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Badenweiler in römischer Zeit

römischer Vicus mit großer Thermenanlage From Wikipedia, the free encyclopedia

Badenweiler in römischer Zeit war eine römische Zivilsiedlung (Vicus) auf dem Gebiet der heutigen baden-württembergischen Gemeinde Badenweiler im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. Ausschlaggebend für die Siedlungsgründung war eine dort austretende Thermalquelle. Die an deren Stelle errichtete „Römische Badruine Badenweiler“ gehört zu den ältesten Bauwerken Baden-Württembergs und ist als eine der am besten erhaltenen Thermen nördlich der Alpen ein touristischer Anziehungspunkt.

Rekonstruktionszeichnung des römischen Badenweilers,
Friedrich Weinbrenner (1822)
Fundstellen römischer Bauwerke in Badenweiler
(Keramikmanufaktur irrtümlich als „Geschäfte“ gekennzeichnet)

Lage, Topographie, Geomorphologie, Etymologie und Forschungsgeschichte

Badenweiler und seine römischen Fundstellen liegen im Übergangsbereich zwischen Schwarzwald und Oberrheinischer Tiefebene am Fuße des Blauen im Markgräflerland. Das Gebirge besteht aus Gneis mit Anteilen von Granit und Porphyr. Der Ort selbst liegt auf einem angeschwemmten Hügel aus Löss. Durch die bei der Entstehung des Grabenbruchs im oberen Rheintal auftretenden geologischen Prozesse und die damit verbundenen geothermischen Aktivitäten treten in diesem Gebiet Thermalquellen an die Oberfläche, so auch in Badenweiler.[1] Der Vicusbereich selbst war aufgrund einer Hanglage, seines instabilen Untergrunds und der Feuchtigkeit des Geländes eigentlich nur suboptimal für Siedlungszwecke geeignet, dennoch schufen die Römer einen repräsentativen Ort mit allen Annehmlichkeiten und regelmäßigen Strukturen.[2]

Im heutigen siedlungs- und verkehrsgeographischen Bild liegt der Fundort etwa auf halber Strecke zwischen Freiburg im Breisgau und Basel, rund zehn Kilometer östlich des Rheins. In der antiken Zeit befand sich die Siedlung unweit der Römischen Rheintalstraße (deren Verlauf ungefähr die heutige Bundesstraße 3 entspricht), zwischen den Kastellen am Limberg bei Sasbach und der Colonia Augusta Raurica. Mit der römischen Fernstraße war der Ort über eine durch das Klemmbachtal führende Nebenstraße verbunden. Administrativ gehörte der Ort zur Provinz Germania superior.

Historische Quellen oder epigraphische Belege zum Namen des römischen Badenweiler liegen keine vor. Römische Badeorte trugen häufig die Bezeichnung Aquae mit einem Namenszusatz. Dieser konnte entweder auf das Stammesgebiet verweisen, wie bei Aquae Helveticae (Baden AG) und Aquae Mattiacorum (Wiesbaden), oder auf eine Orts- beziehungsweise Quellgottheit Bezug nehmen, wie bei Aquae Granni (Aachen). Im letzteren Fall käme die Göttin Abnoba in Betracht, die durch eine Inschrift in Badenweiler belegt ist. Die in der nichtwissenschaftlichen Literatur zuweilen anzutreffende Bezeichnung Aquae villae ist eine moderne Wortschöpfung, eine Rückübertragung des Ortsnamens Badenweiler.[2]

Bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war die Ruine der Thermen entdeckt worden. Markgraf Karl Friedrich von Baden ließ die Ruine 1784 durch seinen Hofrat Wilhelm von Edelsheim freilegen, mit den Mitteln der Zeit durch Wilhelm Friedrich Gmelin dokumentieren, von August Gottlieb Preuschen publizieren[3] und die Befunde durch eine Reihe von Maßnahmen schützen. Damit handelte es sich um die erste Ausgrabung und Dokumentation eines römischen Bauwerks in Deutschland.[4] Eine erste wissenschaftliche Aufnahme erfolgte 1856 durch Heinrich Leibnitz.[5] Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren es vor allem Ernst Wagner und Ernst Fabricius, die zu Badenweiler forschten, und in den 1930er Jahren Hermann Mylius im Auftrag der Römisch-Germanischen Kommission, dessen Beschreibung noch heute als unverzichtbares Standardwerk gilt, auch wenn einige seiner Interpretationen überholt sein dürften.[6] Die jüngeren Untersuchungen des späten 20. und 21. Jahrhunderts wurden hauptsächlich von Meinrad N. Filgis, Gerhard Fingerlin, Harald von der Osten-Woldenburg und Gabriele Seitz vorgenommen. Manches im römischen Badenweiler ist nach wie vor nicht oder nur unzureichend erforscht, wird diskutiert und zum Teil unterschiedlich interpretiert, so dass der Fundort auch künfig eine Forschungsaufgabe darstellen wird.[7]

Archäologische Befunde

Überdachte Ruinen des Thermalbades
Altar für Diana Abnoba
Eine der großen Piscinae
Rekonstruktion des Thermalbades

Das römische Badenweiler wurde als Terrassensiedlung in einen Hang gebaut. Eine solche Siedlungsform ist vor allem von mediterranen Bergsiedlungen bekannt und im nördlicheren Raum seltener. Der Vicus erstreckte sich mindestens 450 m in Nord-Süd-Richtung und 400 m in West-Ost-Richtung. Die Höhendifferenz innerhalb der Siedlung betrug mindestens 40 m.

Thermen

Das zentrale Bauwerk des Vicus war die Thermenanlage, die terrassenartig in den Hang gebaut worden war und in ihrer letzten Ausbauphase mindestens 93 m mal 33 m (= 3069 m²) umfasste.[8] Die konservierte Ruine liegt unmittelbar nördlich der heutigen „Cassiopeia Therme“. Es war das Verdienst von Hermann Mylius, die Struktur der Anlage und ihre Bauphasen zu entschlüsselt zu haben. Dabei identifizierte er mindestens sieben Bauphasen, davon zwei größere Erweiterungen.[6]

Der Fund dreier keltischer Münzen belegt die Nutzung der Thermalquellen bereits in vorrömischer Zeit.[9] Der erste Thermalbau stammt aus der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts und war spiegelbildlich symmetrisch entlang einer Nord-Süd-Achse angelegt und besaß zwei Baderäume mit jeweils einem etwa 60 m² großen Badebecken (Piscina) von ungefähr einem Meter Tiefe und kleineren Becken an den Wänden. Westlich beziehungsweise östlich der beiden Baderäume befanden sich die Apodyteria (Umkleideräume) mit halbrunden Apsiden an der Nord- und Südfront sowie Fußbecken nahe der Türen. Durch diese Aufteilung war es möglich, dass Männer und Frauen gleichzeitig und dennoch getrennt baden konnten. In den Apsiden waren vermutlich Standbilder aufgestellt und von dort stammt wohl auch der Altar für Diana-Abnoba:[10][11]

“DIANAE
ABNOB[ae]
M(arcus) SENN[i]VS
[Fr]ONTO S(olvit) L(ibens)
EX VOTO”

„Der Diana Abnoba (hat) Marcus Sennius Fronto sein Gelübde gerne erfüllt“

Ferner wurde ein weiteres Sandsteinbruchstück mit dem Inschriftenfragment -----?] DIA[nae ---] [------? geborgen.[12]

