Brazilian Jiu-Jitsu
Abwandlung und Weiterentwicklung der japanischen Kampfkunst Judo und Jiu Jitsu
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Brazilian Jiu-Jitsu (portugiesisch jiu-jitsu brasileiro, japanisch ブラジリアン柔術 Burajirian jūjutsu), kurz BJJ, ist eine brasilianische Kampfkunst und Kampfsportart, die zur Grappling-Disziplin gehört. Nach dem Kampfbeginn im Stand wird der Kampf durch das Herabziehen des Gegners in die eigene Guard (Guard Pulling) oder durch Takedowns in die Bodenphase überführt, wo der Schwerpunkt des BJJ-Kampfes liegt.

Ziel ist es, systematisch eine dominierende Position gegenüber dem Gegner einzunehmen und ihn mithilfe von Aufgabegriffen (Submissions) zur Aufgabe zu zwingen. Diese signalisiert er in der Regel durch Abklopfen (Tap-out). Ein Kampf kann jedoch auch ohne Abklopfen beendet werden, etwa wenn der Schiedsrichter eingreift, zum Beispiel bei Bewusstlosigkeit.
Die Wurzeln des BJJ liegen im Jiu-Jitsu und Judo, das Mitsuyo Maeda, ein Schüler der Kōdōkan-Judoschule, zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Brasilien brachte. Dort entwickelten vor allem Hélio Gracie und weitere Angehörige der Gracie-Familie ab den 1920er Jahren die Techniken weiter und formten daraus eine eigenständige Disziplin. Einen prägenden Einfluss hatte dabei die jahrzehntelange nationale Rivalität mit dem brasilianischen Luta Livre (ca. 1920er-1990er Jahre), die maßgeblich in den Vale-Tudo-Kämpfen der Epoche ausgetragen wurde – einer der Vorläufer des modernen Mixed Martial Arts (MMA).
Die internationale Bekanntheit erlangte BJJ in den 1990er Jahren durch die Ultimate Fighting Championship (UFC). Royce Gracie, Sohn des Mitbegründers Hélio Gracie, gewann das erste Turnier, UFC 1, und zwei weitere der ersten vier Veranstaltungen. Dabei besiegte er alle seine Gegner ausschließlich durch Submission mit BJJ-Techniken. Dies demonstrierte die einzigartige Effektivität des BJJ, führte zu seiner globalen Verbreitung und machte es zur Grunddisziplin im modernen MMA.
BJJ wird weltweit sowohl im traditionellen Gi als auch ohne Gi (No-Gi) praktiziert. Die Fortschritte der Praktizierenden werden durch ein farblich gestuftes Gürtelsystem angezeigt, das sowohl technische als auch praktische Fertigkeiten widerspiegelt. Mit der internationalen Verbreitung ab den 1990er Jahren entwickelte sich das moderne Sport-BJJ stetig weiter.
Den entscheidenden Schub für No-Gi als Wettkampfdisziplin gab die Einführung der ADCC Submission Wrestling World Championship im Jahr 1998. Deren neutrales Regelwerk, das Techniken des Ringens, des Catch Wrestlings und des Sambo gleichberechtigt zuließ, etablierte das Submission Wrestling als eigenständigen Hybridsport, der seither maßgeblich von BJJ-Praktizierenden geprägt wird. Wettkämpfe orientieren sich vor allem an den Regelwerken der International Brazilian Jiu Jitsu Federation (IBJJF) für Gi und No-Gi sowie an denen der ADCC für No-Gi.
Durch seine historisch und im Wettkampf nachgewiesene Wirksamkeit wird BJJ als ein hocheffektives Kampfsystem sowohl im sportlichen Wettkampf als auch in der Selbstverteidigung angesehen. Infolgedessen findet es auch Anwendung bei Polizei und Militär im Nahkampf. Aufgrund seiner globalen Verbreitung wird BJJ außerdem als möglicher olympischer Sport diskutiert.
Geschichte
Die Geschichte des Brasilianischen Jiu-Jitsu (BJJ) ist eine Geschichte der Migration, Adaptation und Innovation. Sie beginnt in Japan, findet ihren Nährboden in Brasilien des frühen 20. Jahrhunderts und erreicht schließlich globale Verbreitung ab den 1990er.
Japanische Wurzeln: Jiu-Jitsu und Judo (1882–1905)

Die unmittelbaren Wurzeln des Brazilian Jiu-Jitsu liegen im reformierten japanischen Jiu-Jitsu, wie es von Kanō Jigorō weiterentwickelt wurde. Kanō, Begründer des Kōdōkan-Judo, systematisierte die Techniken verschiedener traditioneller Schulen (ryū), entfernte besonders gefährliche Anwendungen und formte daraus ein pädagogisch orientiertes System, das auf dem Prinzip des „Siegen durch Nachgeben“ (jū yoku gō o seisu) beruhte – der optimalen Nutzung von Kraft, Gleichgewicht und Schwung des Gegners.[1]
Für die spätere Entwicklung des BJJ besonders bedeutsam war Kanōs Betonung des Ne-Waza (Bodentechniken), insbesondere der Katame-Waza (Griff- und Haltetechniken). Während der Bodenkampf im traditionellen Jiu-Jitsu häufig nur eine begrenzte Rolle spielte, integrierte Kanō ihn als wesentlichen Bestandteil in sein System und förderte dessen systematisches Training. Diese Fokussierung, verbunden mit der Einführung des Randori (Übungsfreikampf), schuf die technische und konzeptionelle Grundlage, die durch seine Schüler international weitervermittelt wurde.[2]
Historische Analysen zeigen zudem, dass Kanōs Schwerpunkt auf Bodenkampf auch auf Einflüsse wie die Fusen-ryū zurückgeht, deren Ne-Waza-Techniken für Kanō als Beispiel dienten, wie der Bodenkampf effizient in Wettkampfsituationen eingesetzt werden konnte. In dieser Phase legte Kanō den Grundstein für ein systematisches Lehrkonzept, das Technik, Strategie und didaktische Prinzipien miteinander verband und somit die spätere Entwicklung von Kampfsystemen außerhalb Japans ermöglichte.[3]
Frühe Jiu-Jitsu-Pioniere in Brasilien (1906–1914)
Bevor Mitsuyo Maeda nach Brasilien kam, hatten bereits andere japanische Kampfkünstler das Interesse der brasilianischen Öffentlichkeit an Jiu-Jitsu geweckt und entscheidende Vorarbeit geleistet. Diese oft übersehenen Pioniere schufen das kulturelle Fundament für die spätere Rezeption des BJJ.
