Belagerung von Aachen (1248)
historisches Ereignis im Jahr 1248
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Die Belagerung von Aachen war eine historische Begebenheit im Jahr 1248, durch die der Graf Wilhelm von Holland als nominierter Gegenkönig seine Krönung in Aachen zum römisch-deutschen König gegen den Willen des amtierenden Königs und Kaisers Friedrich II. durchsetzen konnte. Höhepunkt der siebenmonatigen Belagerung war die angeordnete Überflutung der Innenstadt, die Aachen zur Kapitulation zwang.

Geschichte
Die Regierungszeit von Kaiser Friedrich II. war von vielen Konflikten geprägt, darunter vor allem von den Auseinandersetzungen mit weltlichen Fürsten sowie den Päpsten Gregor IX. und Innozenz IV., die wie alle Päpste jener Zeit eine einflussreiche Stellung bei der Krönung einnahmen und ihre Macht gegenüber den Herrschern demonstrierten und diese sogar absetzen konnten. So wurde Kaiser Friedrich erstmals zwischen 1227 und 1230 von Gregor IX. exkommuniziert, weil er einen Kreuzzug nach Jerusalem mehrfach wegen der Reorganisation seines Königreiches Sizilien verschoben hatte, sowie erneut 1239, als er mit Truppen in den Kirchenstaat einmarschiert war, nachdem ihn der Papst als Häretiker und Antichrist bezeichnet hatte. Gregors Nachfolger, der seit 1243 amtierende Papst Innozenz IV., erklärte schließlich Friedrich II. im Jahr 1245 für abgesetzt, womit er gleichzeitig auch eine Krönung von dessen Sohn Konrad IV. zum 1237 gewählten designierten deutschen König ablehnte.
Die Konflikte zwischen weltlichem und geistlichem Oberhaupt führten unter anderem dazu, dass zwischenzeitlich zwei Gegenkönige gewählt worden waren, die dann auch zur Krönung anstanden. Diese waren zunächst der Landgraf von Thüringen Heinrich Raspe IV., der 1246 von einer Minderheit der deutschen Fürsten zum König gewählt worden war, aber wenige Monate später infolge von Kriegsverletzungen ungekrönt verstarb. Daraufhin wurde am 3. Oktober 1247 in Worringen Wilhelm von Holland von den Erzbischöfen aus Köln, Mainz, Trier und Bremen sowie dem Herzog von Brabant und weiteren Kirchen- und Landesfürsten zum Gegenkönig gewählt.
Weil jedoch Aachen Freie Reichsstadt und seit dem Jahr 936 traditioneller Krönungsort war und eher auf der Seite von Kaiser Friedrich II. stand, versuchten der Stadtrat und die Bürger mit allen Mitteln, die Krönung Wilhelms zu verhindern. Sie weigerten sich, dem neuen König Einlass zu gewähren, woraufhin Papst Innozenz IV. in Anknüpfung an die Konstantinische Schenkung die Lehre von der Überordnung des Papsttums über das Kaisertum erneuerte und gegen Friedrich zum Kreuzzug aufrief. Wilhelm von Holland, der zugleich auch die Belagerung von Kaiserswerth leiten musste, und sein getreuer Begleiter, der Päpstliche Legat für Deutschland, Kardinal Pietro Capocci, der das Salvatorkloster auf dem Salvatorberg als vorübergehenden Amtssitz in Beschlag genommen und kurzerhand zum „Kardinalsberg“ umbenannt hatte, veranlassten nun die Aufstellung eines Heeres zur Eroberung der Stadt Aachen. Dazu rekrutierten sie unter anderem Truppen aus dem Herzogtum Brabant sowie aus den Grafschaften Kleve, Hennegau, Geldern und Berg, die eigentlich für die Kreuzzüge in das Heilige Land vorgesehen waren. Für ihren Einsatz wurden ihnen seitens der Kirche eine Vergebung ihrer Sünden versprochen. Die Finanzierung dieser Aktion erfolgte durch Spenden des Papstes sowie durch Verpfändungen beispielsweise der Stadt Duisburg an seinen Verwandten Walram von Limburg und der Stadt Nijmegen an den Grafen Otto II. von Geldern.
Nach diesen Vorbereitungen begann Ende April 1248 die Belagerung Aachens, die sich trotz der großen Menge an Kreuzfahrern monatelang hinzog. Erst durch die Anwerbung weiterer Kreuzfahrer aus Brabant, Flandern und dem Artois im Sommer sowie im Herbst eines Kontingents von Westfriesen, die als Untertanen Wilhelms in seiner Funktion als Graf von Holland eigentlich für den sechsten Kreuzzug von Ludwig IX. vorgesehen waren, konnte das Blatt gewendet werden. Diese mittlerweile auf mehr als 200.000 Mann angewachsenen Truppen schlossen den Belagerungsring um Aachen vollends und begannen damit, östlich der Stadt in etwa 200 bis 400 Metern Entfernung zur bestehenden Stadtmauer, der Barbarossamauer, auf einer Länge von etwa 650 Metern einen Damm zu errichten. Dieser staute das Wasser von Pau, Paunell und Johannisbach noch vor ihrer Einmündung in die Wurm, wodurch ein großer Teil des mittelalterlichen Stadtkerns unter Wasser gesetzt wurde. Dabei wurden sowohl viele Lehmfachwerkhäuser als auch steinerne Bauten, darunter mehrere Kirchen und das Marienstift, schwer beschädigt.
