Capitaine-Paul-Lemerle
französisches Frachtschiff
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Die Capitaine-Paul-Lemerle war ein französisches Frachtschiff. Bekannt wurde sie durch eine Fahrt Anfang des Jahres 1941 von Marseille nach Martinique. Unter den Passagieren dieser Fahrt waren viele hauptsächlich europäische Künstler und Intellektuelle, die sich auf der Flucht vor den Nationalsozialisten befanden. Diese strapazenreiche Schiffspassage inspirierte einige Werke aus Literatur, Musik, Film und Kunst.

Geschichte
Das Frachtschiff Capitaine-Paul-Lemerle lief 1921 in Bordeaux vom Stapel. Es gehörte der Société Générale des Transports Maritimes à Vapeur und hatte 5000 Bruttoregistertonnen.[1] Ab 1922 fuhr der Frachter regelmäßig von Frankreich die Antillen und Südamerika an. Beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 befand sich das Schiff mit Ziel Dakar auf den Antillen. Am 30. Januar 1941 wurde die Capitaine-Paul-Lemerle auf dem Weg von Fort-de-France (Martinique) nach Casablanca von einem britischen Kreuzer aufgebracht, durfte am nächsten Tag jedoch weiterfahren.[2]
Transport von Geflüchteten 1941
Gruppenbild der Geflüchteten
auf der Capitaine-Paul-Lemerle, Mai 1941
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Die Capitaine-Paul-Lemerle war eines von mindestens sechs Schiffen, die Anfang 1941 von Marseille aus Fort-de-France auf Martinique anliefen. Im kurzen Zeitfenster von Februar bis Mai des Jahres machte es die Vichy-Regierung hauptsächlich jüdischen Verfolgten möglich, das Land auf diese Weise zu verlassen. Varian Frys Emergency Rescue Committee half ca. 40 der Verfolgten, an die begehrte Schiffspassage auf der Capitaine-Paul-Lemerle zu kommen. Sie kostete pro Person 10.000 Franc,[3] dazu kamen weitere hohe Verwaltungskosten und Ausgaben für Visa.[4]
Am Nachmittag des 24. März 1941 stach der mittlerweile 20 Jahre alte Frachter mit 222 Passagieren in See. Viele der Passagiere waren spanische Republikaner, wobei die wehrfähigen Männer vor der Abreise von ihren Familien getrennt und zurückgeschickt wurden.[3] Zu den prominenten Passagieren der Fahrt gehörten André Breton, Jacqueline Lamba, Wifredo Lam,[5] Germaine Krull, Victor Serge, Anna Seghers,[4] Raymond Assayas (alias Jacques Rémy),[6] Frieda Ebenhoech und Alfred Kantorowicz.[7] Viele der prominenten Exilanten reisten zusammen mit ihrer Familie. Pierre Radványi, Anna Seghers’ Sohn, berichtete später, dass die vorderen Laderäume des Schiffs für Waren genutzt wurden. In zwei Laderäumen im hinteren Teil wurden die Passagiere nach Geschlechtern getrennt untergebracht. Sie schliefen in behelfsmäßig zusammengezimmerten Stockbetten, die mit Strohmatratzen und einer Decke pro Person ausgestattet waren. Das Gepäck wurde unter den Bettgestellen verstaut. In diesen Räumen gab es keine Bullaugen und somit kein Tageslicht, es existierte nur eine Öffnung für die rückwärtige Treppe zum Achterdeck. Pierre Radványi berichtet, dass viele Passagiere seekrank wurden und der Geruch unter Deck unerträglich war. Er und viele andere nahmen ihre Matratzen hoch an Deck und schliefen dort. Nur sieben Passagiere durften in komfortableren Kabinen auf dem Oberdeck mitreisen und mit den Offizieren speisen,[1] einer von ihnen war der junge Claude Lévi-Strauss.[8] Victor Serge bezeichnete die Capitaine-Paul-Lemerle in seinen Erinnerungen als „das letzte Schiff nach Martinique“, „bizarr als eine Art schwimmendes Konzentrationslager eingerichtet“.[9]
Die Reise fand im Konvoi mit zwei anderen Frachtschiffen statt, unter Vermeidung internationaler Gewässer und der Begegnung mit britischen Kriegsschiffen.[1] Die Reise dauerte einen Monat.[3] Auf Martinique wurden die Geflüchteten zunächst in einem Internierungslager festgesetzt.[8]
Ab Mai 1941 wurden keine Flüchtlinge mehr über die Route Marseille – Martinique transportiert. Als Grund nennt Eric Jennings die Befürchtung der kolonialen Behörden und der US-Amerikaner, zuviele Flüchtlinge aufnehmen zu müssen.[4]
Die Capitaine-Paul-Lemerle wurde ab Ende Juli 1941 auf der Route von Marseille nach Tunesien und anschließend an der westafrikanischen Küste eingesetzt. Am 8. November 1942 befand sie sich vor der marokkanischen Küste, geriet in die Operation Torch und wurde von einem amerikanischen Schiff aufgebracht.[2]
Nach dem Zweiten Weltkrieg
Nach der Invasion der Alliierten wurde die Capitaine-Paul-Lemerle vom britischen Kriegsverkehrsministerium gechartert, behielt jedoch ihre französische Besatzung. Sie wurde nun von der Reederei John Cory & Sons betrieben. Am 25. März 1945 war die Capitaine-Paul-Lemerle das erste Schiff, das nach der Kapitulation der Deutschen Brest anlief. Am 8. Juni 1945 brach an Bord ein Brand aus, während sie vor Lissabon lag.
Nach Kriegsende wurde die Capitaine-Paul-Lemerle an die Société Générale des Transports Maritimes à Vapeur zurückgegeben und nahm den Linienverkehr in die Antillen und nach Südamerika wieder auf. Im Mai 1952 wurde der Frachter nach Italien verkauft und in „Umbro“ umbenannt. 1959 wurde das Schiff von der Reederei zum Abwracken verkauft.[2]
Das Schiff in der Kunst
Literatur
- André Breton: Martinique, charmeuse de serpents. Sagittaire, Paris 1948
- Claude Lévi-Strauss: Traurige Tropen. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Suhrkamp, Frankfurt 1978, ISBN 3-518-57206-7
- Anna Seghers: Transit. 1., neue Auflage. Aufbau Taschenbuch-Verlag, Berlin 1993, ISBN 3-7466-5153-0, urn:nbn:de:101:1-201308089104 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche – nicht seitenidentisch mit der Einzelausgabe).
- Adrien Bosc: Capitaine. Éditions Stock, 2018, ISBN 978-2-234-07819-2[8][4]
- Olivier Assayas, Adrien Bosc (Hg.): Un voyage. Marseille-Rio 1941. Mit Texten und Fotos von Jacques Remy und Germaine Krull, Stock, 2019, ISBN 978-2-234-08756-9
- Uwe Wittstock: Marseille 1940. Die große Flucht der Literatur. C.H. Beck, München 2024, ISBN 978-3-406-81490-7
Bildende Kunst
- Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München: Surrealismus + Antifaschismus. Anthologie. Hatje Cantz, Berlin 2025, ISBN 978-3-7757-5878-9 (Publikation zur Ausstellung Aber hier leben? Nein danke, 2024/25)
Film
- 1941. Dernier bateau pour l’exil. Dokumentarfilm, Frankreich, 2023, 55 Min., Buch und Regie: Jérôme Prieur[10]
Musik
- William Kentridge: The Great Yes, The Great No. Oper mit Musik von Nhlanhla Mahlangu, Uraufführung 2024 auf dem Festival d’Aix-en-Provence[11]
Weblinks
- Olivier Assayas über die Fahrt des Schiffs nach Martinique 1941, sein Vater Raymond war damals Passagier. Mit vielen Fotos von der Überfahrt, größtenteils von Germaine Krull (France Culture, 2019)
- Where Europe comes on an end. The travel of Capitaine Paul-Lemerle (Marseille 1941). Bericht zur Schiffsreise mit zeitgenössischer Abbildung des Frachters