Balsam AG
Unternehmen um einen 1994 aufgedeckten Wirtschaftsskandal
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Das Unternehmen Balsam AG im westfälischen Steinhagen bei Bielefeld steht für einen der schwersten Fälle von Wirtschaftskriminalität in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Ebenso wie die Schneider-Affäre wurde er im Jahr 1994 aufgedeckt.
Das Unternehmen
Die Balsam AG wurde 1965 von Friedel Balsam gegründet. Balsam startete sein Unternehmen mit einem geliehenen Kapital von 7000 DM. In der Folgezeit entstand ein florierendes mittelständisches Unternehmen, das mit über 1000 Mitarbeitern für dreistellige Millionenumsätze sorgte[1] und zum weltgrößten Sportbodenhersteller avancierte.[2] Kern des Geschäftsbetriebs war die Herstellung von Sportböden und Kunstrasen. Ausgestattet wurden damit Stadien, Tennisplätze, Turnhalle und Laufparcours. Auch war das Unternehmen mit seinen Produkten bei den Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften vertreten. Mitte der 1980er Jahre hatte sich ein derart großer Erfolg eingestellt, dass die Balsam AG mit ihrem Produktsegment in die Liga der Weltmarktführer aufrückte. Der Erfolg war stark davon beeinflusst, dass eine aggressive und von der Konkurrenz gefürchtete Dumpingpreispolitik betrieben wurde. Entweder wurden Konkurrenten sukzessive aufgekauft oder sie wurden vom Markt verdrängt.
Der Betrug und die Vorgehensweise
Innerhalb von zehn Jahren wurden allein zwei Dutzend Mitbewerber aufgekauft. Die Aufkäufe ereigneten sich außerhalb jedes ordnungsgemäßen Geschäftsgebarens, denn es wurde keine finanzielle Kontrolle ausgeübt. Friedel Balsam bewog das im späteren Prozess zum Eingeständnis, dass er die eigenen Kosten „völlig aus dem Auge“ verloren habe. Herkunft des Kapitals und seine Verwendung wurden ignoriert, sodass die bilanziellen Geschäftszahlen negativ waren. Im Firmenhaushalt klafften Löcher. Vernachlässigt wurden die Überprüfung der Rentabilität der Zukäufe, ebenso blieb die Überwachung der eigenen Liquidität aus. Als Grund wird angeführt, dass man sich einseitig auf schieres Umsatzwachstum und den Ausbau der Unternehmensgröße konzentriert habe. Etwas anderes habe nicht im Fokus gestanden.[3] In dem Zusammenhang wurden Vergleiche mit den unternehmerischen Machenschaften des Baumaschinenherstellers Horst-Dieter Esch angestellt, der 1984, also wenige Jahre zuvor, mit seinem IBH-Imperium 1984 in Konkurs gegangenen war.
Balsam-Buchhalter Klaus-Detlev Schlienkamp verfiel in Absprache mit Firmengründer Friedel Balsam auf Tricks, um das hausinterne Anliegen zu verschleiern. Dabei konnte er auf seine Kontakte zur Procedo Gesellschaft für Exportfactoring D. Klindworth mbH (kurz: Procedo) in Wiesbaden, einem Finanzdienstleister bauen, dessen Spezialgebiet das Factoring war.[4] Factoring basiert auf der revolvierenden Übertragung von Unternehmensforderungen gegen Schuldner auf einen Finanzdienstleister, bevor diese fällig werden. Das dahinterstehende Prinzip ist einfach: Der Finanzdienstleister vergibt einem Unternehmen einen Kredit, sobald es eine Zahlung erwartet. Das Vorgehen ähnelt einem Vorschuss, ist eine Vorauszahlung. Sobald die Forderung gegenüber dem Gläubiger, der gleichzeitig Factoringnehmer ist, getilgt ist, wird der Kredit an den Finanzdienstleister zurückgezahlt. Konkret handelte es im Falle der Balsam AG um ein sogenanntes unechtes Factoring, denn die Forderungen wurden an Procedo nicht verkauft, das Delkredererisiko verblieb somit bei der Balsam AG, was sich als fatal herausstellen sollte.[5] Nach anfänglich korrekter Abwicklung im Sinne der Bestimmungen, weitete Schlienkamp die Möglichkeiten eines schnelleren Zahlungseingangs aus. Er gab überhöhte Rechnungsbeträge bei der Procedo an, woraus resultierte, dass das Kreditierungsvolumen erheblich anwuchs. Um die immer größer werdenden Finanzlöcher zu stopfen, erachtete der Buchhalter dieses Vorgehen ab Mitte der 1980er-Jahre für zwingend erforderlich. Im weiteren Verlauf wurden die Rechnungsbeträge immer realitätsferner. Schlussendlich wurden die Rechnungen komplett gefälscht und nicht mehr lediglich erhöht.[6] Das Geschäftsmodell artete damit zu einem Schneeballsystem aus. In der Phase der Aufdeckung des Betruges standen einer realen Auftragslage von 40 Millionen DM Verbindlichkeiten in der Größenordnung von 1,8 Milliarden DM gegenüber.[7] Mitte Juni 1994 meldete die Balsam AG dann Konkurs an. Die Procedo war ebenfalls wirtschaftlich am Ende und leitete ein gerichtliches Vergleichsverfahren mit anschließendem Verkauf an die Rewe Gruppe ein. Gleichwohl hatte Schlienkamp noch versucht, die Verluste der Balsam AG in irgendeiner Weise auszugleichen, indem er mit Devisenoptionen handelte, was tatsächlich dazu führte, dass der Schaden der Banken verringert werden konnte.[8]
Auswirkungen
Die Balsam AG hatte sich von insgesamt fünfzig Kreditgebern Geld geliehen, die ihre Engagements nahezu vollständig abschreiben mussten. Im Gegensatz zur Jürgen-Schneider-Affäre gab es keine nachhaltige Konkursmasse in Form von Immobilien oder Festgeldkonten, die den Schaden der Banken hätten mindern können. Es war vielmehr mit „Luft“ gehandelt worden. Dazu kam, dass lediglich die Deutsche Bank und die damalige Dresdner Bank an der verbliebenen Konkursmasse partizipierten, denn sie wurden Profiteure ihrer vereinbarten Globalabtretungen. Da die fiktiven Erträge ordnungsgemäß versteuert worden waren, mussten die Gemeinden Steinhagen und Grefrath 1997 zu Unrecht vereinnahmte Gewerbesteuer an den Insolvenzverwalter erstatten.
Prozess
Die Staatsanwaltschaft führte Ermittlungen wegen des Tatverdachts des Kreditbetrugs, der Urkundenfälschung und der Steuerhinterziehung und klagte die Beschuldigten mit einer 875 Seiten umfassenden Anklageschrift vor dem Landgericht Bielefeld an.[9] Es wurden nahezu 200 Verhandlungstage benötigt, bevor der Prozess nach drei Jahren urteilsreif war. Zwei Vorstände der Balsam AG erhielten Geldstrafen in Höhe von 100.000 DM. Zwei Procedo-Manager erhielten Haftstrafen von 21 und 24 Monaten. Friedel Balsam erhielt eine Freiheitsstrafe von acht Jahren. Schlienkamp, der als einziger Beschuldigter ein Geständnis abgelegt hatte und im Prozess als Kronzeuge der Staatsanwaltschaft gegenüber den anderen Angeklagten aufgetreten war,[10] wurde am 20. September 1999 nach 195 Verhandlungstagen in Abwesenheit zu zehn Jahren Haft verurteilt.[11] Er war am 10. November 1998 geflohen und wurde am 28. März 2000 auf den Philippinen gefasst.[12]
Bemerkenswertes
- Der Hauptbeschuldigte der Affäre, Schlienkamp, der am 6. Juni 1994 ein Geständnis abgelegt hatte[13][14] und während seiner Untersuchungshaft Freigänger war, erklärte in einem Brief an den Richter seinen bevorstehenden Freitod, woraufhin von ihm jegliche Spur fehlte. Im März 2000 wurde er von Zielfahndern auf den Philippinen aufgespürt. Trotz Heirat mit einer Philippinin wurde er aufgrund einer fehlenden Aufenthaltserlaubnis von dort ausgeliefert.