Zudem bombardierten die Belagerer die Stadt, in der lediglich 8.000 Mann unter Waffen standen, nun Tag und Nacht mit Mangonels, Katapultgeschossen und Steinschleudern und schnitten sie von den Weiden außerhalb der Stadt und damit von den Vorräten vollends ab. Am 18. Oktober 1248 ergaben sich schließlich die von Hunger und Not geplagten Aachener Bürger. Dabei kam es durch Vermittlung des Erzbischofs von Köln, Konrad von Hochstaden, zu einem Vergleich, in dem Wilhelm von Holland die Anerkennung seiner Herrschaft und die Bestätigung der städtischen Privilegien zur Krönung versprochen wurden. Ferner gelobten die Aachener Stadtväter gegenüber Papst Innozenz IV. und König Wilhelm Gehorsam und wurden nicht weiter bestraft.
Wilhelm von Holland zog einen Tag nach der Kapitulation in Aachen ein, aber aufgrund der massiven Schäden durch die Überflutung konnte die eigentliche Krönung erst am 1. November 1248 abgehalten werden.
Nachbetrachtung
Noch kurz vor seiner Krönung bestätigte Wilhelm von Holland den Bürgern der Stadt alle ihnen zustehenden Privilegien als Freie Reichsstadt. Darüber hinaus versprach er am 3. November 1248 den Westfriesen zum Dank für ihren Einsatz alle Rechte und Freiheiten beizubehalten, die diesen von Karl dem Großen fast 450 Jahre zuvor bereits gewährt worden waren. Kardinal Pietro Capocci seinerseits übergab die Klosteranlage St. Salvator wieder dem Münsterstift und bestätigte ebenfalls frühere Schenkungsversprechen.
Die Belagerung von Aachen war weder die erste noch die letzte Belagerung, die Wilhelm von Holland zu verantworten hatte, um seine Einsetzung in Deutschland durchsetzen zu können. Etwa zwischen 1247 und 1251 ließ er mehr als zehn Ortschaften und Städte belagern, darunter neben Aachen und Kaiserswerth auch 1249 Nieder-Ingelheim und 1251 Boppard. Die Belagerung Aachens war jedoch sein größtes, aufwändigstes und zeitlich intensivstes militärisches Unterfangen.
Obwohl er als Gegenkönig gewählt und gekrönt war, blieb Wilhelm von Holland auf lange Zeit nur ein Herrscher ohne umfassende Macht. Erst nachdem sowohl Friedrich II. im Jahr 1250 und danach sein Sohn und gewählter Nachfolger als Deutscher König, Konrad IV., im Jahr 1254 gestorben waren, wurde Wilhelm offiziell als Römisch-deutscher König anerkannt und inthronisiert. Er bekleidete diese Stellung jedoch nur bis zum Januar 1256, als er zunächst mit seinem Pferd bei Hoogwood ins Eis eingebrochen war und von aufständischen Friesen, die ihn fanden, aber angeblich nicht erkannten, erschlagen wurde.
Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hat der Aachener Geodät und Bauunternehmer Carl Rhoen die Ausmaße der Überflutung Aachens untersucht und protokolliert.[1] Die Belagerung und die damit einhergehenden Zerstörungen waren unter anderem Anlass für den Bau der äußeren Stadtmauer als zweiten Verteidigungsring, der ab dem Ende der 1250er-Jahre unter Richard von Cornwall, dem römisch-deutschen König von 1257 bis 1272, begonnen wurde.
In den 1950er Jahren wurden durch Archäologen Reste des mutmaßlichen Damms lokalisiert, aber es konnten dabei noch keine archäologischen Spuren der tatsächlichen Flutung nachgewiesen werden. Erst Berechnungen des Wissenschaftlers Bernhard Pröschel im Rahmen seiner Dissertation ergaben detaillierte Rückschlüsse auf Art und Umfang der Flutung, die bis zum Katschhof gereicht haben soll. Dabei muss der Damm je nach Außengelände abschnittsweise bis zu sieben Meter hoch gewesen sein und eine Dammkrone von etwa zwei Metern besessen haben.[2] Neuere Grabungen haben dazu eine mutmaßliche Schwemmschicht ans Licht gebracht, die archäologisch tatsächlich in das 13. Jahrhundert datiert werden kann.[3]
Darüber hinaus ist seitens der Stadt Aachen geplant, im Rahmen der Bachoffenlegung auch ein „Topografisches Becken“ als Erinnerungsstätte an die Belagerung und Überflutung Aachens mit einzubeziehen.[4]
Literatur
- Adolf Ulrich: Geschichte des römischen Königs Wilhelm von Holland 1247–1256. Culemann, Hannover 1882, S. 33–39 (google-books)
- Günter Krieger: Die Tage der Sintflut, Grenz-Echo-Verlag, Eupen 2016, ISBN 978-3-86712-112-5
- Andreas Büttner: Die Herrschererhebung Wilhelms von Holland (1247/48), in: Bernd Schneidmüller und Stefan Weinfurter (Hrsg.): Mittelalter-Forschungen, Band 35, Jan-Thorbecke-Verlag, Heidelberg 2012, S. 171–187, ISBN 978-3-7995-4287-6 (Digitalisat)