Bureau du Chiffre

spezielle Einheit des französischen Generalstabs From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Bureau du Chiffre (deutsch „Chiffrenbüro“) war eine spezielle Einheit des französischen Generalstabs, die in der Zeit nach dem Deutsch-Französischen Krieg (1870–1871) bis hinein in den Zweiten Weltkrieg (1939–1945) bestand.

Hauptaufgabe war die Kryptanalyse, also die Untersuchung gegnerischer Verschlüsselungen und die Entzifferung von Geheimtexten. Dazu kam die Entwicklung möglichst sicherer und dabei feldtauglicher eigener Geheimcodes und Verschlüsselungsverfahren.

Nicht verwechselt werden darf es mit dem Deuxième Bureau, dem zeitgleich gegründeten „Zweiten Büro“ des Generalstabs, dem es unterstellt war und dem es zuarbeitete.

Vorgeschichte

Als Vorläufer des Bureau du Chiffre können das Cabinet noir, die „Schwarze Kammer“ unter König Ludwig XIV. (1638–1715), und eine gleichnamige Einrichtung aufgefasst werden, die 1809 unter Napoleon (1769–1821) geschaffen wurde.

Geschichte

Deutsch-Französischer Krieg

Am 9. August 1870, drei Wochen nachdem der Deutsch-Französische Krieg (1870–1871) begonnen hatte, beklagte sich François-Achille Bazaine (1811–1888), Marschall von Frankreich und Befehlshaber des III. Korps der französischen Rheinarmee (Armée du Rhin), über fehlende Verschlüsselungsmöglichkeiten.[1] Der französische Generalstab konnte ihm lediglich ein altes Codebuch zur Verfügung stellen, das für diplomatische Zwecke konzipiert worden war. Dessen größter Nachteil war das Fehlen militärischer Fachbegriffe.

Als Konsequenz aus der französischen Niederlage wurde 1871 die Gründung des Bureau du Chiffre beschlossen. Es bestand nahezu siebzig Jahre lang und diente der Nation insbesondere im Ersten Weltkrieg.

Erster Weltkrieg

Herausragend ist der Erfolg von Georges Painvin (1886–1980) im letzten Kriegsjahr 1918: Im Rang eines Leutnants, stand er als Kryptoanalytiker in Diensten des Büros.[2] Das Deutsche Heer hatte für die Frühjahrsoffensive, die im März begann, eine neue Verschlüsselungsmethode entwickelt und setze sie nun erstmals ein. Aufgrund der nur fünf Buchstaben, die in den funktelegrafisch übermittelten deutschen Telegrammen vorkamen, und die die Franzosen unter anderem mit ihrer Funkstation auf dem Eiffelturm abfingen, nannten sie es schlicht ADFGX.

Bereits wenige Tage später, noch im April, gelang es Painvin, erste ADFGX-Funksprüche zu entziffern. Nach Ansicht einer Reihe von Historikern und Kryptologen trug er damit maßgeblich dazu bei, dass es deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg nicht gelang, Paris einzunehmen (siehe auch: Entzifferung von ADFGX).

Etwas später, ab dem 1. Juni 1918, setzten die Deutschen ein erweitertes Verfahren ein, bei dem sie einen sechsten Buchstaben hinzugefügt hatten. Aus ADFGX wurde ADFGVX. Painvin arbeitete 26 Stunden hindurch bis zur physischen Erschöpfung und es gelang ihm die Entzifferung auch des neuen Verfahrens noch am 2. Juni 1918. Diese Leistung hatte massive Auswirkungen auf die strategische Entwicklung und wird als der „Funkspruch des Sieges“ (französisch Le Radiogramme de la Victoire) bezeichnet.

Zwischenkriegszeit und Zweiter Weltkrieg

Auch in der danach folgenden Zwischenkriegszeit (1918–1939) wirkte das Büro weiter. Unter anderem trug es in Zusammenarbeit mit dem Biuro Szyfrów, seinem polnischen Pendant, zur Kryptanalyse der Enigma und deren Bruch bei. Diese Leistung wurde später, im Verlauf des Zweiten Weltkriegs, noch sehr wichtig (siehe auch: Geschichtliche Konsequenzen der Enigma-Entzifferung). Nach dem Waffenstillstand von Compiègne im Juni 1940, wurde das Bureau du Chiffre, wie auch das Deuxième Bureau insgesamt, aufgelöst.

Literatur

  • Gérald Arboit: L’émergence d’une cryptographie militaire en France („Das Aufkommen der militärischen Kryptographie in Frankreich“). Note historique n°15. Hrsg.: Centre Français de Recherche sur le Renseignement. Paris Juli 2008 (französisch, cf2r.org [PDF; 370 kB]).
  • Association des réservistes du chiffre. Essai d’historique du chiffre de l’armée de terre. Nr. 2, 1974 (französisch, arcsi.fr [PDF; 25,3 MB]).
  • Wilson Poulter, Justin Kulp: The ADFGVX Cipher. Hrsg.: Lakehead University. Thunder Bay (englisch, justinkulp.com [PDF; 64 kB]).

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI