Challenge-Based Education

Ansatz der Hochschuldidaktik From Wikipedia, the free encyclopedia

Challenge-Based Education (CBE) ist ein Ansatz der Hochschuldidaktik, bei dem Lernende in inter- oder transdisziplinären Teams reale, gesellschaftlich relevante Herausforderungen bearbeiten und darauf bezogene lösungsorientierte Handlungsansätze entwickeln. Der Lernprozess ist kooperativ, konstruktivistisch fundiert und anwendungsorientiert, wobei Lehrende überwiegend in der Rolle von Lernbegleitungen oder Coaches agieren. In der wissenschaftlichen Literatur wird CBE insbesondere im Zusammenhang mit innovativen, projektorientierten und kompetenzorientierten Lernformaten genannt.[1][2][3]

Konzept und Merkmale

Challenge-Based Education beruht auf der Bearbeitung gesellschaftlich relevanter Herausforderungen („Challenges“), die als Ausgangspunkt des Lernprozesses dienen. Diese Herausforderungen beziehen sich häufig auf Themenfelder wie Nachhaltigkeit, Mobilität, Gesundheit oder soziale Teilhabe und werden von Lernenden in Teams analysiert und bearbeitet.[4][5] Charakteristisch ist dabei, dass CBE nicht als rein inhaltsorientiertes Lehrformat verstanden wird, sondern problemlösungsorientiertes Handeln, Kooperation und die Entwicklung von Handlungskompetenzen in realitätsnahen Zusammenhängen in den Vordergrund stellt.[6]

Charakteristisch für Challenge-Based Education ist, dass Lernende den Lernprozess aktiv mitgestalten und dabei ein hohes Maß an Eigenverantwortung übernehmen (Student Agency).[2] Der Ansatz zielt nicht nur auf die Bearbeitung eines vorgegebenen Problems oder Themas, sondern auf die selbstständige Strukturierung des Problemlösungsprozesses innerhalb einer Lerngruppe. Die Rolle der Lehrenden ist dabei unterstützend angelegt und besteht vor allem in der Begleitung von Reflexions-, Entscheidungs- und Kooperationsprozessen (Facilitation). In diesem Zusammenhang steht die Entwicklung fachlicher und überfachlicher Kompetenzen, insbesondere in den Bereichen Problemlösung, Zusammenarbeit, Kommunikation und kreativem Denken, im Mittelpunkt.[3] In vielen Formaten werden zudem externe Akteure aus Wirtschaft, Verwaltung oder Zivilgesellschaft einbezogen, die je nach institutioneller Ausrichtung als Problemgeber, Feedbackpartner oder, insbesondere in transdisziplinären Settings, als Mitgestaltende (Co-Creators) am Lösungsprozess beteiligt sein können.

Historische Entwicklung und begriffliche Einordnung

Challenge-Based Education geht aus dem verwandten Konzept des Challenge-Based Learning (CBL) hervor, das in den späten 2000er-Jahren im Rahmen des von Apple unterstützten Bildungsprogramms „Apple Classrooms of Tomorrow—Today“ (ACOT²) entwickelt wurde, um technologiegestütztes, kollaboratives und problemlösendes Lernen zu fördern.[7] Bekannt wurde CBL durch den 2009 veröffentlichten Bericht „Challenge-Based Learning: The Report from the Implementation Project“, in dem ein strukturierter Lernprozess beschrieben wird.[8] In der Hochschulbildung wurde der Ansatz aufgegriffen und im Sinne einer erweiterten curricularen und institutionellen Perspektive unter dem Begriff Challenge-Based Education (CBE) weiterentwickelt. Dabei umfasst CBE nicht mehr nur einzelne Lernprojekte, sondern kann als Bestandteil von Modulen, Studienprogrammen oder hochschulweiten Bildungsstrategien verankert werden, häufig in Kooperation mit externen gesellschaftlichen Akteuren. Diese institutionelle Skalierbarkeit gilt heute als charakteristisches Merkmal von CBE-Implementierungen. Die Verwendung des Begriffs CBE ist dabei nicht einheitlich: Während CBL in der Literatur überwiegend als konkretes Lernformat beschrieben wird, wird CBE sowohl als institutionalisierte Weiterentwicklung, aber auch synonym zu CBL verwendet, so z. B. in hochschulübergreifenden Netzwerken wie ENLIGHT[2] oder ECIU.[3]

Didaktische Umsetzung

Challenge-Based Education wird in der Praxis häufig in Form prozessgeleiteter Lernarrangements umgesetzt. In vielen CBE-Formaten orientiert sich die Bearbeitung an strukturierten Phasen, die eine schrittweise Annäherung an eine Herausforderung vorsehen. Ein häufig genannter Bezugspunkt ist das im Rahmen von Challenge-Based Learning entwickelte dreiphasige Prozessmodell Engage – Investigate – Act, das von Johnson et al. beschrieben wurde und die Identifikation einer relevanten Fragestellung, deren explorative Analyse sowie die Entwicklung und Umsetzung einer Lösung umfasst.[8] In hochschulischen Kontexten werden diese Phasen im Rahmen von Challenge-Based Education vielfach modifiziert, ohne dass der grundsätzliche Ablauf verloren geht. Unterschiede bestehen insbesondere im Umfang, in der zeitlichen Tiefe, in der Verankerung im Curriculum und in der Einbindung externer Akteure wie Unternehmen, Kommunen oder zivilgesellschaftliche Organisationen.[2][3] So unterscheiden Hochschulnetzwerke wie ENLIGHT beispielsweise zwischen kürzeren Mini Challenges und umfangreicheren Capstone Challenges, wobei sich der zeitliche Rahmen und die strategische Einbindung unterscheiden.[9] Je nach Format können dadurch unterschiedliche Schwerpunkte etwa auf die Definition der Herausforderung, die kooperative Ideengenerierung, die Zusammenarbeit mit externen Partnern oder die Präsentation und Reflexion von Ergebnissen gelegt werden.[3]

Verwandte Ansätze und Abgrenzung

Challenge-Based Education weist Überschneidungen mit anderen problem- und projektorientierten Lernansätzen auf, unterscheidet sich jedoch in Fokus, Offenheit der Aufgabenstellung und institutioneller Verankerung. Der verwandte Ansatz des Challenge-Based Learning (CBL) dient als didaktische Grundlage, da beide auf realen Herausforderungen basieren, CBE erweitert diesen Rahmen allerdings auf curriculare und institutionelle Ebenen.[8] Ähnlich wie im Project-Based Learning arbeiten Lernende kooperativ an praktischen Aufgaben, jedoch sind Challenges bei CBE nie fiktiv oder nur praxisnah, sondern werden üblicherweise aus größeren gesellschaftlichen Problemkontexten hergeleitet.[4] Mit dem problemorientierten Lernen (POL) teilt CBE die Orientierung an einer Problemstellung, unterscheidet sich jedoch durch den stärker handlungsorientierten Charakter und eine weniger strikt strukturierte Prozesslogik, die nicht an standardisierte Modelle wie z. B. die siebenschrittige Problemlösefolge gebunden ist.[3] Im Unterschied zu Service Learning, bei dem die Aufgabenstellung meist als Dienstleistung auf Basis eines artikulierten Bedarfs einer Partnerorganisation definiert ist,[10] beginnen CBE-Prozesse mit offenen Fragestellungen, die gemeinsam mit externen Interessengruppen (Stakeholdern) exploriert und weiterentwickelt werden.

Anwendungsbeispiele in Hochschulen

Challenge-Based Education wird an Hochschulen sowohl auf institutioneller Ebene als auch in thematisch fokussierten Lernformaten eingesetzt. Im Rahmen der European Universities Initiative, in der derzeit über 70 europäische Hochschulallianzen kooperieren, nutzen zahlreiche Verbünde CBE als didaktisches Kernprinzip zur Bearbeitung gesellschaftlicher Herausforderungen.[11]

Neben den oben bereits genannten Netzwerken ENLIGHT und ECIU integrieren auch weitere europäische Hochschulallianzen Challenge-basierte Lernformate in ihre Programme.

  • Die Allianz UNIC[12] (European University of Cities in Post-Industrial Transition) verankert CBE in sogenannten Urban Challenges, bei denen Studierende gemeinsam mit kommunalen Partnern städtische Transformationsprozesse bearbeiten. UNIC arbeitet bereits seit 2020 und hier finden sich auch schon zahlreiche Projektbeispiele[13] sowie ein Teaching Guide for University Educators zum Challenge Based Learning.[14]
  • EU-CONEXUS[15] und SEA-EU[16] (European University of the Seas) setzen challenge-basierte Ansätze im Kontext von Nachhaltigkeit und Küstenökosystemen ein.
  • EPICUR[17] organisiert transnationale Mission Teams auf Basis gesellschaftlicher Herausforderungen.
  • YUFE[18] (Young Universities for the Future of Europe) nutzt challenge-basierte Lernprojekte zur Bearbeitung sozialer und ökologischer Problemstellungen.
  • Die PIONEER-Allianz[19] fokussiert insbesondere auf nachhaltige Stadtentwicklung und Challenge-Based Education als grundlegendes Lehr- und Lernprinzip zur Bearbeitung von Herausforderungen im Bereich urbaner Transformation.

Siehe auch

Portal: Hochschullehre – Übersicht zu Wikipedia-Inhalten zum Thema Hochschullehre

Einzelnachweise

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