- Ein ehemaliger Mitarbeiter der Balsam AG erstattete bereits im Dezember 1992 Strafanzeige gegen die Balsam AG. Dazu legte er detaillierte Unterlagen vor.[15] Mangels Anfangsverdachts ging die zuständige Staatsanwaltschaft Bielefeld dem erhobenen Vorwurf nicht nach. Nach Wiederholung der Strafanzeige durch den gleichen Antragsteller im Herbst 1993 wurde die zuständige Kriminalpolizei tätig, wobei der zuständige Staatsanwalt Jost Schmiedeskamp erneut nicht tätig wurde.[16] Später entstand der Vorwurf, dass zwischen der Ehefrau Schmiedeskamps und der Lebensgefährtin Balsams persönliche Beziehungen bestanden.[15] Eine Staatshaftungsklage wegen der Verschleppung der Ermittlungen wurde abgewiesen.[17]
- Der durch die zweite Strafanzeige gegen die Firma mit den Ermittlungen betraute Kriminalhauptkommissar K.-H. Wallmeier nahm die Balsam AG ins Visier und stellte dabei auch die Unterlassungen der Staatsanwaltschaft fest. Er entlarvte letztlich den Betrugsfall, wobei er sogar Urlaubstage für seine Recherche opferte.[15]
- Das ZDF-Magazin „Frontal“ berichtete am 31. Mai 1994 in einem siebenminütigen Beitrag über eine Krediterschleichung durch eine Sportanlagenbaufirma aus Ostwestfalen. Ein mit verdecktem Gesicht und abgefälschter Stimme sprechender Insider erklärte, wie der Kreditbetrug funktionierte.[18]
- Der Skandal um die Balsam AG war symptomatisch für eine Mehrzahl von Fällen der 1990er Jahre, die eindeutige Fehlverhalten von Aufsichtsräten gegenüber den Unternehmensvorständen offenbarten. Der Schwachpunkt lag darin, dass völlig unzureichend kontrolliert wurde,[19] obwohl eine effiziente Unternehmensverfassung bestand. Verbesserungsvorschläge aus der Literatur der Wirtschafts- und Rechtswissenschaft richteten sich insbesondere an die Aufsichtsräte und Wirtschaftsprüfer. Gemäß § 124 Abs. 3 AktG waren Abschlussprüfer vom Aufsichtsrat zu bestellen, anstatt vom Vorstand. Die Berichtspflichten gegenüber dem Aufsichtsrat wurden deutlich ausgeweitet.[20]
- Das Konkursverfahren über das Vermögen der Balsam AG wurde 2009 eröffnet und 2014 aufgehoben. Forderungen in Höhe von 1,98 Milliarden DM standen etwa 10 Millionen DM Firmenvermögen gegenüber.[21]
- Die Journalisten Karl-Heinz Steinkühler und Hans-Joachim Block von der Zeitung Neue Westfälische wurden für ihre Aufdeckungen im Balsam-Skandal 1994 mit dem Wächterpreis der deutschen Tagespresse ausgezeichnet.
Siehe auch
- FlowTex-Skandal: Dieser Wirtschaftsskandal aus dem badischen Ettlingen, der im Jahr 2000 aufgedeckt wurde, weist die Gemeinsamkeit auf, dass vornehmlich „Luftgeschäfte“ getätigt wurden.
- Liste von Unternehmenszusammenbrüchen und -skandalen
- Zweiteilige TV-Dokumentation Der Milliarden-Coup - Deutschlands schlimmstes Wirtschaftsverbrechen, 2022, Regie: Simone Schillinger
Literatur
- Klaus Schmeh: Die 55 größten Flops der Wirtschaftsgeschichte Frankfurt/Wien, Redline Wirtschaft, Ueberreuter, ISBN 3-8323-0864-4.
- Klaus Ott: Der Abschiedsbrief [Klaus Schlienkamp], Süddeutsche Zeitung, 18. Juli 2020, S. 10.