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Baskischer Nationalismus

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Der Begriff Baskischer Nationalismus (baskisch Euskal abertzaletasun) beschreibt eine Ideologie, die u. a. die Vereinigung der in Frankreich und Spanien lebenden Basken in einem unabhängigen Staat zum Ziel hat und die Andersartigkeit des baskischen Volkes durch die isolierte Stellung des Baskischen betont.[1] Der Beginn der baskischen Bewegung lässt sich durch das Ende der Karlistenkriege und einer dadurch zunehmenden Unterdrückung der Basken datieren. Als einer der Vordenker gilt der aus einer begüterten Familie stammende Sabino Arana,[2] dessen Bruder Luis die Ikurriña mitgestaltete. 1894 gründete Arana die Partido Nacionalista Vasco, die sich für die Ziele baskischer Nationalisten einsetzt. 1937 begann, mit der Eroberung des Baskenlandes im Verlauf des Spanischen Bürgerkrieges,[3] die kulturelle und politische Unterdrückung in der Ära Francos, in der die Verwendung der baskischen Sprache in der Öffentlichkeit verboten wurde, wodurch der baskische Nationalismus eine Aufwertung erfuhr, die sich in terroristischen Aktionen der bis 2018 bestehenden Organisation ETA äußerte.[1]

Baskische Flagge

Geschichte

Sabino Arana, 1890

Im Mittelalter bestand das lange Zeit unabhängige baskische Königreich Navarra und Formen des baskischen Heidentums erhielten sich bis ins 10. Jahrhundert.[4] Vor der Entstehung des modernen Nationalismus besaßen die baskischen Provinzen auf spanischer Seite eigene historische Rechtsordnungen, die sogenannten Fueros. Sie regelten unter anderem Steuer-, Verwaltungs- und Militärfragen. Nach den Karlistenkriegen wurden diese Sonderrechte im 19. Jahrhundert stark eingeschränkt beziehungsweise aufgehoben. Besonders die endgültige Abschaffung der Fueros nach dem dritten Karlistenkrieg 1876 wurde zu einem wichtigen Bezugspunkt nationalistischer Geschichtsbilder.[5]

Als Begründer des modernen baskischen Nationalismus gilt Sabino Arana, der 1895 in Bilbao die Baskische Nationalistische Partei gründete. Arana verband katholischen Traditionalismus, Ablehnung des spanischen Zentralstaats, Verteidigung der baskischen Sprache und Kultur sowie eine damals stark ethnisch verstandene Vorstellung baskischer Identität. Seine frühen Schriften enthielten auch rassistische und antiliberale Elemente, von denen sich spätere Strömungen des baskischen Nationalismus teilweise entfernten. Die von ihm geschaffenen Symbole und Begriffe, darunter die Flagge Ikurriña und die Parteiorganisation der PNV, blieben jedoch prägend.[6][4]

Während der Zweiten Spanischen Republik erhielt das Baskenland 1936 ein Autonomiestatut und José Antonio Aguirre wurde zum ersten Präsidenten (Lehendakari) des Baskenlandes.[7] Die PNV bildete daraufhin eine autonome baskische Regierung und stellte sich im Spanischen Bürgerkrieg auf die Seite der Republik. Nach dem Sieg der Truppen Francisco Francos wurde das Autonomiestatut 1939 aufgehoben, baskischer Nationalismus unterdrückt und viele seiner politischen Vertreter gingen ins Exil. Auch die baskische Sprache und kulturelle Ausdrucksformen wurden während des Franquismus eingeschränkt oder aus dem öffentlichen Raum verdrängt. Die Repression führt dazu, dass nationalistische Gruppen wie die Jagi-Jagi in den Untergrund gehen und sich radikalisieren.[8]

Demonstration in Bilbao aus Solidarität mit dem Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien (2017)

