Bournemouth Belle
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The Bournemouth Belle war ein von 1931 bis 1939 sowie von 1946 bis 1967 zwischen dem Londoner Bahnhof Waterloo und dem südenglischen Seebad Bournemouth verkehrender Pullmanzug. Er zählte zu den letzten dampfbespannten Expresszügen in Großbritannien und wurde erst kurz vor seiner Einstellung auf Dieseltraktion umgestellt.

Geschichte
Bereits in den 1890er Jahren hatte die London and South Western Railway (LSWR) einzelne Pullmanwagen der britischen Pullmangesellschaft (British Pullman Car Company, PCC) in Expresszüge auf der South Western Main Line und der abzweigenden West of England Main Line eingestellt. Ein Wagenlauf zwischen London Waterloo und Exeter war nicht ausreichend nachgefragt und wurde wieder eingestellt, ein 1890 eingeführter Pullmanwagen zwischen London und dem beliebten Seebad Bournemouth war dagegen erfolgreich. Das Angebot wurde in den Folgejahren ausgebaut, so dass 1905 vier Zugpaare auf dieser Strecke Pullmanwagen mitführten. Die LSWR führte zu dieser Zeit ihre ersten Speisewagen und Durchgangswagen ein und reduzierte daher den Einsatz von Pullmanwagen wieder allmählich, bis sie 1911 vollständig von den Schienen der LSWR verschwanden.[1]
Die Southern Railway, in der die LSWR 1923 aufgegangen war, führte Ende der 1920er Jahre mit dem Golden Arrow und dem Southern Belle bereits erfolgreich ausschließlich aus Pullmanwagen zusammengesetzte reine Pullmanzüge auf ihrem Netz. 1931 unternahm sie daher einen neuen Anlauf auf der Strecke nach Bournemouth. Am 5. Juli 1931 verließ der erste Bournemouth Belle um 10:30 Uhr den Bahnhof Waterloo. Ermöglicht wurde der SR diese Ausweitung des Angebots an Pullmanzügen auch durch den Misserfolg von Pullmanwagen im Netz der benachbarten Great Western Railway (GWR). Diese hatte Ende der 1920er Jahre neubeschaffte Pullmanwagen in Expresszüge zwischen London Paddington und Plymouth sowie Paignton eingestellt, dieses Angebot aber aufgrund schlechter Nachfrage nach der Sommersaison 1930 wieder eingestellt. Die PCC suchte daher ein neues Einsatzgebiet und fand dies bei der SR. Neben der Verwendung der Wagen in den häufig zu fahrenden Boat trains nach Southampton als Zubringer zu den dort ablegenden Transatlantiklinern profitierte auch der Bäderverkehr nach Bournemouth.[2]
Zunächst verkehrte der neue Pullmanzug nur im Sommer an allen Wochentagen. Er bediente auf dem Abschnitt zwischen Waterloo und Bournemouth nur den Zwischenhalt Southampton West. Im Bahnhof Bournemouth Central wurde der Zug geteilt, die erste Hälfte der Wagen verkehrte mit Zwischenhalten in Poole, Wareham und Dorchester bis Weymouth. Die zweite Zughälfte wurde von Bournemouth Central noch wenige Kilometer weiter bis zum Kopfbahnhof Bournemouth West geführt. An Sonntagen fuhr der komplette Zug nur bis Bournemouth West. Für die Gesamtstrecke zwischen London und Weymouth benötigte der Zug drei Stunden und 13 Minuten.[2]
