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Bibergeil

Duftgemisch aus den Castorbeuteln des Bibers From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Bibergeil[1] oder Castoreum[2] ist eine stark riechende, harzartige Substanz, die sich in den paarig zusammenhängenden und keulenförmigen Castorbeuteln unter dem Schambein von Bibern (Castor) ansammelt und vor allem der chemischen Reviermarkierung dient. Es besteht überwiegend aus im Körper der Biber gebildeten Stoffwechselprodukten, darunter sekundären Metaboliten des Urins, und wird bei der Duftmarkierung mit Urin aus den Castorbeuteln ausgespült. Bibergeil kann zu einer gleichnamigen pulverförmigen Drogenmasse verarbeitet werden.[3]

Bibergeil
Getrocknete Kastorsäcke; Deutsches Apothekenmuseum, Heidelberger Schloss
Beutelsystem des Bibers, dunkel die großen Castorbeutel, darunter die kleineren Ölsäcke

Bildung von Bibergeil und Bibergeilfett

Die als Bibergeil bezeichnete Stoffmischung sammelt sich in den paarig zusammenhängenden Castorbeuteln unter dem Schambein von Bibern (Castor) und besteht überwiegend aus Stoffwechselprodukten, darunter sekundären Metaboliten des Urins. Es wird bei der Duftmarkierung mit Urin aus den Castorbeuteln ausgespült.[4]

Die Castorbeutel sind keine Drüsen, sondern mit nichtsekretorischem Epithel ausgekleidete Taschen, sodass sie keine Sekrete bilden können.[5][6] Die Castorbeutel sind auch unter verschiedenen anderen Bezeichnungen bekannt: Geildrüsen, Geilsäcke, Kastorsäcke, Präputialsäcke, Bibergeile, oder auch Geilen.[7]

Der Biber hat noch zwei andere, kleinere echte holokrine Drüsen (Analdrüsen oder Perianaldrüsen)[8][9][10][11], aus denen das Bibergeilfett (Axungia castorei)[12] erhalten wird; es ist schmierig, mit schwächerem, etwas fettigem Geruch.[13] Dem Analdrüsensekret wurde eine Funktion ähnlich dem Sekret der Bürzeldrüse bei Wasservögeln bei der Wasserabweisung des Fells zugeschrieben. Untersuchungen am Eurasischen Biber fanden Bestandteile des Analdrüsensekrets jedoch nur sehr selten im Fell abseits der Analregion, möglicherweise spielt stattdessen Squalen eine wesentliche Rolle für dessen wasserabweisende Eigenschaften.[14] Diese Sekrete sind nach Geschlechtern gefärbt; gräulich, mit einer pastenartigen Konsistenz bei Weibchen und gelblich-braun und flüssig bei Männchen.[15] In den Vereinigten Staaten werden diese kleineren Beutel auch als Ölsteine bezeichnet.[16] Die beiden verschiedenen Biberbeutel werden von verschiedenen Autoren generell auch, irreführend, als After- oder Analdrüsen oder einfach als Ölsäcke bezeichnet.

Biologische Funktion

Der Biber nutzt das moschusähnliche und talgartige, aber nicht fettige, eher gummiharzige, bräunliche und stark stechend riechende[17] Duftgemisch für seine Duftmarkierung und zum Markieren seiner Reviergrenzen.[18][14]

Anders als ursprünglich angenommen wird Bibelgeil und auch das Analdrüsensekret nicht zur Fellpflege und -fettung verwendet.[14] Die Unterscheidung von einzelnen Indiduuen und Familienmitgliedern erfolgt vor allem durch den Geruch des Reviers und dem Analdrüsensekret.[19]

Chemische Zusammensetzung

24 der zahlreichen im Bibergeil enthaltenen aromatischen Verbindungen konnten mittlerweile auf ihre Pheromonwirkung untersucht werden. In einer Freilandstudie wurden diese bekannte Bestandteile des Bibergeils einzeln auf ihre verhaltensauslösende Wirkung untersucht, vier davon lösten zuverlässig unmittelbare Reaktionen aus, fünf weitere führten zu schwächeren beziehungsweise verzögerten Reaktionen.[20] Am stärksten an dieser Wirkung beteiligt sind die folgenden vier Substanzen, jeweils zwei Phenole und Ketone:

Daneben wurden noch fünf weitere Inhaltsstoffe identifiziert, die einen geringeren Anteil an der Wirkung ausmachen:

Nutzung

Die beiden 25 bis 250 Gramm schweren,[7] etwa hühnereigroßen, bis ins 16. Jahrhundert oder länger für Hoden (hier lateinisch testiculi castori[21]) oder auch manchmal in Neufrankreich für Nieren[22][23] gehaltenen Beutel (irreführend Präputialdrüsen) des Bibers, die sich bei beiden Geschlechtern zwischen After und äußeren Geschlechtsorganen befinden und von einer braunschwarzen runzligen Haut umgeben sind, werden/wurden dem getöteten Tier entnommen und rauchgetrocknet. Es kann dann auch zur Verbesserung der Qualität länger gelagert werden.[24] Der Geruch ähnelt dem des Baldrians, ist lederartig-animalisch, der Geschmack kann als bitter, scharf und aromatisch beschrieben werden.

Die Bezeichnung „Castoreum“ wurde früher auch für die Biberhoden oder manchmal, aufgrund des starken Aromas der Knollen, für die Biberwurz, wohl die Gewöhnliche Osterluzei (Aristolochia clematitis) und (Aristolochia baetica), verwendet.[25][26][27][28]

Das Castoreum (gelegentlich auch Castorium[29][30] und Kastorium geschrieben) hat nichts, wie man annehmen könnte, zu tun mit Castorbohnen oder Castoröl, dies sind aus dem Englischen übernommene Bezeichnungen für Rizinusöl (englisch Castor oil) oder die Samen des Wunderbaums (englisch Castor beans).[31]

Medizin

In der Medizin wurde Bibergeil (bzw. das daraus hergestellte oleum castoreum, auch oleum castorium und oleum castoreleon oder Bibergeilöl[32][33][34] oder die Bibergeil-Latwerge Diacastoreum[35] und Zubereitungen daraus) bis ins 19. Jahrhundert gegen Gicht[36] sowie gegen Krämpfe, hysterische Anfälle, Nervosität und vieles mehr eingesetzt.[37] Schon in der griechisch-romanischen Antike wurde die in der Humoralpathologie als „heiß und trocken“ eingestufte[38] Substanz gegen „kalte und feuchte“ Erkrankungen, u. a. auch gegen epileptische bzw. epilepsieähnliche Krämpfe und gegen mit Sprachstörungen (wie sie bei TIA und Schlaganfall vorkommen) verbundene Lähmungserscheinungen (parlis = paralisis[39])[40] eingesetzt.[41][42][43] Die Verwendung als Aphrodisiakum beruht auf demselben, humoralpathologisch begründeten Prinzip wie die Anwendung als Heilmittel gegen Lähmungen.[44] Bibergeil war sehr gefragt als Arzneimittel und ist im deutschen Sprachraum[45] seit dem 8. Jahrhundert[46] nachweisbar. Eine mögliche medizinische Wirkung kann durch die enthaltene Salicylsäure (Inhaltsstoff der Weidenrinde, der Lieblingsnahrung der Biber,→ Acetylsalicylsäure) bewirkt sein. Heute hat Bibergeil lediglich in der Homöopathie eine wirtschaftliche Bedeutung.

Auch als Arzneimittel gegen Vergiftungen fand Bibergeil Anwendung[47] und war auch Bestandteil des Theriaks.[48]

Bibergeil wurde im späteren Mittelalter in Westeuropa mehrheitlich von kleinasiatischen oder sibirischen Bibern[49][50] gewonnen, weil in Westeuropa die Bestände schon sehr gering bis gar nicht mehr vorhanden waren.[51] Es ist als Castoreum canadense (kanadisches oder amerikanisches Bibergeil) und als das stärker riechende Castoreum sibiricum (sibirisches oder russisches Bibergeil)[7][52] in den Apotheken als Tinktur und Pulver erhältlich.