Die ersten dokumentierten Jiu-Jitsu-Kämpfe auf brasilianischem Boden fanden 1906 in Manaus statt, als die Japaner Akishima Sadashi und Suiotos Ki mit dem Schiff Jerome eintrafen. Nach ihrer Ankunft veröffentlichten sie eine öffentliche Herausforderung in lokalen Zeitungen und traten im „Coliseu Metálico Brasileiro“ gegen mehr als ein Dutzend lokale Herausforderer an – darunter Capoeira-Kämpfer, Ringer und Boxer. Vor einer großen Menschenmenge besiegten sie alle Kontrahenten in weniger als fünf Minuten, was in der regionalen Presse auf beträchtliches Aufsehen stieß.[4]
Ein weiterer bedeutender Pionier war Sada Miyako, der 1908 unter dramatischen Umständen nach Brasilien gelangte: Sein Schiff war im Pazifik gescheitert, und er wurde mit anderen Schiffbrüchigen vom brasilianischen Marineschiff Benjamin Constant gerettet. Während der Rückreise unterrichtete er die Besatzung in Jiu-Jitsu-Techniken. Nach der Ankunft in Rio de Janeiro wurde Miyako offiziell von der Brasilianische Marine engagiert, um Offiziere in der Fortaleza de Villegagnon auszubilden. Sein 1909 ausgetragener Kampf gegen den berühmten Capoeiristen Ciríaco "Ciriaco" da Silva wurde legendär und demonstrierte erneut die Effektivität der japanischen Kampfkunst gegen einheimische Stile.[5]
Diese frühen Demonstrationen waren in mehrfacher Hinsicht bedeutsam: Sie etablierten Jiu-Jitsu in der brasilianischen Öffentlichkeit als effektive Kampfkunst, schufen ein erstes Medieninteresse und bereiteten den kulturellen Boden für den einflussreichsten aller Pioniere, Mitsuyo Maeda. Ohne diese Vorarbeit hätte dessen Wirken möglicherweise nicht auf so fruchtbaren Boden fallen können.
Mitsuyo Maeda in Brasilien (1914–1921)

Mitsuyo Maeda (auch bekannt als Conde Koma) traf im November 1914 in Brasilien ein und wurde zur Schlüsselfigur in der Entstehungsgeschichte des BJJ. Anders als die vorherigen Pioniere blieb Maeda nicht nur für kurze Demonstrationen, sondern ließ sich dauerhaft in Brasilien nieder und etablierte sich als professioneller Kämpfer und Lehrer.
Maedas Ankunft in Belém do Pará fiel in eine wirtschaftlich boomende Phase der Kautschukregion. Dort knüpfte er Kontakt zum einflussreichen Geschäftsmann Gastão Gracie, der ihn als Verhandlungsführer für Geschäfte mit internationalen Partnern einsetzte. Aus Dankbarkeit für diese Unterstützung bot Maeda an, Gastãos Söhne in seiner Kampfkunst zu unterrichten – eine Geste, die sich als historisch folgenschwer erweisen sollte.[6]
Zwischen 1914 und 1921 etablierte sich Maeda als unbestrittener Champion in Nordbrasilien. Seine spektakulären Vale-Tudo-Kämpfe füllten regelmäßig die Arenen von Belém und Manaus. Sein Kampfstil, den er als "Kano Jiu-Jitsu" bezeichnete – ein damals synonym mit Judo verwendeter Begriff – zeichnete sich durch eine besondere Betonung des Ne-Waza (Bodentechniken) aus, was ihn deutlich von der stärker wurforientierten Praxis im damaligen Wettkampf-Judo unterschied.[7]
Die genauen Umstände der Unterrichtsbeziehung zu Carlos Gracie sind Gegenstand historischer Diskussionen. Während die familiäre Überlieferung der Gracies Carlos als direkten Schüler Maedas darstellt, argumentieren Historiker wie Robert Drysdale, dass Carlos sein Wissen vorrangig von Maedas Assistenten Jacyntho Ferro erhielt und Maeda selbst eher die Rolle eines Mentors und Promoters einnahm. Unbestritten ist jedoch, dass Maeda die entscheidende Brücke bildete, die das Wissen des Kōdōkan-Judo in den Kreis der Gracie-Familie trug.[8]
Maedas Vermächtnis in dieser Periode umfasste drei zentrale Aspekte: In technischer Hinsicht vermittelte er die Grundlagen des Ne-Waza und die strategische Bedeutung der Hebelwirkung; pragmatisch demonstrierte er die Effektivität dieser Techniken in zahlreichen öffentlichen Herausforderungskämpfen; und kulturell etablierte er Jiu-Jitsu als ernstzunehmende Kampfkunst in der brasilianischen Gesellschaft.
Als Maeda 1921 Belém verließ, um nach Rio de Janeiro und später nach Europa weiterzuziehen, hatte er nicht nur den Grundstein für das spätere Brazilian Jiu-Jitsu gelegt, sondern auch eine lokale Trainingsgemeinschaft hinterlassen, die das Erlernte ohne seine direkte Aufsicht weiterentwickeln konnte.
Die Gracie-Familie: Hélio und Carlos Gracie (1920er–1950er)

Die Brüder Carlos Gracie (1902–1994) und Hélio Gracie (1913–2009) bildeten das kreative Zentrum, in dem sich das Judo-Wissen Mitsuyo Maedas zum eigenständigen Brazilian Jiu-Jitsu transformierte. Carlos, der zunächst als einziger der Brüder bei Maeda trainierte, fungierte als technischer Kurator. Er filterte die gelernten Techniken und gab sie an seine jüngeren Geschwister weiter.
