Bermtoerisme
niederländischer Tourismus an der Autobahn
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Bermtoerisme oder bermrecreatie (Wegrand-Tourismus oder Erholung am Wegrand) war ein niederländisches Phänomen im 20. Jahrhundert. Niederländer parkten ihr Auto oder Motorrad am Rande der Autobahn und beobachteten die vorbeifahrenden Autos.

Es handelte sich um einen weitverbreiteten Zeitvertreib für die ganze Familie, inklusive Picknicken am Wegrand. Gesonderte Rastplätze oder Picknickplätze waren meist noch nicht vorhanden. Später wurde das Parken am Straßenrand verboten.
Geschichte

In der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Straßennetz erweitert, und es konnten immer mehr Niederländer sich ein Auto leisten. Im Jahr 1950 hatte einer von 72 Einwohnern ein Auto, 1965 einer von 12 und 1969 einer von dreien.[1] Am ersten Pfingsttag 1955 gab es den ersten niederländischen Stau, und zwar am Kreuz Oudenrijn bei Utrecht. Viele Einwohner der Dörfer in der Umgebung begaben sich zur Autobahn, um die still stehenden Autos zu beobachten.[2]
Allerdings, so das Centraal Bureau voor de Statistiek, gab es schon im August 1925 einen Stau von sieben Kilometern Länge im Dorf Borculo. Aber in Oudenrijn ging es nicht um ein Unglück, sondern um einen Stau wegen zu vieler Kraftfahrzeuge, welche den neu angelegten autosnelweg nutzen wollten. Er wurde zum Touristenmagneten, die Menschen freuten sich über den Stau, weil er bewies, dass die Niederlande wohlhabend waren.[3]

Durch das stark gestiegene Verkehrsaufkommen entwickelte sich der bermtoerisme, auch, weil es noch kaum Autobahnraststätten gab. Wer auf einer langen Fahrt eine Pause brauchte, nutzte den Wegrand zum Parken und Picknicken.[3] Standstreifen wurden erst nach und nach angelegt, und man durfte sie nicht nur im Notfall nutzen.
Die zeitgenössische Berichterstattung wunderte sich bereits darüber, wie Menschen am Rande der Hauptverkehrsstraße parkten und den Klappstuhl aufstellten, um dort gemütlich den Tag zu verbringen. Zeitungen zeigten Fotos von zunehmendem Straßenverkehr, parkenden Autos, picknickenden Familien, schlafenden Ehepaaren und großen Mengen an herumliegendem Abfall am Wegrand.
Befragungen ergaben, dass die bermtoeristen gar kein Interesse an den nahegelegenen Waldstücken hatten. Sie fanden es interessant und die Zeit vertreibend, wenn sie den vorbeirasenden Verkehr beobachten konnten. Ein Amsterdamer erklärte es damit, dass man etwas sehen wolle, dass Verkehr immer gemütlich sei und dass der Straßenrand so leicht zu erreichen sei. Man hat gepicknickt, Badminton gespielt oder die Kennzeichen der vorbeifahrenden Autos in Hefte aufgeschrieben.[2]
Ende des Phänomens

Im Laufe der 1960er-Jahre nahm das Interesse am bermtoerisme aus verschiedenen Gründen ab. Viele Menschen hatten nun ein eigenes Auto und bewunderten nicht mehr die Fahrzeuge anderer. Große Mengen an Autos und Staus waren nicht mehr neuartig. Dank des modernen Massentourismus konnten die Niederländer ihre Freizeit auch anders verbringen.
Der niederländische Verkehrsverein ANWB verachtete bermtoerisme als „fantasielos“, und Veilig Verkeer Nederland wies auf die Gefahren hin. Besser sei es, Parkplätze mit Picknickgelegenheiten einzurichten, so der ANWB 1957. Im Jahr 1965 wurde das Parken am Wegrand der Hauptverkehrsstraßen (genauer: der rijkswegen, der vom Reich betriebenen Strecken) verboten.[2] Entlang weniger wichtiger Strecken existierte das Phänomen noch jahrelang weiter.[3]
Begriff
Auch wenn das Phänomen älter ist, so kommt das Wort 1958 im Provinciale Drentsche en Asser Courant vor. Das Wort wurde noch mit „sogenannt“ und mit Anführungszeichen eingeführt, so als ob das Wort damals noch neu gewesen ist. Das niederländische Wort berm lässt sich mit Berme übersetzen. Im Algemeen Nederlands Woordenboek steht unter dem Stichwort: „zur Erholung an einem Wegrand verweilen, ohne dass man weiterzieht, vor allem zu dem Vergnügen, nach den vorbeifahrenden Autos u. Ä. zu schauen“.[4]
Heute kennen Niederländer das Wort aus dem Geschichtsunterricht oder den Erzählungen Älterer. Es wird aber auch noch ironisch für Menschen verwendet, die sitzend die Schiffe auf einem Wasserweg beobachten[5] oder wenn ein Caravan von der Fahrbahn abgekommen ist und unfreiwillig in der Berme „parkt“.[6] Der Bildhauer Rob Stultiens hat dem bermtoerisme zwei Keramiken gewidmet. Sie zeigen ruhende Personen.[7]
Weblinks
- NPOradio5: Vakantiespecialist over bermtoerisme (niederländisch)