Bevölkerung der iberischen Kolonien in Südamerika am Ende der Kolonialzeit
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Die Kenntnis der Bevölkerung der iberischen Kolonien in Südamerika am Ende der Kolonialzeit ist ein wichtiger Baustein, um die Epoche der Unabhängigkeit schärfer zu fassen.
Zum besseren Verständnis der Entwicklung von Territorien und Populationen in Südamerika Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts werden nachfolgend Änderungen in den Staatsgebieten und bei Volkszählungen in den spanischen und portugiesischen Kolonien sowie den aus dem Unabhängigkeitsprozess hervorgegangenen Republiken und dem ab 1822 höchstens nominell emanzipierten Kaiserreich Brasilien skizziert. Zu Kolonialzeiten war es zumindest schwierig auf dem südamerikanischen Kontinent zu forschen, wie beispielsweise die Expeditionen der Pariser Akademie oder von Alexander von Humboldt zeigen. Nach der Unabhängigkeit war der Sinn zumeist Gebietsansprüche zu belegen und weniger die akademische Erdvermessung, wie etwa durch Agostino Codazzi.
Übersicht

Am Beginn des 19. Jahrhunderts existierten im spanischen Teil Südamerikas die drei Vizekönigreiche Peru, Neugranada und Río de la Plata, die zwei Generalkapitanate Venezuela und Chile, sowie die zwei – mehr oder weniger von den Vizekönigreichen abhängigen – Real Audiencias Charcas (heutiges Bolivien) und Quito (heutiges Ecuador). Die Staaten Uruguay und Paraguay lösten sich im Verlauf des Unabhängigkeitsprozesses von Río de la Plata ab. Keines der Länder verfügt heute noch über dasselbe Staatsgebiet wie die Kolonien, da später Kriege mit den Nachbarn geführt wurden und insbesondere Brasilien sich in den oft nicht oder nur unzureichend kartierten Grenzgebieten im Urwald Territorien einverleibte – meist militärisch. Brasilien bestand ursprünglich aus 12 portugiesischen Kapitanaten, die 1815 zusammengefasst wurden.
Die bourbonischen Reformen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Bezug auf Verwaltung und Territorien waren zur leichteren Handhabung für die Spanier eingeführt worden. Da nicht nur die Kolonisten und ihre Nachfahren eine grundsätzliche Skepsis gegenüber vom Mutterland verordneten Änderungen pflegten, sondern auch Mandatsträger (vor allem finanzielle) Kompetenzen einbüßten, wurden die Reformen oft nur schleppend oder gar nicht umgesetzt. Die daraus resultierenden unklaren territorialen Einteilungen erschwerten die Volkszählungen zusätzlich. Obwohl es möglich gewesen wäre, den Gemeinden und Provinzen exakte zeitliche Vorgaben zur Durchführung zu machen, erstreckten sich die Volkszählungen in einigen Ländern über Jahre, was genaue Werte verhinderte.
Da die Volkszählungen auf der Grundlage von Verwaltungseinheiten erfolgte, ist hier eine kurze Einführung erforderlich. Auf der obersten Stufe der Verwaltung in den Kolonien standen die Vizekönigreiche, Generalkapitanate und Real Audiencias: darunter befanden sich – fast gleichwertig – gobiernos (Regierungsbezirk, Gouvernement) und corregimientos (die beide umgangssprachlich Provinzen entsprechen), sowie alcaldías mayores (etwa Oberbürgermeisteramt in großen Städten), die in jurisdicciones (Rechtsprechungsbezirke) und partidos (Gemeinden) aufgeteilt waren. Hinzu kamen vereinzelt noch besondere Verwaltungseinheiten. Obwohl die Vorsteher der Verwaltungseinheiten als Richter fungierten, bestand auf der untersten Ebene keine Pflicht für ein Jurastudium; in den höheren Verwaltungseinheiten mussten die Amtsträger allerdings einen studierten Juristen (letrado) als Stellvertreter haben, wenn sie selbst keine Fachmänner waren. Die bourbonischen Reformen veränderten die gobiernos und corregimientos zu Intendanzen und die jurisdicciones und partidos zu subdelegaciones. Wegen der damit verbundenen Änderungen der Kompetenzen der Vorsteher dieser Verwaltungseinheiten und sicher auch wegen der grundsätzlichen Ablehnung von Vorgaben des Consejo de Indias in Sevilla wurden, insbesondere im Vizekönigreich Neugranada, die Reformen nicht oder nur schleppend umgesetzt, was sogar bei zeitgenössischen Verwaltungsspezialisten für Verwirrung sorgte. Selbst wenn es kaum territoriale Änderungen gab, sorgten Zeitversatz und Zuordnungsschwierigkeiten für teilweise erhebliche Unterschiede in den Additionen der Werte der untersten Verwaltungsstufen.
