Wikiwand AI

Black Ark

Tonstudio von Lee Perry (1973-1979) From Wikipedia, the free encyclopedia

Black Ark war das Aufnahmestudio des jamaikanischen Musikproduzenten Lee Perry. Das Black Ark stand auf Perrys Grundstück am Cardiff Crescent 5 im Stadtteil Washington Gardens in Kingston, Jamaika. Ab Mitte der 1970er Jahre entstanden hier neue Formen von Reggae, so beispielsweise mit der Studioband The Upsetters die Alben Hurt so Good von Susan Cadogan, War Ina Babylon von Max Romeo, Super Ape von Scratch the Upsetter, Party Time von The Heptones, Police & Thieves von Junior Murvin und Heart of the Congos von den Congos. Lee Perry setzte dabei, ähnlich wie King Tubby, auf Echos, Delay und Phasing oder improvisierte Effekte wie Schnalzen, Muhen und Babygeschrei. Das Black Ark-Studio wurde von Dezember 1973 bis 1979 durchgehend genutzt und brannte 1982 aus.

Lee Perry 2016 in München

Vorgeschichte

Das Jahr 1973 war ein einschneidendes Jahr: The Wailers hatten sich von Lee Perry getrennt und beim Major-Label Island Records unterschrieben. Nacheinander veröffentlichten sie im Frühling und im Herbst 1973 die Alben Catch a Fire und Burnin’ und verhalfen dem Reggae zu internationaler Bekanntheit. Trojan Records brachte zwischen den beiden Alben die Wailers-Kompilation African Herbsman heraus, um mit den noch von Perry produzierten Songs von dem Hype zu profitieren.[1]

Perry war ebenso produktiv und machte Aufnahmen mit etablierten Künstlern wie Stranger & Gladdy, Denzil Dennis und Dave Barker, aber auch mit den aufstrebenden Deejays Dennis Alcapone, I-Roy, U-Roy und Dillinger (Dub Organizer). Für seine Aufnahmen nutzte er neben der Infrastruktur von Dynamic Sounds, Rupie’s und dem Harry J Studio das neueröffnete Studio Channel One. Zum Abmischen seiner Versionen hielt sich Perry vermehrt in King Tubbys Heimstudio in der Dromilly Avenue auf, um die technischen Möglichkeiten des Dub kennenzulernen. Ein gemeinsames Ergebnis war das neuartige Dub-Album Upsetters 14 Dub Black Board Jungle. Weitere Upsetter-Alben von 1973 sind Rhythm Shower und Double Seven.

Weitere Erkenntnisse aus Tubbys Studioarbeit flossen in die Produktion meist origineller Stücke, die als „Skank“ bezeichnet wurden; eigenwillige Versionen bestehender Tracks, wie Freak Out Skank, Kentucky Skank (von den Beastie Boys in Heart Attack Man gesampelt), Bathroom Skank (propagiert gründliche Körperhygiene) oder das Spottlied Cow Thief Skank, ein frühes Beispiel für Sampling, denn Perry verwendet zum Einstieg einen Tonschnipsel aus dem Song This Old Town von den Staple Singers mit der Zeile „People in this town ain’t got no faces“.[2] Brian Eno, der gerade die Band Roxy Music verlassen hatte und als Solokünstler weitermachte, war besonders fasziniert vom Bucky Skank. Das Stück lehrte ihn zwei Dinge: Ein Mischpult kann auch ein Instrument sein, und das Weglassen von Tonspuren kann oftmals effektvoller sein als das Hinzufügen immer weiterer Instrumente.[3]

The Black Ark

Ethiopian Land von Peter & Paul Lewis, im Black Ark aufgenommen und auf Black Art veröffentlicht

Im Dezember 1973 konnte Perry das neben seinem Wohnhaus errichtete Studio beziehen. Das Grundstück in der Cardiff Crescent 5 im Viertel Washington Gardens hatte er im Juli 1970 für 11.000 Jamaika-Dollar gekauft, wobei er ein Hypothekendarlehen von 6.300 JMD$ aufnehmen musste.[4] Er bezog das Wohnhaus mit seiner Frau Pauline Morrison und den drei Kindern Sean, Omar und Marsha. Im Frühjahr 1972 hatte Perry eine Vision, die ihm sagte, auf seinem Grundstück ein Tonstudio einzurichten. Er nahm eine weitere Hypothek für sein Grundstück auf und beauftragte den Gitarristen Bobby Aitken, Leonard Dillon von den Ethiopians und Errol Thompson mit dem Bau des Studios. Die Fertigstellung des Black Ark kostete insgesamt 12.000 Pfund Sterling.[5] Von nun an kontrollierte Perry den gesamten Prozess der Musikproduktion von der Aufnahme bis zum fertigen Mix oder Dub.

