Bibel+Orient Museum
Sammlung zur materiellen Kultur des Alten Orients, Ägyptens und des biblischen Judentums an der Universität Freiburg, Schweiz
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Das Bibel+Orient Museum der Universität Freiburg i.S. ist eine wissenschaftliche Sammlung, die sich der Erforschung und Vermittlung der materiellen Kulturen des Alten Orients, Ägyptens sowie des biblischen und nachbiblischen Judentums widmet. Hervorgegangen aus den Beständen des Biblischen Instituts, vereint das Museum heute eine umfangreiche und heterogene Kollektion archäologischer, numismatischer und schriftlicher Zeugnisse, die in ihrer Zusammensetzung sowohl historisch gewachsen als auch durch gezielte Erwerbungen erweitert worden ist. Die institutionelle Entwicklung des Museums vollzog sich seit dem späten zwanzigsten Jahrhundert schrittweise aus zunächst provisorischen Präsentationsformen hin zu einer festen Einrichtung innerhalb der Universität. Seit 2014 befindet sich das Museum in eigenen Räumlichkeiten im Universitätskomplex Miséricorde, wo in einem Seitenflügel ein Teil der Sammlung in einer kompakten Dauerausstellung präsentiert wird.

Entstehung und institutionelle Entwicklung
Der institutionelle Ursprung des Museums ist in einer wenig spektakulären Präsentation von Ausstellungstücken zu suchen: 1999 wurden erstmals ausgewählte Objekte des Biblischen Instituts Freiburg in einer Vitrine innerhalb der Universität gezeigt. Diese eher beiläufige Form der Präsentation erwies sich rückblickend als entscheidender Impuls, insofern sie die Möglichkeit eines eigenständigen Museums erstmals konkret sichtbar machte. Zugleich wurden Teile des Bestandes im Rahmen von Wanderausstellungen außerhalb des Kantons präsentiert, unter anderem in Genf und Solothurn, wodurch die Sammlung sowohl einer fachlichen als auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich wurde.[1]
Bereits ein Jahr zuvor, 1998, hatte der Kanton Freiburg die Einrichtung eines Museums grundsätzlich geprüft. In diesem Zusammenhang wurde das Gelände um den Heinrichsturm erworben und eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben.[2] Das Projekt gelangte jedoch nicht zur Ausführung, da sich die dafür erforderlichen Investitionen als zu hoch erwiesen. Das Scheitern dieses Vorhabens führte aber letztlich nicht zum Abbruch der Museumspläne, sondern begünstigte vielmehr eine pragmatischere, schrittweise Vorgehensweise.[3]
Eine neue Dynamik erhielt das Projekt durch die Unterstützung der Gebert Rüf Stiftung. Unter der Leitung von Thomas Staubli wurden in der Folge Ausstellungen konzipiert, die sowohl wissenschaftlichen Ansprüchen genügten als auch auf eine breitere Vermittlung zielten. Formate wie „Im Schatten deiner Flügel“ oder „Werbung für die Götter“ dienten dabei nicht nur der Präsentation einzelner Themen, sondern auch der Erprobung musealer Konzepte und der inhaltlichen Profilierung.[4]

Mit der Gründung des Vereins „Projekt Bibel+Orient“ im Jahr 2004 sowie der Stiftung Bibel+Orient im darauffolgenden Jahr wurden die organisatorischen Voraussetzungen für eine dauerhafte Institution geschaffen.[5] Die Stiftung übernahm die Verwaltung der Sammlung, während diese im Eigentum der Universität verblieb.[6] Noch im Jahr 2005 wurde ein erstes Ausstellungskabinett eingerichtet.[7] Im Oktober 2014 erfolgte die Eröffnung des Museums in den heutigen Räumlichkeiten der Universität.[8]
Sammlungsgeschichte
Die Sammlung des Museums ist in wesentlichen Teilen aus Schenkungen und gezielten Erwerbungen hervorgegangen; unter den mit ihr verbundenen Sammlerpersönlichkeiten sind mehrere besonders hervorzuheben.[9] Einen frühen Grundstock bildete 1966 die von dem Luzerner Theologen Joseph Vital Kopp (1906–1966) der Universität Freiburg für die Altertumswissenschaften vermachte Sammlung mit mehr als 200 griechischen und römischen Münzen. Seit 1969 entstand im Biblischen Institut unter Othmar Keel (* 1937),[10] Professor für Altes Testament, eine kleine Kollektion archäologischer Objekte, die er bereits während seiner Studienzeit an der École Biblique in Jerusalem zusammengetragen hatte. Im Jahr 1993 wurde dieser Bestand um 60 Keramikgefäße aus archäologischen Grabungen in Israel erweitert, die das Biblische Institut von Volkmar Fritz (1938–2007), Professor für Altes Testament und Biblische Archäologie in Gießen, erhielt.
Ein weiterer bedeutender Zuwachs geht auf das Jahr 1981 zurück, als Erika Peters-Schmidt der Universität Freiburg die damals in Solothurn befindliche Sammlung ihres Bruders Rudolf Schmidt (1900–1970) mit 350 Siegeln aus dem Vorderen Orient überließ. Durch spätere Ankäufe konnte dieser Bestand auf 200 Stempelsiegel und 450 Rollsiegel ausgebaut werden. 1983 erwarb die Universität Freiburg mit Unterstützung des Bundes und mehrerer privater Förderer die Sammlung des aus Damaskus stammenden Händlers und Diplomaten Fouad Selim Matouk (1902–1978), die rund 9.000 ägyptische Amulette und Skarabäen sowie eine umfangreiche Serie von Modeln zur Herstellung ägyptischer Amulette umfasst.
