Bogensee (Wandlitz)
Wohnplatz im Ortsteil Lanke der Gemeinde Wandlitz im Land Brandenburg
From Wikipedia, the free encyclopedia
Bogensee ist ein Wohnplatz im Ortsteil Lanke der Gemeinde Wandlitz im Land Brandenburg. Er liegt zwischen den Wandlitzer Ortsteilen Wandlitz, Prenden und Klosterfelde, etwa 15 Kilometer nördlich der Berliner Stadtgrenze. Er befindet sich am namensgebenden Bogensee.


Geschichtlich hervorzuheben sind der Landsitz Waldhof am Bogensee für Joseph Goebbels und die spätere Nutzung des Areals für die Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ der FDJ.[1][2][3][4] Die Gebäude stehen unter Denkmalschutz.[5][6]
Namensgebung
Der Name Bogensee leitet sich vom Waldnamen Bogen ab. Dieser wiederum stammt vom brandenburgischen Wort Bān für ‘Dickicht, worin sich das Wild befindet’.[7]
20. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs
Der Kämmerer und Geheime Rat seiner Majestät, Graf Wilhelm von Redern, verkaufte 1919[8] hoch verschuldet sein circa 5000 Hektar umfassendes und 1876 erworbenes Gut Lanke mit dem Bogensee für fast 20 Millionen Reichsmark an den Magistrat von Berlin.
Im Jahr 1936 schenkte die Stadt Berlin den Bogensee und 496,3 Hektar Land mit einem am Ostufer des Sees errichteten Blockhaus Reichspropagandaminister Joseph Goebbels zu dessen 39. Geburtstag auf Lebenszeit. Ab 1939 ließ Goebbels hier seinen Landwohnsitz Waldhof errichten, von dem heute noch das Wohnhaus, das Gästehaus, die Wach- und Wirtschaftsgebäude sowie drei Bunker erhalten sind.
Das Gelände am Bogensee, bewacht von einer SS-Eliteeinheit, wurde während der Schlacht um Berlin Ende April 1945 von Truppen der Roten Armee besetzt.
Von 1946 bis zur deutschen Wiedervereinigung
In der nach Kriegsende folgenden zehnmonatigen Nutzung durch die sowjetischen Streitkräfte diente die Immobilie vorübergehend als Lazarett. Dann übergab die Armee die Einrichtung der Verwaltung der SBZ, die sie der gerade gegründeten Freien Deutschen Jugend (FDJ) zur Nutzung überließ. So begann ab April 1946 die Einrichtung einer zentralen Jugendleiterschule. In der Folgezeit entstanden weitere Anlagen und Gebäude; unter Denkmalschutz stehen im 21. Jahrhundert ein Lektionsgebäude, vier Hörerwohnhäuser, das ehemalige Kulturhaus (heute Haus Bogensee)[9], ein Gemeinschaftshaus und Trafogebäude sowie die Gestaltung und Bepflanzung der zum Komplex gehörenden Frei- und Grünflächen.
Seit 1990
Der Waldhof gehört der Stadt Berlin und wird seit 2000 größtenteils nicht mehr genutzt.[10][11] In einem Nebengebäude befindet sich Anfang der 2020er Jahre noch die Waldschule Bogensee.[12]
Wegen ausufernder Kosten zur Unterhaltung der Anlage wird von Berliner Abgeordneten ein Abriss aller Gebäude angestrebt. Kommunale Politiker und Denkmalschützer halten dagegen.[13] Nach den Berliner Abrissforderungen will sich die Gemeinde intensiver um eine Nutzung oder einen Investor kümmern und wird einen Antrag auf Fördergeld stellen.[14] Einige Angestellte der Schule und Menschen, die sich um die Grundinstandhaltung kümmern, wohnen auch auf dem Gelände und zwar in dem erst in den 1980er Jahren errichteten Plattenbau. Letztendlich gilt die Liegenschaft als Lost Place.[9]
Bebauung und Kurzbeschreibung
Erhaltene historische Gebäude auf dem Gelände sind:
- Heizkraftwerk
- Sporthalle
- Tennisplätze
- Fußballplatz
- Werkstattgebäude
- Schulcampus, nach Plänen des Berliner Architekten Hermann Henselmann ab 1951 errichtet (siehe: Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“).
