Belle Boyd
Spionin im Amerikanischen Bürgerkrieg (1844-1900)
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Maria Isabella Boyd (* 9. Mai[1] 1844 in Bunker Hill, Virginia; † 11. Juni 1900 in Kilbourne, Wisconsin), genannt Belle Boyd, war eine US-amerikanische Spionin der Südstaaten im Amerikanischen Bürgerkrieg. Da sie ihre Informationen hauptsächlich aus Flirts mit Unionssoldaten bezog, erhielt sie die Spitznamen La Belle Rebelle[2] oder Cleopatra der Sezession. Obwohl bei weitem nicht die erfolgreichste Spionin während des Krieges, machten mehrere Verhaftungen und ihre Autobiografie Belle Boyd in Camp and Prison sie zu einer gefeierten Berühmtheit.

Familie und erste Jahre
Belle Boyd wurde unter dem Namen Maria Isabella als Tochter des wohlhabenden Geschäftsinhabers Benjamin Reed Boyd und seiner Frau Mary Rebecca Glenn geboren. Die Familie hatte schottische Wurzeln und Verwandte in New Orleans. Ein Verwandter bezeichnete Belle von klein auf als Wildfang, also als sehr lebhaftes Kind, das bevorzugt Aktivitäten im Freien nachging.[2] Einer Geschichte zufolge ritt sie hoch zu Ross ins Esszimmer, als ihre Eltern sie aufgrund ihres zarten Alters nicht an einer Feier teilnehmen lassen wollten. Mit ihrer schlagfertigen Begründung, dass ja zumindest das Pferd alt genug war, um teilzunehmen, brachte sie die Gäste auf ihre Seite und entging einer Strafe.[3] Im Alter von zwölf Jahren besuchte sie das Mount Washington Female College in Baltimore, das sie mit sechzehn Jahren abschloss.
Spionage
Zum Beginn des Bürgerkrieges war Belle siebzehn Jahre alt und lebte mit ihren Eltern in Martinsburg, wo die Familie ein Hotel betrieb. Mehrere Boyds, darunter ihr Vater, meldeten sich zum Dienst in der konföderierten Armee, Belle selbst sammelte zunächst nur Spenden. Allerdings wurde ihr nach eigenen Angaben diese Tätigkeit schnell „zu zahm und monoton für mein Temperament“[4] und eine Zeit lang arbeitete sie als Krankenschwester in einem Feldlazarett. Am 3. Juli 1861 mussten sich die Konföderierten vor den Unionstruppen zurückziehen, die danach Martinsburg besetzten. Am darauffolgenden Tag, dem 4. Juli und somit dem Unabhängigkeitstag, verschaffte sich ein Unionssoldat gewaltsam Zutritt zu Boyds Elternhaus, um die konföderierten Flaggen abzunehmen und stattdessen die Unionsflagge zu hissen. Wutentbrannt darüber, dass er dabei ihre Mutter beiseite stieß und übel beschimpfte, erschoss Belle den Soldaten und entging durch vorgetäuschte Reue einer Strafe.[5]

Von nun an wurde das Haus ständig von Unionssoldaten bewacht und Belle nutzte die Gelegenheit, um zu ihnen Kontakte zu knüpfen und Informationen über Truppenbewegungen zu sammeln, die mittels Briefen an konföderierte Kommandanten wie General Thomas „Stonewall“ Jackson und General J. E. B. Stuart sandte. Allerdings waren ihre Nachrichten unverschlüsselt, weshalb sie sich nach dem Abfangen eines Briefs vor einer Jury rechtfertigen musste. Belle gab sich ahnungslos und kam einmal mehr ohne Strafe davon, woraufhin ihre Eltern beschlossen, sie bei ihrem Onkel und ihrer Tante in Front Royal unterzubringen. Inspiriert von den Methoden einer anderen Spionin für die Südstaaten, Rose O’Neal Greenhow, wandte sie sich für eine bessere Spionageausbildung an Colonel Turner Ashby, der sich als Tierarzt ausgab um so regelmäßig die Unionstruppen bespitzeln zu können.[6] Ab etwa Oktober 1861 begann sie als Kurier für die Generäle Jackson und Beauregard zu arbeiten.[3]
Im März 1862 wurde sie das erste Mal verhaftet und in einem Hotel in Baltimore untergebracht. Da sie keine kompromittierenden Nachrichten bei sich hatte, wurde sie nach einer Woche mangels Beweisen freigelassen. In der Zwischenzeit hatte sie sich dank ihres Charmes mit mehreren Unionssoldaten angefreundet, die ihr arglos ihre Marschbefehle verrieten. Mitte Mai wurde Front Royal von der Unionsarmee besetzt. Belle belauschte im Hotel ihrer Tante eine Zusammenkunft des Generalstabs, in der man plante, Jacksons Truppen einzukreisen und ihn gefangen zu nehmen. Sie notierte die Informationen verschlüsselt auf ein Blatt Papier und ritt anschließend 15 Meilen weit ins Lager der Konföderierten, um Jackson die Nachricht persönlich zu überbringen.[7] Dank ihrer guten Kontakte zu Unionssoldaten erhielt sie weitere Informationen, die sie am 23. Mai während der Schlacht bei Front Royal bei einem waghalsigen Durchbruch der Unionslinien zu Jacksons Befehlsstand brachte. Diesem gelang es, die Stadt wieder einzunehmen, woraufhin er ein kurzes Dankschreiben an Belle verfasste:
„Miss Belle Boyd, ich danke Euch, für mich selbst und für die Armee, für den großen Dienst, den Ihr Eurem Land heute erwiesen habt. In Eile verbleibe ich Euer Freund, T. J. Jackson, CSA.“[7]
Verhaftungen und Verbannung
Im Frühsommer wurde Belle nach einer Denunzierung durch eine Nachbarin ein weiteres Mal verhaftet, diesmal aber in Baltimore in ein Gefängnis geworfen. Dort überredete sie den Aufseher, sie mit einer Verwarnung gehen zu lassen.[8] Ihre unverhohlenen Sympathien für die Südstaaten ließen sie jedoch gravierende Fehler machen, sie benutzte selten eine Verschlüsselung für ihre Nachrichten und ging gern hohe Risiken ein. Weitere Verhaftungen folgten und am 29. Juli 1862 wurde sie im Old Capitol Prison in Washington, D.C. inhaftiert. Dort machte sie die Bekanntschaft des Telegrafisten J. O. Kerbey, der mit der Unionsagentin Elizabeth van Lew zusammenarbeitete. Während seiner Spionagetätigkeit hatte er einen Eid auf die Konföderation unterzeichnet, weshalb Kriegsminister Edwin M. Stanton Kerbey nach seiner Rückkehr zur Union vorübergehend verhaften ließ. Belle, die Kerbey für einen loyalen Südstaatler hielt, entwarf einen Fluchtplan für ihn und nannte ihm sichere Unterschlüpfe bei Sympathisanten der Konföderation auf Unionsgebiet, die er unmittelbar nach seiner Entlassung an die Unionsbehörden weitergab.[9] Im Gefängnis war sie unter konföderierten Mitgefangenen bald eine Berühmtheit und sie genoss es, die Wachen mit Konföderationsflaggen und Liedern aus den Südstaaten zu hänseln.
Im Rahmen eines Gefangenenaustauschs wurde sie einen Monat später wieder freigelassen und ging nach Richmond. Inzwischen war sie aufgrund ihres Wagemuts sowohl im Norden als auch im Süden bekannt und Jackson ernannte sie zu einem Flügeladjutant ehrenhalber.[3] Je berühmter sie wurde, desto weniger konnte sie allerdings im Geheimen für die Südstaaten arbeiten. Im Sommer 1863 kehrte sie nach Martinsburg zurück, dieses gehörte jedoch nun zum unionstreuen West Virginia. Belle wurde erneut verhaftet und ins Caroll Prison in Washington, D.C. gebracht. Dort erkrankte sie schwer an Typhus und wurde im Dezember 1863 in die Südstaaten verbannt. Sechs Monate später, im Jahr 1864, meldete sie sich als Kurier, um an Bord des Blockadebrechers Greyhound Papiere der Konföderation nach England zu bringen. Das Schiff wurde jedoch gekapert und Belle einmal mehr verhaftet, allerdings gelang es ihr Samuel Wylde Hardinge, der das Enterkommando führte, für sich einzunehmen. Diesmal wurde sie nach Kanada verbannt, von wo aus sie nach England reiste. Hardinge wurde für seine Romanze mit Belle vor das Militärgericht gestellt und unehrenhaft aus der Armee entlassen. Er und Belle heirateten am 25. August 1864. Historiker sind sich uneins, ob Hardinge in England starb oder ob er vorher in die Vereinigten Staaten zurückkehrte.[3]
Nachkriegszeit
Mit knapp 21 Jahren verwitwet und schwanger mit einer Tochter, brauchte Belle dringend Geld und schrieb mit Hilfe des englischen Journalisten George Augustus Sala ihre Memoiren Belle Boyd in Camp and Prison. In Two Volumes. Darin verteidigte sie u. a. die Sklaverei in den Südstaaten mit der Begründung, die Schwarzen würden „Dienst gegenüber der Freiheit“ bevorzugen, da sie lediglich ein „halbwüchsiges Leben“ führen würden.[1] Sie wurde Schauspielerin, die sowohl in England als auch den Vereinigten Staaten auftrat und heiratete 1869 den ehemaligen britischen Offizier John Hammond, mit dem sie vier Kinder hatte. Die Ehe wurde 1884 geschieden und zwei Monate später ging Belle ihre dritte Ehe ein, diesmal mit einem siebzehn Jahre jüngeren Schauspieler namens Nathaniel High.