Nach familiärer Überlieferung passte Hélio Gracie die Techniken aufgrund seiner vergleichsweise leichten Statur an und entwickelte alternative Methoden zur Kraftanwendung. Zeitgenössische Berichte zeigen ihn jedoch als durchtrainierten Athleten, was die traditionelle Darstellung des physisch schwachen Erfinders relativiert. Seine technischen Anpassungen umfassten die Perfektionierung der Guard-Position als offensive Plattform und die Systematisierung von Übergängen zwischen dominanten Positionen.[9]
Die "Gracie Challenge" institutionalisierte ab den 1920er Jahren den empirischen Test des Systems. Diese oft in der Garage der Familie in Rio de Janeiro ausgetragenen Kämpfe folgten einem festen Muster: Hélio trat gegen größere, schwerere Gegner an – darunter Ringsportler, Boxer und Capoeiristen – während Carlos als Schiedsrichter fungierte und die technischen Erkenntnisse dokumentierte. Der legendäre Kampf gegen den 80 kg schweren Waldemar Santana 1955, der über 3 Stunden und 40 Minuten dauerte, demonstrierte die Ausdauerüberlegenheit des BJJ-Systems.[10]
Der Kampf gegen Masahiko Kimura 1951 markierte einen Wendepunkt: Hélio verlor den Kampf – sein Bruder Carlos warf das Handtuch, als Kimura einen Schulterhebel ansetzte, der später als "Kimura-Lock" bekannt wurde. Dass Hélio 13 Minuten gegen einen der besten Judoka der Welt bestehen konnte, wurde in Brasilien als Erfolg gewertet und festigte die Reputation des jungen Kampfsystems.[11]
Parallel zur technischen Entwicklung etablierte Carlos die familiäre Infrastruktur: 1925 eröffnete er die erste Gracie-Jiu-Jitsu-Akademie in Rio de Janeiro und entwickelte ein Franchise-System, bei dem Familienmitglieder Zweigstellen in ganz Brasilien leiteten. Die "Gracie Diät" und ein ganzheitliches Gesundheitskonzept wurden zu weiteren Standbeinen des Familienunternehmens. Diese geschlossene Struktur ermöglichte eine kontrollierte Weiterentwicklung und Vermarktung des Stiles.[12]
Die Arbeitsteilung – Hélio als technischer Innovator, Carlos als strategischer Organisator – schuf ein synergistisches Ökosystem, das die Emanzipation von japanischen Traditionen ermöglichte und den Grundstein für die globale Verbreitung des Brazilian Jiu-Jitsu legte.
Herausbildung eines eigenständigen Systems (1920er–1940er)

In den 1920er bis 1940er Jahren durchlief das Brazilian Jiu-Jitsu eine entscheidende Phase der Differenzierung und systemischen Emanzipation von seinen japanischen Wurzeln. Während das Judo unter der Ägide des Kōdōkan zunehmend einen wettkampforientierten Weg mit standardisierten Regeln und stärkerer Betonung des Standkampfes (Tachi-waza) einschlug, entwickelten die Gracie-Brüder ihren Stil gezielt für die Anforderungen realer Selbstverteidigungssituationen weiter.[13]
Diese Abgrenzung manifestierte sich in mehreren charakteristischen Merkmalen: Die extreme Betonung des Bodenkampfes (Ne-Waza) wurde zum strategischen Kern. Im Gegensatz zum Judo, wo Bodenaktionen oft nach kurzer Zeit unterbrochen wurden, entwickelten die Gracies ein komplexes System der Positionskontrolle und Submissionen am Boden. Die strategische Philosophie sah vor, jeden Kampf gezielt in die Bodenposition zu bringen, wo Schläge und Tritte an Wirkung verloren und technische Fertigkeit über rohe Kraft siegen konnte.[14]
Ein konkretes Beispiel für diese Entwicklung war die Perfektionierung der Guard-Position. Während im Judo die Guard oft als defensive, zu überwindende Position galt, entwickelten die Gracies sie zu einer offensiven Plattform mit zahlreichen Sweeps, Submissions und Übergängen. Techniken wie die "Gracie Guard" (heute als Closed Guard bekannt) mit ihren charakteristischen Armhebeln und Würgeangriffen wurden systematisch erforscht und verfeinert.[15]
Technisch etablierte sich ein Fokus auf Positionshierarchie und Kontrolle vor dem finalen Submissionsversuch. Dominante Positionen wie Side Control, Mount oder Rückenkontrolle wurden systematisch erforscht und in eine klare Hierarchie gebracht. Dieser methodischer Ansatz unterschied sich grundlegend von der damals vorherrschenden Kampfsportkultur, die oft auf spektakuläre, aber riskante Siegversuche setzte.[16]
Die institutionelle Konsolidierung erfolgte parallel zur technischen Entwicklung: 1925 eröffnete Carlos Gracie die erste offizielle BJJ-Akademie in Rio de Janeiro, gefolgt von weiteren Schulen seiner Brüder. Es entstand ein strukturiertes Lehrsystem mit festen Curricula, das die Weitergabe des Wissens über den engen Familienkreis hinaus ermöglichte. Durch die systematische Dokumentation in den frühen Lehrbüchern der Familie und die Weitergabe dieser Erkenntnisse entstand ein in sich geschlossenes Lehrsystem, das die Basis für den späteren Erfolg in den Mixed Martial Arts bildete.[17]
Weitere Einflüsse: Luiz França und Oswaldo Fadda
Neben der Gracie-Familie gab es weitere bedeutende Persönlichkeiten, die die Entwicklung des BJJ prägten. Luiz França, ein direkter Schüler von Mitsuyo Maeda, entwickelte einen eigenen Stil, der technische Präzision und Effizienz betonte. Sein Unterricht konzentrierte sich auf fundamentale Prinzipien und praktische Anwendbarkeit, wobei er viele der Techniken, die später im BJJ Standard wurden, mitentwickelte und an seine eigenen Schüler weitergab.[18]
Ein weiterer wichtiger Nicht-Gracie-Einfluss war Oswaldo Fadda, ein Schüler von Luiz França. Fadda war bekannt dafür, BJJ an Menschen aller sozialen Schichten zu unterrichten, insbesondere auch an weniger privilegierte Bevölkerungsgruppen. In den 1950er Jahren forderte er die Vorherrschaft der Gracies heraus, als seine Schüler in einem spektakulären Challenge-Match mehrere Kämpfe gegen Gracie-Schüler gewannen. Dies demonstrierte, dass die Effektivität des BJJ nicht ausschließlich an die Gracie-Familie gebunden war.[19]
Fadda spezialisierte sich besonders auf Fußhebel (Foot Locks), die zu dieser Zeit im Gracie-Jiu-Jitsu weniger Beachtung fanden. Seine Erfolge mit diesen Techniken führten dazu, dass Foot Locks schließlich in das allgemeine BJJ-Curriculum aufgenommen wurden. Diese alternativen Entwicklungslinien zeigen, dass BJJ sich nicht linear, sondern durch multiple Einflüsse und Wettbewerb zwischen verschiedenen Lehrern entwickelte.