Die Einzelgebäude des Schulkomplexes trugen in der DDR-Zeit internationale Namen wie Haus Reggio di Calabria, Haus Budapest, Haus Potsdam oder Haus Wien.[15]
Die von der Waldschule genutzten Gebäude wurden 2010 unter Denkmalschutzauflagen saniert.[16] Sie stehen allesamt seit dem Jahr 2005 leer, sind aber denkmalgeschützt und allgemein von außen zugänglich. Deshalb muss die Stadt Berlin als Eigentümer die gesamte Anlage instand halten, wozu jährlich mehr als eine Million Euro ausgegeben werden.[15]
Der Komplex weist eine mehrheitlich gute bis sehr gute Photovoltaik-Eignung auf. Demnach seien exemplarisch auf den zentralen Schulgebäuden gut 650 kWp installierbar, was einem Jahresertrag von etwa 620 MWh entspräche.[17]
Zwischennutzungen seit dem Leerzug
Seit dem 30. Juni 2021 informiert die Online-Ausstellung Bogensee. Eine historische Ortsbegehung über die Geschichte des Ortes. Sie ist ein Projekt des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam.[18][19][20][21][22]
Die finnische Regisseurin Kirsi Marie Liimatainen, die 1988 einen Lehrgang an der Jugendhochschule besuchte, drehte einen Film unter dem Titel Comrade, where are you today? über ihre Zeit am Bogensee und das heutige Leben ihrer Kommilitonen. Filmpremiere war 2016.[23][24][25]
Perspektiven
Zur Wieder-Inbetriebnahme des Komplexes hat das Bundesbauministerium im Jahr 2024 eine Perspektivstudie in Auftrag gegeben. 16 nationale und internationale Projektbüros haben ihre Pläne eingereicht, von denen fünf Projekte in die engere Wahl gelangten und deren Ideen der Gemeindevertretung im Juni 2025 vorgestellt wurden. Der Ende Juli 2025 gefasste Beschluss führte zur Übertragung an die Gemeinde Wandlitz. Zur Organisation erforderlicher Arbeiten wurde mit der BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH ein Überlassungsvertrag vereinbart.[26]
Brand im Januar 2026
Das Hauptgebäude mit dem Hörsaal wurde durch ein Feuer in der Nacht vom 21. auf den 22. Januar 2026 schwer beschädigt. Die Decke über dem Hörsaal kam zum Einsturz.[27] Inzwischen sind auch starke Brandschäden an der Bühne und an den ehemaligen Sprecherkabinen berichtet worden. Der Bürgermeister der Gemeinde Wandlitz, Oliver Borchert, betont, dass „der Großbrand nicht das Ende der Planungen (bedeute), jedoch einen Wendepunkt“. Die Pläne seien damit nicht gestoppt und sobald der genaue Brandschaden festgestellt worden ist, soll auch die Öffentlichkeit informiert und einbezogen werden.[9]
Literatur
- Klaus Peilicke: Die Entwicklung der Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ als Zentrum der Aus- und Weiterbildung von Funktionären der Freien Deutschen Jugend von Mai 1955 bis Anfang der sechziger Jahre. zwei Bände. Rostock 1983, DNB 860049116 (Dissertation A Universität Rostock 1983, 433 Seiten in Bänden).
- Stefan Berkholz: Goebbels’ Waldhof am Bogensee. Vom Liebesnest zur DDR-Propagandastätte. Ch. Links Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-86153-340-5.
- Jana Dimmey, Katrin Matthes: Rote Stühle: Das Gelände am Bogensee, Hochschule der FDJ und Goebbels Landsitz. Kehrer Verlag, 2009, ISBN 978-3-86828-084-5.
- Rainer Strzolka, Martina Hellmich: Die FDJ Parteihochschule am Bogensee bei Berlin. Verlag für Ethnologie Clemens Koechert, Hannover 2013, ISBN 978-3-86421-905-4.
- Detlef Siegfried: Bogensee – Weltrevolution in der DDR 1961–1989, Wallstein, Göttingen 2021, ISBN 978-3-8353-5011-3.
Weblinks
- Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF): Website zur historischen Ortsbegehung des Bogensee-Geländes
- Ausführliche Beschreibung mit Bildern ( vom 13. Dezember 2010 im Internet Archive)
- Geheimnisvolle Orte: Bogensee - Goebbels Villa & Hochschule der FDJ. Sendung des RBB über die Anlagen am Bogensee, Erstsendung vom 16. Januar 2018.
- Blogbericht mit umfangreicher Bildergalerie - Jahr 2013
- Projekt Bogensee auf www.bim-berlin.de (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im April 2024. Suche im Internet Archive): Kurzgeschichte, Details zur Bebauung mit Aufmaß usw.
- Stefan Berkholz: Liebesnest und Kaderschmiede. Bogensee – ein geschichtsträchtiger Ort, der ein Lernort werden sollte, statt zu verfallen, nd-aktuell, 10. April 2024