Blaues Kreuz

evangelische Organisation zur Selbsthilfe bei Suchtkrankheiten From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Blaue Kreuz ist eine Suchthilfe-Organisation mit christlichen Wurzeln. Gegründet im Jahr 1877 in der Schweiz, bestehen Blaukreuz-Organisationen in fast 40 Ländern[1] mit zum Teil unterschiedlichen Schwerpunkten. In vielen Ländern bestehen sowohl professionell betreute Suchtberatungen als auch ehrenamtliche Selbsthilfegruppen. Zudem gibt es Angebote zur Gesundheitsförderung und Prävention. Die Angebote des Blauen Kreuzes sind überkonfessionell und stehen allen Menschen offen.

Blaues Kreuz in der Schweiz (Logo)
Logo des Blauen Kreuzes Deutschland

Organisatorische Strukturen

Das Blaue Kreuz gehört zu den wichtigen Organisationen im Bereich Prävention und Suchthilfe in der Schweiz und Deutschland. Weltweit besteht das Internationale Blaue Kreuz (International Blue Cross – IBC) mit fast 40 Ländern.[1]

Finanzierungsformen des Blauen Kreuzes sind im deutschsprachigen Raum heterogen ausgeprägt und unterscheiden sich nach Region, Trägerschaft und Leistungsbereich. Freunde und Förderer unterstützen die Arbeit des Blauen Kreuzes materiell und ideell,[2] daneben gibt es auch öffentliche Förderungen von Krankenkassen, Rentenversicherungen oder Städten und Gemeinden.[3]

Schweiz

Das Blaue Kreuz Schweiz ist die Dachorganisation der Blaukreuz-Organisationen in der Schweiz.[4] Zu diesem schlossen sich im Jahr 2013 die zwölf Kantonalverbände, das in der französischsprachigen Schweiz tätige Croix-Bleue romande sowie das Kinder- und Jugendwerk zusammen.[5][6] In der Schweiz ist das Blaue Kreuz in 17 Kantonen aktiv, es bestehen 22 Beratungsstellen und eine Institution mit Wohnangeboten.[7] Es ist schweizweit u. a. in den Bereichen Prävention, Suchtberatung sowie Integration tätig[8] und setzt sich in der Politik für einen starken Jugendschutz ein.[9]

Deutschland

In Deutschland gibt es zwei Verbände und mehrere selbständige Blaukreuz-Vereine. Die Verbände sind der Blaues Kreuz in Deutschland e. V. (BKD) sowie das Blaue Kreuz in der evangelischen Kirche (BKE). Als Fachverbände sind das BKE und das BKD Mitglied im „Gesamtverband für Suchtkrankenhilfe im Diakonischen Werk der evangelischen Kirche“ und Mitglied der „Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen“.

Katholisches Pendant zum Blauen Kreuz ist in Deutschland der Kreuzbund. Konfessionell ungebunden sind die Guttempler (IOGT).

BKD

Das Blaue Kreuz in Deutschland e.V. (BKD) mit Hauptsitz in Wuppertal ist in 16 Landesverbänden organisiert, es bestehen über 250 Selbsthilfegruppen in Deutschland.[10] Zum BKD gehören heute außerdem:

  • Blaues Kreuz Stiftung (Dachorganisation)[11]
  • Blaues Kreuz Diakoniewerk mGmbH
  • Blaues Kreuz in Deutschland e. V.[12]
  • Stiftung Deutsche KinderSuchthilfe
  • Serrahner Diakoniewerk gGmbH
  • Blu:prevent e.V., Suchtprävention.[13]

Beim BKD und ihren dazugehörigen Diakoniewerken arbeiten insgesamt über 400 hauptamtlich Mitarbeitende in Fach- und Beratungsstellen, Fachkliniken, Wohngemeinschaften, Freizeithäusern, Cafés, in der umfassenden Suchtprävention und im ambulant betreuten Wohnen.[14]

Das Blaue Kreuz ist Mitglied des Diakonischen Werkes, der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste der EKD und des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes.[15]

BKE

Das Blaue Kreuz in der Evangelischen Kirche Bundesverband e. V. (BKE) wurde 1902 in Soest gegründet.[16] Das BKE, das seinen Hauptsitz in Dortmund hat, ist hauptsächlich von Ehrenamtlichen getragen und legt den Schwerpunkt auf die Selbsthilfe in der Suchtkrankenhilfe.[17]

Blaukreuz-Jugend „Gemeinsam gegen Sucht“

Die dem Blauen Kreuz in Deutschland e. V. angegliederte Jugendorganisation „Gemeinsam gegen Sucht“[18] ist aus den Hoffnungsbund-Gruppen entstanden, die sich 1886 in Basel formierten. Als sich um die Jahrhundertwende an verschiedenen Orten Blaukreuz-Gruppen der Jugendarbeit zuwandten, rief Blaukreuz-Mitbegründer Arnold Bovet am 8. Oktober 1900 die Leiter von etwa 50 Jugendgruppen zusammen, um sie in einem deutschschweizerischen Verband zu organisieren. Der Hoffnungsbund erfreute sich bis weit ins 20. Jahrhundert, wie der CVJM, der Blauring oder die Pfadfinder, einer hohen Popularität.

Geschichte

Blaues Kreuz, Schweiz

Schweiz

Das Blaue Kreuz wurde am 21. September 1877 in Genf von Louis-Lucien Rochat (1849–1917)[19], der evangelischer Pfarrer im Kanton Waadt war, mit weiteren 27 Personen gegründet.[20] In der Schweiz hatte sich der Spirituosenkonsum in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast verdoppelt. Rochat sah im Vorbild der US-amerikanischen und englischen Abstinenzbewegung,[21] die er 1876 in England persönlich kennengelernt hatte, eine Lösung für die sozialen, medizinischen und persönlichen Probleme, die die grassierende Alkoholsucht bei der armen Landbevölkerung und in der Arbeiterklasse der Industrialisierungszeit hervorrief.[22] Die beiden Leitworte „Evangelium und Abstinenz – mit Jesus und ohne Alkohol“ gehörten für den Gründer Rochat und für die Blaukreuz-Arbeit untrennbar zusammen.[23]

Gemeinsam verpflichteten sich die Gründer zur Enthaltsamkeit von Alkohol. Sie verglichen sich, in Anlehnung an das kurz zuvor gegründete Rote Kreuz, mit „Krankenträgern, die sich auf den Kampfplatz des Lebens begeben, um die Opfer der Trunksucht und des Wirtshauslebens zu retten“. So entstand als Symbol das Kreuz. Die Farbe Blau war seit jeher die Farbe der Abstinenzbewegungen im angelsächsischen Raum.[20]

Das Schweizerische Blaue Kreuz arbeitete mit der evangelisch-reformierten Landeskirche, aber auch mit den protestantischen Freikirchen zusammen. Dabei wurde nicht nur der Alkohol, sondern auch „das Wirtshaus“ schärfstens kritisiert, da die Blaukreuz-Mitglieder dort den Ursprung für die „Genusssucht“ und somit eine „Bedrohung für die gesellschaftliche Moral“ sahen.[20]

Als Schwesterorganisation zum protestantisch orientierten Blauen Kreuz wurde 1895 die Schweizerische Katholische Abstinenten-Liga (SKAL) gegründet, die jedoch nie dasselbe gesellschaftliche Gewicht wie das Blaue Kreuz erreichte. Als angegliederte Jugendorganisation gilt der Hoffnungsbund.[24]

Deutschland

Blaues Kreuz in Wuppertal

Arnold Bovet, ein Schweizer Prediger der Freien Evangelischen Gemeinde in Bern, gründete zusammen mit Johannes Schluckebier am 5. Oktober 1885 in Hagen den ersten Blaukreuz-Verein in Deutschland.[25] Am 6. Oktober 1887 trat der preußische Offizier Curt von Knobelsdorff bei, der selbst zuvor Probleme mit Alkohol gehabt hatte. Von Knobelsdorff unternahm regelmäßig Vortragsreisen und trug zur Bekanntmachung dieser Bewegung in Deutschland bei.[26]

Am 8. August 1892 erfolgte in Barmen (heute Wuppertal) die Gründung eines deutschlandweiten Hauptvereins als „Deutscher Hauptverein des Blauen Kreuzes“.[27] In den Folgejahren erlebte das Blaue Kreuz Deutschland einen erheblichen Aufschwung, zugleich aber auch Spaltungen infolge konfessioneller Spannungen. So nahm der „Hauptverein Barmen“ eine kirchlich neutrale, aber von Pietismus und Methodismus beeinflusste Position ein.

Im Jahr 1902 kam es zur Abspaltung des „Blauen Kreuzes in der evangelischen Kirche“ (bis 1945: „Kirchlicher Bund des Blauen Kreuzes“),[28] in dem sich lutherisch geprägte Kreise aus Pommern, Mecklenburg, Westfalen und Schleswig-Holstein zusammenschlossen. Grund waren kirchenpolitische und theologische Kontroversen.[16] 1906 spaltete sich ein freikirchliches Blaues Kreuz ab. 1926/27 folgte die Trennung einer Gruppe, die der innerkirchlichen Gemeinschaftsbewegung nahesteht.

Das Blaue Kreuz wurde lange ausschließlich von Ehrenamtlichen getragen. Mit der Anerkennung von Sucht als Krankheit Ende der 1960er-Jahre wurden zunehmend hauptamtliche Mitarbeiter angestellt und das Angebot des Blauen Kreuzes professionalisiert.[29]

In der DDR war das Blaue Kreuz als Verein verboten. Darum wurde am 1. Januar 1960 die „Evangelische Arbeitsgemeinschaft zur Abwehr der Suchtgefahren (AGAS)“ unter dem Dach der Inneren Mission gegründet.[30] Nach dem Fall der Mauer schloss die AGAS sich 1991 dem Blauen Kreuz in Deutschland e.V. an.[27]

Tätigkeiten

Allgemein teilt sich die Tätigkeit des Blauen Kreuzes in die Prävention von Sucht, in die Behandlung und Bekämpfung der Sucht sowie schließlich in die Nachsorgeunterstützung auf.[31]

Schweiz

Neben dem traditionellen Thema Alkohol bietet das Blaue Kreuz Schweiz auch Hilfe und Selbsthilfe zu anderen Themen wie Tabak, Cannabis und Verhaltenssüchten an.[32] Dabei werden für bereits Suchtbetroffene und ihre Angehörigen verschiedene Beratungen (sowohl vor Ort als auch online), Gruppentreffen und alkoholfreie Treffen veranstaltet.[33] Hinzu kommt die Suchtprävention und Jugendschutz,[34] unter anderem durch Kurse und Informationsveranstaltungen (etwa an Schulen), Alkohol- und Tabaktestkäufe, eine mobile alkoholfreie Bar, einem Ferienlager für Kinder und Jugendliche[35] und Tanzangebote für Kinder und Jugendliche wie „Roundabout“ und „Boyzaround“.[36][37] Roundabout als Tanzangebot für Mädchen umfasst Stand 2025 mehr als 1800 wöchentliche Teilnehmerinnen zwischen 8 und 20 Jahren.[38]

In einigen Punkten unterscheidet sich das Blaue Kreuz Schweiz von dem Blauen Kreuz Deutschland. So ist das Blaue Kreuz Schweiz zwar christlich geprägt, versteht sich aber als politisch und konfessionell unabhängiger Verein.[39] Auch gibt es seit 2002 keine generelle Verpflichtung zur Abstinenz für Blaukreuz-Mitglieder. Dabei wies der damalige Geschäftsführer des Zürcher Kantonalverbandes, Hans-Jörg Surber, darauf hin, dass das Blaue Kreuz ursprünglich auch als Mäßigungsverein ohne Abstinenzverpflichtung gegründet worden sei.[23][40]

Das Blaue Kreuz Schweiz veröffentlicht Stellungnahmen zu Themen im Bereich der Sucht. 2013 warnte das Blaue Kreuz Schweiz, bisherige Errungenschaft im Bereich der Suchtbekämpfung könnten durch Wirtschaftsinteressen gefährdet werden.[5] Als die Supermarktkette Migros im Jahr 2021 überlegte, entgegen bisheriger Praxis Alkohol- und Tabakwaren zu verkaufen, wandte sich das Blaue Kreuz Schweiz dagegen mit dem Hinweis, dass viele ehemals Suchtkranke Migros deshalb aufsuchten, um sich unnötiger Gefährdung zu entziehen.[41] Ein weiteres Thema ist die Forderung nach einem Alkoholwerbeverbot bei Sportanlässen in der Schweiz.[42]

In der Schweiz wird die Gesundheitskampagne „Dry January“, bei der Menschen im Januar und darüber hinaus keinen Alkohol trinken, seit 2021 durchgeführt. Träger sind mehrere Organisationen, darunter das Blaue Kreuz Schweiz.[43][44]

Deutschland

Das Blaue Kreuz Deutschland gliedert sich heute in zwei große Bereiche: den ehrenamtlichen, der nach dem Konzept der Hilfe zur Selbsthilfe arbeitet,[45] und den hauptamtlichen mit seinen Facheinrichtungen und hauptamtlich tätigen Mitarbeitern. In den beiden Arbeitsbereichen arbeiten sowohl von der Sucht Betroffene als auch Nicht-Betroffene.

Das Blaue Kreuz Deutschland empfiehlt Betroffenen die Abstinenz von ihren Suchtmitteln und wirbt bei deren Angehörigen um Solidarität. Die Mitgliedschaft ist seit November 2024 auch ohne Selbstverpflichtung zur Abstinenz möglich.[46]

Themenschwerpunkt Alkoholsucht beraten die Einrichtungen auch zu anderen Suchtthemen wie Spielsucht[47] und illegalen Substanzen.[48]

Auch in Deutschland unterstützt das Blaue Kreuz die Kampagne „Dry January“.[49]

Weitere Länder

Die weltweite Dachorganisation International Blue Cross hat ihren Sitz in Bern,[31] insgesamt bestehen in rund 40 Ländern Varianten des Blauen Kreuzes.[1]

In Österreich besteht das Blaue Kreuz seit 1905, dort werden professionelle Beratungen und Begegnungsgruppen angeboten.[50]

Literatur

Bücher

  • Rudolf Schwarz: Fünfzig Jahre Blaues Kreuz: 1877–1927. Blaukreuz-Verlag, Bern 1927, DNB 574479090.
  • Blaukreuz-Arbeit heute. Selbstdarstellung – Information – Zeugnis. Blaukreuz, Wuppertal 1975, ISBN 3-920106-22-9.
  • Werner Beck: Sie wagten Nächstenliebe. Louis-Lucien Rochat, Arnold Bovet, Curt von Knobelsdorff. Blaukreuz, Bern/Wuppertal 1980. ISBN 978-3-85580-111-4 (Bern) bzw. ISBN 3-920106-48-2 (Wuppertal)
  • Heinz Klement: Das Blaue Kreuz in Deutschland: Mosaiksteine aus über 100 Jahren evangelischer Suchtkrankenhilfe. Blaukreuz-Verlag, Wuppertal/Lüdenscheid 1990, ISBN 3-89175-041-2.

Zeitschriften

  • füreinander; Herausgeber: Blaues Kreuz in Deutschland e.V., ISSN 0342-4685
  • BLAU: Das Magazin für Sucht- und Lebensfragen; Herausgeber: Blaues Kreuz in Deutschland e.V., ISSN 0179-3012. Titel bis 2015: Blaues Kreuz: Monatsschrift des Blauen Kreuzes in Deutschland.

Einzelnachweise

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