Avot Jeschurun
israelischer Dichter
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Avot Jeschurun (Alternativname: Avoth Yeshurun; Geburtsname: Yehiel Perlmutter; hebräisch אבות ישורון; * 6. Oktober 1904 in Nischisch, Gouvernement Wolhynien, Russisches Kaiserreich; † 22. Dezember 1992 in Tel Aviv) war ein israelischer Dichter, der unter anderem 1979 mit dem Bialik-Preis für schöne Literatur und Wissenschaft des Judentums sowie 1992 mit dem Israel-Preis ausgezeichnet wurde.

Leben
Avot Jeschurun war der Sohn des Mühlenbesitzers Baruch Perlmutter, während seine Mutter Ryckelle (Rachel) Perlmutter aus einer Familien von Rabbinern stammt, wuchs mit Jiddisch als Muttersprache auf. Er arbeitete zunächst Bau- und Ziegelarbeiter, Erntehelfer und Drucker. Er wanderte 1925 nach Palästina aus und trat 1929 der Hagana bei, der jüdischen Miliz, aus der später die israelischen Streitkräfte hervorgingen. Sein erstes Buch, „Al khokhmot drakhim“ („Über die Weisheit der Wege“), erschien 1941 unter seinem Geburtsnamen Yehiel Perlmutter. Seine in Europa verbliebene Familie wurde zusammen mit 2000 anderen Juden aus Krasnystaw im Vernichtungslager Belzec im heutigen Polen ermordet. 1948, am Abend vor seiner Einberufung zu den israelischen Streitkräften, änderte er seinen Namen in Avoth Yeshurun und veröffentlichte 1952 das höchst umstrittene Gedicht „Pesach al Kochim“, in dem er die Tragödie der palästinensischen Flüchtlinge aus Lydda und Ramle mit dem Holocaust verglich.[1]
Seine weiteren Bücher waren „Re’em“ (eine Kombination der hebräischen Wörter für „Donner“ und „Antilope“, 1961), „Shloshim Amud“ („Dreißig Seiten“, 1965), und „Ze Shem HaSefer“ („Dies ist der Name des Buches“, 1971), „HaShever HaSuri-Afrikani“ („Der syrisch-afrikanische Graben“, 1974), „Kapella Kolot“ („A-cappella-Gesang“, 1977), „Sha’ar Knisa Sha’ar Yetzia“ („Eingangstor, Ausgangstor“, 1981), „Homograph“ (1985), „Adon Menucha“ („Herr Ruhe“, 1990) und „Ein Li Achshav“ („Ich habe jetzt eine Nummer“, 1992). 1967 wurde er mit dem Brenner-Preis ausgezeichnet und erhielt 1979 gemeinsam mit Aharon Appelfeld[2] den Bialik-Preis für schöne Literatur und Wissenschaft des Judentums. 1992 wurde ihm zudem der Israel-Preis für hebräische Lyrik verliehen. Aus seiner 1934 geschlossenen Ehe mit Pesyah Justman ging die Tochter Helit Jeschurun (* 1942) hervor.[1]
Themen und Wirkung seiner Gedichte
Viele von seinen Gedichten spielen auf die Schuldgefühle an, die er empfand, weil er Europa vor dem Holocaust verlassen und seine Heimat und Familie zurückgelassen hatte. Seine Lyrik ist bekannt für ihre fragmentarische Sprache und verbindet Jiddisch, biblisches und modernes Hebräisch mit Slang verschiedener Kulturgruppen in Israel, darunter auch arabische Ausdrücke, die er oft ironisch zur Kritik an der Marginalisierung von Arabern und der arabischen Sprache in der israelischen Kultur einsetzte. Seine Poesie ist wahrlich komplex. Die poetische Stimme ist zugleich die eines Beobachters, Kommentators und eines Erinnerers im Bewusstseinsstrom. Die Sichtweise ist anschaulich, bodenständig und konzentriert sich auf eine Vielzahl alltäglicher Gegenstände und Ereignisse: Vögel, Pflanzen, ein Bücherregal, eine Uhr, eine Frau, die täglichen Erledigungen und Pflichten. Oft verbinden sich die Bilder zu metonymischen Assoziationen: ein Kind und der Mond, ein Bücherregal und Poesie, ein Vogelnest und das alte Tel Aviv. Die Themen sind vor allem die Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit des Daseins, die Allumfassendheit der Poesie und ihrer Materialien, Erinnerungen an die Kindheit, die Eltern und die Pionierzeit, die klagend in die Gegenwart fließen. Erinnerungen an das Melken von Kühen vermischen sich mit Erzählungen aus Kol Nidre, die wiederum mit dem Regen von Tel Aviv verschmelzen, der in seiner ironischen Alltäglichkeit alle Erinnerungen und andere Urkräfte weckt. Die Identität, die Erfahrungen und die Entwicklung des Dichters, seine Wahrnehmungen des Landes und seines Wesens, seine und seine