Benita Luckmann
US-amerikanische Soziologin lettischer Herkunft
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Benita Luckmann (* 22. Dezember 1925 in Riga als Benita Petkević; † 3. Dezember 1987 in Gottlieben, Schweiz) war eine US-amerikanische Soziologin lettischer Herkunft.
Leben
Nach schwierigen Jahren in Riga, die erst der sowjetischen, dann der deutschen Besatzung geschuldet waren, floh Benita Petkević angesichts des Vorrückens der Roten Armee und der drohenden zweiten Besetzung ihres Heimatlandes durch die Sowjetunion im Winter 1944 nach Wien (später nach Salzburg), wo sie als Krankenschwester in Lazaretten arbeitete. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges studierte sie erst Theologie an der Universität Salzburg, dann Philosophie an der Universität Innsbruck. Sie arbeitete für den World University Service, der junge Flüchtlinge aus den kommunistischen Diktaturen Osteuropas betreute und sie auf ein Studium in den USA, in Kanada, in Australien oder in Neuseeland vorbereitete. Durch die Flüchtlingshilfe lernte sie 1949 Thomas Luckmann kennen. Sie heirateten im Januar 1950 in Salzburg und wanderten noch im selben Jahr in die USA aus.[1] Bis 1956 studierte sie Soziologie und Politologie an der New School for Social Research.
Danach war sie bis 1961 als Dozentin am Hobart College in Geneva, New York, tätig. Als Stipendiatin studierte sie ein Jahr an der Universität Freiburg (insbesondere bei Arnold Bergstraesser und Eugen Fink) und promovierte ebendort 1962 mit einer Dissertation über Russland als Entwicklungsland. Es folgte eine akademische Lehrtätigkeit an der Rutgers University in New Brunswick (New Jersey) und gelegentlich an der Universität Freiburg. 1965 folgte sie Thomas Luckmann in die Bundesrepublik, als er Professor an der Universität Frankfurt am Main wurde. Nach seiner Berufung an die Universität Konstanz zogen beide in die Schweiz.
Benita Luckmann trat als Übersetzerin von Alfred Schütz aus dem Amerikanischen hervor und forschte und publizierte zu Problemen von kleinen Lebenswelten. Bekannt wurde ihre Analyse der badischen Kleinstadt Bretten, die auf Befragungen von 1963 bis 1967 beruht und sie unter dem Titel Politik in einer deutschen Kleinstadt veröffentlichte.[2] Sie forschte zu Themen des Exils und gemeinsam mit ihrem Mann zur Wissenssoziologie. Zu ihren Schülerinnen zählte Anne Honer. 1987 erlag sie einer schweren Krankheit.
Schriften (Auswahl)
- Russland als Entwicklungsland. Auswirkungen der sowjetischen Entwicklungspolitik auf das Weltbild der russischen Bauern. Diss. phil., Universität Freiburg 1965.
- Politik in einer deutschen Kleinstadt. Enke, Stuttgart 1970, ISBN 3-432-01618-2.
- The Small Life-Worlds of Modern Man. In: Thomas Luckmann (Hrsg.): Phenomenology and Sociology. Penguin, Harmondsworth 1978, S. 275–290.
- mit Thomas Luckmann: Wissen und Vorurteil, 2 Bände. FernUniversität Hagen, Hagen 1979 und 1983.
- New School – Varianten der Rückkehr aus Exil und Emigration. In: Ilja Srubar (Hrsg.): Exil, Wissenschaft, Identität. Die Emigration deutscher Sozialwissenschaftler 1933–1945. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-518-28302-2, S. 353–378.
Literatur
- Michaela Pfadenhauer: Feeling at Home in Small Lifeworlds. Benita Luckmann in der »Konstanzer Schule«. In: Zyklos. Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie, Jg. 7 (2023), S. 261–273.