In der Franco-Zeit entstand 1959 die Organisation Euskadi Ta Askatasuna (ETA). Sie entwickelte sich von einer studentischen nationalistischen Gruppierung zu einer bewaffneten separatistischen Organisation, die einen unabhängigen baskischen Staat anstrebte. Ihre Attentate, Entführungen und Bombenanschläge forderten über Jahrzehnte mehr als 800 Todesopfer und prägten das Bild des baskischen Nationalismus im In- und Ausland stark, obwohl die Mehrheit nationalistischer Gruppen und Parteien ihre Ziele auf friedliche Weise verfolgte. Die ETA erklärte 2011 das endgültige Ende ihrer bewaffneten Aktivitäten und löste sich 2018 formell auf.[9][10]

Nach dem Übergang Spaniens zur Demokratie wurde 1979 das Autonomiestatut des Baskenlandes verabschiedet. Es begründete die heutige Autonome Gemeinschaft Baskenland aus Álava, Bizkaia und Gipuzkoa und erkannte das baskische Volk beziehungsweise Euskal Herria als Ausdruck einer Nationalität innerhalb des spanischen Staates an. Das Statut sieht außerdem vor, dass Navarra unter bestimmten verfassungsrechtlichen Bedingungen der Autonomen Gemeinschaft beitreten könnte. Seitdem bewegt sich der baskische Nationalismus zwischen der Verwaltung weitreichender Autonomie, Forderungen nach einer Reform des Status und dem Ziel vollständiger Unabhängigkeit.[11]

Politik

Die wichtigste historische Partei des baskischen Nationalismus ist die Baskische Nationalistische Partei (EAJ-PNV). Sie wurde 1895 gegründet und entwickelte sich im 20. Jahrhundert von einer katholisch-konservativen und ethnisch geprägten Bewegung zu einer gemäßigten christdemokratischen, autonomistischen und nationalistischen Partei. Die PNV dominiert seit der Demokratisierung häufig die Institutionen der Autonomen Gemeinschaft Baskenland und tritt für eine Erweiterung der baskischen Selbstregierung ein, verfolgt ihre Ziele aber parlamentarisch und hat Gewalt als politisches Mittel abgelehnt.[12]

Die zweite große Strömung ist die linksnationalistische izquierda abertzale. Ihre heutige wichtigste Partei ist EH Bildu, eine linke baskisch-nationalistische und pro-unabhängige Formation, die aus mehreren Parteien und politischen Traditionen hervorging. Sie ist besonders in Gipuzkoa, Teilen Navarras und auf kommunaler Ebene stark vertreten. Im Gegensatz zur PNV verbindet EH Bildu die Forderung nach baskischer Souveränität stärker mit sozialistischen, feministischen und ökologischen Positionen.[13][14]

In Navarra existieren eigene politische Konstellationen. Geroa Bai ist eine navarresische Koalition mit baskisch-nationalistischen, regionalistischen und progressiven Elementen, an der auch die PNV beteiligt ist. Daneben tritt EH Bildu auch in Navarra an. Die Frage, ob Navarra Teil eines politischen Euskal Herria sein soll, ist hier umstritten.

Im französischen Baskenland ist der parteipolitische Nationalismus schwächer institutionalisiert als in Spanien. Eine wichtige linksnationalistische Kraft ist Euskal Herria Bai, die im französischen Teil des Baskenlandes für Anerkennung, Sprachrechte, soziale Forderungen und institutionelle Stärkung des baskischen Territoriums eintritt. Die politischen Rahmenbedingungen unterscheiden sich dort stark von Spanien, da Frankreich keine vergleichbare regionale Autonomie für das Baskenland kennt.[15]

Mögliches Staatsgebiet

Aufteilung des Baskenlandes:
  • Autonome Region Baskenland
  • Autonome Region Navarra
  • Französisches Baskenland
  • Das von baskischen Nationalisten häufig als Euskal Herria bezeichnete Gebiet umfasst sieben historische Territorien. Auf spanischer Seite sind dies Álava, Bizkaia, Gipuzkoa und Navarra; auf französischer Seite Labourd, Nieder-Navarra und Soule. Diese sieben Gebiete bilden jedoch keine einheitliche staatliche oder administrative Einheit, sondern sind heute zwischen Spanien und Frankreich sowie innerhalb Spaniens zwischen der Autonomen Gemeinschaft Baskenland und der Autonomen Gemeinschaft Navarra aufgeteilt.[16][17] Das Autonomiestatut des Baskenlandes von 1979 bezieht sich dagegen rechtlich nur auf die drei Provinzen Álava, Bizkaia und Gipuzkoa, die das Herzland des baskischen Nationalismus bilden. In Navarra konkurrieren navarresische Regionalidentität, spanischer Konstitutionalismus und baskischer Nationalismus miteinander, während die Basken in Frankreich durch die französische Sprachpolitik stärker assimiliert wurden.

    Baskischer Kulturnationalismus

    „Du bist im Baskenland, nicht in Spanien“ – ein Beispiel für baskischen Nationalismus an einem Laternenpfahl in Bilbao.

    Seine wichtigste Grundlage ist die baskische Sprache, die als nicht-indoeuropäische Sprache ein zentrales Abgrenzungsmerkmal gegenüber den romanischen Mehrheitsgesellschaften Spaniens und Frankreichs bildet. Im Autonomiestatut des Baskenlandes wurde Euskara neben Spanisch als Amtssprache anerkannt; zugleich wurde die Königliche Akademie der Baskischen Sprache, Euskaltzaindia, als offizielle beratende Institution in Sprachfragen genannt.[18][19]

    Seit dem späten Franquismus und besonders seit der Demokratisierung gewann die Sprachrevitalisierung erheblich an Bedeutung und das Baskische wird heute regional gefördert. Nach Angaben von Eustat verfügten 2021 in der Autonomen Gemeinschaft Baskenland 62,4 Prozent der Bevölkerung ab zwei Jahren über gewisse Baskischkenntnisse; darunter waren 936.812 Personen, die Baskisch gut verstehen und sprechen konnten.[20]

    Eine besondere Rolle spielt der Kulturbereich auch jenseits parteipolitischer Organisationen. Veranstaltungen wie Korrika, ein von AEK organisiertes Staffellauf- und Mobilisierungsereignis zugunsten der baskischen Sprache, verbinden Sprachförderung mit kollektiver Identitätsstiftung. Korrika führt durch das gesamte baskische Sprachgebiet und dient zugleich der Finanzierung von Erwachsenenbildung in Euskara.[21] Im Sport besteht eine eigene Baskische Fußballauswahl, die allerdings nicht an offiziellen Länderspielen teilnehmen darf. Für den baskischen Fußballklub Athletic Bilbao dürfen nur baskische Spieler auflaufen.[22]

    Öffentliche Meinung

    Die öffentliche Meinung im Baskenland unterscheidet deutlich zwischen baskischer Identität, Unterstützung für Autonomie und Unterstützung für staatliche Unabhängigkeit. Nach dem Sociómetro Vasco Nr. 86 des baskischen Regierungspräsidiums von Juli 2025 bezeichneten sich 19 Prozent der Befragten als ausschließlich baskisch und 24 Prozent als eher baskisch als spanisch. 41 Prozent fühlten sich gleichermaßen baskisch und spanisch, 5 Prozent eher spanisch als baskisch und weitere 5 Prozent ausschließlich spanisch.[23]

    Die Zustimmung zur Unabhängigkeit liegt deutlich niedriger als die Zustimmung zu einer baskischen Identität oder zu mehr Selbstregierung. Im selben Sociómetro gaben 21 Prozent an, mit der Unabhängigkeit des Baskenlandes einverstanden zu sein; 41 Prozent waren dagegen, 32 Prozent machten ihre Haltung von den Umständen abhängig und 6 Prozent äußerten keine Meinung. Die Unterstützung war regional unterschiedlich: In Gipuzkoa lag die Zustimmung mit 26 Prozent höher als in Bizkaia mit 19 Prozent und Álava mit 17 Prozent. Unter Wählern von EH Bildu befürworteten 52 Prozent die Unabhängigkeit, bei der PNV waren es 16 Prozent.[23]

    Literatur

    • Patrick Esser: Fragmentierte Nation - globalisierte Region? Der baskische und katalanische Nationalismus im Kontext von Globalisierung und europäischer Integration. transcript Verlag, Bielefeld 2013, ISBN 978-3-8394-2344-8.

    Einzelnachweise

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