Vale-Tudo-Ära und Rivalität mit Luta Livre (1920er–1990er)

Die Entwicklung des Brazilian Jiu-Jitsu war von Anfang an vom Primat der Straßentauglichkeit (portugiesisch: validade na rua) geleitet. Dieser pragmatische Grundsatz unterschied BJJ fundamental von vielen traditionellen Kampfkünsten, die oft ritualisierte Formen (Kata) und theoretische Konzepte priorisierten. Bereits in den 1920er und 1930er Jahren institutionalisierten die Gracie-Brüder die sogenannten „Gracie Challenges“ – eine Serie offener Kämpfe gegen Vertreter anderer Kampfstile wie Boxen, Capoeira, Ringen und verschiedene Karate-Schulen.[20]
Die Rivalität zwischen BJJ und Luta Livre (portugiesisch für „Freikampf“) in den 1980er und 1990er Jahren stellt ein bedeutendes soziokulturelles Phänomen in der brasilianischen Kampfsportgeschichte dar und verlief entlang klarer sozialer, technischer und ideologischer Bruchlinien.[21]
Während BJJ-Praktizierende überwiegend im traditionellen Gi (Kimono) trainierten und häufig der städtischen Mittel- und Oberschicht entstammten, repräsentierte Luta Livre – eine brasilianische Form des Submission Wrestling ohne Gi – stärker die Arbeiterklasse, insbesondere die Einwohner der Favelas von Rio de Janeiro. Diese sozioökonomische Polarisierung führte zu einer intensiven, teils gewalttätigen Rivalität, die in den Medien als „Guerra dos Estilos“ (Krieg der Stile) sensationalisiert wurde und bis in die 1990er Jahre andauerte.[22]
Der Höhepunkt der Auseinandersetzung wurde in den 1990er Jahren mit spektakulären Veranstaltungen wie „Desafio - Jiu-Jitsu vs Luta Livre“ erreicht, die regelmäßig das Maracanãzinho-Stadion füllten und enorme mediale Aufmerksamkeit erregten. Entscheidende Kämpfe wie der Sieg des BJJ-Kämpfers Wallid Ismail über den Luta-Livre-Vertreter Eugenio Tadeu 1991 festigten die Vorherrschaft des BJJ in dieser Rivalität, während andere Begegnungen wie die Auseinandersetzungen zwischen Rickson Gracie und Hugo Duarte die emotionale Intensität dieser Epoche widerspiegelten.[23]
Technisch trieb diese Rivalität die Entwicklung beider Stile entscheidend voran: BJJ adaptierte vermehrt No-Gi-Techniken und verbesserte seine Takedown-Defense, während Luta Livre defensive Guard-Passes und positionsbasierte Strategien integrierte. Die Konfrontation beeinflusste maßgeblich die internationale Wahrnehmung von BJJ, festigte seinen Ruf als effektive Kampfkunst und trug indirekt durch die mediale Aufmerksamkeit zu seiner globalen Verbreitung bei. Die historische Rivalität endete weitgehend mit dem Aufstieg des MMA als neuer, übergeordneter Plattform für Kampfstil-Vergleiche.
Globaler Durchbruch durch Royce Gracie und die UFC (1993–1995)

Der endgültige globale Durchbruch des Brazilian Jiu-Jitsu wurde durch die Gründung der Ultimate Fighting Championship (UFC) im Jahr 1993 eingeleitet. Rorion Gracie, der älteste Sohn von Hélio Gracie, war in den 1970er Jahren in die Vereinigten Staaten emigriert und hatte dort zunächst im Verborgenen unterrichtet, bevor er in Los Angeles eine größere Akademie eröffnete. Gemeinsam mit dem Werbefachmann Art Davie und dem Unternehmer Bob Meyrowitz entwickelte er ein revolutionäres Turnierformat, das bewusst die etablierte Kampfsportwelt provozieren sollte: Acht Kämpfer unterschiedlichster Stilrichtungen traten in einem K.-o.-System ohne Gewichtsklassen, Zeitlimits und mit minimalen Regeln gegeneinander an.[24]
Rorion Gracie entschied sich, seinen Bruder Royce statt des als körperlich überlegen geltenden Rickson antreten zu lassen. Diese Entscheidung unterstrich das Versprechen 'Technik über Kraft' und erwies sich als effektiv für die Vermarktung des Stiles. Royce, der in weißem Gi und barfuß kämpfte, verkörperte visuell dieses Konzept. Sein Siegeszug durch UFC 1 am 12. November 1993 im McNichols Sports Arena in Denver wurde zur Legende: Den Boxer Art Jimmerson besiegte er in nur 2 Minuten, indem dieser sich nach einem takedown und der Einnahme der Mount-Position sofort ergab. Gegen den Shootfighting-Champion Ken Shamrock demonstrierte er die Effektivität des Rear-Naked Choke nach 57 Sekunden. Im Finale bezwang er den holländischen Savate-Weltmeister Gérard Gordeau ebenfalls mit einem Rear-Naked Choke, obwohl dieser ihn zu Beginn des Kampfes schwer am Auge verletzt hatte.[25]
Royces weiterer Erfolg bei UFC 2 und UFC 4 – er gewann vier Kämpfe pro Veranstaltung – festigte den Mythos. Besonders beeindruckend war sein Sieg bei UFC 4 gegen den 110 kg schweren Dan Severn, den er trotz 40 kg Gewichtsunterschied und langer Defensivphase letztlich mit einem Triangle Choke bezwang. Diese Kämpfe demonstrierten nicht nur die technische Überlegenheit des BJJ, sondern auch seine strategische Tiefe: Royce zeigte, wie man Nachteile in Stärken verwandeln und selbst aus scheinbar unterlegenen Positionen siegen konnte.[26]
Die kulturelle Wirkung dieser Ereignisse war enorm. Die Pay-per-View-Übertragungen erreichten ein Millionenpublikum und lösten eine weltweite Debatte über „wirkliche“ Kampfkunst aus. Das Bild des ruhigen, technisch präzisen Royce Gracie, der nacheinander körperlich überlegene Gegner besiegte, wurde zur Ikone und zum Werbeträger für BJJ. Die UFC selbst entwickelte sich vom umstrittenen Experiment zur etablierten Sportliga, und ihre frühen Jahre gelten als der entscheidende Katalysator für die Globalisierung des Brazilian Jiu-Jitsu.
Unmittelbare globale Auswirkungen (1990er)
Die Siege Royce Gracies lösten in den 1990er Jahren eine beispiellose weltweite Nachfrage nach BJJ-Unterricht aus. In den USA explodierte die Zahl der Akademien, wobei Städte wie Los Angeles, New York City und San Diego zu frühen Zentren wurden. Traditionelle Kampfsportschulen – insbesondere im Karate, Kung Fu und Taekwondo – sahen sich gezwungen, ihre Lehrpläne zu reformieren und Grappling-Elemente zu integrieren, nachdem viele Schüler nach BJJ-Unterricht verlangten oder die Schulen ganz verließen.[27]
Die wirtschaftlichen Auswirkungen waren enorm: Monatliche Kursgebühren von 100–200 US-Dollar wurden zum Standard, und BJJ-Instructoren gehörten plötzlich zu den bestbezahlten Trainern in der Fitnessbranche. Gleichzeitig etablierte sich ein neues Geschäftsmodell: Große Verbände wie die International Brazilian Jiu Jitsu Federation (IBJJF) expandierten international, und Franchise-Systeme wie Gracie Barra begannen, weltweit Niederlassungen zu eröffnen.[28]
Im technischen Bereich führte der UFC-Erfolg zu einer Revolution in den Mixed Martial Arts. BJJ wurde zur dritten essentiellen Säule neben Schlagtechniken und Ringen, was sich in der Trainingsroutine nahezu aller professioneller MMA-Kämpfer widerspiegelte. Prominente frühe Adaptionen zeigten Kämpfer wie Ken Shamrock, der nach seiner Niederlage gegen Royce Gracie intensiv BJJ trainierte, oder Mark Coleman, der sein Wrestling mit Grappling-Techniken verband. Die strategischen Prinzipien des BJJ – kontrollierter Kampfeintritt, positionsbasierte Dominanz und submissionsorientiertes Finishing – wurden zum Standardrepertoire im MMA.[29]
Die kulturelle Strahlkraft veränderte auch die öffentliche Wahrnehmung von Selbstverteidigung. BJJ wurde als „wissenschaftliche“ und „empirisch getestete“ Methode vermarktet, was besonders in einer von McDojo-Kritik geprägten Zeit viele Skeptiker überzeugte. Diese Entwicklung mündete in der bis heute anhaltenden Professionalisierung des Grapplingsports und etablierte BJJ als globale Disziplin mit eigener Wettkampfstruktur, Medienpräsenz und wirtschaftlicher Infrastruktur.[30]
Moderne Ära: Institutionalisierung und die No-Gi-Revolution (1998–2010)

Die Phase von 1998 bis 2010 war vom Übergang des BJJ von einer regionalen Kampfkunst zu einem internationalen Sport geprägt, charakterisiert durch die formale Institutionalisierung und die Emanzipation des No-Gi-Grappling.
Die Sportifizierung erreichte mit der Etablierung der IBJJF als globalem Dachverband einen Höhepunkt. Deren standardisiertes Regelwerk mit Punktesystem, Gewichtsklassen und Altersdivisionen schuf vergleichbare Wettkampfbedingungen weltweit. Dies führte zur Entwicklung spezifischer, regeloptimierter Strategien wie dem "Berimbolo" und komplexen Guard-Spielen, die teils stark von der ursprünglichen Selbstverteidigungsorientierung abwichen. Kritiker warnten vor einer "Meta-Game"-Entwicklung, bei der Techniken primär für sportliche Effektivität statt praktische Anwendbarkeit trainiert wurden.[31]
Parallel revolutionierte die No-Gi-Bewegung die technische Landschaft. Pioniere wie Eddie Bravo mit seinem "10th Planet Jiu-Jitsu"-System entwickelten komplett gi-unabhängige Methodiken wie die "Rubber Guard". Die 1998 gegründeten ADCC World Championships etablierten sich als "Olympia des Grappling" und wurden zur Bühne für technische Innovationen. Die unterschiedlichen Regelwerke von IBJJF (punktbasiert) und ADCC (submissionsorientiert) führten zur Entwicklung distinkter Stilrichtungen.[32]
Erste Anzeichen der Digitalisierung wurden sichtbar, als frühe Online-Foren und Videoplattformen begannen, den Wissensaustausch zu globalisieren. Die Erfolge von Nicht-Brasilianern wie Rafael Lovato Jr. zeigten die zunehmende Internationalisierung, während brasilianische Athleten wie Marcelo Garcia weiterhin das technische Niveau der Weltspitze definierten. Damit etablierte sich bis zum Ende der 2000er Jahre eine klare Diversifizierung: Das traditionelle Gracie Jiu-Jitsu bewahrte den Selbstverteidigungsfokus, der IBJJF-Sport dominierte den wettkampforientierten Gi-Bereich, und das No-Gi-Grappling hatte sich als dynamische, eigenständige Disziplin etabliert.[33]
Das Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung (2010–2020)

Die Dekade 2010–2020 war im BJJ durch eine zunehmende weltweite Verbreitung, Professionalisierung und stärkere internationale Vernetzung geprägt.[34] Neben den weiterhin zentralen Regionen Brasilien und den Vereinigten Staaten entwickelte sich der Sport zunehmend zu einer globalen Disziplin.
