, Stubenfliegen, Stechmücken und Sperlinge, vor allem Feldsperlinge. Mit den Methoden des Klassenkampfes wurde das chinesische Volk dazu angehalten, diese Tiere auszurotten.[4.1] Da Vögel als Hauptschädlinge bei der Aussaat angesehen wurden, etablierten sich in China auch die Namen „Kampagne zur Erschlagung der Spatzen“ (打麻雀运动) oder „Kampagne zur Eliminierung der Spatzen“ (消灭麻雀运动).

Die Kampagne führte zu einem schwerwiegenden ökologischen Ungleichgewicht, das neben anderen Maßnahmen des „Großen Sprungs nach vorn“ dazu beitrug, dass eine große Hungersnot entstand, bei der schätzungsweise 20 bis 55 Millionen Menschen starben.[3.1][4.2][5][6]

Vorgeschichte

Zu Beginn des zweiten Fünfjahresplans (angesetzt für den Zeitraum von 1958 bis 1962) wurden mehrere Massenkampagnen ausgerufen, die zum Ziel hatten, ambitioniertere ökonomische und gesellschaftliche Ziele zu erreichen, als ursprünglich anvisiert. China sollte es damit ermöglicht werden, schneller zu den industrialisierten Volkswirtschaften des Westens aufzuschließen. Mit dem „Großen Sprung nach vorn“ wollte die Führung der Volksrepublik China auch die Unterschiede zwischen Land und Stadt sowie Industrie und Landwirtschaft einebnen und die Übergangsperiode zum Kommunismus verkürzen. Die Landwirtschaft erfuhr große Veränderungen, da die Kolchosen sowjetischer Art in wesentlich größere autonome Einheiten umgewandelt wurden, in denen über 20.000 Einwohner zusammengefasst wurden.[7] Diese, als Volkskommunen bezeichneten Kollektive waren militärähnlich organisiert. Zeitgeschichtlich fiel der große wirtschaftliche und gesellschaftliche Umbruch in eine Phase des chinesisch-sowjetischen Zerwürfnisses: 1960 stellte die Sowjetunion ihre Hilfsprojekte in China ein und zog mehrere Tausend sowjetische Techniker und Berater zurück.[8]

Mit der 1958 begonnenen Kampagne zur „Ausrottung der vier Plagen“ wurde Ratten, Spatzen, Fliegen und Mücken der Kampf angesagt.[4.1] Im Gegensatz zu den anderen Kampagnen waren zu einem großen Teil auch Kinder beteiligt. Mao Zedong selbst gab am 18. Mai 1958 auf der zweiten Sitzung des 8. Parteikongresses die Devise aus, dass die gesamte Bevölkerung inklusive der erst Fünfjährigen an dieser Ausrottungs- und Hygienekampagne beteiligt sein müsse.[9.1]

Maßnahmen

Durch Aufrufe und Anweisungen und mithilfe von Plakaten, Zeitungsartikeln und Pamphleten wurden breite Bevölkerungsschichten für die Kampagne mobilisiert. Die tierischen Schädlinge wurden in der staatlich-propagandistischen Rhetorik als „Verräter“, „Rechte“ oder „Saboteure“ bezeichnet.[4.3]

Es wurden Fliegen- und Mückenfallen aufgestellt, mit Fliegenklatschen Jagd auf die Insekten gemacht und ihre Eier und Larven zerstört. Auch Giftmittel und Pestizide kamen zum Einsatz.[10] Zu den indirekten Maßnahmen zählte die Beseitigung von Müll.[11] Im Kampf gegen die Vögel wurden Nester zerstört, Eier zerschlagen und Jungvögel getötet.[12] Durch starken Lärm in Form von Geschrei oder beispielsweise dem Schlagen auf Töpfe und Pfannen wurden die Vögel daran gehindert, zu ihren Rastplätzen zurückzukehren.[9.2][4.1] Die Tiere wurden zum Auffliegen gezwungen, und starben schließlich an Erschöpfung.[9.2]

Der während der Kulturrevolution nach Deutschland emigrierte Sinologe Yu-chien Kuan beschrieb die Episode folgendermaßen:

„Ich erinnerte mich an einen Tag, an dem die ganze Bevölkerung nichts anderes machte, als mit Gongs und Töpfen und allen möglichen anderen zum Krachmachen geeigneten Gegenständen auf den Straßen und in den Höfen herumzulaufen, um die Spatzen aufzuscheuchen. Den ganzen Tag war so laut gescheppert worden, dass die Vögel sich nirgends niederlassen konnten und schließlich tot vom Himmel fielen. An jenem Tag wurden Millionen von Vögeln getötet, und wir waren alle ganz stolz darauf gewesen. War es nicht fantastisch, wie es Mao Zedong gelang, die gesamte Bevölkerung für ein gemeinsames Ziel zu mobilisieren? Erst später erfuhren wir, dass die Vögel, die in der Stadt lebten, immer in der Stadt blieben und deshalb gar keinen Schaden auf den Feldern anrichten konnten. Im Gegenteil: Da nicht nur die körnerfressenden Spatzen von der Aktion betroffen waren, hatten wir anschließend eine Insektenplage erlebt.“[13]

Auswirkungen

Während die Bekämpfung der Ratten, Fliegen und Mücken zu einer Verbesserung der hygienischen Verhältnisse in städtischen und ländlichen Gebieten führte und dabei half, die Ausbreitung von Infektionskrankheiten einzudämmen[14] hatte die Kampagne auch einen starken negativen Effekt. Die Tötung der Vögel führte dazu, dass sich Ungeziefer ungehindert vermehren und die Felder befallen konnten. Aufgrund der Warnungen von Experten wie dem Ornithologen Tso-hsin Cheng wurde die Spatzen-Tötung 1960 eingestellt und die Vögel durch Bettwanzen als neue „vierte Plage“ ersetzt.[3.2] 1961 wurde die Kampagne, die neben anderen Ursachen zur Großen Chinesischen Hungersnot führte, nach ihrem offensichtlichen Scheitern beendet.[15][16]

Die Hungerkatastrophe erreichte 1962 die Städte Chinas und führte zum Ende des „Großen Sprungs“. Die Position Mao Zedongs in Partei und Staatsführung erlitt eine empfindliche Schwächung.[4.3]

Siehe auch

Rezeption

Literatur

  • Judith Shapiro: Mao's war against nature – Politics and the Environment in Revolutionary China. Cambridge University Press, Cambridge 2001, ISBN 0-521-78680-0.
  • J. Denis Summers-Smith: On Sparrows and Man – A Love-Hate Relationship. Selbstverlag, Guisborough 2005, ISBN 978-0-9525383-2-5.
  • Yu-chien Kuan: Mein Leben unter zwei Himmeln. Fischer, Frankfurt/Main 2008, ISBN 978-3-596-17921-3.

Einzelnachweise

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