1869 arbeitete Belle Boyd als Balletttänzerin in New Orleans.[10]

In ihren späteren Jahren reiste sie durch die Vereinigten Staaten und hielt Vorträge über ihre Kriegserfahrungen. Mittlerweile war sie so berühmt geworden, dass diverse Hochstaplerinnen sich als sie ausgaben. Belle war gezwungen, Beglaubigungsschreiben mit sich zu führen, um ihre Identität zu beweisen. In der Presse nannte man sie die „Jeanne d’Arc der Rebellen“ bzw. die „Sirene des Shenandoah River“,[11] obwohl ihre tatsächliche Leistung als Spionin von Historikern als eher gering eingeschätzt wird. Stattdessen war sie zu einer Symbolfigur für den Widerstand des Südens geworden.[1]
Belle Boyd starb am 11. Juni 1900 während einer Reise durch die Vereinigten Staaten in Kilbourn, heute Wisconsin Dells, an einem Herzinfarkt und wurde auf dem Kilbourn Cemetery, heute Spring Grove Cemetery, beigesetzt. Das Geschäft ihres Vaters ist mittlerweile das Belle Boyd House and Museum und wird von der Berkeley Historical Society verwaltet.
Zeitgenössische Rezeption
„Belle Boyd, die ‚Heldin des Südens‘ […] war die Verkörperung der südlichen Ritterlichkeit in weiblicher Gestalt, eine Jungfrau von Orleans in modernster Krinoline. Patriotismus, Heldenmuth, Liebreiz, Romantik vereinigten sich in ihrer bezaubernden Persönlichkeit zum geschmackvollsten Esemble, mit der einen Hand vergoß sie das Blut der unromantischen Yankees in Strömen und mit der anderen streute sie Rosen der weiblichen Anmuth, schließlich wurde sie Märtyrerin für die heilige Sache der Sklaverei. Um den Roman aus dem wirklichen Leben zu vervollständigen, bewog sie einen blutjungen Lieutenant aus der nördlichen Armee – mindestens 10 Jahre jünger als sie selbst – alle seine Leihbibliothekenerinnerungen zusammzunehmen, um sich in sie zu verlieben, fahnenflüchtig zu werden und sie als Gattin heimzuführen.“
Werk
Literatur
- Harnett Thomas Kane: Spies for the Blue and Grey. Doubleday, 1954, ISBN 0-385-01464-3
- Donald E. Markle: Spies and spymasters of the Civil War. Barnes and Nobles, 1995, ISBN 1-56619-976-X
- Ute Maucher, Gabi Pfeiffer: Codewort: Seidenstrumpf, Die größten Spioninnen des 19. und 20. Jahrhunderts. ars vivendi verlag, 2010
- Feuilleton. Ein weiblicher Agent der Südstaaten. In: Ost-Deutsche Post, 20. Juli 1865, S. 1 (online bei ANNO).
- Literatur. Belle Boyd in Camp and Prison. 2 vols. London 1865. In: Morgenblatt für gebildete Stände / Morgenblatt für gebildete Leser, 6. August 1865, S. 759–761 (online bei ANNO). (Rezension)
Weblinks
- Belle Boyd auf der Website der Encyclopedia Virginia (englisch)
- Belle Boyd auf der Website der Wisconsin Historical Society (englisch)
- Belle Boyd. In: The Handbook of Texas (englisch)
- Belle Boyd in der Datenbank Find a Grave