Brandanschlag auf das Wohnheim der Israelitischen Kultusgemeinde in München
Kriminalfall
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Der Brandanschlag auf das Wohnheim der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern fand abends am 13. Februar 1970 (einem Schabbat) in München statt. Dabei wurden sieben jüdische Hausbewohner getötet. Alle hatten die Zeit des Nationalsozialismus überlebt, zwei davon nationalsozialistische Konzentrationslager.
Der Brandanschlag wird als antisemitischer Massenmord eingestuft und blieb jahrzehntelang unaufgeklärt. Nachermittlungen des Generalbundesanwalts von 2013 bis 2017 blieben ergebnislos. Aufgrund neuer Zeugenaussagen von 2025 ermittelte die Generalstaatsanwaltschaft München bis Januar 2026 einen 2020 verstorbenen Rechtsextremen als Tatverdächtigen.
Verlauf
Ziel des Anschlags war das Gemeindezentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern an der Synagoge an der Reichenbachstraße München im Stadtteil Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt. In den oberen Etagen des Vorderhauses befanden sich Wohnungen für Senioren und Studenten.[1]
Unbekannte betraten am Tatabend vor 21:00 Uhr das Gebäude, fuhren mit dem Fahrstuhl nach oben, verteilten in jedem Stockwerk des hölzernen Treppenhauses ein Öl-Benzin-Gemisch und zündeten es am Ausgang an. Das Feuer breitete sich wegen des Kamineffekts rasend schnell bis in die oberen Stockwerke aus und verhinderte so die Flucht durch das Treppenhaus.[2] Dazu hatten der oder die Täter auch den Fahrstuhl außer Betrieb gesetzt und so die oberen Stockwerke zu einer tödlichen Brandfalle gemacht.[3]
Um 20:58 Uhr alarmierte ein Nachbar die Feuerwehr, deren erster Löschzug um 21:00 Uhr eintraf. Weil der Schabbat begonnen hatte, hielten sich beim Anschlag 50 Personen im Gebäude auf. Die meisten konnten es, unterstützt von der Feuerwehr München und Nachbarn, rechtzeitig verlassen. In ihren Zimmern Eingeschlossene konnten sich allenfalls über das Dach retten.[1]
Opfer

Fünf Männer und zwei Frauen starben durch den Anschlag. Sechs davon erstickten oder verbrannten im Feuer, ein Mann starb beim Sprung aus dem vierten Stock. Eine Gedenkwand in der Münchner Synagoge nennt ihre Namen:
- Regina Rivka Becher (59),
- Meir Max Blum (71),
- Rosa Drucker (59),
- Leopold Arie Leib Gimpel (69),
- David Jakubowicz (59),
- Siegfried Offenbacher (71),
- Georg Eljakim Pfau (63).
Alle Opfer hatten die Judenverfolgung der NS-Zeit überlebt, zwei darunter (Jakubowicz und Pfau) die Vernichtungslager.[4]
David Jakubowicz, ein gelernter Schneider, stammte aus Tschenstochau in Polen und musste ab 1940 in Deutschland Zwangsarbeit leisten. Seine Eltern und seine Frau wurden 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet. Im Januar 1945 kam er ins KZ Buchenwald und musste im KZ-Außenlager Laura in einer unterirdischen Rüstungsfabrik arbeiten. Im April 1945 mussten die KZ-Häftlinge einen Todesmarsch antreten. Jakubowicz überlebte, wurde im Mai 1945 befreit und kam in Lager für Displaced Persons. Ab 1959 lebte er im Münchner Wohnheim. Am 13. Februar 1970 wollte er zu seiner Schwester Bala nach Israel ausreisen und hatte schon gepackt, verschob den Flug jedoch kurzfristig, um die Sabbatruhe einzuhalten.[5] Er erklärte einer Frau der Wohnheimverwaltung: „Du weißt doch, ich bin fromm.“ Dies waren seine letzten überlieferten Worte, bevor er im gelegten Feuer verbrannte.[6]
Leopold Gimpel wollte am Tatabend einem Bekannten im vierten Stock nur ein Buch zurückgeben. Seine Frau Jeanette, die zwei Etagen darunter wohnte, wurde gerade noch gerettet und hoffte in der Uniklinik noch Stunden vergeblich auf die Rettung ihres Mannes.[7] Sie verlor ihr Vertrauen in ein friedliches Deutschland, fürchtete weitere antisemitische Anschläge und verließ München.[6]
Der Großhandelskaufmann Siegfried Offenbacher war bei den Novemberpogromen 1938 ins KZ Dachau verschleppt worden. Um freizukommen, musste er sein Vermögen aufgeben und Deutschland verlassen. Anfang 1939 zog er nach Tel Aviv und kehrte 1953 in seine Geburtsstadt Fürth zurück. Als Rentner zog er ins Münchner Wohnheim und amtierte dort als Gemeindebibliothekar. Er war regelmäßiger Gasthörer an der Ludwig-Maximilians-Universität München und wollte unter dortigen Studenten zur Versöhnung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen beitragen.[5] Wegen seiner Gehörlosigkeit bemerkte er die Schreie der Hausbewohner und die Flammen nicht, bis es für ihn zu spät war.[7]
Max Blum war 1969 aus den USA nach München gekommen, um dort seinen Lebensabend zu verbringen. Er starb unmittelbar nach seinem Sprung. Eine der Eingeschlossenen rief in Todesangst aus einem der Fenster: „Wir werden vergast, wir werden verbrannt!“[8]
15 Personen wurden verletzt.[9] Die Buchbestände der Gemeindebibliothek wurden großenteils verbrannt und zerstört.[10] Das Haus musste wegen der Brandschäden abgerissen werden.[11]
Die Anschläge des Februar 1970 veränderten die Situation der Juden in der Bundesrepublik Deutschland nachhaltig und wurden als Zäsur wahrgenommen. Seitdem wurden jüdische und israelische Einrichtungen in der ganzen Bundesrepublik und weiteren Staaten Europas unter verstärkten Polizeischutz gestellt.[12] Dagegen hatten sich die jüdischen Bürger bis dahin erfolgreich gewehrt.[9]
Reaktionen
Vertreter des Judentums
Der Anschlag löste in der ganzen Bundesrepublik große Betroffenheit, Trauer und Empörung aus. Der Münchner Rabbiner Hans Grünewald nahm anfangs einen Unfall an: „Wir sind eine so kleine jüdische Gemeinde in München. Ich will es einfach nicht glauben, dass es sich hier um Brandstiftung handelt.“[1]
Nachdem diese erwiesen war, forderte der Zentralrat der Juden in Deutschland „Konsequenzen gegen Drahtzieher und Organisationen […], die zu derartigen Verbrechen anstiften“.[13]
Bei der Trauerfeier am 18. Februar 1970 auf dem Jüdischen Friedhof in München sagte der damalige Präsident der Münchner jüdischen Gemeinde, Maximilian Taucher, der Anschlag habe sich nicht nur gegen die Münchner Juden, sondern gegen alle Juden in Deutschland und auf der ganzen Welt gerichtet:[4] „Was in den Gaskammern nicht vollbracht werden konnte, ist im Altersheim 25 Jahre später zu Ende geführt worden.“ Er stellte die Frage nach der Ursache in den Raum: „Warum dieser Hass, diese Verblendung? Was haben diese Menschen verschuldet?“[7] Hans Lamm, der kurz darauf sein Nachfolger wurde, verzichtete auf Vermutungen über Identität und Herkunft der Täter.[14]
Heinz Galinski, der damals die jüdische Gemeinde in Berlin leitete, vermutete linksextreme Täter. Die „drohende Zuspitzung“ habe sich am 9. November 1969 beim Anschlagsversuch auf das Jüdische Gemeindehaus in West-Berlin während einer Gedenkfeier für die Novemberpogrome 1938 angekündigt. Den Attentätern in München sei gelungen, was sie in Berlin vorgehabt hätten.[15]
Deutsche Politiker
Im ausgebrannten Wohnheim lag eine Kondolenzliste aus. Der Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel appellierte an alle Bürger der Stadt, sich dort einzutragen: „Münchner, gebt diesen Toten die letzte Ehre!“[1]
Bei der Trauerfeier am 18. Februar 1970 waren die höchsten Vertreter der Bundesregierung anwesend. Bundespräsident Gustav Heinemann verurteilte die Tat: Sie sei besonders widerlich, weil die Opfer schon in der Vergangenheit so viel gelitten hätten. Bundeskanzler Willy Brandt erklärte, dass alles getan werde, um den oder die Täter zu finden. Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher versprach:
Der Bundestag gedachte zu Beginn seiner Sitzung am 17. Februar 1970 der Opfer.[17]
Der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß bezeichnete den Brandanschlag als Ergebnis sozialliberaler Regierungspolitik, die das Verbrechen und die Kriminalität nicht mehr unter Kontrolle habe.[9] Er bezog sich damit auf das erste sozialliberale Kabinett der Bundesrepublik, das Kabinett Brandt I, das zu diesem Zeitpunkt erst seit wenigen Monaten im Amt war.
Zur Ergreifung der Täter wurde eine Belohnung von 100.000 DM ausgelobt, die bis dahin höchste Summe der bundesdeutschen Kriminalgeschichte.[9] Je ein Viertel davon stifteten die Bundesregierung, die Bayerische Staatsregierung, die Stadt München und der Axel Springer Verlag.[18]
Andere
Zwei Tage nach dem Anschlag beschuldigte die Zeitung Bild am Sonntag die Westdeutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre und verknüpfte deren Protestaktionen gegen ein Verlagsgebäude von 1968 mit dem Mord an Juden: „Vorgestern brannte ein Zeitungswagen und heute verbrennen Juden in einem Altersheim.“[19]
Der AStA der Ludwig-Maximilians-Universität München verurteilte die Tat als Verbrechen und sagte eine geplante Demonstration gegen den Besuch des israelischen Außenministers Abba Eban ab.[9]
Am 20. Februar 1970 distanzierten sich die Tupamaros München mit einer Presseerklärung von Verdächtigungen: „man wird versuchen, uns auch den altersheimbrand in die schuhe zu schieben. laßt euch gesagt sein: Wir treffen keine Unschuldigen!“[6] Damit verknüpften sie eine Verschwörungstheorie: „Diesen neuen Reichstagsbrand im Altersheim können nur Leute gelegt haben, die dran interessiert sind, die Hexenjagd auf die Feinde des US-zionistischen Imperialismus zu eröffnen.“[20] Ein mit ihrem Kürzel TM unterzeichneter Brief an eine Presseagentur forderte am selben Tag Freiheit für einen Genossen und bedrohte dessen Strafverfolger. Am 23. Februar 1970 warfen Unbekannte Molotowcocktails in das Wohnzimmer des Münchner Amtsrichters, der den Aktivisten verurteilt hatte.[2]
Im April 1970 rief Dieter Kunzelmann, der Gründer und Leiter der Tupamaros West-Berlin, in der Szenezeitschrift Agit 883 mit einem fingierten „Brief aus Amman“ zum „bewaffneten Kampf“ und zur Solidarität mit den Zielen der Fatah auf. Nur der vom Holocaust verursachte „Judenknax“ verhindere diese Solidarität.[21] Palästinensische „Todeskommandos“ wie das auf dem Flughafen München-Riem müssten „durch besser organisierte zielgerichtetere“ deutsche Guerilla-Kämpfer ersetzt werden. Der Münchner Brandanschlag sei ein „zionistisches Massaker“ gewesen, um die in Deutschland lebenden Juden durch Angstterror zur Emigration nach Israel zu drängen. Die wahren Täter waren für ihn also Juden, die wahren Opfer Linke wie er selbst.[22] Dies gilt als für den Post-Holocaust-Antisemitismus typisches Victim blaming (Täter-Opfer-Umkehr).[2]
Der SDS und andere linke Gruppen erklärten gemeinsam: „Derartige antisemitische Aktionen sind kein politisches Mittel im Kampf gegen den Zionismus.“ Linke würden gegen diesen, aber „nicht gegen die Juden“ kämpfen. Demnach vermuteten diese Gruppen linksgerichtete Täter und versuchten, von diesen abzurücken.[23]
Ermittlungen
1970
Die Stadtpolizei München fand am Tatort einen 20 Liter fassenden Kanister mit der Aufschrift „Aral“, aus dem ein Benzin-Öl-Gemisch in das Treppenhaus geschüttet worden war, und ein Stück braunes Packpapier, in das der Kanister eingewickelt gewesen war. Sie fand keine Hinweise auf mehrere Täter.[9] Die Funde bewiesen einen Mordanschlag.[24]
Zur Aufklärung richtete die Polizei eine Sonderkommission ein, die durch Beamte des Bundeskriminalamtes auf 60 Personen verstärkt wurde.[13] Die Sonderkommission prüfte die rund 300 bayerischen Ausländervereinigungen, von denen etwa 30 als politisch extrem galten, sowie damals durch Flugblätter oder Äußerungen aufgefallene radikale Gruppen und Einzelgänger, darunter alle rund 100 Angehörigen der anti-israelischen Organisationen „Münchner Palästina-Komitee“ und „Generalunion palästinensischer Studenten“. Aus der Bevölkerung gingen hunderte Hinweise ein, die meist wenig wertvoll waren.[25]
Die Ermittler vermuteten zunächst Rechtsextreme oder Palästinenser als mögliche Täter. Eine Gruppe palästinensischer Terroristen hatte damals von München aus eine Anschlagsreihe auf Passagierflugzeuge organisiert, die Israel anflogen (10., 17. und 21. Februar 1970; 48 Tote).[2] Drei am 10. Februar festgenommene Palästinenser bekannten sich zu den Flugzeuganschlägen, bestritten aber, etwas mit dem Brandanschlag auf das jüdische Altersheim zu tun zu haben.[4] Die Terrorgruppe Action Organization for the Liberation of Palestine (AOLP) bekannte sich zu dem Angriff auf ein Flugzeug der israelischen Fluggesellschaft El Al auf dem Flughafen München-Riem am 10. Februar 1970. Ihr Leiter Issam Sartawi erklärte am 19. Februar 1970 im ZDF, seine Organisation habe mit dem Brandanschlag in der Reichenbachstraße nichts zu tun.[26] Am 4. März 1970 ging im deutschen Konsulat in Kuwait jedoch ein handschriftliches Bekennerschreiben der AOLP ein: Man habe die Tat von München mithilfe junger Deutscher ausgeführt.[27]
Ein anonymes Schreiben bezichtigte einen Funktionär der NPD als Tatbeteiligten. Es erwies sich laut Staatsanwaltschaft München nach Durchsuchungen, Schriftvergleichsproben und Urkundenuntersuchungen aber als gefälscht.[28]
Ein anonymer Anrufer brachte einen 18-jährigen Münchner Linksradikalen mit dem Anschlag in Verbindung. Er galt lange Zeit als Hauptverdächtiger.[29] Denn er hatte kein Alibi, aber Kontakte zu den Münchner Tupamaros, war in anderen Fällen als Brandstifter verdächtig und sollte den gefundenen Brandkanister besessen haben.[7] Laut den später einsehbaren Ermittlungsakten von 1970 wohnte er nahe einer Aral-Tankstelle, und in seinem Haus fand man Papier wie das beim Anschlag verwendete Packpapier.[30] Doch mehrere Vernehmungen blieben ergebnislos.[7]
Zeitweise verdächtigten die Ermittler auch Fritz Teufel, den Gründer der Tupamaros München, und Dieter Kunzelmann als mögliche Täter und schrieben die beiden zur Fahndung aus.[31] Teufel wurde aufgrund anderer Vorwürfe am 12. Juni, Kunzelmann am 19. Juli 1970 verhaftet. Bei ihm fand man Belege für Kontakte mit Palästinensern und Überlegungen zum Ausspähen von Flughäfen, aber keine Hinweise auf den Münchner Brandanschlag. Die Indizien reichten in keinem Verdachtsfall für eine Anklage. Die Ermittlungen wurden ergebnislos eingestellt.[2]
Nach Aussagen des RAF-Aussteigers Gerhard Müller von 1976 soll die Linksterroristin Gudrun Ensslin die Attentäter gekannt und ihren Genossen gesagt haben: „Gut, dass die Sache den Neonazis untergeschoben wurde.“[6] Demnach zählte Ensslin ihre Gesprächspartnerin Irmgard Möller zum Täterumfeld. Diese gehörte damals (Mai 1972) zu den Tupamaros München und war Fritz Teufels Lebensgefährtin.[30]
2012 bis 2017
Im Juli 2012 gab die Staatsanwaltschaft München an, ein Zeuge habe behauptet, er könne entscheidende Angaben zu den Attentätern machen. Obwohl seine Aussagen teilweise falsch gewesen seien, prüfe man Nachermittlungen. Dazu holte man die Fahndungsakten von 1970 aus dem Polizeiarchiv und wollte auf dem Benzinkanister gefundene Fingerabdrücke auf DNA-Material untersuchen. Dabei stellte sich heraus, dass die Polizei die Klebestreifen mit den Fingerabdrücken verlegt hatte.[24] Die Staatsanwaltschaft betonte kurz darauf, dass sie den Zeugen schon seit 2007 kenne, seine Angaben sich als unzutreffend erwiesen hätten und es keine erfolgversprechende neue Spur gebe.[32]
Am 19. August 2013 übernahm die Bundesanwaltschaft die Nachermittlungen, weil der Brandanschlag sich vermutlich gegen die Juden insgesamt gerichtet habe.[33] Sie vermutete einen Zusammenhang mit dem Anschlag auf den Münchner Amtsrichter vom 23. Februar 1970. Der Zeuge hatte im Juli 2012 seine Beteiligung daran gestanden und ausgesagt, er kenne die Haupttäter. Mit Bezug darauf erklärte die Bundesanwaltschaft zunächst, nach bisherigem Ermittlungsstand kämen die „bislang unbekannten Täter“ von den Tupamaros und der „Aktion Südfront München“.[34] Am 23. November 2017 stellte der Generalbundesanwalt die Ermittlungen „mangels weiterer erfolgversprechender Ermittlungsansätze“ ein. Die Ermittlungen hätten „keine Aufklärung der Tat erbracht“. Es gebe keine ausreichenden Verdachtsmomente gegen eine bestimmte Person oder Gruppe. Besonders die in einem Medienartikel behauptete Verbindung zu einem namentlich benannten Mitglied der „Tupamaros München“ habe sich als „nicht belastbar“ erwiesen. Er stellte klar, dass man auch nochmals nach Indizien für rechtsextreme Täter gesucht hatte.[35]
Auf eine parlamentarische Anfrage der Partei Die Linke antwortete die Bundesregierung am 25. März 2020, möglichen damaligen Kenntnissen des Verfassungsschutzes zu dem Anschlag werde nicht nachgegangen. Die Auswertung damaliger Akten von V-Leuten sei personell zu aufwändig, weil in jedem Einzelfall das staatliche Geheimschutzinteresse gegen das Informationsrecht des Bundestages abzuwägen sei. Die zuständigen Ermittler hätten keine Akten von den Nachrichtendiensten des Bundes und der Länder angefordert. Auch der Generalbundesanwalt habe die Identitäten von Informanten des Verfassungsschutzes nicht erbeten. Von 277 damaligen Hinweisen aus der Bevölkerung hätten sich 199 als „echte Spuren“ erwiesen. 80 davon habe das LKA Bayern der „politisch motivierten Ausländerkriminalität“ zugeordnet, 23 dem linksextremen, 25 dem rechtsextremen Bereich. Aus keinem Hinweis habe sich ein „konkreter und belastbarer Verdacht“ ableiten lassen. Auf dem in den 1990er Jahren zerstörten Benzinkanister seien keine Fingerabdrücke gefunden worden. Warum andere Beweisstücke aus der Asservatenkammer des LKA Bayern verschwunden waren, konnte die Regierung nicht beantworten.[36]
Ab 2025
2019 richtete der Münchner Kabarettist Christian Springer mit einem Video im Internet einen direkten Aufruf an Zeugen und Mitwisser, sich bei ihm zu melden und zu helfen, den Anschlag endlich aufzuklären. Am 13. Februar 2020, dem 50. Jahrestag des Anschlags, installierte er einen Container mit Fotografien und Informationen zum Anschlag sowie einer Liste der Ermordeten als „mobilen Gedenkort“ auf dem benachbarten Gärtnerplatz. Dabei erneuerte er seinen Aufruf.[37] Darin veröffentlichte er seine private Mobilfunknummer für Zeugenhinweise.
Sechs Jahre lang erhielt er keinen einzigen Anruf dazu. Im Januar 2025 meldete sich bei ihm eine Zeugin mit einem konkreten Hinweis auf einen möglichen Tatverdächtigen; Springer meldete dies der bayerischen Justiz. Deren Antisemitismusbeauftragter Oberstaatsanwalt Andreas Franck ermittelte.[11]
Die Zeugin nannte einen verstorbenen Rechtsextremen aus München, der sich früher zu dem Anschlag geäußert haben sollte. Franck ließ die Plausibilität ihrer Hinweise prüfen und leitete im April 2025 ein erneutes Ermittlungsverfahren ein. Es ging darum, ob der Mann selbst als Täter in Frage komme, welche Tatmotive er gehabt haben könnte, ob er Kontakte zur organisierten Neonaziszene oder anderen Hintermännern hatte und ob es noch lebende Tatbeteiligte gebe.[38]
Im Januar 2026 gab die Generalstaatsanwaltschaft München bekannt, dass sie den Münchner Neonazi Bernd V. (1944–2020) der Tat verdächtigt. Er war 1963 wegen zwei Sprengstoffanschlägen auf leere Telefonzellen, 1967 wegen Tresoreinbrüchen und 1971 wegen eines Kunstraubs verurteilt worden. Nach seiner damaligen Eigenaussage vor Gericht hatte ein Onkel, der zur SS-Leibstandarte „Adolf Hitler“ gehört hatte, ihn zur „Liebe zum Führer“ erzogen. Sein Vater hatte ihm zum zwölften Geburtstag eine Browning-Pistole und ein Messer der Hitlerjugend geschenkt. V. hatte Schallplatten mit Hitlerreden sowie Schusswaffen besessen. Er war nach Zeugenaussagen vom Nationalsozialismus fasziniert und ein glühender Antisemit gewesen. Er war mehrfach zum Obersalzberg bei Berchtesgaden gepilgert, hatte dort das Bunkersystem erkundet und heimlich Schießübungen abgehalten. Vor Gericht hatte er sich zeitweise von Rechtsanwalt Klaus von Schirach verteidigen lassen, einem Sohn von Hitlers „Reichsjugendführer“ Baldur von Schirach. 1972 war er zu einer Freiheitsstrafe von sechseinhalb Jahren verurteilt worden. In deren Verlauf hatte ein Zellennachbar den Behörden berichtet, V. habe sich ihm gegenüber als Brandstifter im jüdischen Wohnheim offenbart. Die Aussage wurde nicht weiter verfolgt. Im Juni 2020 war V. wie zuvor seine Einbruchskomplizen verstorben. Anfang 2025 berichtete jene Zeugin der Generalstaatsanwaltschaft München von einer Aussage ihres verstorbenen Verwandten, eines früheren Komplizen V.s: Die beiden hätten am 13. Februar 1970 in ein Juweliergeschäft am Münchner Gärtnerplatz einzubrechen versucht. Als dies misslungen sei, habe V. heftig auf Juden geschimpft, auf das naheliegende jüdische Gemeindezentrum gezeigt und gedroht, jetzt werde er sie (die Bewohner) anzünden. Dann sei er fortgegangen. Zeugen hatten 1970 einen etwa 25-jährigen Mann in Tatortnähe beschrieben, dessen Aussehen auf V. passte.[39][3]
Im Ermittlungsverlauf erhärtete sich, dass Bernd V. ein bekennender Antisemit und Hitlerverehrer gewesen war und mit einer dreiköpfigen Bande viele Einbrüche in Bayern begangen hatte. Bis Februar 2026 galt auch sein Einbruchsversuch mit mindestens einem Komplizen am Gärtnerplatz am 13. Februar 1970 als gesichert. Ob er auch den folgenden Brandanschlag mit Komplizen ausführte, welche Verbindungen er zur rechtsextremen Szene in Bayern und welche mögliche Mitwisser seiner Tat er hatte, wurde weiter ermittelt. Franck wollte diese Ermittlungen bis Ende März 2026 abschließen.[11]
Am 20. August 2026 gab die Generalstaatsanwaltschaft München in einer Pressemitteilung bekannt, dass sie das Ermittlungsverfahren eingestellt habe. Es hätten sich im Laufe der Ermittlungen die Hinweise auf den damals 25-jährigen Einzeltäter verdichtet, der als rechtsextrem und antisemitisch bekannt gewesen sei. Da der Mann aber 2020 verstorben sei, sei nach Angaben der Behörde eine abschließende rechtliche Bewertung nicht möglich.[40][41][42]
Zeitgeschichtliche Einordnungen
Sozialwissenschaftler und Historiker stellen den unaufgeklärten Brandanschlag mit anderen damaligen Gewalttaten in eine Reihe:
- den Anschlägen auf Israels Botschaft in Berlin im September 1969,
- dem Anschlagsversuch auf das Jüdische Gemeindehaus West-Berlin am 9. November 1969,[43]
- den Anschlägen palästinensischer Terroristen gegen Israelflüge vom 10. bis 21. Februar 1970 (insgesamt 48 Tote),
- der Schändung der Münchner Synagoge im Juni 1970,[12]
- der Geiselnahme von München bei der Sommerolympiade 1972 (17 Todesopfer).[44]
Der Politikwissenschaftler Hans Karl Rupp erinnerte daran, dass der Münchner Brandanschlag nur Monate nach Beginn der sozialliberalen Regierungskoalition stattfand, die die Beziehungen zu Israel normalisieren wollte.[44] Nach dem Antisemitismusforscher Werner Bergmann war das gesellschaftliche Leitthema damals die Auseinandersetzung mit der APO und der Studentenbewegung. Die Neue Linke habe den Staat Israel nach dem Sechs-Tage-Krieg zunehmend in ihre Imperialismuskritik einbezogen, und palästinensische Terrorgruppen hätten mit ihren Anschlägen gegen jüdische und israelische Ziele Antizionismus und Antisemitismus untrennbar verbunden.[43] Der Historiker Michael Brenner betonte, dass sich mit dem Terror für die in München lebenden Juden ein Gefühl der Bedrohung einstellte, verstärkt durch die damaligen Wahlerfolge der NPD.[12]
Der Historiker Wolfgang Kraushaar enttarnte 2005 Albert Fichter, damals Mitglied der Tupamaros West-Berlin, als Haupttäter des Anschlagsversuchs vom 9. November 1969 in Westberlin.[45] Bis 2012 trug Kraushaar in einer weiteren Publikation alle Indizien zusammen, die aus seiner Sicht für eine Beteiligung der Tupamaros München am dortigen Brandanschlag sprachen.[46] Auch Georg M. Hafners Dokumentarfilm vom Juli 2012, an dem Kraushaar als Berater mitwirkte, erneuerte diesen Verdacht und nannte Kunzelmanns Kontakte zur Fatah, die Aussage Gerhard Müllers von 1976 und weitere Aussagen ehemaliger RAF-Mitglieder als Hinweise auf mögliche Täter im Umfeld der Tupamaros München.[47]
Bommi Baumann, früheres Mitglied der Bewegung 2. Juni, erklärte dagegen im Mai 2013 in einem Interview: „Das waren keine Linken.“ Kunzelmann habe ihm erzählt, er habe im Februar 1970 gleich bei Fritz Teufel angerufen, der jede Beteiligung bestritten habe.[48] Die Berliner Tupamaros hätten damals selbst nicht an die Täterschaft ihrer Münchner Genossen geglaubt, aber dort nachgefragt und sich vergewissert. Kunzelmann sei so eine Tat zuzutrauen gewesen, aber für Fritz Teufel lege er, Baumann, seine „Hand ins Feuer“.[32]
Der Historiker Olaf Kistenmacher vermutete 2018 wegen der verteilten Brandbeschleuniger mehrere Brandstifter. Er erinnerte daran, dass die in der linksradikalen Szene üblichen Bekennerschreiben hier gefehlt hatten, anders als zuvor beim Anschlagsversuch auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin. Das Bekenntnis der Westberliner Tupamaros dazu sei typisch für den damaligen Antisemitismus der Linken gewesen. Er verwies darauf, dass die Bundesanwaltschaft von 2013 bis 2017 auch nochmals in Richtung der rechtsextremen Szene ermittelt hatte. Das Anschlagsziel einer jüdischen Einrichtung, in der Holocaustüberlebende wohnten, spreche als solches auch für rechtsextreme Täter. Der Anschlag sei weithin vergessen worden, weil die Olympiageiselnahme von 1972 ihn überschattet habe. Er könne sich aber nicht vorstellen, dass „es niemanden mehr gibt, der einen Täter oder eine Täterin kennt“.[49]
Ab Mai 2025, nachdem ein Rechtsextremist als Tatverdächtiger bekannt geworden war, stellten Berichte den Brandanschlag in den Kontext anderer rechtsextremer und rassistischer Mordanschläge in München:
- das Oktoberfestattentat 1980,
- Diskothekenmorde der Gruppe Ludwig in der Schillerstraße 1984,
- zwei der neun NSU-Morde, 2001 und 2005,
- den vereitelten Bombenanschlag auf das neue jüdische Gemeindezentrum München 2003,
- den Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum 2016.
Diese Taten forderten insgesamt 31 Todesopfer, mehr als in jeder anderen bundesdeutschen Stadt seit 1945.[50]
Auf Nachfrage im Februar 2026 hielt Wolfgang Kraushaar weiterhin jenen Linksradikalen von der „Aktion Südfront“, der 1970 und erneut 2013 als Hauptverdächtiger gegolten hatte, für den Täter; bei dessen Überführung habe die Polizei versagt.[51]
Olaf Kistenmacher betonte, dass die neuen Ermittlungen bisher nur einen plausiblen Verdacht gegen den Neonazi Bernd V. ergaben. Er warnte, ihn als bloßen Einzeltäter („ein in Bayern populäres Erklärungsmuster“) einzustufen, bevor man seine Kontakte zu anderen Rechtsextremen ermittelt habe. Er erinnerte an frühere Versuche von Neonazis, eine „regelrechte Terrorzentrale“ in München aufzubauen. Zu klären sei auch, warum die Polizei dem frühen Tatverdacht gegen Bernd V. nie genauer nachgegangen war. Zwar sei der Verdacht gegen linksgerichtete Täter nun unwahrscheinlicher; jedoch habe die Linke nichts zur Erinnerung an den siebenfachen antisemitischen Mord beigetragen.[52]
Gedenken


Zum 50. Jahrestag 2020 erinnerte die Zeitzeugin Charlotte Knobloch als Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München an die Anschlagsfolgen: Der Schock habe bei Juden in Deutschland viele Jahre nachgewirkt, weil der oder die Täter 50 Jahre lang nicht gefunden wurden und kein Zeuge sie gemeldet habe. Das Wohnheim sei damals unbewacht gewesen, denn die Gemeinde habe „keine Zäune und Mauern mehr zwischen den Juden in München und den anderen Bewohnern“ gewollt.[7]
Auf Bitte von Christian Springer trat bei der Gedenkfeier 2020 erstmals die überlebende Jüdin Sara Elasari auf, zusammen mit einem deutschen Feuerwehrmann, der sie 1970 gerettet hatte.[53] Die meisten Angehörigen Elasaris waren im Holocaust ermordet worden, die übrigen nach Israel ausgewandert. Von dort war sie 1966 für ein Medizinstudium nach München gezogen. 1970 bewohnte die damals 21-Jährige ein Mansardenzimmer im Wohnheim der Kultusgemeinde. Ein Mitstudent besuchte an jenem Februarwochenende seine Eltern und wurde so vom Anschlag verschont. Am Tatabend bereitete Elasari sich auf eine Prüfung vor, bemerkte Brandgeruch und verhinderte mit einem feuchten Tuch auf Nase und Mund eine Rauchvergiftung. Sie floh dann vor Stichflammen aus dem Fenster auf das Dach, hangelte sich bis zu einer Drehleiter der Feuerwehr und wurde so gerettet. Sie habe sofort gewusst, dass Brandstiftung vorlag, weil abends am Schabbat niemand mehr gekocht hatte, alle Kerzen gelöscht waren und die Synagoge geschlossen war. Der Anschlag sei „ein unheimlich hinterhältiger Akt“ gewesen. Sie nahm mehrere deutsche Täter an, die genau gewusst hätten, dass die älteren Bewohner dem Feuer nicht entkommen konnten. Sie selbst konnte ihr Studium danach erfolgreich abschließen und blieb in Deutschland.[29]
Auch der Überlebende Richard C. Schneider berichtete 2020 von seinen Eindrücken. Als 13-Jähriger hatte er am Tatabend im Restaurant des betroffenen Gebäudes seine Bar Mitzwah gefeiert. Wegen des Brandes musste die Feier abgebrochen werden, und alle Gäste mussten fliehen. Seine Eltern hatten das Restaurant zuvor eigens renovieren lassen, bis der Brand es zerstörte. Der Anschlag sei ein Angriff auf alle Juden in Deutschland gewesen und habe sein Heimatgefühl und das der ganzen Synagogengemeinde zerstört. Auch die älteren Getöteten hätten zur Gemeinde gehört. Dass ausgerechnet diese Schoa-Überlebenden getötet wurden, habe das Gefühl ausgelöst: „Es hat sie doch noch eingeholt in Deutschland.“ Trotz des allgemeinen Schocks sei die Gemeinde nicht wirklich überrascht gewesen, weil die Generation der Nazis noch lebte. Sofort nach dem Attentat habe seine Familie über „Bleiben oder gehen?“ diskutiert. Obwohl sie sich für das Bleiben entschied, habe der Anschlag auch der jüngeren Generation klargemacht, dass sie sich in Deutschland „auf unsicherem Terrain“ befinde. Das jüdische Zentrum sei damals völlig unbewacht gewesen, weil niemand so einen Anschlag erwartet habe. Ein Bewusstsein für Terrorismus habe es damals noch nicht gegeben. Dass man in Bayern vor allem Linksextreme verdächtigte, habe politische Gründe: „Nazis als Täter, das wäre auch außenpolitisch eine Katastrophe gewesen.“ Darum sowie wegen der fehlenden Aufklärung und des Olympiaattentats von 1972 sei der Anschlag rasch verdrängt worden. Auch die Gemeinde selbst habe bald nach dem Abriss des zerstörten Wohnheims ein neues Gemeindehaus gebaut. Für ihn sei irrelevant, ob die Täter links- oder rechtsextrem waren, weil Antisemitismus für Juden immer dieselben tödlichen Folgen habe. Man müsse aber diskutieren, aus welcher Richtung die Bedrohung heute größer sei. Ein würdiges Gedenken seien Demonstrationen vor Ministerien, die Synagogen wie beim Anschlag in Halle (Saale) 2019 nicht vor Anschlägen geschützt hätten. Dabei gehe es nicht nur um die betroffenen Juden, sondern um die liberale Gesellschaft.[54]
Am 16. Februar 2020 fand in der Versöhnungskirche (Dachau) ein Gedenkgottesdienst für die Anschlagsopfer statt, von denen zwei das KZ Dachau überlebt hatten.[5]
Am 15. September 2025 wurde die restaurierte Münchner Synagoge wiedereröffnet. Dabei erinnerte Bundeskanzler Friedrich Merz an den Brandanschlag von 1970 und sagte „jeder Form des alten und des neuen Antisemitismus in Deutschland“ den Kampf an.[55] Die Überlebende Sara Elasari erklärte ihre Freude über die Einweihung der Synagoge: „Sie symbolisiert das Judentum und steht dafür, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland einen Platz haben.“ Dieses Zeichen sei umso wichtiger, weil sich antisemitische Vorfälle allein in Bayern zuletzt in einem Jahr fast verdoppelt hatten.[56]
Ende Januar 2026, nach Bekanntgabe des Tatverdachts gegen einen verstorbenen Münchner Neonazi, dankte Charlotte Knobloch dem leitenden Ermittler Andreas Franck und erklärte: Die ganze Kultusgemeinde und alle Überlebenden und Zeugen des Brandanschlags hätten 56 Jahre auf diese Nachricht gewartet. Sie selbst habe die Aufklärung nicht mehr für möglich gehalten. Für alle Betroffenen sei jedoch unerträglich, dass der mutmaßliche Mörder für dieses Verbrechen lebenslang nicht bestraft worden war. Sie betonte: „Wer jüdische Menschen ermordet, noch dazu aus dem einzigen Grund, weil sie Juden sind, der darf gerade in diesem Land nicht straffrei ausgehen.“[57]
In einem Interview zum 56. Jahrestag des Anschlags schilderte Sara Elasari erneut, wie sie sich vor dem Feuertod gerettet und das Erlebte verarbeitet hatte. Sie erinnerte daran, dass dies außer ihr nur noch dem jüngeren Ehepaar der deutschen Hausmeister gelungen war, während die älteren Bewohner in ihren Zimmern erstickten oder verbrannten. Sie habe damals wegen der Attentate am Münchner Flughafen arabische Terroristen als Täter vermutet. Die nun wohl bevorstehende Aufklärung lindere ihren Schmerz über den qualvollen Tod der sieben Opfer nicht. Gemessen an dem, was diesen Schoa-Überlebenden angetan wurde, seien die Tätermotive nachrangig.[53]
Am 13. Februar 2026 betonte Christian Springer, die juristische Aufarbeitung sei nur ein Teil der notwendigen Erinnerungsarbeit. Er hoffe, die Münchner Stadtgesellschaft werde sich nun um ein würdiges Gedenken an die sieben ermordeten Jüdinnen und Juden bemühen. Ihre Namen dürften nie vergessen werden. Er appellierte an kommende Generationen: »Hört nie auf, nach der Vergangenheit zu fragen. Hört nie auf nachzubohren, auch wenn es manchmal mühsam ist und nervt.«[11]
Literatur
Historische Darstellungen
- Ronen Steinke: Terror gegen Juden: Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt. Eine Anklage. Berlin Verlag, Berlin 2020, ISBN 978-3-8270-8016-5, S. 79–82 (Ein Brandanschlag in München)
- Olaf Kistenmacher: Nie aufgeklärt und fast vergessen. Der Anschlag auf die Israelitische Kultusgemeinde München im Februar 1970. In: Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart. Neofelis, Berlin 2019, S. 122–130
- Wolfgang Kraushaar: „Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?“ München 1970: über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus. Rowohlt, Reinbek 2013, ISBN 978-3-498-03411-5 (Rezension: Daniel Frick: Antisemitische Geschwister. israelnetz.com, 16. Mai 2013)
Kriminalroman
- Christof Weigold: Das brennende Gewissen: Petry ermittelt. Kampa, Zürich 2024, ISBN 978-3-311-12086-5
Weblinks
- Christian Springer: »Hilfe, wir werden verbrannt«. Schulterschluss UG, München 2020
- Ben Cohen: 50 Years After Deadly Arson Attack on Jewish Elderly Home in Munich, Local Activist Seeks Justice. The Algemeiner, 11. Februar 2020
- Deutscher Bundestag: Vorgang: Kleine Anfrage Brandanschlag auf jüdisches Altenheim in München vor 50 Jahren. 19. Wahlperiode. Beantwortet. Anfrage der Fraktion Die Linke: 4. März 2020; Antwort der Bundesregierung: 12. Mai 2020