Blütezeit (1973–1978)

Das Studio bestand aus zwei Räumen. Der Kontrollraum mit dem Mischpult war durch eine große Acrylglas-Scheibe vom Aufnahmeraum getrennt.[6] Wegen der anfangs rudimentären technischen Ausstattung waren die ersten Produktionen zumeist Überarbeitungen bereits existenter Tracks. Perry schloss 1974 mit dem jungen britischen Label Dip einen Vertrag über den Vertrieb seiner Musikproduktionen im Vereinigten Königreich, darunter waren die beiden Singles Curly Locks von Junior Byles und Hurt so Good von Susan Cadogan. Hurt so Good rückte im Frühjahr 1975 bis auf Platz 4 der UK Singles Charts vor.[7] Von dem Vorschuss kaufte sich Perry in London neues Equipment und erweiterte die technischen Möglichkeiten seines Studios. Da er an mehreren aufeinanderfolgenden Sonntagen weitere Aufnahmen mit Susan Cadogan gemacht hatte (wie In the Ghetto und Fever), konnte er Trojan Records noch im selben Jahr ein fertiges Album anbieten.[8]

Chris Blackwell, Gründer von Island Records (2015)

Nachdem er das Auftragsalbum Revelation Time für Max Romeo fertiggestellt hatte, nahm Perry mit seinem alten Bekannten ein gemeinsames Roots-Reggae-Album in Angriff. Perry war es zuvor gelungen, einen vielversprechenden Vertrag mit Island Records abzuschließen. Label-Chef Chris Blackwell lehnte das Upsetter-Album Revolution Dub zwar ab, fand aber so viel Gefallen an Romeos Single Sipple Out Deh (War Ina Babylon), dass er sich ein ganzes Album in der Art vorstellen konnte. Das im Frühling 1976 auf Island erschienene War Ina Babylon war für Romeo das erfolgreichste Album seiner Karriere. Mit dem Island-Vertrag im Rücken begann im Jahr 1976 eine hochproduktive Phase, die bis 1978 andauern sollte. Im August 1976 veröffentlichte Island Records mit Super Ape ein stilbildendes Dub-Album, das als klangliche Visitenkarte für Perrys virtuose Fähigkeiten am Mischpult diente.

Anschließend arbeitete Perry mit Junior Murvin, dessen Single Police & Thieves (1976) von The Clash als Punksong neu interpretiert wurde. Im April 1977 erschien das zugehörige Album Police and Thieves, Murvins erfolgreichstes Album. Parallel hat Perry mit dem Gesangstrio The Heptones mehrere Songs aufgenommen, wie Party Time, I Shall Be Released und Sufferer’s Time. Das im März 1977 von Island veröffentlichte Album Party Time wurde das erfolgreichste der Heptones. Neben Aufnahmen mit dem weiblichen Gesangstrio The Full Experience folgten Singles mit dem Vokaltrio The Meditations (No Peace, Think So und Life Is Not Easy). Der Radio-DJ Michael Campbell alias Mikey Dread, bekannt für seine nächtliche Reggae-Sendung, nahm 1977 im Black Ark den Track Dread at the Controls auf. Weitere musikalische Höhepunkte des Jahres 1977 waren die Songs To Be a Lover von George Faith, Groovy Situation von Keith Rowe und Vibrate Onn von Augustus Pablo.

Der eigenwillige, dichte Sound des Studios zog bald auch internationale Künstler an. Robert Palmer nahm im Black Ark unter anderen den Song Love Can Run Faster auf, fühlte sich aber von den anwesenden Rastafaris bedroht. Im Juni 1977 schickten Paul und Linda McCartney ein Tape nach Jamaika, auf dessen Basis Perry die Rhythmusspuren arrangierte; im August 1977 sang Linda McCartney die Stücke Mr. Sandman und Sugartime ein, die aber erst postum veröffentlicht wurden.

Einen künstlerischen Höhepunkt markierten die Aufnahmen mit dem Vokaltrio The Congos für das Roots-Reggae-Album Heart of the Congos (1977). Island Records empfand das vielschichtige Werk jedoch als klanglich unfertig und lehnte eine Veröffentlichung ab. Dieses Schicksal teilten auch Perrys nachfolgende Solo-Alben Roast Fish, Collie Weed & Corn Bread sowie Return of the Super Ape.

Niedergang und Zerstörung (1978–1982)

Ende der 1970er Jahre verschlechterte sich Lee Perrys mentaler und physischer Zustand zusehends. Während der Aufnahmen zum Album Love Thy Neighbour von Ras Michael & the Sons of Negus erlitt Perry einen Nervenzusammenbruch, der mutmaßlich durch anhaltenden Stress sowie konstanten Ganja- und Alkoholkonsum begünstigt wurde. Auch hatte ihn seine Lebens- und Geschäftspartnerin Pauline Morrison verlassen. Sein Verhalten wurde zunehmend unberechenbarer: Perry nannte sich nun Pipecock Jackxon, bezeichnete sich als reinkarnierten Jesus („Jesse the Hammer“) und begann, das Studio, das technische Equipment und jede freie Fläche detailliert mit kleinen Kreuzen zu bemalen.