Zwischen den spanischen Volkszählungen im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts und der Zeit der Unabhängigkeitskriege wuchsen die Bevölkerungen stark an. Aus diesem Grund machten die meisten der ersten Verfassungen der neu entstandenen Staaten einen neuen Zensus zur Pflicht, um die Anzahl der Mandate der einzelnen Regionen im Parlament festlegen zu können. Diese fanden in den Provinzen durchaus statt, aber kriegsbedingt kam es nie zu einer vollständigen Zählung der entstehenden Staaten. Die dabei gewonnenen, ethnisch differenzierten Ergebnisse waren wegen der unvermeidlichen Verluste an Menschenleben nur Momentaufnahmen der zu diesem Zeitpunkt befreiten Provinzen. Nationale Volkszählungen, oft Jahre nach der Unabhängigkeit, bilden die Verhältnisse nicht genau genug ab.
In Spanien wurden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts drei Volkszählungen durchgeführt, deren letzte, 1797 von Manuel de Godoy, eine Bevölkerungszahl von gut 10,5 Millionen Einwohnern erbrachte; eine Schätzung anhand von Erhebungen der Polizei ergaben 1826 rund 13 Millionen Spanier im Mutterland.[1] Der spanische Diplomat und Hofchronist Mariano Torrente veranschlagt für alle Kolonien am Ende des spanischen Kolonialreichs zusammen 16.385.000 Menschen.[2] Humboldt hingegen kommt nur auf 11.446.000.[3] An anderer Stelle räumt Torrente ein, dass die Bevölkerungszahl von 14 Millionen in den amerikanischen Kolonien nur wenig über der im Mutterland lag.[4] Auf diesen Grundlagen musste die Anzahl der Delegierten aus dem Mutterland und den Kolonien für die Cortes in Cádiz 1810 festgesetzt werden.
Grundsätzlich bestanden die Bevölkerungen aus den Ureinwohnern, den eingewanderten Europäern und ihren Nachfahren, sowie den aus Afrika nach Amerika importierten Sklaven mit ihren Nachkommen, einschließlich der Mischformen der drei ethnischen Gruppen (Mestizen, Mulatten, Zambos). Die Anteile waren regional sehr unterschiedlich verteilt. Auch der Einfluss der Unabhängigkeitskriege auf die Bevölkerungszahlen waren je nach Region sehr verschieden. Dabei handelt es sich bei weitem nicht immer um Kriegsopfer, da die Spanier nicht selten Strafaktionen mit Hinrichtungen durchführten.
Vizekönigreich Peru
Das im Lauf der Jahrhunderte durch Gebietsabtretungen an andere Verwaltungseinheiten geschrumpfte Vizekönigreich Peru (das im 16. Jahrhundert den gesamten spanischen Teil des Kontinents abdeckte) umfasste seit Beginn des 19. Jahrhunderts auch zwei Provinzen im Südosten des Gerichtsbezirks Quito. Der gesamte Süden des heutigen Ecuador unterstand ohnehin der peruanischen Verwaltung, während der Norden Perus der Jurisdiktion des Königlichen Gerichtshofs in Quito unterworfen war. Der spanische König Carlos IV. schloss den wichtigsten Hafen Guayaquil 1803 – bestätigt 1808 – an Lima an. Den Gerichtsbezirk Charcas stellte der Vizekönig 1810 für die Dauer des Krieges unter peruanische Verwaltung. Gebietsgewinne erlangte die Republik Peru gegen Bolivien und Ecuador. Der südlichste Küstenstreifen dagegen fiel im Salpeterkrieg an die Republik Chile und konnte nur teilweise durch Verhandlungen zurückerlangt werden. Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland ermittelten für Peru 1.280.087 km².[5]
Der spanische Kriegsteilnehmer Feldmarschall Jerónimo Valdés beruft sich auf den Zensus von 1776, der von 1.067.677 Einwohnern ausgeht[6]. Die Volkszählung von 1792 ergab mit 1.076.123 nur eine geringe Änderung.[7] Humboldt gibt für 1793 lediglich die Schätzwerte einer akademischen Gesellschaft wieder, die von einer Million Einwohner ausgeht. Demnach waren 60 % Indianer, 24 % Mischlinge, 12 % Weiße und 4 % afrikanische Sklaven und deren Nachkommen.[8] Der Grund für den schwachen Anstieg wird hauptsächlich bei den 80.000 – 100.000 Toten zu suchen sein, die der Aufstand von José Gabriel Condorcanqui 1780/81 kostete. Die Volkszählung von 1812 ergab bereits eine Population von 1.368.351.[9]
Humboldt schätzte 1825 1,4 Millionen.[10] Demnach forderte der Krieg nicht das gesamte Bevölkerungswachstum, aber dessen größten Teil. Für das befreite Peru nennt Torrente 1.736.923 Einwohner.[11] Die erste Volkszählung in der Republik Peru 1836 stellte eine Bevölkerung von 1.873.736 Einwohnern fest.[12]
Vizekönigreich Neugranada
Das 1739 aus dem Staatsgebiet Perus gegründete Vizekönigreich Neugranada (auch Santafé de Bogotá) umfasste im Vergleich zum heutigen Kolumbien auch das gobierno Venezuela, sowie die Provinzen Panama, Veragua, Portobelo und Darién, die 1903 zum Bau des Panamakanals als eigenständiger Staat abgespalten wurden. Der Süden Kolumbiens war juristisch vom Königlichen Gerichtshof in Quito abhängig, aber Bogotá verwaltete den Norden dieses Gerichtsbezirks und verfügte für den Rest des Vizekönigreichs über eine eigene Real Audiencia. Die Teilung verlief durch das gobierno Popayán, von dem nur der nördlichste Teil in Tal des Río Cauca der Real Audiencia in Bogotá unterstand. Im Süden des Gerichtsbezirks Quito wurden zwei Provinzen im Amazonastiefland und das gobierno Guayaquil von Lima verwaltet. Hinzu kamen in der Karibik die Moskitoküste[13] und einige Inseln, die teilweise bis heute zu Kolumbien gehören. Die Gesamtfläche berechnet Humboldt zu 1.808.954 km², ordnet jedoch rund ein Viertel, 481.754 km², dem Gerichtsbezirk Quito zu und erhält so, unter Einbeziehung der Provinzen Panamas, 1.327.200 km².[14] Neben der erwähnten Abspaltung Panamas verlor das Land nach der Unabhängigkeit lediglich Territorien im Amazonastiefland an Brasilien.
Der Zensus von 1778 krankt bereits daran, dass die Werte zwischen 1777 und 1780 ermittelt wurden und einige Verwaltungsbezirke im Umbruch waren. Schon der ursprüngliche Kompilator von 1789 weist auf Unstimmigkeiten hin und misstraut der von ihm gefundenen Summe, die er zu einer Schätzung von 826.550 Einwohnern abrundet.[15] Neuere Forschungen gehen von einer Population von 1.279.440 zu dieser Zeit aus.[16] Ebenso differiert die ethnische Zusammensetzung: Die ursprüngliche Zählung geht von knapp einem Drittel Weißen aus, die neuere von mehr als einem Drittel Indianer. Bei 5 oder 4 % Sklaven, bleibt für die pardos libres (wörtlich: freie Braune, womit Mischlinge gemeint sind) ebenfalls rund ein Drittel. Der Verwaltungsfachmann José Manuel Restrepo[17] stellt für sein Heimatland fest, dass in der Kolonialzeit die Ureinwohner nicht flächendeckend erfasst wurden. Der Autor postuliert für das Jahr 1810 etwa 1,4 Millionen Einwohner. Die Zunahme der Bevölkerung um rund 10 % erscheint zwar realistisch, aber sein Anteil an Weißen mit mehr als der Hälfte ist stark übertrieben.
