Bis zur Wahrheit
Film von Saralisa Volm (2024)
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Bis zur Wahrheit ist ein deutschsprachiger Film der Regisseurin Saralisa Volm, der seine Premiere 2024 auf dem Filmfest München in der Reihe Neues Deutsches Fernsehen feierte. Der Film thematisiert die Vergewaltigung einer Frau durch den Sohn eines befreundeten Ehepaars. Maria Furtwängler erhielt für den Film 2025 den Deutschen Fernsehpreis als beste Schauspielerin.
| Film | |
| Titel | Bis zur Wahrheit |
|---|---|
| Produktionsland | Deutschland |
| Erscheinungsjahr | 2024 |
| Länge | 89 Minuten |
| Altersfreigabe |
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| Produktionsunternehmen |
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| Stab | |
| Regie | Saralisa Volm |
| Drehbuch | Lena Fakler |
| Produktion | |
| Musik | |
| Kamera | Roland Stuprich |
| Schnitt | Robert Stuprich |
| Besetzung | |
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Handlung
Martina, mit Ehemann Andi glücklich verheiratet und Mutter der gemeinsamen Tochter Lina, ist eine erfolgreiche Neurochirurgin. Nach ihrer Vorlesung an der Universität fährt sie mit Mann und Tochter zu ihrem Ferienhaus an der Ostsee. Dort will die Familie mit Martinas bester Freundin Jutta, deren Mann Torsten und Sohn Mischa ein paar Tage Urlaub verbringen.
Am nächsten Abend sitzen alle am Lagerfeuer. Mischa war in Amerika und erzählt Andi, was er dort gemacht hat. Amerika habe, so sein Vater am Vortag, „einen richtigen Mann“ aus ihm gemacht. Torsten beginnt, seinen Sohn zu kränken, weil der nach dem von ihm finanzierten Amerikaaufenthalt noch immer nicht weiß, was er beruflich einmal machen möchte. Andi springt Mischa bei. Martina geht vors Haus und trifft dort Mischa, der einen Joint raucht. Sie versucht, ihn zu trösten, doch Mischa reagiert abweisend.
Am nächsten Tag fahren Martina und Mischa mit dem Fahrrad durch den Wald. Mischa überredet sie, hinunter zum Strand zu fahren. Etwas später wundert sich Andi bei der Umarmung, dass die Kleidung seiner Frau nass ist, sagt aber nichts dazu. Martina geht ins Schlafzimmer und masturbiert. Andi kommt und sagt ihr, man wolle essen gehen und danach ins Kino, doch sie will nicht mitkommen und dreht sich weg. Später trifft sie am Schwimmbecken auf Mischa, der ihr ein Kompliment macht. Mischa will runter zur Strandparty, Martina mag aber nicht mitkommen, dafür sei sie zu alt. Als er geht, werfen sich beide flirtende Blicke zu.
Abends geht sie doch zur Party und setzt sich zu Mischa. Er spielt Gitarre, sie tanzt dazu und springt im Übermut durch das Lagerfeuer. Dann geht sie zum Haus zurück. Sie zieht ihr Kleid aus, springt in den Pool und schwimmt los. Plötzlich steht Mischa am Rand und sagt, er könne nicht kraulen. Sie bietet an, es ihm zu zeigen. Nach kurzem Zögern springt auch er ins Wasser. Beide lachen und planschen, sie macht es ihm vor, er schwimmt hinterher. Schließlich küsst Mischa sie. Einen kurzen Moment lachen beide, dann wendet sie sich ab, schüttelt den Kopf und sagt „Nein“. Er macht weiter. Mit einem erneuten „Nein“ stößt ihn von sich fort. Er drückt sie an den Rand, hält sie fest und dringt in sie ein. Auf ihr schmerzverzerrtes Gesicht achtet er nicht.