Im internationalen Submission-Grappling, insbesondere bei der ADCC Submission Wrestling World Championship, traten vermehrt Athleten mit Hintergrund in Wrestling und Sambo erfolgreich in Erscheinung.[35] Besonders in Russland sowie in der Kaukasusregion, insbesondere in Dagestan und Tschetschenien, basiert die sportliche Stärke vieler Athleten vor allem auf einer ausgeprägten Wrestling-Tradition, die sich stark auf das moderne No-Gi-Grappling auswirkt.[36]
In Europa setzte sich die Expansion des BJJ kontinuierlich fort, insbesondere in Ländern wie Deutschland, Frankreich und Portugal, die über etablierte Trainingsstrukturen verfügen und regelmäßig an internationalen Turnieren teilnehmen.[37] In Südosteuropa entwickelten sich im Zuge der internationalen Verbreitung des Sports ebenfalls lokale Szenen, unter anderem in Serbien und Kroatien, die in das europäische Wettkampfsystem integriert sind, jedoch insgesamt eine geringere strukturelle Dichte aufweisen.[38]
Die technische Evolution wurde durch das von John Danaher systematisierte System-Based Jiu-Jitsu revolutioniert. Seine "Danaher Death Squad" entwickelte ein positionsbasiertes System mit Schwerpunkt auf Submission-Ketten, das die sogenannte "Leglock-Revolution" einleitete und fundamentale Prinzipien der Hebelwirkung und Kontrolle neu definierte.[39] Parallel prägte Eddie Bravo mit seinem 10th Planet Jiu-Jitsu das No-Gi-Grappling durch innovative Guard-Systeme wie die "Rubber Guard" und "Lockdown Half Guard", die konventionelle Positionierungen herausforderten.[40]
Die digitale Transformation beschleunigte diese Entwicklungen exponentiell. Plattformen wie YouTube, Instagram und BJJ Fanatics ermöglichten eine globale Demokratisierung des Wissens. Techniken, die früher Jahre zur Verbreitung benötigten, wurden nun innerhalb von Monaten weltweit adaptiert, analysiert und weiterentwickelt. Diese beschleunigte Diffusion führte zu einer technischen Homogenisierung auf hohem Niveau und ermöglichte Athleten aus bisher unterrepräsentierten Regionen den Anschluss an die Weltspitze.[41]
Die Emanzipation der Frauen im BJJ erreichte in dieser Dekade historische Ausmaße. Pionierinnen wie Mackenzie Dern, Beatriz Mesquita und Kyra Gracie durchbrachen nicht nur technische Barrieren, sondern etablierten sich als medienwirksame Stars. Die Einführung eigener Frauen-Divisionen bei allen großen Turnieren der IBJJF und die steigende Medienpräsenz führten zu einem exponentiellen Wachstum der weiblichen Beteiligung. Besonders bemerkenswert war der Aufstieg brasilianischer Athletinnen wie Luiza Monteiro und Ana Carolina Vieira, die mit ihren technisch anspruchsvollen Spielen neue Maßstäbe setzten.[42]
Zeitgenössische Entwicklungen und Professionalisierung (2020–2025)

Die COVID-19-Pandemie markierte eine tiefgreifende Zäsur, die als unerwarteter Katalysator für die digitale Transformation des Sports wirkte. Während weltweit Akademien physisch schließen mussten, entstand innerhalb kürzester Zeit ein umfassendes Ökosystem digitaler Trainingsformate. Hochkarätige Instructoren wie John Danaher, Gordon Ryan und Bernardo Faria boten tägliche Live-Trainings über Zoom an und erreichten damit ein globales Publikum von zehntausenden Teilnehmern gleichzeitig. Plattformen wie BJJ Fanatics und Grapplers Guide expandierten ihre Inhalte massiv und investierten in professionelle Produktionen, die technische Details in bisher unerreichter Qualität vermittelten.[43]
Diese Entwicklung demokratisierte den Zugang zu Weltklasse-Training fundamental und ermöglichte es Athleten auch aus strukturschwachen Regionen, ihr technisches Niveau signifikant zu verbessern. Parallel etablierten sich digitale Wettkampfformate wie das UFC Fight Pass Invitational und Polaris Squads, die mittels professioneller Produktion und globaler Übertragung ein Millionenpublikum erreichten. Diese Phase beschleunigte die Professionalisierung des Sports fundamental und schuf die infrastrukturellen Voraussetzungen für stabile Karrierepfade jenseits des MMA.[44]
Die gestiegene Medienpräsenz führte zu verbesserten Sponsoring-Möglichkeiten und höheren Preisgeldern, was den Übergang vom Amateur- zum Profisport für eine wachsende Zahl von Athleten wirtschaftlich tragfähig machte. In dieser Phase etablierten sich professionelle Grappling-Ligen mit geschäftsmäßigen Strukturen. Polaris Professional Jiu-Jitsu Invitational, Who's Number One (WNO) und Eddie Bravo Invitational (EBI) entwickelten standardisierte Regelwerke, implementierten Gewichtsklassen und schufen durch exklusive Athletenverträge planbare Karriereperspektiven.[45]
Die technische Evolution setzte sich mit der Konsolidierung des System-Based Jiu-Jitsu fort. Während in der vorherigen Dekade die "Leglock-Revolution" im Vordergrund stand, entwickelten sich nun ausgereifte Systeme für jede Position. Besonders einflussreich war die Weiterentwicklung der Back-Control-Systeme durch John Danaher sowie die Perfektionierung der Guard-Passing-Sequenzen durch Athleten wie Gordon Ryan und Craig Jones. Die Integration von kognitiven Wissenschaften und motorischem Lernen in das Training führte zu effizienteren Lernmethoden und einer stärkeren Betonung positionsübergreifender Prinzipien.[46]
Die Professionalisierung der Frauen-Szene erreichte neue Höhepunkte. Ffion Davies aus Wales etablierte sich als dominante Kraft in den Leichtgewichtsdivisionen, während Amy Campo und Jessa Khan die technische Entwicklung im No-Gi-Bereich vorantrieben. Die Einführung von Frauen-Main-Events bei großen Ligen wie Polaris und WNO markierte einen wichtigen Schritt zur Gleichberechtigung. Besonders beeindruckend war der Aufstieg junger Talente wie Mayssa Bastos, deren technische Brillanz und Wettkampfrekorde die zunehmende Tiefe des Frauen-BJJ demonstrierten.[47]
Die wirtschaftliche Situation für Top-Athletinnen verbesserte sich signifikant, mit Sponsoring-Verträgen, die erstmals mit denen ihrer männlichen Kollegen vergleichbar waren. Dieser Professionalisierungsschub führte zu einer beispiellosen technischen Evolution im Frauen-BJJ, wobei Athletinnen wie Bianca Basilio und Thamara Ferreira innovative Guard-Systeme und Passing-Sequenzen entwickelten, die das gesamte technische Spektrum des Sports bereicherten.