Nördlich der Baderäume lag der sogenannte „Nordvorbau“, den Mylius als Basilica thermarum interpretierte, eine Wandelhalle, die auch von Norden her zugänglich war und über deren seitliche Treppenhäuser man auf das Dach gelangen konnte. Die Piscinae, die kleineren Becken, sowie der Boden und die Sockelzone der Räume waren mit fein geschliffenem Opus signinum (wasserdichter Verputz) versehen. Die oberen Wandbereiche der rund zwölf Meter hohen Räume waren verputzt und bemalt.[13] Die Thermalquelle, deren Temperatur heute 26,4 °C beträgt, muss in römischer Zeit noch deutlich wärmer gewesen sein, da in dieser Bauphase auf die Installation zusätzlicher Praefurnia (Heizanlagen) verzichtet wurde.[14] Sie liefert (aktuell) rund eine Million Liter Thermalwasser pro Tag.[15][16]

Anfang des zweiten Jahrhunderts wurden die Thermen, nachdem durch eine Bodensenkung Schäden aufgetreten waren, aber wohl auch wegen einer gestiegenen Nachfrage, durch eine größere Anlage mit umfangreichen Veränderungen ersetzt. Der „Nordvorbau“ wurde zurückgebaut und zu einem weiteren Badebereich umgewandelt. Dieser wurde durch ein zentrales Praefurnium beheizt, zu dessen Seiten sich zwei Sudatoria (Schwitzräume) befanden, die ihrerseits mit zwei runden Frigidaria mit entsprechenden kleinen Piscinae verbunden waren. Die ehemaligen beiden Apodyteria wurden in weitere Baderäume umgewandelt und mit jeweils einer weiteren, rund 85 m² großen Piscina versehen. Im Westen und Osten wurde die Anlage um zwei zusätzliche, beheizbare Apodyteria ergänzt. Zusätzlich erhielt sie auf beiden Seiten jeweils einen großen teilüberdachten Hof, der vermutlich als Palaestra für gymnastische und andere sportliche Übungen sowie Spiele genutzt wurde. Alle Badebecken, deren Umgänge und die Wandsockel sowie die Wannenbäder erhielten eine Verkleidung aus geschliffenen Kalksteinplatten. Die höheren Wandflächen waren wieder verputzt und mit Streifenmalerei dekoriert. Auch in dieser Bauphase erhielten die großen Baderäume keine separaten Praefurnia, sondern müssen durch das Thermalwasser allein, bestenfalls ergänzt durch Holzkohlebecken temperiert worden sein.[15][16][13]

Die südliche Fassade der Thermen wies eine repräsentative architektonische Gestaltung auf. Vorspringende rechteckige Wandnischen und Apsiden, sowie darüber befindliche große, verglaste Fenster gliederten die Schaufassade. Davor erstreckte sich eine ebene, wahrscheinlich gepflasterte Freifläche etwa acht Metern Breite. Die Nordfassade hingegen erfüllte mit Stützpfeilern und bis zu 3 m hohen Böschungen zur Stabilisierung sowie den Abflüssen der Entwässerungsleitungen primär funktionale Aufgaben und war die weniger attraktive Seite.[13]

Die Entwässerung der Thermen erfolgte über Leintungen die in einen begehbaren, bis zu 1,20 m breiten und 3,70 m hohen, die Anlage U-förmig umgebenden, insgesamt etwa 140 m langen Kanal führten. Aus der 0,50 m mächtigen Sedimentschicht des Kanals konnten 930 Pflanzenreste von über 100 verschiedenen Pflanzenarten isoliert werden.[17] Die dendrochronologischen Untersuchungen der der Holzreste aus den Sedimenten machen ein Fälldatum ab dem Jahr 61 u. Z. wahrscheinlich, ein früheres Fälldatum in der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts kann jedoch nicht völlig ausgeschlossen werden.[18] Ende der 1990er Jahre wurde der Kanal mit Originalsteinen restauriert und zu Drainagezwecken an das moderne Entwässerungssystem der Gemeinde angeschlossen.[19]

Vicus

Die Vicusbebauung unmittelbar um die Thermenanlage ist vor allem durch die bereits im 18. Jahrhundert durchgeführten Ausgrabungen und durch geophysikalische Prospektionen bekannt. Daher bestehen zum Teil Unsicherheiten hinsichtlich ihrer Interpretation. Über die weiter von der Thermenanlage entfernten Siedlungsbereiche liegen nur lückenhafte Erkenntnisse vor. Der Vicus war trotz des schwierigen Geländes regelmäßig strukturiert, es gibt sogar Hinweise auf sich rechtwinklig kreuzende Straßen. Nördlich der Thermen befanden sich die Gewerbebetriebe, im Osten die Wohnbebauung. Südlich erstreckte sich zunächst ein großer freier Platz, an den sich ein Tempelbezirk anschloss, und im Westen befanden sich die Unterkünfte für die Gäste.[2][7][20]

Keramikmanufaktur oder Tabernae nördlich der Thermalanlage

Grundriss der Keramikmanufaktur (1787)

Nördlich der Thermenanlage befanden sich eine Mauer und eine Querstraße. Die Mauer diente vermutlich der Abstützung des Hanges. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lag eine Gebäudegruppe, die auf Tabernen oder eine Manufaktur hindeuten könnte.[21] Aufgrund der gefundenen Öfen und Gefäßkeramikreste wurde eine Interpretation als Keramikmanufaktur bevorzugt. Die meisten kleineren Funde aus diesem Bereich befinden sich heute im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe. Der Bereich wurde bereits Ende des 18. Jahrhunderts auf einer Fläche von 59 m mal 16 m ausgegraben und um die vergangene Jahrtausendwende geophysikalisch aufgemessen. Dabei zeigte sich etwa 26 Meter nördlich der Keramikmanufaktur ein weiteres Bauwerk.[22] Es besaß eine Grundfläche von 28 m mal 40 m und war im südlichen Bereich in sechs Räume gegliedert, während sich im Norden ein hofartiger Bereich mit Zugangstor im Osten befand. Die Funktion des Gebäudes ist unklar. Möglicherweise handelt es sich um einen Wirtschaftsbau oder ein Lagerhaus.[23][24]

Bebauung im östlichen Vicusbereich

Im östlichen Vicusbereich wurde ein Gebäude teilweise freigelegt, das über einen offenen Innenhof verfügte, um den sich mehrere Räume gruppierten.[25] Es war terrassenartig in den Hang gebaut und diente vermutlich als private domus.

Der jüngste Befund im östlichen Vicusbereich ist ein 1987 entdeckter terrassenförmiger Baukomplex mit drei Wohnebenen im Bereich des „Parkhotels“, der 2019 näher untersucht werden konnte.[26] Das Gebäude stand wohl isoliert, umfasste mindestens neun Räume und wurde trotz nicht nachgewiesener Heizmöglichkeiten als Wohngebäude angesprochen. Es konnte auf eine Länge von 26 m und eine Breite von 22 m (= 672 m²) nachgewiesen werden, dürfte sich aber an seinen Schmalseiten noch weiter parallel des Hanges ausgedehnt haben. Die drei Laufniveaus differenzierten zwischen 415,97 m NHN auf dem untersten und 418,34 m NHN auf dem obersten Level. Die Frontalseite war mit einer Portikus versehen und nach Nordwesten, zum Klemmbachtal ausgerichtet. Das Gebäude wies unterschiedliche Bauphasen auf. Das Fundmaterial, darunter ein Dupondius des Antoninus Pius (138–161) und mehrere Terra sigillata Teller des Typs Drag. 31 weisen auf einen Siedlungsschwerpunkt zwischen der Mitte des 2. und der Mitte des 3. Jahrhunderts. Im Mittelalter wurde ein Teil des Gebäudes durch einen Kalkbrennofen zerstört, der mittels Radiokarbonmethode auf die Zeit zwischen 1165 und 1170 datiert werden konnte.[27][28]

Am östlichen Rand der Siedlung wurde bereits 1863 ein Bauwerk ausgegraben, das damals als gallo-römischer Umgangstempel interpretiert wurde.[29] Neuere archäologische Untersuchungen halten diese Deutung jedoch für fragwürdig.[30] Das Bauwerk befand sich im Bereich südöstlich des Kurplatzes.[7]

Podiumstempel südlich der Thermen

Gallo-römischer Tempel (1863)
Grundriss römischer Befunde unter der Pauluskirche,
Joseph Durm (1899)
Architekturfragmente des Tempels,
Joseph Durm (1899)

Hangaufwärts, im Bereich der evangelischen Pauluskirche wurden 1892 archäologische Untersuchungen erforderlich, da auf Geheiß des Badischen Großherzogs Friedrich I. am alten Standort der Kirche ein Neubau begonnen wurde. Dabei wurden römische Grundmauern entdeckt, die ungewöhnlich breit und bis zu vier Meter hoch erhalten waren und auf Eichenpfählen ruhten.[31] Sie gehörten zu einem Tempel der nach damaligen Erkenntnissen zwei Bauphasen aufwies. Der größte Teil der antiken Mauern wurde beim Neubau der Kirche zerstört, was heute als denkmalpflegerischer Frevel gilt. Lediglich zehn reliefverzierte Architektur fragmente wurden gerettet. Erst 1899, ein Jahr nach der Fertigstellung des Neubaus, wurden die Mauerzüge nachträglich von dem Architekten Joseph Durm zeichnerisch „dokumentiert“. Diese Skizze differenziert jedoch keine Bauphasen und weist in sich Widersprüche und Unstimmigkeiten auf.

1995 bis 1998 wurden durch Baumaßnahmen neuerliche archäologische Untersuchungen notwendig. Dabei konnten insgesamt fünf Bauphasen differenziert werden:

  • Ein noch 3,30 m langer Mauerabschnitt gehörte zum ältesten Bau, der schräg zum Hang von Nordnordwest nach Südsüdost errichtet worden war und möglicherweise eine mit Säulen untergliederte Front zur Talseite hin besaß. Dieser erste Bau lässt sich als Podiumstempel interpretieren.
  • Der erste Bau wurde im Jahr 145 durch einen Neubau ersetzt, der auf einem Rost aus 1,60 m langen, dendrochronologisch datierbaren Eichenpfählen ruhte. Dieses Bauwerk war genau in Ostwestrichtung orientiert.
  • Zu einem nicht bestimmbaren Zeitpunkt wurde auf die zweite Bauphase ein monumentaler Neubau gesetzt, der sich durch sorgfältig bearbeitete Steine, eine solide Bauweise und sehr gute Vermörtelung auszeichnete. Die zum Tal hin ausgerichtete Nordmauer besaß eine Breite von 1,85/1,95 m, war noch in etwa gleicher Höhe erhalten und konnte auf einer Länge von knapp neun Metern nachverfolgt werden. Das von einer rund 30 m langen Mauer umgebene Gebäude war an drei Seiten von einem Drainagekanal flankiert, der das Gelände hangabwärts über einen Abfluss entwässerte. Dieses Bauwerk scheint eine Mischform aus italischem Podiumstempel und gallo-römischem Umgangstempel darzustellen. Verschiedene Mauerabschnitte erlaubten es, den Befund in seinen ursprünglichen Maßen zu rekonstruieren. Das Bauwerk erhob sich auf einem mindestens vier Meter hohen, annähernd quadratischen Sockel mit einer Seitenlänge von rund 23 m, was eine Grundfläche von etwa 530 m² ergibt. Mit seiner Frontalseite war der Tempel nach Osten hin, zum Sonnenaufgang ausgerichtet, wo sich auch (nur rund zehn Meter entfernt) der Austritt der Thermalquelle befand.
  • Eine vierte und fünfte Bauphase, bei denen es sich offenbar um Reparatur- oder Ergänzungsphasen handelt, ließen sich nur noch fragmentarisch nachweisen. Dabei gehörte ein 5,70 mal 5,30 Meter großer, eigenständiger Baukörper zur vierten, und ein 1,80 m langes Mauerstück, das die dritte und die vierte Bauphase verband, zur fünften Bauphase. Zeitpunkt und Funktion dieser Baumaßnahmen ließen sich nicht mehr ermitteln. Das Fundmaterial enthält Tafelgeschirr des zweiten und dritten Jahrhunderts sowie Architekturfragmente der ehemaligen Innenausstattung, wie schwarze und weiße Mosaiksteinchen und mehrfarbig bemalte Wandputzfragmente.[23][32][33][34]

Mutmaßliche Mansio westlich der Thermenanlage

Etwa neun Meter westlich der Thermenanlage befand sich ein größerer Gebäudekomplex, der auf die Therme ausgerichtet war.[35] Er wurde durch geophysikalische Untersuchungen und einen Sondageschnitt nachgewiesen. Möglicherweise handelte es sich um eine Mansio (Unterkunftsgebäude).[23][24]

Der Komplex war offenbar in drei Bereiche gegliedert. Der westliche Bau besaß eine Grundfläche von etwa 48 m mal 38 m und war um einen Innenhof angeordnet. Der mittlere Teil bestand aus einem 15 m mal 48 m großen, langgestreckten Trakt, der vermutlich in zahlreiche kleinere Räume unterteilt war. Im Osten befand sich ein 7 m mal 20 m großes Gebäude, das durch einen zwei Meter breiten Gang in zwei Bereiche gegliedert war. Das Bauwerk war über einem älteren Vorgängergebäude errichtet worden.

Siedlungsgeschichte und Ökonomie

Die ältesten gesicherten Funde aus dem Vicus sind Bruchstücke von Südgallischer Terra Sigillata, die vom Ende des ersten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung bis ins erste Jahrhundert unserer Zeitrechnung produziert wurde. Auf der Grundlage dieser Funde wird die Gründung der Siedlung in die spätflavische Zeit, also ins letzte Viertel des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung datiert. Anlass für die Gründung waren wahrscheinlich die in Badenweiler austretenden Thermalquellen. Hinweise auf eine militärische Beteiligung an der Gründung des Ortes liegen nicht vor. Die Initiatoren, Finanziers und Betreiber der Thermenanlage sind unbekannt.

Der genaue Zeitpunkt des Siedlungsendes ist nicht bekannt. Die jüngste sicher aus Badenweiler stammende römische Münze ist eine Prägung des Severus Alexander aus den Jahren zwischen 222 und 228 u. Z. Der Fund einer Terra-Sigillata-Schüssel des Töpfers Iulius II-Iulianus wird in die Zeit zwischen 230 und 260/270 datiert. Es wird daher vermutet, dass im Zusammenhang mit den alamannischen Übergriffen um das Jahr 260 ein großer Teil der Bevölkerung den Vicus verlassen hat. Einige Baulichkeiten, insbesondere die Thermen oder zumindest Teile davon, blieben jedoch ausweislich merowingerzeitlicher Funde bis in das 8. Jahrhundert hinein bestehen und wurden weiter genutzt.[16]

Das römische Badenweiler fungierte vor allem als Quellort und Heilbad. Ferner wurde 1949 im nördlichen Ortsbereich ein Brennofen entdeckt, der auf eine lokale Produktion von Gefäß- und Baukeramik hinweist. Darüber hinaus gibt es Hinweise auf Silber- und Bleibergbau am nahegelegenen „Quarzriff“.[36] So deutet wohl von dort stammendes Haldenmaterial, das als Baugrund bereits für den ersten Thermenbau diente, auf bergmännische Tätigkeiten schon vor dem Beginn des Kurbetriebes hin.[37][38]

Präsentation und Denkmalschutz

Die Relikte der Thermen wurden konserviert und teilrestauriert und im Jahr 2001 mit einem neuen Schutzdach aus Stahl und Glas versehen, das die alte Teilüberdeckung von 1953 ersetzte und seitdem die Anlage vollständig vor Witterungseinflüssen schützt. Eine Dauerausstellung präsentiert einen Eindruck der römischen Badekultur. Das Denkmal zählt zu den landeseigenen Monumenten und wird von der Einrichtung Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg betreut.[39]

Literatur

  • Lars Blöck: Die römerzeitliche Besiedlung im rechten südlichen Oberrheingebiet. (= Forschungen und Berichte zur Archäologie in Baden-Württemberg, Band 1), Reichert, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-95490-215-6, S. 148–151 (Digitalisat).
  • Günter Eckstein: Römische Badruine in Badenweiler. Photogrammetrische Dokumentation. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 30, 2001, Heft 4, S. 176–179 (Digitalisat).
  • Marcel El-Kassem, Francisco José Gómez Blanco: Ein Terrassenwohnhaus im römischen Badenweiler. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2019. WBG Theiss, Darmstadt 2020, ISBN 978-3-8062-4221-8, S. 176–180.
  • Christine Ertel, Gabriele Seitz: Ein Propylon des römischen Quell- und Tempelbezirks von Badenweiler. In: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz 55.1, 2008, S. 211–293 (Digitalisat).
  • Meinrad N. Filgis: Archäologische Untersuchungen an den römischen Heilthermen von Badenweiler für den zu planenden Schutzbau. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1995. Theiss, Stuttgart 1996, ISBN 3-8062-1234-1, S. 228–231.
  • Meinrad N. Filgis: Untersuchungen und Restaurierungsarbeiten am großen Drainagekanal der römischen Heilthermen von Badenweiler, Kreis Breisgau-Hochschwarzwald. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1997. Theiss, Stuttgart 1998, ISBN 3-8062-1347-X, S. 111–113.
  • Meinrad N. Filgis: Baubegleitende Untersuchungen während der Restaurierungsarbeiten am großen Drainagekanal der römischen Heilthermen von Badenweiler, Kreis Breisgau-Hochschwarzwald. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1998. Theiss, Stuttgart 1999, ISBN 3-8062-1406-9, S. 181–185.
  • Meinrad N. Filgis, Harald von der Osten-Woldenburg: Geophysikalische Prospektion im Umfeld und innerhalb der römischen Heilthermen von Badenweiler, Kreis Breisgau-Hochschwarzwald. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1999. Theiss, Stuttgart 2000, ISBN 3-8062-1469-7, S. 113–115.
  • Meinrad N. Filgis: Römische Badruine Badenweiler. Historische Wurzeln des Kurortes neu präsentiert. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege 30.4, 2001, S. 166–175 (Digitalisat).
  • Meinrad N. Filgis: Archäologische Untersuchungen und baubegleitende Beobachtungen an den römischen Heilthermen von Badenweiler, Kreis Breisgau-Hochschwarzwald. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2000. Theiss, Stuttgart 2001, ISBN 3-8062-1518-9, S. 105–109.
  • Meinrad N. Filgis, Harald von der Osten-Woldenburg: Die römischen Heilthermen von Badenweiler, Kreis Breisgau-Hochschwarzwald. Fertigstellung des Schutzbaus und weitere Untersuchungen. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2001. Theiss, Stuttgart 2002, ISBN 3-8062-1659-2, S. 104–109.
  • Meinrad N. Filgis et al.: Das römische Badenweiler. Mit einem Beitrag zur Burg Baden. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2002.
  • Meinrad N. Filgis: Badenweiler (FR). Heilthermen. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Römerstätten und Museen von Aalen bis Zwiefalten. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 34 f.
  • Meinrad N. Filgis: Vor 225 Jahren entdeckt, unter Stahl und Glas präsentiert. Die römischen Heilquellen von Badenweiler. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 38, 2009, Heft 3, S. 134–139 (Digitalisat).
  • Gerhard Fingerlin: Neue Beobachtungen zum Vicus von Badenweiler, Kreis Breisgau-Hochschwarzwald. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1988. Theiss, Stuttgart 1989, ISBN 3-8062-0583-3, S. 129–131.
  • Gerhard Fingerlin: Zum römischen Badenweiler. In: Archäologische Nachrichten aus Baden 46, 1991, S. 3–16 (Digitalisat).
  • Jörg Heiligmann: Badenweiler FR. Thermalbad. In: Philipp Filtzinger, Dieter Planck, Bernhard Cämmerer (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart und Aalen 1986³, ISBN 3-8062-0287-7, S. 235–238.
  • Werner Heinz: Grabungen in der römischen Thermenruine Badenweiler, Kreis Breisgau-Hochschwarzwald. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1981. Theiss, Stuttgart 1982, ISBN 3-8062-0304-0, S. 124–127.
  • Werner Heinz: Die römische Thermenruine von Badenweiler und die Probleme ihrer Konservierung. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, 8. Jahrgang, 1979, Heft 4, S. 165–169 (Digitalisat).
  • Jürgen Köhler: Konservierung, Schutz und Präsentation der römischen Thermenruine in Badenweiler. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 25, 1996, Heft 1, S. 98–102 (Digitalisat).
  • Hermann Mylius: Die römischen Heilthermen von Badenweiler (= Römisch-germanische Forschungen, Band 12). Walter de Gruyter, Berlin/Leipzig 1936 (Digitalisat).
  • Hans Ulrich Nuber, Gabriele Seitz: Sondagegrabungen an der evangelischen Kirche in Badenweiler, Kreis Breisgau-Hochschwarzwald. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1995. Theiss, Stuttgart 1996, ISBN 3-8062-1234-1, S. 222–226.
  • Hans Ulrich Nuber, Gabriele Seitz: Weitere Untersuchungen an der evangelischen Kirche in Badenweiler, Kreis Breisgau-Hochschwarzwald. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1996. Theiss, Stuttgart 1997, ISBN 3-8062-1292-9, S. 120–124.
  • Hans Ulrich Nuber, Gabriele Seitz: Zum Podiumtempel von Badenweiler, Kreis Breisgau-Hochschwarzwald. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1998. Theiss, Stuttgart 1999, ISBN 3-8062-1406-9, S. 179–181.
  • Harald von der Osten-Woldenburg, Gabriele Seitz: Geophysikalische Untersuchungen im Bereich der römischen Heilthermen und der evangelischen Kirche von Badenweiler, Kreis Breisgau-Hochschwarzwald. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg, Band 24, 2000, S. 323–368 (Digitalisat).
  • Harald von der Osten-Woldenburg: Römisches Badenweiler Geophysikalische Prospektion der römischen Heilthermen und ihrer Umgebung. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 30, 2001, Heft 4, S. 180–184 (Digitalisat).
  • Gabriele Seitz: Alte Fundstelle in neuem Licht. Anmerkungen zum römischen Badenweiler. In: Archäologische Nachrichten aus Baden, Band 57, 1997, S. 31–37 (Digitalisat).
  • Gabriele Seitz: Badenweiler (FR). Tempel. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Römerstätten und Museen von Aalen bis Zwiefalten. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 32 f.
  • Gabriele Seitz: Badenweiler. Ein römisches Heil- und Kurbad. In: Dieter Planck (Hrsg.): Imperium Romanum. Roms Provinzen an Neckar, Rhein und Donau. Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Esslingen am Necker 2005, ISBN 3-8062-1945-1, S. 363–368.
Commons: Römerbad Badenweiler – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

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