Am nächsten Morgen setzt sich Martina, als wäre nichts gewesen, an den gedeckten Frühstückstisch. Jutta spricht sie auf die blauen Flecken am Oberarm an, sie wiegelt ab. Im Badezimmer schaut sie sich im Spiegel die Verletzungen an Rücken und Oberarm an und macht mit dem Handy Fotos davon. Andi kommt und will sie umarmen, doch sie stößt ihn weg. Sie reisen ab, obwohl Martina noch eine Woche Urlaub gehabt hätte. Vergeblich versucht Jutta, sie zum Bleiben zu überreden.
Am nächsten Tag geht Martina arbeiten und ist bemüht, sich nichts anmerken zu lassen. Während einer Operation wird sie durch Erinnerungen an ihre Vergewaltigung abgelenkt. Als sie später schwimmen gehen will, wird sie erneut von Flashbacks eingeholt und kann nicht ins Wasser springen.
Martina lässt sich beim Gesundheitsamt Blut abnehmen, um es auf durch Geschlechtsverkehr übertragbare Krankheiten untersuchen zu lassen. Dabei fällt ihr Blick auf einen Flyer über Hilfsangebote für von sexueller Gewalt Betroffene mit der Aufschrift „NEIN heißt NEIN!“ Sie nimmt ihn mit. Als sie ihn zuhause durchlesen will, kommt Andi ins Zimmer und sie versteckt ihn schnell. Dann initiiert Martina einen Geschlechtsverkehr, den sie in einer Heftigkeit vollzieht, dass sich ihr Mann sichtbar wundert. Andi zeigt sich besorgt, doch sie wischt seine Besorgnis weg.
Abends gehen Martina und Jutta zur Geburtstagsfeier einer gemeinsamen Freundin. Sie betrinkt sich. Auf dem Heimweg muss Martina von Jutta gestützt werden und übergibt sich schließlich. Auf der Suche nach einem Taschentuch in Martinas Handtasche findet Jutta den Flyer und ist irritiert. Martina reißt ihr den Flyer aus der Hand und steckt ihn wieder ein. Schweigend sitzen die beiden Frauen auf einer Bank. Martina könne ihr immer alles erzählen, sagt Jutta. Martina fällt ihr um den Hals.
Als sie am nächsten Morgen unter der Dusche steht, ruft das Gesundheitsamt an. Andi nimmt das Gespräch an, erfährt dadurch von der Untersuchung und will mit ihr darüber sprechen. Sie läuft weg, sie müsse zur Arbeit. Jutta holt sie von der Arbeit ab und bringt sie zu einer Therapeutin, bei der sie für ihre Freundin einen Termin vereinbart hatte. Martina geht ins Haus, dreht dann aber um und geht nachhause. Dort konfrontiert Andi sie mit ihrem Test auf sexuell übertragbare Krankheiten und schreit sie zunächst an. Als er erfährt, was Mischa ihr angetan hat, ist er wie paralysiert. Er will die Vernissage im eigenen Haus absagen, doch damit ist Martina nicht einverstanden. Unter den Gästen sind auch Torsten und Jutta. Nach einer abfälligen Bemerkung fragt Torsten, was mit Martina los sei. Wütend klärt Andi ihn über die Vergewaltigung durch seinen Sohn auf. Es kommt zu einer Schlägerei zwischen beiden, in deren Verlauf Torsten Martina als „Schlampe“ bezeichnet, die „nie genug“ kriege. Jutta und Martina trennen die beiden Männer, die übrigen Gäste schauen wortlos zu. Jutta ist überzeugt, ihr Mann habe etwas falsch verstanden, Martina solle das aufklären. Die aber schweigt und verlässt den Raum.
Zuhause sprechen Torsten und Jutta darüber. Torsten sagt, Martina ruiniere Mischas Leben mit ihrer haltlosen Behauptung. Sie stehe nicht dazu, was sie gemacht habe, schäme sich nun dafür und wolle es Mischa anhängen. Martina geht zu Jutta und räumt ein, mit Mischa geflirtet zu haben, was völlig unangebracht gewesen sei. Doch sie habe abgebrochen und „Nein gesagt“. Jutta glaubt ihr nicht. Martina erinnert ihre Freundin an die blauen Flecken, die sie am Frühstückstisch gesehen habe. Dann geht sie. Jutta nimmt ihren Sohn noch einmal ins Gebet. Er gibt an, Martina habe schon gesagt, dass es „nicht geht“, aber „Nein“ habe sie nicht gesagt und gewehrt habe sie sich auch nicht. Auf insistierendes Nachfragen seiner Mutter sagt er mit Tränen in den Augen, wenn sie es nicht gewollt hätte, „hätte sie sich doch gewehrt“. Jutta glaubt ihrem Sohn. Er bleibt weinend zurück.
