Baravelli-Code
kommerzielles Codebuch
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Der Baravelli-Code ist ein kommerzielles Codebuch, das gegen Ende des 19. Jahrhunderts vom italienischen Ingenieur Paulo Baravelli konzipiert und veröffentlicht wurde.[1] Er nannte es zunächst italienisch Dizionario per corrispondenze in cifra (deutsch „Wörterbuch für Korrespondenzen in Ziffern“). In späteren Ausgaben wurde der Titel gekürzt auf: Corrispondenza in cifra.
Geschichte
Wie viele „Kürzelcodes“ (englisch brevity codes) im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, beispielsweise der Phillips Code, konzipierte auch Baravelli seinen Code in erster Linie nicht zur Chiffrierung, also für die Geheimhaltung von Nachrichten, sondern zur Komprimierung. Hauptzweck war, im damaligen Telegrafenverkehr, in dem Telegramme nach der Länge der Texte bezahlt wurden, diese zu kürzen und damit Zeit bei der Übertragung einzusparen und letztendlich die Kosten zu senken.
Dazu ersetzte er Buchstaben, Silben, Wörter und Phrasen, die in den typischen Telegrammtexten immer wieder benutzt wurden, durch Zahlen. So konnten Mitteilungen in kompakter und prägnanter Weise kommuniziert werden.
Es gab mehrere Ausgaben des Buchs (siehe auch: Bilder unter Weblinks), darunter die folgenden:
Aufbau
Baravelli entschied sich bei seinem Code für die folgende Zuordnung:[2]
- einstellige Zahlen (0–9) für Vokale und Interpunktionszeichen,
- zweistellige Zahlen (00–99) für Konsonanten und häufige Hilfsverben,
- dreistellige Zahlen (000–999) für häufige Silben und
- vierstellige Zahlen (0000–9999) für bestimmte Wörter.
Die letzten beiden Gruppen befanden sich im Buch auf zehn (Seitenzahlen 0 bis 9) beziehungsweise hundert Seiten (00 bis 99). Auf jeder Seite gab es hundert Einträge (00–99). Aus der Kombination der Seitennummer und der Codenummer ergab sich die jeweilige Codezahl.[3]
Zusätzlich war es möglich, eine alternative Seitennummerierung zu wählen. Hierzu konnte der Benutzer die Seitennummern frei ändern. Auch gab es auf den Seiten freie Plätze, in die man beliebige Wörter nach Wahl eintragen konnte. So ließ sich der Code, insbesondere im Fall einer nur zweiseitigen Korrespondenz, auf die speziellen Bedürfnisse der Anwender maßgeschneidert anpassen und über die geänderten Seitennummern sogar ein gewisses Maß an kryptografischer Sicherheit erreichen.
Panizzardi-Telegramm
Zu ungewollter Berühmtheit kam der Baravelli-Code in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts. Der italienische Militärattaché in Paris, Alessandro Panizzardi (1853–1928), wollte auf geheime Weise das italienische Armeehauptquartier über Dreyfus informieren. Zur vermeintlichen sicheren Verschlüsselung seines Telegramms verwendet er eine so modifizierte Form der ersten Fassung des Baravelli-Codes von 1873.
Französische Stellen aber, die das Telegramm abfangen ließen, erkannten schnell den zugrundeliegenden Code und konnten den Klartext – teilweise – ermitteln. Daraus erwuchs die Dreyfus-Affäre (siehe auch: Dreyfus-Affäre – Erste Berichterstattung in der Presse).[4][5]
Literatur
- F. L. Bauer: Entzifferte Geheimnisse –Methoden und Maximen der Kryptologie. 3. Auflage. Springer, Berlin u. a. 2000, ISBN 3-540-67931-6, S. 77, 213.
- Tom Standage: Das Viktorianische Internet – Die erstaunliche Geschichte des Telegraphen und der ersten Online-Pioniere des 19. Jahrhunderts. Midas Management Verlag, 2002, ISBN 3-907100-72-7, S. 136–138.
Weblinks
- Titelseite der Ausgabe von 1873.
- Titelseite der Ausgabe von 1888.
- Buchdeckel der Ausgabe von 1896.
- Buchdeckel der Ausgabe von 1905.
- S. Tomokiyo: Telegraph Regulations and Telegraph Codes. Continental Codes. Cryptiana, 5. März 2020 (englisch).