Büßende Maria Magdalena mit dem Öllicht
Gemälde von Georges de la Tour
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Die Büßende Maria Magdalena mit dem Öllicht (französisch: La Madeleine à la veilleuse oder Madeleine Terff) ist ein Ölgemälde des Barockmalers Georges de la Tour, das auf etwa 1640/42 datiert wird. Es gehört zu den „Nachtstücken“ des Künstlers und stellt eine in Gedanken versunkene Maria Magdalena vor einer brennenden Flamme sitzend dar. Das Gemälde ist eine von fünf bekannten Variationen desselben Motivs und befindet sich – nach fragwürdigen Besitzwechseln während des Zweiten Weltkriegs – seit 1949 in der Sammlung des Louvre. Die Bezeichnung Madeleine Terff geht auf den letzten privaten Eigentümer Camille Terff zurück.
Beschreibung
Das Gemälde zeigt Maria Magdalena, der biblischen Erzählung zufolge eine Jüngerin von Jesus Christus. Sie trägt ein weißes, weit geschnittenes Hemd, das ihr von der rechten Schulter gerutscht ist, sowie einen zinnoberfarbenen[1] Rock, der ihre Knie unbedeckt lässt. Glattes schwarzes Haar fällt ihr offen über den Rücken, und sie sitzt tief in Gedanken versunken in einer dunklen Umgebung an einem Tisch. Ihren Kopf stützt sie dabei auf ihre linke Hand, während ihre rechte Hand auf einem menschlichen Totenschädel auf ihrem Schoß ruht. Ihr Blick ist auf die Gegenstände auf dem Tisch zu ihrer Linken (in der Betrachtung rechts) gerichtet und ihr Gesicht – leicht abgewandt – nur im Profil zu sehen.
Die tiefe Dunkelheit des Raums wird nur von dem in einem Glas brennenden Docht des Öllichts auf dem Tisch erhellt, welches auf das Gesicht Maria Magdalenas, ihren Oberkörper und ein Knie fällt sowie die Gegenstände auf dem Tisch konturiert: zwei dicke Bücher, ein liegendes Kreuz und eine Geißel mit Lederriemen.
Das Gemälde ist circa 128 cm hoch und 94 cm breit und in Öl auf Leinwand ausgeführt. Im Bereich des Tisches ist es mit La Tour fec... signiert.[2] Es wurde 1963 von Henri Linard restauriert und auf der Rückseite an einigen Stellen mit Wachs-Harz konsolidiert. Aufgrund von Rissen in der Originalleinwand ist es außerdem mit einer neuen Leinwand verstärkt worden. Trotz der Restaurierungen weist das Gemälde Risse an der Oberfläche und sich wölbende Ränder auf, wodurch sich bei der Madeleine Terff ein insgesamt fragiler Erhaltungszustand ergibt.[2]
Kontext und Symbolik

Gemäß den Evangelien des Neuen Testaments und der Legenda aurea war Maria Magdalena eine reuige und gläubig gewordene Sünderin. Sie warf sich Jesus zu Füßen, die sie mit ihren Tränen wusch, salbte und mit ihren Haaren trocknete. Als treue Jüngerin war sie bei der Kreuzigung Christi zugegen und die erste Person, der der Auferstandene erschien.[3] Es wird für möglich gehalten, dass sich mehrere Figuren der biblischen Erzählungen in der Gesamtlegende zu einer einzelnen Person verdichtet haben: Maria, die Schwester Marthas von Bethanien, dann die namenlose fußwaschende Sünderin sowie die Maria, von der in der Auferstehungsgeschichte die Rede ist (vgl. Noli me tangere).[4]
In der Kunst wurde Maria Magdalena meist mit offenen Haaren und einer Salbenbüchse dargestellt, seit dem 15. Jahrhundert auch mit dem Totenschädel und Kruzifix, woraus sich ab etwa 1630 das Bild der Büßenden Magdalena als reuige Sünderin in einer Höhle (auch zusammen mit dem heiligen Hieronymus) entwickelte.[3]
Nach dem Konzil von Trient, bei dem das Bußsakrament eine wichtige Rolle gespielt hatte, war Maria Magdalena als zweitwichtigste Frau der Bibel (nach Maria) zu einer Kultfigur in der katholischen Kirche und einem beliebten Motiv in der Kunst geworden.[5] In diesem Kontext stehen auch Georges de la Tours Darstellungen der büßenden Maria Magdalena: die offenen Haare, der dunkle, höhlenartige Raum mit dem Totenschädel und die kleine, flackernde Flamme als Memento Mori. Die Heilige wird in tiefer Kontemplation über Leben, Tod und Vergänglichkeit dargestellt.[6] Dass große Teile des Bildes schwarz übermalt sind, so dass Objekte kaum zu erkennen sind, passt als „Auslöschung des Sichtbaren“ zu der meditativen „Innenschau“ Maria Magdalenas.[7] Das Motiv erinnert darüber hinaus an eine der von Ignatius von Loyola gelehrten geistlichen Übungen: in der Dunkelheit mit einem Schädel in den Händen zu meditieren.[2]
Auch abseits der künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten dürfte Georges de la Tour aufgrund der Popularität des Motivs zahlreiche Aufträge für Büßende Magdalenas erhalten haben.[8]
Stellung im Werk
Die Madeleine bei Georges de la Tour
Die Madeleine Terff ist eine von fünf bekannten Versionen des Motivs der büßenden Maria Magdalena; als älteste und ähnlichste Version gilt die um 1635 datierte Magdalen with the Smoking Flame, die 1977 vom Los Angeles County Museum of Art erworben wurde.[9] Im direkten Vergleich mit dieser ist die Madeleine Terff schlichter ausgeführt, mit vereinfachten Faltenwürfen, milderen Kontrasten und insgesamt dunklerer Komposition. Mit dieser Weiterentwicklung sowie einer Korrektur am rechten Ärmel rechtfertigt man die Datierung zeitlich nach der Version in Los Angeles. Drei der Versionen befinden sich in Museen in den Vereinigten Staaten, die einzige im Querformat in einer Privatsammlung in Houston.[8][2]
- Versionen der büßenden Maria Magdalena
- Magdalen with the Smoking Flame, Los Angeles County Museum of Art, 118 × 90 cm
- Magdalena Wrightsman, Metropolitan Museum of Art, New York City, 134 × 92 cm
- Magdalena Fabius, National Gallery of Art, Washington D.C., 113 × 92,7 cm
- The Repentant Magdalene, Privatsammlung, Houston, 78 × 101 cm
Nachtstücke
Die Darstellungen der büßenden Magdalena gehören zu den so genannten „Nachtstücken“ Georges de la Tours. Sein Werk lässt sich generell in die zum größeren Teil „profanen Tagstücke“ und die meist religiösen „Nachtstücke“ unterteilen, wobei es zu dieser Regel auch Ausnahmen gibt[10]. Die Madeleine reiht sich ein in Werke wie Le Souffleur à la lampe (Junge in eine Lampe blasend), Le Nouveau-né (Das Neugeborene) oder Saint Joseph charpentier (Joseph als Zimmermann) sowie La Fillette au braisier (Mädchen, in ein Kohlebecken blasend).
- „Nachtstücke“
- Le Souffleur à la lampe (um 1640), Musée des Beaux-Arts de Dijon
- Le Nouveau-né (um 1645), Musée des Beaux-Arts de Rennes
- Saint Joseph charpentier (um 1641/44), Louvre
- La Fillette au braisier (um 1647), Louvre Abu Dhabi
- Saint Sébastien soigné par Irène (um 1649), Louvre
Die formale Reduzierung bei der Madeleine Terff gegenüber der Magdalen with the Smoking Flame wird in späteren Nachtstücken de la Tours noch weiterentwickelt. Dies zeigt sich etwa bei Saint Sébastien soigné par Irène (bzw. Auffindung des Heiligen Sebastian eines Nachahmers). Hier sei durch die „Geometrie der Figurenanordnung, die Glätte der Oberflächen und die Puppenhaftigkeit der Gesichter“ jeglicher Realitätsbezug verschwunden.[7]
Provenienz
Der Franzose Camille Terff erwarb das Gemälde um das Jahr 1914 günstig (einem Autor zufolge für 350 Francs[11]), ohne zu wissen, dass es von Georges de la Tour stammt. Erst 1937 wurde das Gemälde durch Vergleiche mit einer anderen Madeleine auf einer Kunstausstellung identifiziert und von Charles Sterling publiziert.[12][1] Terff soll seit dieser Zeit vorgehabt haben, es nach seinem Tod dem Louvre zu hinterlassen. So geht es aus einem Bericht von Albert Henraux an das Hauptquartier der alliierten Streitkräfte hervor, der als Vorsitzender der Kommission für die Rückführung von Kunstwerken unter anderem Vorsitzender von Rose Valland war.[13][14]