Moderne Wettkampfära und UFC BJJ (ab 2025)

Ab 2025 festigte sich Brazilian Jiu-Jitsu endgültig als professioneller Zuschauersport mit eigenständiger Wirtschaftlichkeit. Den entscheidenden Durchbruch markierte die Gründung von UFC Brazilian Jiu-Jitsu (UFC BJJ) im Jahr 2025. Als strategische Schwesterorganisation der Ultimate Fighting Championship (UFC) nutzte sie nicht nur deren globale Reichweite und Marketingmaschinerie, sondern auch die bestehende Pay-per-View-Infrastruktur, um BJJ als eigenständige Sportart einem Massenpublikum zugänglich zu machen.[48]
Das innovative Format der Reality-Show "Road to the Title" auf YouTube demonstrierte ein neuartiges, medienwirksames Konzept zur Präsentation des Sports und schaffte eine emotionale Bindung zwischen Athleten und Publikum. Diese Professionalisierung der Vermarktung führte zu einer beispiellosen Sichtbarkeit und zog neue Sponsoren aus außerhalb der traditionellen Kampfsportindustrie an.[49]
Das Wettkampf-Ökosystem diversifizierte sich weiter: Während Polaris und WNO ihre Position als führende unabhängige Ligen festigten, etablierte sich UFC BJJ als finanziell potenteste Plattform. Diese Vollzeit-Ligen ermöglichten erstmals wirtschaftlich stabile Karrierewege außerhalb des MMA, mit monatlichen Gehältern, Leistungsbonussen und umfassenden Medienverpflichtungen für Top-Athleten.[50]
Technisch charakterisiert sich diese Ära durch die konsequente Umsetzung des System-Based Jiu-Jitsu auf höchstem Niveau. Nicht mehr einzelne Techniken, sondern übergreifende Prinzipien und vorhersehbare Sequenzen dominieren den Wettkampfalltag. Die Leglock-Revolution der 2010er Jahre wurde verfeinert und in umfassende Positionssysteme integriert, während positionsbasierte Kontrolle weiterhin die Top-Level-No-Gi-Konkurrenz dominiert.[51]
Die zeitgenössische Szene wird von einer neuen Generation technisch versierter Wettkämpfern geprägt: Gordon Ryan und Craig Jones setzen weiterhin Maßstäbe im oberen No-Gi-Bereich, Keynan Duarte etablierte sich als einer der vielseitigsten Mittelgewichts-Kämpfer mit beeindruckender taktischer Anpassungsfähigkeit, während Mikey Musumeci und Mica Galvão Gi- und No-Gi-Erfahrung verbinden und damit eine ganzheitlichere Entwicklung demonstrieren. Die Ruotolo-Brüder (Tye und Kade) tragen als junge Leichtgewichtstalente zur internationalen Sichtbarkeit bei und verkörpern den Trend zur frühen Spezialisierung.[52]
Die Integration von Frauen in die UFC BJJ markierte einen historischen Meilenstein. Mit der Unterzeichnung von Top-Athletinnen wie Gabrieli Pessanha und Yara Soares schuf die neue Liga von Beginn an gleiche Wettkampfbedingungen. Die mediale Präsenz der Frauen erreichte durch Formate wie "Road to the Title" ein neues Niveau, wobei Persönlichkeiten wie Anna Rodrigues und Margot Ciccarelli zu Identifikationsfiguren einer neuen Generation wurden.[53]
Die wirtschaftliche Nachhaltigkeit für weibliche Athletinnen erreichte durch die UFC BJJ Verträge ein bisher ungekanntes Niveau. Monatliche Gehälter, Leistungsbonusse und umfassende mediale Verpflichtungen ermöglichten erstmals eine langfristige Karriereplanung abseits des MMA. Diese Entwicklung führte zu einer Professionalisierung der Trainingsmethoden, wobei spezialisierte Frauen-Teams und Coachingsysteme entstanden, die auf die spezifischen Anforderungen weiblicher Athletinnen zugeschnitten sind.[54]
Diese Phase markiert den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung, die mit der Gründung der UFC 1993 begann: die Transformation von Brazilian Jiu-Jitsu von einer regionalen Kampfkunst zu einem globalen Profisport mit eigenständiger medialer Präsenz, wirtschaftlicher Tragfähigkeit und technischer Reife.[55]
3. Straßentauglichkeit und Anwendungskontexte
Im Brazilian Jiu-Jitsu wird häufig zwischen sportlich orientiertem Training und selbstverteidigungsorientierten Ansätzen unterschieden. Der sportliche Bereich basiert auf standardisierten Regelwerken (z. B. IBJJF-Regeln), die Techniken, Punktevergabe und erlaubte Aktionen klar definieren und damit den Fokus auf Kontrolle und Positionsdominanz im sportlichen Kontext legen.[56]
Im Gegensatz dazu entwickelte sich innerhalb der Gracie-Tradition ein stärker selbstverteidigungsorientierter Ansatz, der auf realistische Konfrontationsszenarien ohne Regelwerk abzielt. Dabei wird insbesondere Wert auf Distanzkontrolle, Vermeidung längerer Bodenlagen sowie schnelles Aufstehen aus dem Boden gelegt.[57]
Ein häufig diskutierter Unterschied betrifft bestimmte Positionen, die im sportlichen Kontext kontrollierend genutzt werden, im Selbstverteidigungskontext jedoch als potenziell nachteilig gelten können. Dazu zählt unter anderem die sogenannte „Turtle-Position“, die im sportlichen BJJ eine defensive Rolle einnimmt, während in realistischen Gewaltszenarien zusätzliche Risiken durch Schläge oder mehrere Angreifer bestehen können.[58]
Gleichzeitig wird in der sportwissenschaftlichen und kampfsportbezogenen Literatur darauf hingewiesen, dass die grundlegenden Prinzipien des Brazilian Jiu-Jitsu – insbesondere Positionskontrolle, Hebelwirkung und Aufgabegriffe – in beiden Anwendungsfeldern zentral bleiben, sodass die Trennung zwischen Sport- und Selbstverteidigungs-BJJ nicht absolut zu verstehen ist.[59]
10th Planet Jiu Jitsu
Der Kampfsportler Eddie Bravo entwickelte die Techniken der Familie Gracie weiter und nannte seinen Stil 10th Planet Jiu Jitsu. Bravos System verzichtet vollständig auf die Nutzung des Keikogis, weshalb es für den modernen MMA-Wettkampf leichter zu adaptieren ist. Große Berühmtheit erlangte er in Kampfsport-Kreisen durch seinen Sieg über Royler Gracie während der ADCC Submission Wrestling World Championship 2003.[60][61]
Graduierung
Im Rahmen eines Wettkampfes messen sich Kämpfer in verschiedenen Gewichts- und Anfänger/Fortgeschrittenen Klassen, die sich nach der Gürtelfarbe der Kämpfer einteilen. Die Abstufung der Gürtel im BJJ basiert auf den japanischen Kyū- und Dan-Gürtelsystemen, was auch die Verwandtschaft zu Judo und Jiu Jitsu widerspiegelt. Die Gürtel unterscheiden sich von ihren japanischen Gegenstücken durch einen kurzen ummantelten Teil auf einem Ende, den sogenannten Sleeve. Darauf werden bei den Schülergraden noch bis zu vier Streifen (stripes) aufgenäht, die zusätzlich eine Feinabstufung des Könnens darstellen sollen.[62]
Die Farben, vom Anfänger zum Meister:
Traditionell werden im BJJ die Gürtel vom Lehrer (in der Regel ein Schwarzgurt) an seine Schüler „verliehen“. Hierbei ist weniger entscheidend, wie lange die Person BJJ bereits ausübt, sondern eine „Beltpromotion“ (Gürtelverleihung) findet anhand des Erfolges statt, den die Schüler im Training oder in Wettkämpfen erzielen.
