Burnett Hillman Streeter
britischer Theologe, anglikanischer Priester, Hochschullehrer
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Burnett Hillman Streeter FBA[1] (* 17. November 1874 in Croydon, London; † 10. September 1937 in Waldenburg BL, Schweiz) war ein englischer anglikanischer Theologe, Bibelwissenschaftler und Textkritiker.
Leben und Wirken

Streeter kam als einziger Sohn des Rechtsanwalts (englisch solicitor) John Soper Streeter (1843–1873)[2] und Marion, geborene Walker in Craydon zur Welt; beide hatten am 30. Dezember 1873 geheiratet. Streeter hatte eine jüngere Schwester Ida Mary Streeter (1881–1959)[3], die seit 1910 mit Robin Ernest William Flower (1881–1946) liiert war.
Streeter besuchte das King’s College London in London und erhielt 1893 ein Stipendium für Klassische Philologie am Queen’s College in Oxford. Oxford sollte für den Rest seines Lebens der Mittelpunkt seiner Welt bleiben. Im Jahre 1899 wurde Streeter zum Priester geweiht. Von 1899 bis 1905 war er Fellow und Dekan des Pembroke College. Anschließend kehrte er an das Queen’s College zurück, wo er nacheinander die Ämter des Fellow, Dekans, Prälektors, Kaplans und schließlich des Prorektors bekleidete. 1925 wurde er zum Mitglied der „British Academy“ gewählt und erhielt Ehrendoktorwürden (D.D.) der Universitäten Edinburgh, Durham und Manchester.[4]
Von 1922 bis 1937 war er Mitglied der Erzbischöflichen Kommission für Glaubensfragen (englisch Archbishops' Commission on Doctrine) der Church of England. 1910 gründete er eine Gruppe von Oxforder Dozenten, die sich regelmäßig zu theologischen Diskussionen traf (bekannt als „The Oxford Group“[5][6]). 1935 nahm er gemeinsam mit Frank Buchman am Reichsparteitag der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, NSDAP in Nürnberg teil. Streeter hatte Berührungspunkte zur „Oxford Group“ um Frank Buchman, deren Mitglieder in den 1930er Jahren auch nach Deutschland reisten und dort mit Vertretern des NS-Regimes zusammentrafen. Über Buchmans persönliche Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus herrscht in der Forschung keine Einigkeit, er verfolgte offenbar religiös-moralische Ziele, doch gibt es Anzeichen dafür, das Buchman Sympathien mit einigen politischen Zielen Adolf Hitlers hegte.[7] Während Streeter selbst keine Affinität zu nationalsozialistischem Gedankengut zeigte bzw. belegt ist, verdeutlichen diese Verbindungen, wie eng religiöse und moralische Netzwerke gelegentlich an politisch problematische Kontexte anschließen konnten.
Von 1932 bis 1933 war Streeter ein „Dean Ireland's Professor of the Exegesis of Holy Scripture“, also ein Professor für Exegese der Heiligen Schrift an der Universität Oxford, bevor er zum Provost des Queen’s College ernannt wurde.[8]
Sein bedeutendstes Werk ist The Four Gospels, a Study of Origins treating of the Manuscript Tradition, Sources, Authorship, & Dates. (London 1924), [deutsch: „Die Vier Evangelien. Eine Studie über ihre Ursprünge (…)“ (1924)], in dem er die „Vier-Quellen-Hypothese“ als Lösung des synoptischen Problems vorschlug und die Theorie der „lokalen Texte“ in der handschriftlichen Überlieferung des Neuen Testaments entwickelte.[9] Vorläufer dieser Theorie war Johann Leonhard Hug. Streeter entdeckte zudem den sogenannten „cäsareanischen Texttypus“ und stellte eine textliche Nähe zwischen dem Codex Sinaiticus und der Vulgata des Kirchenvaters Hieronymus fest.[10]
Im Jahre 1910 heiratete er Irene Louisa Rawlinson (1883–1937).[11] Burnett Hillman Streeter und seine Frau Irene kamen bei einem Flugzeugabsturz am 10. September 1937 auf dem Flug von Bern nach Basel ums Leben. Das Flugzeug vom Typ Koolhoven FK.50 (Kennzeichen HB-AMO) prallte bei Nebel gegen den Kelleköpfli[12] in der Nähe von Waldenburg.[13] Der Pilot Walter Eberschweiler starb ebenso wie die Passagiere, nur der Funker und Navigator Hans Huggler überlebte schwer verletzt. Streeter wurde auf dem Friedhof am Hörnli in Riehen, Basel, bestattet.[14]
Vier-Dokumenten-Hypothese

Die „Vier-Dokumenten-Hypothese“ nach Streeter (1924) besagte, dass die Evangelien nach Matthäus und Lukas neben Markus und der gemeinsamen „Q-Quelle“ jeweils eigene Quellen nutzten, die „M-Quelle“ (nur in Matthäus) und die „L-Quelle“ (nur in Lukas), vermutlich auf frühere mündliche Überlieferungen zurückgehend, wobei Kritiker einwendeten, dass „M“ und „L“ rein hypothetisch seien und die Theorie die Komplexität der Evangelienentstehung zu stark vereinfachte.[15][16]
Die „M-Quelle“ ist dabei keinesfalls identisch mit dem sogenannten „Matthäus-Sondergut“. Die „M-Quelle“ ist nicht mit dem sogenannten „Matthäus-Sondergut“ gleichzusetzen. Letzteres beschreibt lediglich die Beobachtung, dass bestimmte Traditionen ausschließlich im Matthäusevangelium überliefert sind. Die „M-Quelle“ hingegen bezeichnet die Hypothese, dieses Sondergut gehe auf eine eigenständige schriftliche Vorlage zurück. Der zentrale Unterschied zwischen dem „Matthäus-Sondergut“ und der von Burnett Hillman Streeter vertretenen „M-Quelle“ besteht somit in ihrem erkenntnistheoretischen Status.
Schriften (Auswahl)
- Foundations: A Statement of Christian Belief in Terms of Modern Thought. Macmillan and Co., London 1912
- Restatement and Reunion: A Study in First Principles. Macmillan and Co., London 1914
- War: This war (1914–1918) and the Sermon on the Mount. Oxford University Press, London 1915
- Immortality: an Essay in Discovery Coordinating Scientific Psychical and Biblical Research. Macmillan Company, New York 1917
- Woman and the Church. T. Fisher Unwin, London 1917
- God and the Struggle for Existence. Association Press, New York 1919
- The Message of Sadhu Sundar Singh: A Study in Mysticism and Practical Religion Macmillan Company, New York 1921
- The Spirit: the Relation of God and Man, Considered from the Standpoint of Recent Philosophy and Science. Macmillan Company, New York 1922
- The Four Gospels, a Study of Origins treating of the Manuscript Tradition, Sources, Authorship, & Dates. (1924), 4th Revised Edition, Macmillan and Co., London 1930
- Reality: A New Correlation of Science and Religion. Macmillan and Co., London 1926, auf archive.org
- Primitive Church Studied with Special Reference to the Origins of the Christian Ministry. Macmillan Company, New York 1929
- The Chained Library. Burt Franklin, New York 1931
- The Buddha and the Christ. Bampton Lectures, Oxford / New York 1932
- The God who speaks. Macmillan Company, New York 1936
Literatur
- Pierson Parker: The Gospel Before Mark. University of Chicago Press, 1953
- Hans Klein: Bewährung im Glauben. Neukirchener Verlag, Neukirchen‑Vluyn 1996, ISBN 978-3-7887-1408-6.
- Robert Van Voorst: Jesus Outside the New Testament. William B. Eerdmans Publishing Company, Grand Rapids, Michigan 2000, ISBN 978-0-8028-4368-5.
- Folker Siegert: Synopse der vorkanonischen Jesusüberlieferungen Zeichenquelle und Passionsbericht, die Logienquelle und der Grundbestand des Markusevangeliums in deutscher Übersetzung gegenübergestellt. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010, ISBN 978-3-525-54207-1.
- Paul Foster: The M-source: Its history and demise in biblical scholarship. In: Paul Foster, Andrew Gregory, John S. Kloppenborg: New Studies in the Synoptic Problem: Oxford Conference, April 2008. (=Band CCXXXIX, Bibliotheca Ephemeridum Theologicarum Lovaniensium), Uitgeverij Peeters, Leuven; Walpole, MA 2011, ISBN 978-90-429-2401-7, S. 591–616.
- Stanley E. Porter, Bryan R. Dyer (Hrsg.): The Synoptic Problem: Four Views. Baker Academic, Grand Rapids, Michigan 2016, ISBN 978-0-8010-4950-7
- David R. Catchpole: The Quest for Q. T. & T. Clark, Edinburgh, UK 1993, ISBN 978-0-567-09616-6.
- D. R. W. Wood, Alan Ralph Millard, James Innell Parker, Donald J. Wiseman, I. Howard Marshall (Hrsg.): New Bible Dictionary. (3rd edition), Inter-Varsity Press, Leicester, England; Downers Grove, Illinois, USA 1996, ISBN 978-0-8308-1439-8, S. 739.
- Uta Poplutz: »M-Quelle« oder Konglomerat? Forschungsüberblick zum sogenannten matthäischen »Sondergut« ZNT 36 (18. Jg. 2015), S. 2–11, auf publikationen.uni-tuebingen.de
- Matthias Berghorn: Zwischen Q und matthäischem Sondergut. Von Nutzen und Bedeutung der Traditio duplex im Diskurs der „Zwei-Quellen-Theorie“. auf kath-theologie.uni-wuppertal.de
Weblinks
- An Extract from B.H. Streeter, The Four Gospels. A Study of Origins Treating the Manuscript Tradition, Sources, Authorship, & Dates, 4th impression, revised. MacMillian and Co., London 1930, S. 436–442, auf earlychurch.org.uk
- The Synoptic Problem by Felix Just, S.J., Ph.D., auf catholic-resources.org
- Peter R. Rodgers: B. H. Streeter’s Four Gospels at One Hundred. How does the Oxford don’s influential argument for ‘local texts’ of the Gospels hold up after 100 years? Text & Canon Institute, December 10, 2024, auf textandcanon.org
- Bart Ehrman: The Q Source Used by Matthew and Luke. The Bart Ehrman Blog, February 11, 2025, auf ehrmanblog.org
- Burnett Hillman Streeter* (17th November 1874-10th September 1937) John M. CourtView all authors and affiliations, Volume 118, Issue 1
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