Gesundheitlich und finanziell geschwächt, sah sich Terff 1941 jedoch gezwungen, sein Gemälde zu verkaufen. Er übergab es dem Vermittler Georges Laloë,[Anm. 1] der es für ihn für einen Mindestbetrag von 700.000 Francs verkaufen sollte. Der Louvre bot eine Million Francs für das Bild, Laloë verkaufte es jedoch unter Vermittlung von Hildebrand Gurlitt für 1,5 Millionen Francs an das Wallraf-Richartz-Museum in Köln[11]. Terff erhielt nur den Mindestbetrag von 700.000 Francs[Anm. 2] und Laloë unterschlug die Differenz. In der Liste der Ankäufe, die Otto H. Förster, der Direktor des Kölner Museums, 1945 für die Alliierten erstellte, ist der Erwerb mit dem Kaufpreis (von „Laloe, rue des plantes“) für November 1941 verzeichnet.[15] The Battle of the Louvre von Matila Simon zufolge kam in Frankreich nur durch einen Zufall heraus, dass das Gemälde nach Köln gegangen war.[14]
Als Terff durch den Louvre von der Unterschlagung – und erstmals auch von dem vorherigen Millionenangebot des Museums – erfuhr, erstattete er Anzeige. Er starb jedoch kurz darauf; seine Erben verfolgten den Gerichtsprozess weiter und Laloë wurde 1943 zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.[12][6]
Die Rückholung des Gemäldes aus Deutschland erwies sich während der deutschen Besatzung als unmöglich. In Deutschland war das Gemälde unterdessen zum Schutz vor den Luftangriffen der Alliierten in ein Depot ausgelagert.[6] Bereits kurz nach Kriegsende gab es – vor allem durch die Kunsthistorikerin Thérèse Bertin-Mourot – Bestrebungen, die Madeleine Terff in den Louvre zu holen. Schließlich konnte der Louvre es 1949 erwerben, nachdem die Erben Terffs auf ihre Rechte verzichtet hatten.[2][12] Bertin-Mourot beschrieb in einem Text von 1948, dass Terff ihr buchstäblich auf dem Sterbebett aufgetragen habe, das Bild zurück nach Frankreich und in den Louvre zu holen.[12]
Die Provenienzangabe des Louvre erwähnt noch eine Beschlagnahmung (zugunsten?) der Zollbehörde im Jahr 1944,[2] während beim Wallraf-Richartz-Museum die Rückgabe an die „Militärverwaltung Frankreich“ erst für 1947 verzeichnet ist.[16] Die im deutschen Bundesarchiv aufbewahrte Restitutionskartei verzeichnet eine kurze Aufbewahrung des Gemäldes im Central Collecting Point München mit Rückgabe „to Paris“ für den 27. März 1946. Sowohl im Bundesarchiv (Nachlass Hildebrand Gurlitt) als auch in den Archives de la recuperation artistique beim französischen Außenministerium sind weitere Bestände in Findbüchern genannt, die mit den Vorgängen rund um die Madeleine in den 1940er Jahren verbunden sind.[17][18]
Ausstellungen
Louvre Lens
Von Ende 2012 bis Ende 2014 wurde die Madeleine Terff im Louvre Lens in der so genannten Galerie der Zeit ausgestellt.[6][2]
Weitere Ausstellungen
- 2022–2023: Les Choses. L’histoire de la nature morte depuis la Préhistoire. Paris, Louvre, Hall Napoléon
- 2009: La Madeleine pénitente de Georges de La Tour, Madrid, Museo del Prado
- 2005/2006: Mélancolie. Génie et folie en Occident, Paris, Galeries nationales du Grand Palais
- 1998: Conversion by Candlelight: The Four Magdalens by Georges de La Tour, New York City, Metropolitan Museum of Art[19]
- 1997–1998: Georges de La Tour, Paris, Galeries nationales du Grand Palais
- 1982: Französische Gemälde vom 17. bis 19. Jahrhundert (bzw. je nach Übersetzung Französische Gemälde aus 250 Jahren[20] oder Französische Gemälde 1620–1870[21]), Peking/Shanghai
Literatur
- Charles Sterling: Two New Paintings by Georges de La Tour. In: The Burlington Magazine for Connoisseurs. Band 72, Nr. 422, 1938, ISSN 0951-0788, S. 203–209, JSTOR:867382 (englisch).
- Paul Jamot: Georges de la Tour. mit einem Vorwort von Thérèse Bertin-Mourot. 2. Auflage. Librairie Floury, Paris 1948, S. 9–10 (französisch).