Biwakschachtel
Schutzhütte
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Eine Biwakschachtel ist eine Notunterkunft in hochalpinen Gelände für Bergwanderer oder Bergsteiger mit meist 4–12 Schlafplätzen. Sie wurden meist in Fertigbauweise erstellt und befinden sich häufig an abgelegenen Orten, in großer Entfernung zu bewirtschafteten Berghütten und anderen Unterkünften. Auf manchen Klettersteigen, Berg- oder Wanderwegen mit großen Wegstrecken werden sie zum Übernachten (Biwak) genutzt. Oft dienen sie Bergsteigern und Kletterern auch als Basislager für nahe gelegene Kletterrouten und Bergtouren.

Beschreibung
Die typische Biwakschachtel ist in hochalpinen Regionen eine Notunterkunft und besteht aus einem kleinen Blech- oder Wellblech-, Holz- oder Kunststoff-Container, der möglichst viele Schlafplätze enthält und weithin sichtbar ist. Die primäre Funktion einer Biwakschachtel ist Zuflucht im Falle eines alpinistischen Notfalls oder als Zwischenstation einer langen Bergtour.[1] Sie ist typischerweise sehr klein, oft auch nur in der Größe eines kleinen Bauwagens. Sie bietet etwas mehr Sicherheit und Schutz als eine spartanisch ausgestattete Übernachtung im Freien. Die meisten Biwakschachteln stehen, um ihrer Funktion als Notunterkunft gerecht zu werden, jedem zur Benutzung offen. Biwakschachteln stehen daher auch häufig an exponierten Orten, von denen die nächste klassische Berghütte weit entfernt ist.[2]
Die Ausstattung einer Biwakschachtel kann sehr unterschiedlich sein, von sehr spartanisch bis zu gut ausgestattet.[2] Häufig ist der Einstieg auf der wetterabgelegenen Seite, und sie ist nur geringfügig wärmegedämmt. Meist befinden sich darin Decken, Kerzen, Schneeschaufeln, einige Notvorräte und ein Hüttenbuch, seltener ein Nottelefon, ein Kocher oder Ofen. Die Unterkünfte verfügen weder über fließendes Wasser noch über eine Toilette. Die in der Regel unversperrte Eingangstür liegt so hoch, dass sie auch bei Schneelage geöffnet werden kann.
Im Hochgebirge werden die Biwakschachteln meist in Bergmulden oder nah an Übergängen (Bergsattel, Scharte) aufgebaut. Nur wenige befinden sich auf Berggipfeln, etwa auf dem Hohen Grimming in den steirischen Kalkalpen. Häufig begangene und begehrte Berge mit schwierigen Normalanstiegen haben manchmal eine Biwakschachtel in Gipfelnähe, etwa Piz Badile oder Langkofel. In den Westalpen liegen Biwakschachteln oft am Beginn der Gratanstiege.
Die Notunterkünfte werden meist von den Sektionen der Alpinen Vereine erstellt und instand gehalten, aber nicht kontinuierlich ausgestattet. Daher sollen alle Benutzer die Schachtel nach Benutzung sauber hinterlassen, Abfälle mitnehmen und entnommene Vorräte wieder auffüllen.[2] Hierfür sowie zur Reinhaltung der Berghütten und -steige begannen die Alpenvereine ÖAV und DAV 2005 die Aktion Saubere Berge.[3]
Winter- oder Noträume in nicht ganzjährig bewirtschafteten Schutzhütten haben eine idente Funktion.
Die Errichtung von Biwakschachteln an abgelegenen Orten im hochalpinen Regionen ist eine kostspielige Angelegenheit, da zur Errichtung meist die Teile per Helikopter eingeflogen werden müssen. So hat z. B. die Errichtung des David-Lama-Biwaks mehr gekostet als die Biwakschachtel selbst. Daher ist das Ziel eine langfristige Nutzung. Es kann auch nicht fortlaufend kontrolliert werden, daher ist die Qualität des Material von besonderer Bedeutung, um keine Gefahr für Bergsteiger zu sein.[4]
Geschichte
Der Name Biwak leitet sich von dem französischen Wort bivouac ab, das in etwa Feldlager bedeutet. Dies deutet auch auf den Ursprung hin: ein reduziertes, spartanisches, entlegenes Lager zur Übernachtung. Aus der Übernachtung unter freiem Himmel hat sich eine Unterkunft entwickelt, die mehr Schutz vor der Witterung bietet. In der Anfangsphase der Eroberung des alpinen Raumes gab es keinerlei Unterscheidung zwischen Behausungen im alpinen Raum. Sie waren allesamt sehr einfache Notunterkünfte, die nur notdürftig Schutz vor Wind und Wetter boten. Als Vorreiter im Biwakbau galt das Biwak Hinterbalmo im Monte-Rosa-Massiv aus dem Jahre 1700, 100 Jahre später folgte das Biwak Regi in den Tessiner Alpen. Die ersten biwakartigen Unterkünfte gab es 1785 am Mont Blanc und am Großglockner, an dem Fürstbischof Salm für dessen Besteigung 1800 eine Unterkunft („Hohenwarte“) errichten ließ. Friedrich Simony baute 1843 eine Notunterkunft am Dachstein, die als „Hotel Simony“ in die Geschichte einging und heute von den Sektionen Austria und Hallstatt als Denkmal betreut wird.[4]
Unter dem vermehrten Ansturm an Gästen entwickelten sich in Gunstlagen die ersten Unterkünfte mit Bewirtung – die Berg- oder Schutzhütten, die häufig von Alpenvereinen betrieben werden. Diese haben sich häufig zu großen Häusern mit fließendem Wasser, Toiletten, Duschen, Zimmern, Matratzenlagern und Bewirtung mit Frühstück und Abendessen weiterentwickelt. Die in weniger gut besuchten Lagen oder in schwierigen Terrain gelegenen Unterkünfte blieben entsprechend rudimentär und sind die Vorläufer der heutigen Biwakschachteln.[4]
Oft wurde die Errichtung eines Biwaks durch ein Unglück angestoßen, die ersten gezielt errichteten Biwaks wurden von Angehörigen von in Bergnot geratenen Bergsteigern errichtet und erst später den Alpenvereinen übertragen. Heutige Biwakschachteln an besonderen Orten sind manchmal überlaufen, vor allem dann, wenn sie zweckentfremdet werden.[4] Biwakschachteln werden auch als Location zum Sternegucken oder Partylocation genutzt, wofür sie nicht gedacht sind. Mitunter verbleiben Unordnung, Schmutz, Müll und Fäkalien in der Umgebung. Im Sommer 2020 wies der ÖAV am Beispiel des Konrad-Schuster-Biwaks darauf hin, dass Biwakschachteln nur als Notquartier vorgesehen sind oder als Stützpunkt für eine längere alpinistische Tour.[5] Es wird immer wieder darauf hingewiesen, dass Biwakschachteln Notfall-Stützpunkte sind und die Benutzung ohne alpinistischen Hintergrund, wie Klettertouren, abgelehnt wird.[4]
Besondere Biwakschachteln
Es gibt eine Reihe von Biwakschachteln, die durch ihre Lage oder Geschichte besonders sind:
- Das Biwak Luca Pasqualetti liegt auf 3290 m und steht exponiert auf einen scharfen Grat hoch über Ollomont im Aostatal in Norditalien nahe der Schweizer Grenze (südöstlich des Mont Gelé). Es ist sehr abgelegen und schwer erreichbar, daher ist es nur eine Notunterkunft, die von wenigen Bergsteigern besucht wird. Die Schachtel besteht aus weißem Wellblech und ist daher weithin sichtbar. Sie bietet auf kleinem Raum acht Schlafplätze.[6]
- Das Bivacco Tita Ronconi auf 3168 m liegt in Val Masino in Italien an der Grenze zu Graubünden in der Schweiz. Es steht an einem Grat nahe dem Passo di Bondo in den Bergeller Alpen und hängt teilweise über. Da es sehr abgelegen ist, zählt es nur wenige Besucher. Die Schachtel selber ist auffällig orange-rot gestrichen, um leichter auffindbar zu sein. Der heutige Bau ist der originale von 1964.[6]
- Das Bivacco della Brenva steht auf 3060 m in der Mont-Blanc-Gruppe in Frankreich. Es befindet sich auf einer Felsschulter zwischen dem Gletscher Ghiacciaio della Brenva und der Tour Ronde. Es wurde 1929 erbaut und 2016 renoviert. Wie bei Biwakschachteln üblich, hat es minimale Ausmaße: Die Grundfläche misst 2 × 2,25 Meter bei einer Höhe von 1,25 Meter. Die Schachtel bietet drei bis vier Schlafplätze ohne jeden Komfort.[6]
- Das David-Lama-Biwak liegt auf einem Felsvorsprung am Tashi Lapcha Pass in Nepal auf über 5.000 m. Es soll Trägern, die den Pass öfters queren, um in der Khumbu-Everest-Region zu arbeiten, einen zusätzlichen Schutz bieten. Der anspruchsvolle Pass wird durch die Biwakschachtel entschärft und bietet der lokalen Bevölkerung eine deutliche Entlastung.[4]
Bothies in Großbritannien
Vor allem in Schottland und Wales existieren in entlegenen Bergregionen einfache, als Bothy bezeichnete unbewirtschaftete Hütten, die vergleichbar Biwakschachteln durch Wanderer und Bergsteiger genutzt werden können. Sie sind einfach eingerichtet und besitzen nur teilweise einfache Sanitäreinrichtungen. Sie gehören in der Regel den Landbesitzern, werden aber meist von der Mountain Bothy Association unterhalten.[7]
Galerie
- Konrad-Schuster-Biwakschachtel (2495 m ü. A.) an der Laliderer Spitze im Karwendel (Sept. 2006) (Lage)
- Kleine Biwakschachtel unter der Breitgrieskarscharte im Karwendel (Sept. 2003)
- Biwakschachtel im Val Montanaia, Dolomiten (Sept. 2005)
- Die Vallot-Hütte (4362 m) am Bosses-Grat des Mont Blanc (Juli 2004)
- Auf Schlitten montierte Biwakschachtel (sogenannte Apple Hut, aus GFK) in der Heimefrontfjella (Antarktis) (Feb. 2001)
- Innenraum des Hochjochbiwaks (3535 m s.l.m.) am Ortler (2008)
- Biwak E. Rigatti, südlich der Latemarspitze, im Latemarmassiv, Dolomiten (Juni 2010)
- Refugio Tejos (5825 m) am Nevado Ojos del Salado, Chile (Feb. 2004)
- Verfallene Biwakschachtel Indepedencia (6400 m) am Aconcagua (Dez. 1997)
- Biwakschachtel am Grimming (Sept. 2016)