Auf der Arbeit wird über Martina getuschelt. Man merkt, dass sie anders als sonst ist. Einzig ihr Mann glaubt ihr. Als sie nachhause kommt, sagt er ihr, sie hätten Post von Torstens Anwalt. Er drohe mit einer Verleumdungsklage, wenn sie „über den Vorfall weiter Lügen verbreiten“ würden. Martina will schwimmen gehen, kann aber erneut wegen ihrer Flashbacks nicht ins Wasser springen. Eine befreundete Anwältin gibt ihr den Rat, sich an die einstweilige Verfügung zu halten, weil sie vor Gericht keine Chance hätte.
Martina tanzt die Nacht durch. Morgens findet Andi sie im Auto schlafend. Sie bittet ihn, sie ins Krankenhaus zu fahren. Während der Fahrt kommt es zum Streit, Andi steigt aus und Martina fährt allein in die Klinik. Dort wird ihr eröffnet, dass man ein Alkoholproblem vermute und zwar durchaus Mitgefühl für den „Schicksalsschlag“ habe, doch gehe es nicht so weiter. Sie wird in den Urlaub geschickt und soll wiederkommen, wenn es ihr wieder besser gehe. Wütend verlässt sie den Raum. Sie fährt zu Jutta, stürmt in deren Wohnung und fordert ein klärendes Gespräch. Jutta verweist sie des Hauses. Martina ruft nach Mischa, der mit Umzugskartons die Treppe herunterkommt. Sie hält ihn fest, er solle bekennen. Er reißt sich los und brüllt: „Ich hab’ Nein gesagt!“ Martina ohrfeigt ihn. Jutta bittet sie, zu gehen. Als Martina in ihrem Auto sitzt, sieht sie, wie Mischa und sein Vater einen Umzugswagen beladen. Sie wartet, bis Mischa allein im Umzugswagen ist, läuft dorthin, schließt die Heckklappe, setzt sich ans Steuer und fährt davon. Auf Mischas Klopfen und Rufen reagiert sie nicht. Sie fährt durch die Gegend, bis es dunkel ist, und hält dann am Straßenrand an. Er fragt, ob sie sich rächen wolle. Er schreit, sie habe sich ausgezogen, sie habe mit ihm geflirtet, sie habe ihn geküsst. Ruhig antwortet sie, er solle zugeben, was er getan habe. Er sollte sich schämen und nicht sie. Im Wagen sinkt Mischa in sich zusammen, beginnt zu weinen und sagt, er habe „es noch nichtmal zuende gebracht“. Sie fragt nach dem Grund. Kleinlaut räumt Mischa schließlich ein, er habe gespürt, dass sie es nicht wollte, aber es sei ihm in dem Moment egal gewesen. Dann öffnet sie die Heckklappe, schaut ihn an, wirft den Autoschlüssel auf die Ladefläche, dreht sich um und geht wortlos. Er bleibt zurück und weint.
Als der neue Tag anbricht, läuft Martina durch den Wald zum See und geht schwimmen.
Produktion
Bis zur Wahrheit ist eine Produktion von Nordfilm und der von Maria Furtwängler 2017 in München gegründeten Atalante Film.[1] Gefördert wurde der Film mit Mitteln der Nordmedia. Er entstand im Auftrag des Norddeutschen Rundfunks (NDR) für die ARD. Gedreht wurde er August/September 2023 in Seevetal, Schwedeneck, Hamburg und München.