Vor allem der sonntägliche, auf Bournemouth beschränkte Zug, fand bald eine gute Nachfrage, so dass die SR zusammen mit der PCC sich dazu entschloss, ihn auch im Winter 1931/32 anzubieten. Dagegen war die Anzahl der Reisenden im werktäglichen Abschnitt bis Weymouth unzureichend, so dass dieser Zugteil mit dem Ende der Sommersaison 1931 wieder eingestellt wurde. Zwischen London und Bournemouth entwickelte sich die Nachfrage in den kommenden Sommern weiter positiv, so dass die SR den Zug ab dem 1. Januar 1936 ganzjährig anbot. Er verließ Waterloo jeweils um 10:30 Uhr und kam nach Zwischenstopps in Southampton und Bournemouth Central um 12:47 Uhr in Bournemouth West an. Die Rückfahrt begann um 16:35 Uhr, die Ankunft in Waterloo war um 18:46 Uhr. Der Fahrplan blieb in der Vorkriegszeit weitgehend stabil, bis der Zug am 3. September 1939 nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs seinen Betrieb einstellte.[1]
Als einer der ersten britischen Namenszüge kam The Bournemouth Belle am 7. Oktober 1946 wieder in Fahrt. Die Abfahrtszeit in Waterloo wurde um zwei Stunden verschoben, der Zug verließ London um 12:30 Uhr. Diese Abfahrtszeit blieb bis zur Einstellung weitgehend unverändert. Ankunft in Bournemouth West war um 14:46 Uhr. In der Gegenrichtung verließ der Zug Bournemouth West um 19:14 und kam gut zwei Stunden später um 21:25 Uhr in Waterloo an. Bereits im Sommer 1947 verlegten die Southern Railways die Abfahrtszeit zurück auf die ungefähre Vorkriegslage mit Abfahrt um 16:34 Uhr und Ankunft um 18:45 Uhr. In den Folgejahren wurde der Zug in beiden Richtung geringfügig langsamer, bis 1963 die Fahrtzeiten wieder gestrafft wurden und jeweils zwei Stunden zwischen Waterloo und Bournemouth Central in beiden Richtungen erreicht wurden.[2]

Im Zuge der Mitte der 1960er Jahre laufenden Elektrifizierungsarbeiten an der South Western Main Line wurde der kurze Abschnitt zum Kopfbahnhof Bournemouth West zunächst vorübergehend stillgelegt, so dass Zug ab 2. August 1965 in Bournemouth Central endete. Bis Bournemouth West wurde ein Busersatzverkehr angeboten. Während der noch laufenden Arbeiten entschied sich British Rail (BR) schließlich, den Bahnhof Bournemouth West dauerhaft zu schließen, so dass der Endpunkt dauerhaft in Bournemouth Central blieb. Nachdem die South Western Main Line vollständig elektrifiziert war, stellte BR den Zuglauf schließlich am 9. Juli 1967 ein. Bis Anfang 1967 war The Bournemouth Belle mit Dampflokomotiven bespannt worden, dann übernahmen für wenige Monate Diesellokomotiven den Zug. Abgelöst wurden sie von elektrischen Triebwagen, die den Gesamtverkehr auf der Strecke übernahmen.[2]
Wagenpark

In der Regel bestand der Bournemouth Belle ausschließlich aus Pullmanwagen, lediglich in den letzten Jahren bis 1967 kamen am Zuganfang und -ende herkömmliche 1.-Klasse-Wagen mit Gepäck- und Bremsabteil zum Einsatz. Die Wagenanzahl des Zugs variierte je nach Jahreszeit und Wochentag. Vor 1939 führte der Zug in der Nebensaison acht Wagen, in der Hauptsaison bis zu 12 Wagen. Der Eröffnungszug 1931 bestand aus zehn Wagen, davon drei Pullmanwagen der 1. Klasse und sieben der 3. Klasse – bis 1956 gab es bei den britischen Eisenbahnen die 2. Klasse nur in einzelnen Boat trains im Anschluss an Schiffsverbindungen über den Ärmelkanal. Nach dem Pullmanprinzip wurde kein gesonderter Speisewagen mitgeführt, die Bedienung der Fahrgäste mit Speisen und Getränken erfolgte in den als Großraumwagen ausgeführten Pullmanwagen am Platz. Etwa die Hälfte der Wagen war mit Küche ausgestattet (Kitchen car), die andere waren reine Großraumwagen (Parlour Car), in denen die Fahrgäste aus den Küchen der Nachbarwagen versorgt wurden. Der erste und letzte Wagen war jeweils ein Pullman-Großraumwagen mit Gepäckabteil (Brake Parlour).[2] Ein Teil der Pullmanwagen für den Bournemouth Belle wurde aus dem umfangreichen Bestand der PCC umdisponiert. Verwendet wurden zunächst Pullmanwagen der Baujahre 1921 bis 1928 sowie einige neu gebaute Pullmanwagen der 3. Klasse. Auffällig waren einige in den 1920er Jahren gebaute Pullmanwagen mit dreiachsigen Drehgestellen.[3]
Nach dem Krieg blieb der Wagenpark weitgehend unverändert, zumal die PCC für den Verkehr in der Southern Region von BR lediglich noch 1951 einige neue Pullmanwagen beschaffte.[4] An Freitagen führte er ganzjährig 12 Wagen, im Sommer an den restlichen Wochentagen 11 Wagen. Im Winter waren es je nach Wochentag neun bis 11 Wagen. Mit bis zu 500 Tonnen Zuggewicht war der Zug damit die schwerste planmäßige Leistung auf der South Western Main Line, übertroffen nur von außerplanmäßigen Boat trains von oder nach Southampton.[1] Mitte der 1960er Jahre war der Wagenpark jedoch überaltert, worüber auch die komfortable Ausstattung nicht hinwegtäuschen konnte. Der letzte planmäßige Bournemouth Belle bestand abgesehen von den Anfangs- und Endwagen, die keine Pullmanwagen waren, mit einer Ausnahme nur aus Wagen des Baujahrs 1928, die also zum Zeitpunkt der Einstellung 39 Jahre alt waren.[2]
Lokomotiven

In den Vorkriegsjahren bespannte die Southern Railway den Zug planmäßig mit ihren leistungsfähigsten Expresszuglokomotiven, einer der 14 Maschinen der Lord Nelson Class. Vertretungsweise kamen auch die etwas weniger leistungsfähigen Lokomotiven der King Arthur Class zum Einsatz. Nach dem Krieg übernahmen die neuen Pacifics der Merchant Navy Class den Bournemouth Belle, den dem sie bis Anfang 1967 planmäßig bespannten, von wenigen Ausnahmen abgesehen. 1951 kamen kurzzeitig die neuen Standardlokomotiven der Britannia Class zum Einsatz und im Mai 1953 in Vertretung für die nach einem Achsbruch vorübergehend aus dem Betrieb genommenen Merchant Navys Lokomotiven der früheren LNER-Klasse V2.[5] Anfang der 1950er Jahre übernahmen zeitweise die zur Erprobung der neuen Dieseltraktion noch von der Southern Railway in Auftrag gegebenen Versuchslokomotiven 10201 bis 10203 zusammen mit den beiden von der London, Midland and Scottish Railway (LMS) ab 1947 beschafften Versuchslokomotiven 10000 und 10001 zwischen 1953 und 1955 den Zug. Nach dem Ende der Erprobung kamen die fünf Diesellokomotiven in die London Midland Region von British Railways und die Merchant Navys übernahmen wieder den Bournemouth Belle. Erst im Januar 1967 beendete BR den Dampfbetrieb des Zuges, zu diesem Zeitpunkt zählte der Bournemouth Belle zu den letzten dampfbespannten Expresszügen im britischen Schienennetz. Für die wenigen Monate bis zur Einstellung übernahmen Diesellokomotiven des Typs Brush Type 4, die spätere BR-Klasse 47, den Zug. Die noch recht neuen Diesellokomotiven fielen öfters aus, so dass auch nach dem Januar 1967 immer wieder die noch vorhandenen Merchant Navys einspringen mussten.[2]
Literatur
- R. W. Kidner: Pullman Trains in Britain. The Oakwod Press, Locomotion Papers 210, Usk 1998, ISBN 0-85361-531-4