Gleichzeitig verfiel das ohnehin extrem beanspruchte Equipment durch mangelnde Wartung und unsachgemäße Behandlung. 1979 endete der reguläre Studiobetrieb fast vollständig; das Black Ark verfiel in den Folgejahren zur Ruine.[9] Als das Dach undicht wurde, verlagerte Perry einen Teil des Equipments sowie die Mastertapes in sein Wohnhaus.

Das endgültige Ende des Studios besiegelte ein Feuer, das an einem Frühlingsmorgen des Jahres 1982 ausbrach und den Innenraum zerstörte.[10] Lee Perry behauptete später wiederholt, er selbst habe das unversicherte Studio angezündet, um es von „bösen Geistern“ und negativen Energien zu reinigen. Andere Quellen vermuteten einen elektrischen Kurzschluss als Brandursache. Nach der Zerstörung des Studios verließ Perry Jamaika und verlegte seinen Lebensmittelpunkt schließlich nach Europa.[11]

Produktionstechniken

Judas de White Belly Rat von Jah Lion, im Black Ark aufgenommen

Durch seine Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Duke Reid, Coxsone Dodd, Prince Buster, Clancy Eccles, Joe Gibbs und King Tubby war Lee Perry bestens mit der Arbeit im Tonstudio vertraut. Dazu komponierte, arrangierte und sang er eigene Songs. Perry selbst beherrschte zwar kein Musikinstrument, doch dafür betrachtete er das Studio selbst mit seinen technischen Möglichkeiten als ein Instrument.

Ausstattung

Als Perry im Dezember 1973 sein Studio eröffnete, startete er mit einer rudimentären Grundausstattung in die Selbstständigkeit. Das Mischpult war eine einfache Alice-Konsole AD62 (von Perry als „Spielzeug“ bezeichnet). Als Bandmaschinen nutzte er einen TEAC-A-3340-Vierspur-Rekorder sowie eine TEAC-AX300-Zweispur-Maschine für die Abmischung. Dazu gab es Effektgeräte wie den Grampian Federhall, einen Fisher SpaceXpander, ein Echoplex Tape Echo, einen Marantz-Stereo-Verstärker mit JBL-Lautsprechern. Außerdem gab es Instrumente für die Studiomusiker wie eine Vox Continental, ein Elka-Piano 88 und ein Drum-Set aus London, das zuvor Ringo Starr gehört haben soll.[12]

Mit den Lizenzeinnahmen für das Album Hurt so Good von Susan Cadogan konnte Perry sein Studio im Frühling 1975 technisch aufwerten. Er kaufte sich ein modernes Mischpult der Marke Soundcraft Sixteen Into Four Mark II. Dazu erwarb er Effektgeräte wie den Roland RE-201 Space Echo (für Reverb und Delay), ein MXR Phase 90 Pedal für den Phaser-Effekt, ein Mu-Tron Bi-Phase und ein Multieffektgerät der Marke Gibson Maestro Rhythm ’N Sound G2.[13]

Aufnahmemethoden

Papprollen für den Kuh-Muh-Effekt

Perry nutzte die sogenannte Subtraction-Mixing-Technik (subtraktives Mischen), bei der er Gesang oder Instrumente aus den Masterbändern entfernte, um reduzierte, rhythmische Klanglandschaften zu entwerfen, auf die neuer Gesang, zusätzliche Instrumente oder spielerische Effekte wie Kinderschreien, Toilettenspülung oder nachgeahmtes Kuhmuhen gelegt werden konnten.[14]

Durch Rückkopplungsschleifen (Feedback Loops) und das Übersteuern des Roland Space Echo erzeugte er tiefe, räumliche Klänge. Perry scheute auch nicht davor zurück, Mikrofone im Freien zu vergraben oder Tierlaute, knisterndes Feuer und das Hämmern an einem Baum aufzunehmen, um seinen Tracks eine surreale Note zu verleihen. Einzelne Spuren wurden auf der Vierspurmaschine oft 12- bis 20-fach übereinander kopiert (Bouncing), was zu einem extrem dichten, gesättigten Klangbild führte.

Während der Arbeit am Album Heart of the Congos erfanden Perry und der Sänger Watty Burnett den Kuh-Muh-Effekt („cow mooing sound“), der für eine psychedelische Grundstimmung sorgte. Mithilfe einer bei Alufolie üblichen Papprolle machte Burnett mit seinem Mund ein Kuh-ähnliches Geräusch, das von Perry aufgenommen und mehrfach verwendet wurde, zum Beispiel in Ark of the Covenant von The Congos, Life Is Not Easy von The Meditations und Vibrate Onn von Augustus Pablo.[15]

Diskografie (Auswahl)

Alben

  • D.I.P Presents The Upsetter (Dip, DPLP 5026, 1975)
  • Musical Bones – Vin Gordon & The Upsetters (Dip, DLP 6000, 1975)
  • Kung Fu Meets the Dragon – The Mighty Upsetter (Dip, DLP 6002, 1975)
  • Sexy SuzySusan Cadogan (Upsetter, UP121, 1975)
    • Susan Cadogan – Susan Cadogan (Trojan, TRLS 122, 1976)
    • Hurt so Good – Susan Cadogan (Trojan, CDTRL 122, 1995)
  • Revelation Time (Open the Iron Gate)Max Romeo (Tropical Sound, 1975)
  • Revolution Dub – Lee Perry & the Upsetters (Cactus, 1975)
  • Colombia Colly – Jah Lion (Island, ILPS 9386, 1976)[16]
  • War Ina Babylon – Max Romeo & The Upsetters (Island, ILPS 9392, 1976)
  • Scratch the Super Ape – The Upsetters (Upsetter, 1976)
    • Super Ape – The Upsetters (Island, ILPS 9417, August 1976)
  • Natty Passing Thru’Prince Jazzbo & The Upsetters (Black Wax, 1976)
  • Party TimeThe Heptones (Island, ILPS 9456, März 1977)
  • Police and ThievesJunior Murvin (Island, ILPS 9499, April 1977)
  • Super Eight – George Faith (Black Art, 1977)
    • To Be a Lover – George Faith (Black Swan, ILPS 9504, September 1977)
  • Heart of the CongosThe Congos (Black Art, 1977)
  • Lee „Scratch“ Perry Presents Candy McKenzie (1977)
  • Roast Fish Collie Weed & Corn Bread – Lee Perry, the Upsetter (Lion of Judah, April 1978)
  • Return of the Super Ape – The Upsetters (Lion of Judah, Juli 1978)
  • Love Thy Neighbour – Ras Michael & The Sons of Negus (Jah Life, JLLP 001, 1981)

Songs

  • Curly Locks – Junior Byles (Orchid, 1974)
  • Sipple Out Deh (War in Babylon) – Max Romeo (Upsetters, 1975)
  • Chase the Devil – Max Romeo (Upsetters, 1976)
  • Police & Thieves – Junior Murvin (Wild Flower, Mai 1976)
  • Sufferer’s Time – The Heptones (Black Art/Island, 1976)
  • Who Killed the Buffalo / Buffalo Dub – Lion Zion & The Upsetters (House of Natty, 1976)
  • Dread at the ControlMichael Campbell & Lee Perry (Black Art, 1977)[17]
  • No PeaceThe Meditations (Upsetters, 1977)
  • Groovy Situation – Keith Rowe (Black Swan, 1977)
  • Vibrate OnnAgustas Pablo Meets the Upsetter (Black Art, 1977)
  • Mr. Sandman und SugartimeLinda McCartney (1977; postum veröffentlicht auf Wide Prairie 1998)
  • Disco Devil – Lee Perry and The Full Experiences (1977)
  • Bird in Hand (Milte Hi Ankhen) – Sam Carty & the Upsetters (1978)

Kompilationen

  • 1997: Arkology: Box-Set inkl. Rare and Unreleased Tracks (Island Records)[18]
  • 2021: Black Art from the Black Ark (Pressure Sounds)
  • 2020: Lee „Scratch“ Perry Presents The Full Experience (Doctor Bird)
  • 2022: Augustus Pablo: King Tubbys Meets Rockers at 5 Cardiff Crescent, Washington Garden, Kingston (Only Roots)

Filmografie

  • The Upsetter: The Life and Music of Lee Scratch Perry. Erzählt von Benicio del Toro. Regie: Ethan Higbee, Adam Bhala Lough, USA 2008. Enthält Originalaufnahmen aus dem Jahr 1977, die Perrys rituelle und exzentrische Produktionsweise illustrieren.
  • Lee Scratch Perry’s Vision of Paradise. Regie: Volker Schaner, Deutschland 2015. Thematisiert die mystische Bedeutung des Studios.

Literatur

  • David Katz: People Funny Boy: The Genius of Lee „Scratch“ Perry. White Rabbit, London 2021, ISBN 978-1-3996-0154-2.
  • David Katz: Black Ark Timeline. In: Andreas Koller (Hg.): Lee „Scratch“ Perry. Black Ark. Edition Patrick Frey, Zürich 2026, S. 630 ff.

Musikbeispiele

Einzelnachweise

Related Articles

Timelines

Top Qs

Fact Checks