Alexander von Humboldt berichtete auf Basis der Regierungszeitung Gaceta de Colombia für das Jahr 1822 von 1.247.000 Bewohnern,[18] zu denen 80.000 in den Provinzen Panama und Veragua im heutigen Panama kommen.[19] Der kriegsbedingte Bevölkerungsverlust überstieg hier sogar das Wachstum. Die erste Volkszählung 1835 ergab 1.687.109 Menschen.
Für Großkolumbien, das sich nicht vom gesamten Vizekönigreich unterschied, gibt die Regierungszeitung eine Gesamtbevölkerung von 2.664.600 an, während Humboldt 2.711.296 errechnet[20] und Torrente 2.711.396 präsentiert.[21]
Vizekönigreich Río de la Plata
Der Südteil des Kontinents im 1776 geschaffenen Vizekönigreich Río de la Plata gehörte zu der Zeit noch den Indigenen, denen über Jahrhunderte militärisch nicht beizukommen gewesen war. In einem etwa Nord-Süd ausgerichteten, langgestreckten Gebiet westlich des Río Paraguay und des Río Paraná weiter im Süden wurden Ureinwohner in Gebieten mit Reduktionen verwaltet. Östlich davon erstreckte sich die sogenannte Banda Oriental (Ostseite (des Río Uruguay)), in der sich heute Uruguay befindet. In der ursprünglichen Bedeutung des Wortes ist alles östlich des Río Paraná gemeint, was den Südwesten des brasilianischen Bundesstaats Rio Grande do Sul, die argentinischen Provinzen Misiones, Corrientes und Entre Ríos, sowie Uruguay einschließt. Die Intendanz (intendencia) Paraguay war erheblich kleiner als heute, da einerseits Missionsgebiete inkorporiert wurden und andererseits im 20. Jahrhundert große Teile des Gran Chaco als Kriegsbeute im Chaco-Krieg gegen Bolivien hinzukamen. Die gobernación (Gouvernement) Montevideo erreichte ebenso wenig die Ausdehnung des heutigen Uruguay, dessen Grenzen im Unabhängigkeitsprozess festgelegt wurden. Humboldt errechnete für das gesamte Vizekönigreich (ohne Charcas) 2.787.186 km²,[22] aber auch hier verschoben sich später die Grenzen vor allem im Süden gegen die Indigenen.
Der spanische Zensus von 1778 erlaubt eine Schätzung von 420.900 Einwohnern.[23] Davon waren 24.205 Europäer und ihre Nachfahren im Vizekönigreich, deren Anzahl sich bis 1810 auf rund 41.000 erhöht hatte.[24] Der Historiker und Staatsmann Bartolomé Mitre schätzte um das Jahr 1800 eine Bevölkerung von 600.000 Einwohnern, von denen allerdings mehr als die Hälfte in Oberperu lebte. Vom verbleibenden Rest entfielen etwa 100.000 Einwohner auf das Gebiet des späteren Paraguay und 120.000 Einwohner auf die Banda Oriental (Uruguay), wobei die Indigenen in den Jesuitenmissionen einbezogen sind; für das spätere Argentinien bleiben demnach kaum 50.000 Bewohner, die größtenteils Indigene waren (s. u. Real Audiencia de Charcas). Bei diesen und den folgenden Berechnungen räumt der Autor ein, dass es noch einmal mehr als doppelt so viele Ureinwohner in Vizekönigreich gab, die nicht berücksichtigt sind. In der ersten Dekade des 19. Jahrhunderts schätzte Mitre 800.000 Menschen, von denen knapp die Hälfte Indigene waren und mehr als die Hälfte in Oberperu lebte.[25] Das argentinische Amt für Statistik und Volkszählungen (INDEC) geht zu Beginn des 19. Jahrhunderts für Argentinien mit Uruguay und Paraguay von insgesamt 400.000 Menschen aus, von denen die Hälfte Indigene und ein Viertel afrikanischer Abstammung waren,[26] was allerdings eher zu 1810 passt.
Humboldt beklagte 15 Jahre später, dass in einigen Verwaltungsbezirken die Ureinwohner in den Zensus mit einbezogen wurden und in anderen nicht. Seine Angaben summieren sich, mit Uruguay und Paraguay, auf 574.000 Menschen, inklusive der Indigenen.[27] Torrente geht für die Republik der Vereinigten Provinzen von Río de la Plata von 600.000 aus, wobei Uruguay noch nicht ausgegliedert ist[28] (dies geschah nominell 1825 und de facto 1828). Mischlinge werden in keiner der Darstellungen exakt ausgewiesen. Die erste Volkszählung 1869 ergab 1,9 Millionen Menschen.