2003 vermachte Albert Lampart (1928–2003) dem Seminar für frühchristliche und byzantinische Archäologie außerdem 83 byzantinische sowie 38 vor allem griechische und römische Münzen und erweiterte damit den Museumsbestand erneut. Hinzu kam die Initiative von Max Küchler (* 1944), emeritiertem Theologieprofessor der Universität, der den Erwerb jüdischer Münzen sowie einer bedeutenden Reihe von Städtemünzen aus dem römischen Palästina ermöglichte. Auf dieser Grundlage wuchs die international bedeutende Sammlung dank Legaten, privater Zuwendungen und der finanziellen Unterstützung der Universität fortlaufend um weitere Objektgruppen wie Papyri, Manuskripte, Stelen und Skulpturen an. Heute umfasst sie rund 15.000 Objekte und befindet sich im Besitz der Universität, die der Stiftung Bibel+Orient die Verwaltung übertragen hat.[11]
Ungeachtet ihrer systematischen Inventarisierung, digitalen Erschließung und öffentlichen Zugänglichkeit sind große Teile des Bestandes aufgrund ihrer Erwerbungsgeschichte als im höchsten Maße problematisch aufzufassen. Ein Großteil der Objekte stammt – wie bereits dargelegt – aus älteren Privatsammlungen, die ihrerseits überwiegend durch Erwerbungen im internationalen Antikenhandel gebildet wurden und entsprechend über keine Provenienz verfügen. Hinzu kommt, dass das Museum über einen eigenen Ankaufsetat verfügt, mit dem gezielt Objekte auf dem Kunst- und Antikenmarkt erworben werden. Dieser Markt für Antiken ohne Provenienz ist strukturell auf das Engste mit illegalen Raubgrabungen verflochten.
Bei mehreren in jüngerer Zeit in die Sammlung gelangten Stücken erscheint es ausgeschlossen, dass sie nicht aus erst kürzlich erfolgten Raubgrabungen stammen. Diese Praxis des Rückgriffs auf den Antikenhandel wird vom Museum mit „rescue buying“ legitimiert, also als Rettung von Objekten, die andernfalls der Forschung verloren gingen. Den betreffenden Objekten fehlt jedoch letztlich der stratigraphische und kulturelle Kontext, der für ihre wissenschaftliche Auswertung zentral ist.
Die Beteiligung an diesem Markt stabilisiert die Nachfrage nach illegal geborgenen Antiken und begünstigt damit die Fortsetzung von Raubgrabungen. Da diese untrennbar mit der Zerstörung archäologischer Kontexte verbunden sind, tragen solche Ankäufe mittelbar zur fortschreitenden Vernichtung des kulturellen Erbes bei, wie sie seit den neunziger Jahren insbesondere im Irak zu beobachten ist. Nicht nur die Objekte werden aus ihrem Zusammenhang gelöst; vielmehr werden ganze Fundlandschaften unwiederbringlich zerstört. Für universitäre Sammlungen ergibt sich daraus ein Konflikt zwischen Erwerbspraxis und wissenschaftlichem Anspruch, da letzterer in letztlich auf Kontextualität beruht, während erstere diese systematisch unterminiert. Zudem steht diese Praxis im Spannungsfeld der ethischen Richtlinien des ICOM, die den Erwerb von Objekten unklarer oder illegaler Herkunft ausdrücklich untersagen und zu deren Einhaltung sich das Museum zumindest formal verpflichtet hat.[12]
Sammlungsprofil
Das Museum verfügt über eine in ihrer Dichte und Vielfalt außergewöhnliche Sammlung, die materiell-kulturelle Zeugnisse des Alten Orients, Ägyptens[13] sowie des biblischen und nachbiblischen Judentums umfasst. Einen Schwerpunkt bilden Amulette, Rollsiegel und insbesondere Skarabäen; letztere stellen nach den Beständen des Ägyptischen Museum in Kairo und dem British Museum die drittgrößte Sammlung weltweit dar. Die numismatische Abteilung umfasst über tausend Münzen aus persischer, griechischer, römischer und byzantinischer Zeit. Hinzu treten Keramikgefäße, Öllampen, Objekte aus Bronze, Elfenbein und Holz sowie Keilschrifttafeln und Reliefs mit Darstellungen altorientalischer Gottheiten. Von besonderem wissenschaftlichem Interesse sind rund 500 bislang unveröffentlichte Papyri sowie eine bedeutende Handschriftensammlung, die Torarollen, einen samaritanischen Pentateuch und illuminierte Koranhandschriften einschließt. Diese Konstellation erlaubt eine vergleichende Perspektive auf jüdische und islamische Texttraditionen. Eine ethnografische Sammlung ergänzt den historischen Bestand, indem sie das Alltagsleben palästinensischer Bauern und Beduinen um 1900 dokumentiert. Diese Objekte fungieren als interpretatives Bindeglied zwischen antiken und neuzeitlichen Lebensformen des Vorderen Orients.[14]
Organisation und Trägerschaft
Die institutionelle Trägerschaft liegt bei der Stiftung Bibel+Orient, die im Auftrag der Universität Freiburg agiert.[15] Ein wissenschaftliches Kuratorium gewährleistet die fachliche Erschließung der Bestände. Der Museumsbetrieb umfasst neben der konservatorischen Betreuung auch die öffentliche Vermittlung durch Ausstellungen und Publikationen.[16]
Literatur
- Othmar Keel/Christoph Uehlinger (Hrsg.): Altorientalische Miniaturkunst. Die ältesten visuellen Massenkommunikationsmittel, ein Blick in die Sammlungen des Biblischen Instituts der Universität Freiburg Schweiz, 2. Aufl., Göttingen 1996.
- Othmar Keel/Thomas Straubli (Hrsg.): Bible+Orient, à livre ouvert, Freiburg i.Ü. 2008.