Nahrung

In den USA ist Castoreum von der Food and Drug Administration auch als Lebensmittelzusatzstoff zugelassen und als unbedenklich (generally recognized as safe, GRAS) eingestuft.[53] Eine Kennzeichnungspflicht besteht in den USA nur als „natürliches Aroma“ und es wurde unter anderem zur Aromatisierung vanille-, himbeer- und erdbeerartiger Produkte eingesetzt.[54]

Eine Verwendung als Lebensmittelzusatzstoff ist umstritten, da der Biberjagd in Nordamerika ein schädlicher Einfluss auf die Biberpopulation nachgesagt wird (in Europa gilt der Biber als geschützt nach Anhang II und IV der FFH-Richtlinie[55][56]). Aufgrund der nur vagen Kennzeichnungspflicht ist in den USA auch für Veganer und Vegetarier keine eindeutige Zuordnung von mit Bibergeil versetzten Produkten möglich.

In Schweden wird Bibergeil zur Aromatisierung des „Bäverhojt“ eingesetzt, eines traditionellen Schnapsgetränks.[57]

Parfümerie

In der Parfümerie ist Bibergeil, dem eine aphrodisierende (erotisierende) Wirkung nachgesagt wird, Bestandteil von einigen Parfüms. Ähnliche Substanzen werden heute synthetisch hergestellt und in Kosmetika eingesetzt. Hier dient es als Fixiermittel, d. h. als Bestandteil, der die Bindung und Haftfestigkeit der flüchtigen Riechstoffe der Parfümkomposition erhöht. In konzentrierter Form riecht es unangenehm bis widerwärtig, erst in starker Verdünnung entfaltet es die von den Parfumeuren geschätzten Duftnoten.

Jagd

In der Jagd können Bibergeil und bevorzugt Bibergeilfett als Lockmittel für Raubtiere und Biber selbst verwendet werden. Eine weitere Nutzung der Castorbeutel und Ölsäcke war die Verwendung als Köder beim Fischfang.[58]

Sonstiges

Im Mittelalter verwendeten Imker Castoreum, um Wespen, Raubbienen und andere Hymenopteren-Räuber von ihren Bienenstöcken fernzuhalten. Auch wird es im Tabak und Schnupftabak als Aromastoff genutzt und kann zur Räucherung und in Räucherwerk verwendet werden.

Literatur

  • Barbara Mertin: Castoreum – das Aspirin des Mittelalters. Biologiezentrum Linz, Österreich, 2003, Oenisia 9, zugleich Kataloge der OÖ. Landesmuseen, Neue Serie 2, 2003, S. 47–51.
  • Meinolf Schumacher: Der Biber – ein Asket? Zu einem metaphorischen Motiv aus Fabel und Physiologus. In: Euphorion. 86, 1992, S. 347–353 (Digitalisat, PDF; 3,89 MB).
  • Stefan Wulle: Bilsenkraut und Bibergeil. Technische Uni Braunschweig, 1999, ISBN 3-927115-41-X (50 Jahre DFG-Sondersammelgebiet Pharmazie, zur Entwicklung des Arzneischatzes: Begleitheft und Auswahlbibliographie zur Ausstellung vom 30. April bis 16. September 1999).
  • G. Olhoff: Irdische Düfte – Himmlische Lust: Eine Kulturgeschichte der Duftstoffe. Springer, Basel 1992, ISBN 978-3-0348-6161-8, S. 139 ff.
  • B. Mertin: Castoreum – das Aspirin des Mittelalters. In: Johanna Sieber (Hrsg.): Biber – die erfolgreiche Rückkehr. Biologiezentrum Linz, 2003, ISBN 3-85474-106-5, S. 47–52, zobodat.at [PDF]
  • Johann Franc(us), Johannes Mayer(Marius): Castorologia – Deutsche Übersetzung der Ulmer Castorologia von 1685, der weltweit umfassendsten Sammlung historischer biberbasierter Medikamente, hrsg. Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) e. V. Fauna zu Pharma: Die Ulmer Castorologia von 1685
Wiktionary: Bibergeil – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

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