Die Redaktion lag bei Sabine Holtgreve, die Produktionsleitung bei Susanne Bähre und Frederik Keunecke, die Herstellungsleitung bei Marcus Kreuz. Zum Stab gehörten überdies Stephanie Riess (Kostümbild), Jennifer Porscheng und Edith Paskvalic (Maskenbild), Antje Wetenkamp (Casting), Wolfgang Baark (Szenenbild), Matthias Wolff und Tobias Krause (Ton) und Lena Klein und Laura Aleman (Producerinnen).[2]
Die Projektbeteiligten und ihr Film
Der NDR hinterlegte auf seiner Website Reflexionen der Beteiligten zum Film.[2] Es findet sich je ein Gespräch mit den Hauptdarstellern Maria Furtwängler und Damian Hardung, mit der Regisseurin Saralisa Volm, der Drehbuchautorin Lena Fakler und mit Anne Schäfer und Anna König, die als Intimitätskoordinatorinnen engagiert wurden, um die Darsteller zu beraten und gemeinsam Grenzen der Darstellung abzustecken. Überdies findet sich ein Statement der Produzentin Kerstin Ramcke und eines der Juristin Christina Clemm.
Maria Furtwängler habe in ihrer Vorbereitung auf die Rolle besonders daran gearbeitet, zu erfühlen, was es bedeute, „sukzessive den Boden unter den Füßen zu verlieren“. Martina habe zweimal „einen wirklich brutalen Kontrollverlust“ erleben müssen: durch die Vergewaltigung selbst und dadurch, dass das Geschehen öffentlich und „von ihrem Umfeld bewertet und hinterfragt“ wurde. Dadurch sei ihr die „Deutungshoheit über ihr eigenes Erleben entrissen“ worden. Eine solche Rolle mache einen „auch persönlich fertig“, es dauere, „das aus den Kleidern zu bekommen“. Es sei für Frauen, die sexualisierte Gewalt erleben, „leider viel zu oft schwer, Gehör und Glauben zu finden“, gerade weil diese Taten „meistens im nächsten Umfeld passieren“. Bewusst habe man sich dafür entschieden, die Machtverhältnisse umzukehren, um Fragen zu provozieren und „neue Perspektiven auf Täter-Opfer-Realitäten“ zu geben. In dem Gespräch wird daran erinnert, dass sie gemeinsam mit ihrer Tochter Elisabeth Furtwängler 2016 die MaLisa Stiftung gründete, „um Geschlechterdiversität im Film zu fördern und Gewalt gegen Mädchen und Frauen zu bekämpfen“. In Deutschland erlebe jede dritte Frau „körperliche und/oder sexualisierte Gewalt“, doch würden Fernsehformate, die sich damit befassen, selten „die Perspektive des Opfers“ berücksichtigen. Damit in Verbindung stehenden Fragen stelle sich der Film „auf eine kluge und wirklich mutige Weise“, weil sich die Regisseurin „Klischees vollkommen verschließt“. Es brauche Filme, „die dieses Thema neu erzählen“.[2]
Damian Hardung habe sich bei der Vorbereitung auf seine Rolle emotional nicht auf eine Vergewaltigung eingestimmt, weil Mischa als eher zurückhaltender Charakter es zum Zeitpunkt der Tat so nicht empfand. Im „Gegensatz zu den hohen Erwartungen seines Vaters“ wirke er „desorientiert und perspektivlos“ und fühle sich „von seiner Umgebung missverstanden“ – anders als von der Freundin seiner Mutter. Martina sei die einzige Erwachsene, die Mischa „als vollwertigen Menschen“ anerkenne und ihn nicht als Heranwachsenden abstempele. In seiner „verdrehten Realität“ habe er Martina dabei geholfen, „ihre äußeren Zwänge abzulegen und zu dem zu stehen, was sie innerlich auch vermeintlich möchte“. Die sexuelle Gewalt sei das „Produkt des Scheiterns und seiner Fehlwahrnehmung“. Es sei eine „perfide Aufgabe“ gewesen, den „Glaubenssatz des Helfen-Wollens im Angesicht des Widerspruchs der körperlichen Gewalt nicht zu verlieren“. Die Intimitätskoordination habe geholfen, „im Kontrast“ zur eigenen inneren Vorbereitung „die äußeren Rahmenbedingungen“ zu stecken, damit er sich „innerhalb dieser Grenzen frei bewegen“ konnte. Toxische Männlichkeit beginne wie Mansplaining „oft noch unbewusst“, sagt Hardung. Doch Mischas Verhalten gehe „viel weiter“: „Bei allem psychologischen Schauspielgeschwafel“ sei es wichtig, eine Vergewaltigung als solche „in aller Klarheit zu benennen“.[2]
Saralisa Volm wollte keine „Eindeutigkeit um jeden Preis“. Als Regisseurin war ihr daran gelegen, „die Tat so darstellen, wie sie sich aus Sicht vieler Opfer abspielt“, aber im Film selten zu sehen ist. Bei der Inszenierung des Films sei ihr wichtig gewesen, „komplexe und glaubwürdige Figuren zu entwickeln, die Identifikationspotential liefern“. Für die Vorbereitung habe sie viel Zeit vorgesehen, sich „mit den Rollen zu befassen“ und „eine gemeinsame Vorstellung zu entwickeln“. Auch seien „Probentage wichtig, damit die Projektbeteiligten sich kennenlernen“. Für die Rolle von Martina sei ihr wichtig gewesen, „ihr gesundes Verhältnis zu ihrem Körper und ihrer Sexualität zu zeigen“: Sie treibe Sport, masturbiere und hatte mal eine Affäre. All dies sei für einen Mann „vollkommen normal“, doch bei Frauen „tun sich viele noch schwer damit, deren Unabhängigkeit und Körperlichkeit zu akzeptieren“. Für die Darstellung von Intimität, Sexualität und Gewalt arbeite sie gern mit Intimitätskoordinatoren zusammen. Wenn es gelinge, „etwas Glaubwürdiges, Berührendes herzustellen“, war es „ein guter Drehtag“. Gibt es im Film „Momente, die triggern“ und „gut moderiert sind“, könnten „alle einen Gewinn daraus ziehen“. Als Filmemacherin und Feministin sei sie mit den „Themen Gerechtigkeit, Klassismus, Gesellschaft und Gleichberechtigung“ befasst, die „ein bestimmtes Framing und einen Blickwinkel“ vorgeben, „den es immer wieder mit neuen Eindrücken und Erkenntnissen abzugleichen“ gelte.[2]
Für Lena Fakler als Drehbuchautorin ist Mischa ein „Produkt dieser Gesellschaft, in der junge Männer beigebracht bekommen, dass ein Nein eigentlich ein Ja ist“. Im Zentrum stehe für sie eine Frau, die sich mit „einer Gesellschaft konfrontiert sieht, die eher bereit ist zu glauben, dass die Frau lügt, als dass der Mann, vielleicht sogar ein Mann, den sie lieben, ein Täter ist“. Daran droht die Hauptfigur Martina zu zerbrechen. Um das zu verhindern, beschließt sie, sich selbst zu ermächtigen und sich „die Deutungshoheit zurückzuholen“. Fakler nutze in verschiedenen Zusammenhängen das Medium Film, um Ungleichheit und Unterdrückung sichtbar zu machen. Täter-Opfer-Umkehr und die Verurteilung der Frauen – Fakler spricht von „weiblich gelesenen Personen“ – würden „in unserer patriarchalen Gesellschaft ganz automatisch“ geschehen. Dabei werde „außer Acht gelassen“, dass Frauen völlig unabhängig von ihrem Verhalten Opfer „patriarchaler Gewalt“ werden. Das Problem seien männlich sozialisierte Täter „und die Rückendeckung, die sie gesellschaftlich erhalten“. Ihr sei wichtig gewesen, es den Zuschauern „so einfach wie möglich zu machen, Narrativen der Rape Culture zu verfallen“: „Martina ist dem Täter überlegen, was Alter, Lebenserfahrung, Souveränität und Status angeht. Sie hat getrunken und gefeiert. Sie hat geflirtet und gekifft. Sie lebt eine selbstbestimmte Sexualität.“ Gleichwohl sei falsch, was Mischa tut. Doch sei er „kein Monster“, sondern Produkt einer Gesellschaft, in der jungen Männern unter anderem beigebracht werde, dass man „Zuneigung als Junge auch durch Gewalt kundtun“ könne. Opfer sexualisierter Gewalt können sich Fakler zufolge in Deutschland „weder auf die Justiz noch auf die Polizei verlassen“. Frauen werde von einschlägigen Beratungsstellen zum Teil geraten, von einer Anzeige abzusehen, weil eine Retraumatisierung durch die Behörden zu befürchten sei. Mit dem Film sollte „eine emotional mitreißende Geschichte von politisch-gesellschaftlicher Relevanz“ erzählt werden.[2]
Anne Schäfer, im Netzwerk für professionell ausgebildete Intimitätskoordinatorinnen organisiert,[3] übernahm gemeinsam mit Anna König die Betreuung des Films. Weil beide zugleich Schauspielerinnen sind, würden sie die Dynamiken auch aus der Perspektive der Darsteller verstehen. Intimitäts-Koordination (IC) helfe der Regie und den Darstellenden, „Arbeitssicherheit“ zu gewinnen. Die Schauspieler könnten sich in Kenntnis der Grenzen ihrer Kollegen besser auf die Figuren konzentrieren und würden darin unterstützt, „private Sexualität und die der Rolle zu trennen“. Die Regie werde darin unterstützt, ihr Vorhaben auf Stereotype oder einen eher männlicher Blick zu überprüfen. Schäfer und König würden IC so gestalten, wie sie es sich für sich selbst wünschen.[2]
Als Kerstin Ramcke im November 2022 von Maria Furtwängler gefragt wurde, ob sie als Co-Produzentin einsteigen wolle, sei sie „sofort von der Qualität und der Wichtigkeit dieses Projektes überzeugt“ gewesen. Ihre „Erwartungen an eine intensive Arbeit und einen mutigen Film“ seien „voll eingelöst“ worden. Weil die Geschichte nicht schwarz-weiß erzählt werde, würden die Zuschauer genötigt, „sich ein eigenes Bild zu machen“ und zu einem eigenen Urteil über das Geschehen zu finden. „Nein heißt Nein“ könne „gar nicht oft genug postuliert werden“ und der Film trage zu Diskussionen bei, „die über den Fernsehabend hinausreichen“.[2]
Christina Clemm, Rechtsanwältin für Familien– und Strafrecht, die unter anderem Opfer sexualisierter Gewalt anwaltlich vertritt, nimmt Stellung zum gesellschaftlichen Umgang mit betroffenen Frauen. In der Regel werde ihnen nicht geglaubt, sondern misstraut, ihnen würden „absichtsvolles Lügen“ und Falschbeschuldigungen unterstellt. Den Beschuldigten werde „häufig spontan Unterstützung zuteil“. Man wolle nicht wahrhaben, „dass womöglich im eigenen Freundeskreis, in der eigenen Familie Täter sind“. Viel zu selten werde erzählt, wie es den betroffenen Frauen geht, „wie häufig deren Karrieren zerstört sind, ihre Lebensentwürfe, Freiheiten, Beziehungen, wie sehr ihre Seelen und Körper durch sexualisierte Gewalt verletzt werden“. Wird ihnen nicht geglaubt oder sind sie gar Verleumdungskampagnen ausgesetzt, werden sie „erneut traumatisiert“. Die geringe Anzeigenquote bringt Clemm damit in Verbindung, dass sie „mit zu vielen Hindernissen konfrontiert werden“. Was diese Frauen brauchen, ist, dass „Täter Verantwortung übernehmen, das ihnen widerfahrene Unrecht anerkannt und ihnen geglaubt wird“.[2]
Rezeption
Das Wochenmagazin Stern befasste sich zweimal mit dem Film, im November 2024 mit einer ausführlichen, von der dpa übernommenen Inhaltsangabe und im September 2025.