Generalkapitanat Venezuela
Das 1776 geschaffene Generalkapitanat Venezuela entsprach 1810 weitgehend dem heutigen Venezuela. Obwohl das gobierno (kaum größer als die heutige Zentralregion) politisch 1739 dem Vizekönigreich Neugranada angegliedert wurde, war es bis 1787 juristisch vollständig von der Real Audiencia von Santo Domingo abhängig, als die Real Audiencia von Caracas ihre Arbeit aufnahm. Wegen besonderer Aufsässigkeit wurde Venezuela von 1742 bis 1776 von Spanien aus verwaltet. Trinidad und Tobago verleibten sich die Briten 1797 ein. Humboldt berechnete 1.046.553 km².[29] Signifikante Änderungen des Grenzverlaufs gab es in der Folge nicht mehr.
Obwohl die Anweisung zum Zensus die gleiche war wie in Neugranada, wird lediglich eine Schätzung von 813.000 für Ende des 18. Jahrhunderts angegeben.[30] Humboldt berechnete für das Jahr 1800 eine Bevölkerungszahl von 785.000 Einwohnern; davon waren 51 % Mischlinge, 26 % Weiße, 15 % Indianer und 8 % afrikanischstämmig.[31] Der erste Historiker Venezuelas, Rafael María Baralt, bleibt ebenso vage mit 800.000 Menschen „in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts“,[32] während Restrepo[33] für das Jahr 1810 die Zahl von 900.000 angibt. Da letzterer Autor für 1825 nur 659.000 Einwohner schätzte,[34] ist davon auszugehen, dass er die Anzahl der Opfer des Krieges erhöhen will.
Offiziell wurden im Februar 1822 in der Regierungszeitung Gaceta de Colombia 767.100 Einwohner festgestellt.[35] Der Krieg, der damit mehr als das gesamte Bevölkerungswachstum gekostet hatte, dauerte allerdings noch bis August 1823. Humboldt berechnete 766.100 Menschen;[36] er gibt als Begründung für den Bevölkerungsschwund, neben den Verheerungen des Krieges, auch das Erdbeben vom 26. März 1812 (in Caracas rund 10.000 Tote), eine Fieberepidemie 1818 südlich des Orinoco kurz vor dessen Delta, sowie die kriegsbedingte Emigration von Familien auf die Antillen an.[37] Der erste Zensus stammt von 1873 und ergab 1.732.411 Menschen.
Generalkapitanat Chile
Das 1609 gegründete Generalkapitanat Chile war bis 1797 fester Bestandteil von Peru, als es in die Eigenständigkeit entlassen wurde. Der Süden des heutigen Landes wurde nicht von den Spaniern und auch nach der Unabhängigkeit größtenteils von den Indigenen beherrscht. Die Regionen von Concepción und Valdivia bildeten spanische Enklaven im Gebiet der Ureinwohner; ebenso die Insel Chiloé noch weiter im Süden. Nicht sehr weit südlich von Santiago begann das damalige Staatsgebiet Chiles, das sich im Norden bis zur damaligen oberperuanischen Küstenprovinz fortsetzte. Humboldt gibt 442.223 km²[38] an, zu denen später Gebietsgewinne im Salpeterkrieg gegen Peru und Bolivien, sowie im Süden in Kriegen gegen die Indianer kamen.
Die Volkszählung von 1778 (Werte: 1777–79) ergab 200.000 Einwohner, von denen der Großteil Spanier waren.[39] Im Jahr 1791 wurde eine Einwohnerzahl von 308.846 ermittelt, von denen 105.114 in der Intendanz Concepción lebten. Zu diesem Wert wurden 1796 noch 95.504 Indigene gezählt, was 404.350 ergibt.[40] Bis 1808 lebten demnach knapp eine halbe Million Menschen im Generalkapitanat.[41] Der Zensus von 1813 erbrachte 586.848 Einwohner, wobei für Santiago de Chile keine Daten vorlagen und Concepción separat mit 208.404 für 1812 angegeben wird.[42] Im corregimiento (ab 1786 Intendanz) Santiago lebten bei der Zählung von 1778 64.000 Menschen.[43] Wenn die Bevölkerungsentwicklung der Hauptstadt der des Restes des Landes zumindest in etwa entspricht, wird man von über 900.000 Menschen ausgehen können. Der Historiker Diego Barros Arana bestätigt dies zwar,[44] verweist aber berechtigterweise auf den im Jahr 1813 stattfindenden Krieg mit häufig wechselnden Besitzverhältnissen, der eine seriöse Datengrundlage verhinderte. Eine Verdoppelung der Einwohnerzahl in rund 20 Jahren (1791/96 und 1813) erscheint wenig plausibel, zumal der Krieg Opfer forderte; allerdings wurden 1813 wohl erheblich mehr Ureinwohner erfasst. Die Indigenen, die in allen Ländern, teils freiwillig, teils gezwungen, am Krieg teilnahmen, verhindern in Chile den Blick auf das Bevölkerungswachstum.
Bei der ersten offiziellen Volkszählung 1835 wurden 1.010.000 Menschen erfasst. Humboldt schätzte jedoch bereits 1825 1,1 Millionen;[45] Torrente kommt auf 1,2 Millionen.[46]
Real Audiencia de Charcas
Oberperu (Alto Perú) unterstand bis 1776 dem Vizekönigreich Peru, als es dem Vizekönigreich Río de la Plata zugeschlagen wurde; kriegsbedingt wurde es ab 1810 erneut von Peru verwaltet. Die Real Audiencia von Charcas umfasste 1.732.714 km²,[47] die Republik Bolivien knapp 1.653.000 km².[48] Der Gerichtsbezirk war erheblich größer, als das heutige Bolivien (knapp 1,1 Millionen km²), da sich nach der Unabhängigkeit alle Nachbarn bolivianisches Gebiet einverleibten; am folgenreichsten war der Verlust des Departamentos Litoral, der Küstenprovinz, im Zuge des Salpeterkriegs, auch wenn die Gebietsabtretungen an Peru und vor allem an Brasilien mehr Landfläche umfassten.
Für 1796 wurde eine Bevölkerung von gut 552.000 Einwohnern in den drei Erzbistümern La Plata, La Paz und Santa Cruz festgestellt.[49] Die bereits im Vizekönigreich Río de la Plata erwähnte Schätzung[50] von 600.000 am Ende des 18. Jahrhunderts und 800.000 am Beginn des 19. Jahrhunderts ist demnach zu niedrig angesetzt, was mit der mangelhaften Erfassung der Urbevölkerung liegt, wenn auch die beiden letzteren Autoren aus diesem Grund von knapp 50 % mehr Menschen ausgehen. (Das Land hat bis heute mit 37 % den höchsten Anteil an Indigenen in Südamerika.) Valdés geht daher, wohl zu Beginn des Krieges, von einer Population von 1.176.543 aus.[51]
Humboldt summiert die Bevölkerungszahlen der Verwaltungseinheiten zwischen 1817 und 1820 auf 1.716.000.[52] Joseph Barclay Pentland legte sich 1820 auf eine Einwohnerzahl von 1,1 Millionen fest; als einziger Autor unterteilt er ethnisch in 800.00 Indigene, 100.000 Mestizen und 7.000 Afrikanischstämmige, was eine Zahl von 193.000 Weiße ergibt.[53] Für die Zeit nach der Befreiung nennt Torrente 1,2 Millionen Menschen.[54] Die erste Volkszählung im Jahr 1831 ergab eine Bevölkerungszahl von 1.088.768 Einwohnern.[55] Je nachdem von welchen Werten man ausgeht, lässt sich auch hier feststellen, dass mindestens das gesamte Bevölkerungswachstum dem Krieg zum Opfer fiel.
Real Audiencia de Quito
Der Norden des Gerichtsbezirks Quito war 1739 endgültig vom Vizekönigreich Peru an das Vizekönigreich Neugranada übergegangen; er hatte beträchtliche Landesteile, inklusive der Amazonasmündung, bereits zu Kolonialzeiten an Brasilien verloren. Der Königliche Gerichtshof war sowohl für den Süden des Vizekönigreichs Neugranada als auch dem Norden des Vizekönigreichs Peru zuständig, wurde jedoch von den beiden Vizekönigreichen im Norden beziehungsweise Süden aus verwaltet. 1802 hatte der Vizekönig in Peru zwei Urwaldprovinzen im Südosten und 1803/1808 den wichtigsten Hafen Guayaquil unter seine Kontrolle gestellt. Diese Änderungen hatten zwar nach der Unabhängigkeit keinen Bestand mehr, aber erschwerten Schätzungen zur Ausdehnung, die, wie unter Neugranada festgestellt, bei 481.754 km² liegt.
In der Volkszählung von 1781 mit knapp 350.000 Einwohnern[56] fehlen eine Reihe von Verwaltungsbezirken, was offenbar zu einer groben Schätzung von einer halben Million Menschen führte. 1784 wurden 456,098 Einwohner gezählt, allerdings fehlt hier nur die partido Alausí, für die aufgrund späterer Werte etwa 10.000 angenommen werden kann: 26 % Weiße, 66 % Indigene, 7 % Freie (d. h. Mischlinge) und ein Prozent Afrikanischstämmige.[57] Restrepos Schätzung zu Beginn der Unabhängigkeit von 600.000 Menschen ist wohl propagandistisch aufgerundet.[58] Der Zensus von 1813 nach der Rückeroberung durch die Spanier im Vorjahr ergab eine Bevölkerung von 465.840.[59] Demnach hätte der Krieg bis zur spanischen Rückeroberung 1812 nahezu das gesamte Bevölkerungswachstum der letzten 30 Jahre gekostet.
Drei Monate vor der endgültigen Befreiung 1822 veröffentlichte die Regierung Großkolumbiens einen Wert von 550.000 Einwohnern.[60] Humboldt geht hingegen für 1825 von 516.071 Einwohnern aus.[61] Verglichen mit den Zahlen der Spanier ergibt Humboldts Wert für den zwischen 1813 und Ende 1820 friedlichen Gerichtsbezirk fast das Bevölkerungswachstum in dieser Zeitspanne an, denn 85.000 Ecuadorianer, wie die Regierungszeitung nahelegt, kostete die endgültige Befreiung, die ohnehin größtenteils von Großkolumbiern getragen wurde, sicher nicht.
Brasilien
Die Bezeichnung Vizekönigreich Brasilien ist deswegen übertrieben, da kaum ein Drittel der (General-)Gouverneure den Titel des dortigen Vizekönigs führten. Bereits während dieser Periode hatte sich das Land immer wieder vergrößert, auch weil es keine klaren Grenzziehungen gab und viele Regionen nicht hinreichend bekannt waren. Zu Zeiten des Kaiserreichs Brasilien ab 1815 und auch nach der formalen Unabhängigkeit setzte Brasilien diese Praxis fort. Humboldt gibt 7.980.825 km² Fläche für das Land an.[62]
Im bis 1815 bestehenden Brasil Colônia sollen um 1700, als der massenhafte Import afrikanischer Sklaven begann, nur 300.000 Menschen gelebt haben. Binnen hundert Jahren hatte sich deswegen die Bevölkerung verzehnfacht. Portugiesische Beamte errechneten im Jahr 1819, nun im Vereinigten Königreich von Portugal, Brasilien und den Algarven, eine Gesamtzahl von über 3,6 Millionen Bewohnern. Bekannt waren 800.000 Indigene, aber die angegebene Anzahl von 1,1 Millionen afrikanischen Sklaven (mit Mulatten) stellt wohl nur etwa die Hälfte der tatsächlich dort lebenden dar.[63]
Humboldt summiert die Bevölkerungszahlen der Verwaltungseinheiten zwischen 1817 und 1820 auf 3.617.900; er kommt auf 1.887.500 Afros, 259.000 Indianer, 428.000 Mischlinge und 843.000 Weiße.[64] Laut dem Autor lebten 1823 4 Millionen Menschen in dem Land.[65] Weder die vergleichsweise kurze Periode des Unabhängigkeitskriegs, noch die sich über Jahre hinziehenden Kämpfe mit den Argentiniern – und besonders den späteren Uruguayern – hatten einen signifikanten Einfluss auf die Bevölkerungsentwicklung.