Frustrationen vereinen sich in einem eindrucksvollen Werk. Das Wesentliche an seinem poetischen Stil ist seine einfache, fast schon volkstümliche Sprache. Die Stimme wirkt oft „primitiv“, roh oder bäuerlich (prost, wie es im Jiddischen heißt); sie scheint sogar an Unartikuliertheit zu grenzen. Der bewusst inszenierte Stil erzeugt einen Ton der Natürlichkeit und Ungezwungenheit, ähnlich den Situationen und Bildern, die Yeshurun in seiner Dichtung verwendet. Die erzeugte Illusion erfüllt zwei Zwecke: Sie evoziert die einfachen, aber kraftvollen Ursprünge bedeutsamer Erfahrungen (das Schtetl, die harte Arbeitswelt des frühen Tel Aviv, den Flohmarkt, den Blumentopf) und formt eine poetische Stimme, die ein verbales Ringen um Artikulation widerspiegelt. Die Worte und Sätze scheinen zu schnell zu fließen, ungezügelt und ungefiltert; der Dichter greift krampfhaft nach dem Ausdruck innerer Welten der Erinnerung, des Gefühls und der Assoziation.[3] Man findet hier etwas, das in der Literatur vieler der hebräischen Zeitgenossen fehlt: die Sehnsucht nach der europäischen Kulturwelt, die sie nach ihrer Einwanderung nach Palästina zurückgelassen haben. Überraschenderweise sind diese Sehnsüchte mit der christlichen Welt und der Gestalt Jesu verbunden. Dies ist eine einzigartige und geradezu mutige Verbindung zweier Themen: der Sehnsucht nach der alten Heimat und der christlichen Symbolik. Eine solche Verbindung ist vielleicht eines der Hauptthemen im Werk von Avot Yeshurun, der die christliche Kirche nutzt, um seine Kindheitserinnerungen wiederzubeleben. Yeshurun greift Jesu verzweifelten Ausruf am Kreuz auf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,34), um die Schreie derer darzustellen, die ihm nahestehen und bitterlich nicht zu Gott, sondern zum Dichter selbst flehen, sie nicht zu verlassen. So wird das Motiv der Trennung – von der Mutter, der Familie, der jiddischen Sprache und der Welt des osteuropäischen Judentums – symbolisch durch die Worte Jesu ausgedrückt. „Nach dem Verlassen kommt immer die Frage: Warum/hast du mich verlassen?“, sagt Yeshurun in seinem Gedicht „She-hihiye beKef’“ („Lass es mit Freude geschehen“) und deutet damit das zentrale Thema an, das er anhand der Figur Jesu aufgreift: Gleichzeitig erinnert die Wiederholung des Verbs „Ich verließ“ an eine andere Szene aus dem Neuen Testament, in der die Apostel ihre Familien und Häuser für Jesus verließen: „Und sie verließen sogleich ihre Netze und folgten ihm. [...] Und sie verließen sogleich das Schiff und ihren Vater und folgten ihm“ (Matthäus 4,20; 4,22). Yeshurun deutet an, dass dieses Motiv für das Verlassen von Haus und Familie ideologisch begründet sein könnte. Gleichzeitig verwirft er die Möglichkeit einer Rechtfertigung für das Verlassen und symbolisiert dadurch die zurückbleibende Leere, die unheilbare Sinnlosigkeit.[4]
Avot Jeschurun im Film
Im Jahr 2018 realisierte der Regisseur Amichai Chasson einen Dokumentarfilm über Avot Jeschurun mit dem Titel Yeshurun: 6 Sprüche der Väter (hebräisch: Yeshurun: 6 Pirkei Avot). Der Film wurde für den israelischen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender Kan 11 produziert und feierte seine Premiere beim Dokumentarfilmfestival Docaviv 2018.[5]
Veröffentlichungen
- ʻAl ḥakhmot derakhim, („Über die Weisheit der Wege“), 1941
- Reʻem, 1960
- Sheloshim ʻamudim shel Avot Yeshurun, 1964
- Zeh shem ha-sefer, 1970
- ha-Shever ha-suri afriḳani, 1974
- Ḳapelah ḳolot, 1977
- Shaʻar ha-kenisah, shaʻar yetsiʼah, 1981
- Homograph, 1984
- Adon menuḥah, („Aden Mincha“), 1990
- Kol shiraṿ, („Alle seine Gedichte“), Gedichtsammlung, 2001
- Milvadʼatah, („Von dir getrennt“), 2009
- ha-Bayit, („Das Haus“), Gedichtsammlung, 2013
- Ekh ʻaśit et zeh?, („Wie hast du das geschafft?“),Interviews, 2016
- Panekh el panai, („Von Angesicht zu Angesicht“), Gedichtsammlung, 2018
- in englischer Sprache
- The Syrian-African rift, and other poems, 1980
Literatur
- Eda Zoritte: Shirat ha-pere ha-atsil, („Das Lied des edlen Wilden“), 1995