Nach dem „klugen und mutigen Drehbuch von Lena Fakler“ habe Regisseurin Saralisa Volm „einen radikalen und dramatischen Film inszeniert, der klar und deutlich die Opferperspektive zeigt“.[4] Die 58-jährige Maria Furtwängler als Opfer und der 26-jährige Damian Hardung als Täter hätten „beide ihre Figuren mit beklemmender Intensität“ gespielt. Alles drehe sich um die Fragen „Wo beginnt ein scheinbar harmloser Flirt mit Küssen, wo endet er? Wann und mit wem darf oder sollte später darüber gesprochen werden? Wem soll mehr geglaubt werden?“
„Es gibt weder Zeugen noch Spuren, Martina könnte vor Gericht nichts beweisen. Der Film lässt am Schluss keine eindeutige Schuldzuweisung zu – nur eines scheint sicher: Alle Hauptfiguren sind beschädigt, eine Versöhnung ist unmöglich. Der Weg bis zur umstrittenen Wahrheit ist zu weit.“
Im September 2025 sprachen Maria Furtwängler und Saralisa Volm mit den Stern-Redakteurinnen Ulrike von Bülow und Jana Felgenhauer über den Film und über sexualisierte Gewalt.[5]
Am 20. November 2024, dem Tag der Fernsehpremiere, veröffentlichte Claudia Christine Wolf auf Spektrum.de eine Rezension. Die Regisseurin konfrontiere „schonungslos mit verbreiteten Stereotypen zu sexualisierter Gewalt“ und rufe „zum Umdenken auf“, denn oft werde „die Verantwortung vom Täter auf das Opfer verlagert“. Eindrücklich vermittle der Film den Zugang zu einem als Dissoziation bezeichneten „Schutzmechanismus“, der es ermögliche, „das traumatische Erlebnis mental zu überstehen“. Bis zur Wahrheit sei „ein ergreifendes Drama, das schonungslos die erschütternde Wirklichkeit sexualisierter Gewalt offenlegt“.[6]
Auf Tittelbach.tv bespricht Thomas Gehringer den Film.[7] In seiner vorangestellten Zusammenfassung schreibt er, Furtwängler liefere „unter der umsichtigen Regie von Saralisa Volm eine der stärksten Schauspiel-Partien ihrer Karriere ab“. In seinen weiteren Ausführungen erinnert der Rezensent an Werke, die sich ebenfalls „der schwierigen Wahrheitssuche bei einer Vergewaltigung“ widmen. Er erwähnt Sie sagt. Er sagt. von Ferdinand von Schirach – von Matti Geschonneck verfilmt – und Nichts was uns passiert von Julia C. Kaiser. Wie „häufig in der Wirklichkeit“ stammen in allen drei Werken die Täter aus dem persönlichen Umfeld der Opfer. Das „wohlhabende, gutbürgerliche Milieu“ in Volms Film verweise darauf, „dass es in allen Schichten zu sexualisierter Gewalt gegenüber Frauen“ komme. Daran, dass Martina nach anfänglichem Flirt „mehrfach „Nein“ sagt und Mischa mit Gewalt seine Absichten durchsetzt“, lasse Volms Inszenierung „nicht den Hauch eines Zweifels“. Maria Furtwängler überzeuge „vollauf in der Rolle einer starken, selbstbestimmten, nun aber verunsicherten und beschämten Frau, die die eigene Traumatisierung nicht wahrhaben will und zunehmend die Kontrolle zu verlieren droht“. Eine „filmische Fiktion“ müsse, „selbst wenn sie sich kritisch auf die Realität“ beziehe, „keine Botschaften im Ratgeber-Modus liefern“, doch entstehe der „problematische Eindruck“, dass es nichts bringe, „sich an Polizei und Justiz zu wenden“, und das hält Gehringer für „mindestens diskussionswürdig“.[7]
Auszeichnungen
- Deutscher Fernsehpreis 2025 für die beste Schauspielerin
- Nominiert für den Bernd Burgemeister Fernsehpreis[2]
Weblinks
- Bis zur Wahrheit bei IMDb
- ARD-Mediathek (Verfügbar bis 19. August 2027)
