Bund für Menschenrecht
Organisation für LGBT-Rechte in Deutschland in den 1920er Jahren
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Der Verein Bund für Menschenrecht (BfM) war eine Organisation von bisexuellen, homosexuellen und trans Frauen und Männern in der Zeit der Weimarer Republik.
Geschichte und Sitz des Vereins
Im August 1920 wurde der Verein unter dem Namen Deutscher Freundschaftsverband (DFV) in Berlin gegründet[1]. Am 11. Mai 1923 wurde der Vereinsname in Bund für Menschenrecht e. V. geändert.[2]
Der Sitz des DFV war in Berlin-Kreuzberg. Zunächst befand sich das Vereinsbüro in der Alexandrinenstraße 8 beim Verlag Karl Schultz, der unter anderem die Zeitschrift Die Freundschaft herausgab, deren Redakteur Max Danielsen war.[3] Als der Schultz-Verlag im Mai 1920 zum Planufer 5 umzog, zog der DFV mit und bekam dort zwei Büroräume zur Verfügung gestellt. Ab Januar 1921 hatte die Geschäftsstelle des DFV die Privatadresse des Vorsitzenden Wilhelm Dillmann in der Brandenburgstraße 78/79 (heute: Lobeckstraße) in Berlin. Zum ersten Vorstand wurden 1920 Albert Eggert und Hans Schmainta gewählt. Erster Vereinssitz wurde 1920 die Große Frankfurter Straße 138 bei v. Saleski in Berlin-Friedrichshain.
Am 5. Dezember 1922 wurde auf einer Generalversammlung ein neuer Vorstand gewählt. Carl Terlicher wurde Erster Vorsitzender und Leopold Strehlow sein Stellvertreter. Schriftführer wurden Paul Weber, Sekretär aus Lichterfelde, und Else Kohl als erste Frau im Vorstand.[3]
Am 11. Mai 1923 wurde der Verleger Friedrich Radszuweit (1876–1932) als Nachfolger von Carl Terlicher zum Vorsitzenden des Vereines gewählt. Vereinssitz des BfM wurde unter Radszuweits Vorsitz zunächst die Schliemannstraße 15 im Prenzlauer Berg, dann die Kaiser-Friedrichstraße in Pankow und von 1926 bis 1933 die Neue Jakobstraße 9 in Berlin-Mitte, wo ein eigener Buchladen des Vereins bestand.


Radszuweit gab in seinem Verlag von 1923 bis 1933 die monatlich erscheinende Mitgliederzeitschrift Blätter für Menschenrecht und die wöchentlich erscheinende Zeitschrift Das Freundschaftsblatt heraus.
Die Zeitschrift Die Freundin, die vom Bund für Menschenrecht organisiert wurde, erschien von 1924 bis 1933 in Berlin und wurde ebenfalls im Verlag von Radszuweit gedruckt.
1924 schlossen sich die Veranstalterinnen Käthe Reinhardt und Lotte Hahm und kurze Zeit später die prominente Aktivistin der Lesbenbewegung Selli Engler dem Verein an.
Im März 1925 wurde in Berlin der Deutsche Freundschaftsverband als Abspaltung vom BfM durch Unzufriedene und Ausgeschlossene neugegründet. Neben dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK) von Magnus Hirschfeld mit dem Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, der Zeitschrift Die Freundschaft vom Verleger Karl Schultz und der Zeitschrift Der Eigene von der Organisation „Gemeinschaft der Eigenen“ unter Adolf Brand beherrschten diese beiden Organisationen insbesondere durch die angeschlossenen Verlage, in denen zahlreiche schwule und lesbische Zeitschriften erschienen, in den 1920er und frühen 1930er Jahren die Diskurse der ersten Homosexuellenbewegung in Deutschland.[3] Mit Hirschfeld und Brand gab es ab 1923 für kurze Zeit ein Aktionskomitee zur Abschaffung des § 175, das jedoch nicht lange bestand. Die Vorstellungen zum Schutzalter und zur Bestrafung männlicher Prostitution lagen zu weit auseinander.
Der BfM hatte in den Jahren der Weimarer Republik nach eigenen Angaben fast 50.000 Mitglieder. Der damals zweitgrößte homosexuelle literarische Verein, die „Gemeinschaft der Eigenen“ von Adolf Brand, kam auf rund 2.000 bis 3.000 Mitglieder.
Der BfM gab sich stets politisch neutral, wobei sich diese Haltung auch mit dem Erstarken der NSDAP nicht grundlegend veränderte. Als 1931 der homosexuelle SA-Chef Ernst Röhm denunziert wurde, warf der BfM der SPD vor, die sexuelle Veranlagung Röhms zu instrumentalisieren. Der BfM rief sogar zum Boykott der SPD auf, weil sie Röhm als Homosexuellen denunzierte, konnte sich aber nie zu einem Boykott der NSDAP durchringen. Auch unter den BfM-Mitgliedern befanden sich zunehmend NSDAP-Anhänger.[4] Der BfM-Vorsitzende Radszuweit vollzog nach den Wahlerfolgen der NSDAP 1930 einen Rechtsruck und offenbarte eine judenfeindliche Einstellung, indem er sich für das Verbot der Schriften des jüdischen Mediziners Felix Abraham aussprach. 1931 äußerte er sich auch über Magnus Hirschfeld antisemitisch.[5][6] 1931 schrieb Radszuweit einen Brief an Adolf Hitler, in dem er diesen bat, Schikanen der NSDAP gegen die Geschäftsstelle des BfM und gegen homosexuelle Menschen einzustellen.[7][8]
Nach dem Tode Friedrich Radszuweits im Jahre 1932 wurde Paul Weber am 17. September 1932 dessen Nachfolger. Weber beantragte am 9. November 1934 die Löschung des Vereins und gab als Grund an, dass es nur noch drei eingeschriebene Mitglieder gebe. Am 6. Januar 1936 wurde der Bund für Menschenrecht offiziell im Vereinsregister gelöscht.
Ziele/Ideale
Der Verein setzte sich für die Rechte homosexueller Menschen ein und forderte die Abschaffung des § 175, was aber in den Jahren der Weimarer Republik letztlich nicht gelang. Verschiedene Publikationen des Vereines dienten der Information über die Situation bi- und homosexueller Menschen sowie der Unterhaltung der Mitglieder.
Aktionen (Auswahl)
Bei der Aufführung der Revue „Streng verboten!“ am 27. Juni 1927 in der Komischen Oper Berlin erschienen in großer Anzahl Mitglieder des BfM, um gegen eine Szene des Stücks zu protestieren, die eine Karikatur von Homosexuellen beinhaltete. Die Besucher störten das Stück mit Pfiffen und Zwischenrufen. Sie wurden festgenommen und es wurden Strafanzeigen wegen Hausfriedensbruchs erstattet.[9]
In der Nacht vom 5. auf den 6. Juli 1930 kam es im Ausflugsrestaurant Waldhaus in Rauchfangswerder am Stadtrand von Berlin zu einer Prügelei zwischen Mitgliedern des BfM und der Polizei. Eine Gruppe von BfM-Mitgliedern hatte im Waldhaus einen Saal gemietet und traf dort auf 250 bis 300 Polizisten, die am selben Ort ein Sommerfest feierten.[10]
Literatur
- Kleist-Kasino (1921–1933) – Männer zu verkaufen. In: Andreas Pretzel: Historische Orte und schillernde Persönlichkeiten im Schöneberger Regenbogenkiez – Vom Dorian Gray zum Eldorado. Berlin: MANEO 2012, S. 21–29.
Weblinks
- Stefan Micheler: Zeitschriften, Verbände und Lokale gleichgeschlechtlich begehrender Menschen in der Zeit der Weimarer Republik. (pdf; 494 kB) In: stefanmicheler.de. 1. August 2008.
- Jens Dobler: Der Bund für Menschenrecht. (pdf; 128 kB) In: Lesbengeschichte.net. 2003.