Regeln
Grundsätzlich sind Beißen, Haare reißen, Schlagen, Treten und Fingerstiche im sportlichen Wettkampf verboten. Wie dargelegt, grenzt sich Brazilian Jiu Jitsu insofern etwa vom MMA ab, wo Schläge und Tritte unter Berücksichtigung gewisser Regeln erlaubt sind.[64]
Der sportliche BJJ-Kampf mit Keikogi startet in der Regel im Stand und wird meistens nach einem sogenannten „Takedown“ am Boden fortgesetzt und beendet. Der Kämpfer hat zwei Möglichkeiten, den Kampf zu gewinnen. Im BJJ erhalten die Kämpfer Punkte oder Vorteile (Advantages) für bestimmte Positionen oder Aktionen, die für sie vorteilhaft sind oder den Kampfverlauf zu ihren Gunsten ändern. Beispielhaft für Punktegewinn kann das Einnehmen der „Mount“ – man sitzt auf dem Brustkorb des Gegners – oder ein erfolgreicher Sweep – man schafft einen Wechsel von einer ungünstigeren Position in eine bessere, z. B. von der Rückenlage in die Oberlage – genannt werden. Einen Vorteil hingegen erhält man unter anderem durch ein klares Ansetzen und Versuchen einer Submission. Diese Vorteile werden nur bei einem Punktegleichstand relevant. Unabhängig vom Punktestand besteht jederzeit die Möglichkeit, den Gegner mit einer „Submission“ (Unterwerfung) zur Aufgabe zu zwingen, die dieser durch Klopfen mit der Hand auf die Matte, seinen Körper oder den des Gegners symbolisiert. Dies kann durch zahlreiche Würge- und Hebeltechniken herbeigeführt werden. Wird der Gegner durch eine erlaubte Würgetechnik bewusstlos oder eine Hebeltechnik verletzt, ohne aufgegeben zu haben, so gewinnt derjenige, der diese Technik durchgeführt hat. Erreicht keiner der Kämpfer nach Ablauf der Kampfzeit (meistens 5–10 min) eine „Submission“ des Gegners, gewinnt der Kämpfer mit den meisten Punkten.
Oftmals sind Techniken mit hohem Verletzungsrisiko wie Kniehebel oder Verdrehen des Fußgelenkes für Weiß- oder Blaugurte untersagt. Allerdings wurden hier die Regeln immer wieder gelockert oder geändert. So ist beispielsweise seit 2014 der sogenannte „Straight Ankle Lock“, eine Technik, bei welcher der gegnerische Fuß unter die Achsel geklemmt und bis zur Schmerzgrenze überdehnt wird, für Weißgurte gestattet, wenn er gerade, also ohne seitliches Zerren, durchgeführt wird.
Auch sogenannte „Flying“-Varianten der unterschiedlichen Techniken sind in der Regel für Anfänger untersagt. Dies sind Techniken, bei denen ein Angriff nicht wie gewöhnlich am Boden, sondern durch einen Sprung in der Luft ausgeführt wird. Während im Regelfall zunächst ein „Takedown“ erfolgen muss, um den Gegner dann zu kontrollieren und ggf. eine Submission anzusetzen, zielen diese Techniken darauf ab, den Gegner direkt mittels einer angesetzten Submission zu Boden zu reißen und so eine schnelle Entscheidung zu erzwingen.[64]
Viele Regeln hängen allerdings vom jeweiligen Turnier bzw. Veranstalter ab.
Combat Jiu Jitsu
Combat Jiu Jitsu ist eine Variante des Brazilian Jiu Jitsu, welche das Schlagen mit der flachen Innenhand sowie des Handgelenkballens erlaubt. Faustschläge, Tritte und Schläge mit der Rückhand sind verboten.
Dadurch werden Techniken bevorzugt, welche im Rahmen der Selbstverteidigung sowie des MMA bevorzugt werden.
Mehr noch als beim „klassischen“ BJJ muss auf die richtige Distanz geachtet werden. Auch werden tendenziell Positionen aus der Guard vermieden bzw. es müssen aktiver als sonst Guard-Varianten gewählt werden, welche vor „Geschlagen werden“ Schutz bieten, wie etwa die Williams Guard, die Rat-Guard oder die Rubber-Guard.
Das System wurde von Eddie Bravo im Jahr 2013 entwickelt.
Das Format setzte sich nur langsam durch, wurde ab etwa 2018 immer populärer, als die ersten Weltmeisterschaften stattfanden.
Neben den augenscheinlichen Änderungen – dem Schlagen – ist das Regelwerk zudem darauf ausgelegt, dass es für die Zuschauer interessant ist, und sich die Athleten möglichst wenig „verkeilen“.
Das bedeutet:
- 10 Minuten Time Limit; danach „Overtime“ mit Start aus der „Back“ oder „Armbar“
- Keine Punkte
- Purgatory („Fegefeuer“) - Regel: Den Kämpfern ist es erlaubt, 30 Sekunden lang in einer dominanten Position zu bleiben, ohne einen nennenswerten Angriff zu starten (zu „stallen“). Danach muss die Person aufstehen.
Die letzte Regel wurde hinzugefügt, um einen aktiven Wettbewerb zu fördern und Hinhaltetaktiken zu verhindern. Das Stehen in der Guard eines Gegners gilt nicht als Purgatory, da von dieser Position aus Schläge erlaubt sind. Für Submissions gibt es keine Beschränkung, da alle legal sind und der Kampf entweder durch Submission, Knockout oder EBI-Verlängerung gewonnen werden kann.[65]
Abgrenzung zum Luta Livre
Ein dem BJJ sehr ähnlicher Stil ist das brasilianische Luta Livre (Freies Kämpfen) – im Gegensatz zum BJJ oder Judo wird beim Luta Livre kein Gi getragen.[66] Des Weiteren gibt es beim Luta Livre nicht nur die Gürtelfarben Weiß, Blau, Lila, Braun und Schwarz, sondern zusätzlich Gelb und Orange, also Weiß-Gelb-Orange-Blau-Lila-Braun-Schwarz[67]
Die größten Wettkämpfe
Ein Faktor der Beliebtheit dieses Sports ist die Vielzahl an Wettkämpfen. Zu den größten dieser Art gehören: