Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord
französischer Staatsmann und Diplomat
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Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord [] (* 2. Februar 1754 in Paris; † 17. Mai 1838 im Hôtel Talleyrand ebenda) war einer der bekanntesten französischen Staatsmänner sowie Diplomat während der Französischen Revolution, der Napoleonischen Kriege und des Wiener Kongresses. Für seine Verdienste erhielt er mehrere Titel in der noblesse impériale: 1806 Fürst von Benevent, 1807 Herzog von Talleyrand-Périgord und 1815 Herzog von Dino (duc de Dino). Da er in allen Regimen seiner Zeit hohe Ämter innehatte, steht der Name Talleyrand heute für politischen Opportunismus und Anpassungsfähigkeit.

Leben und Wirken
Herkunft und Jugend
Talleyrand kam am 2. Februar 1754 in Paris als zweitgeborener Sohn von Charles Daniel, Comte de Talleyrand-Périgord (1734–1788), und seiner Gattin Marie-Victoire-Eléonore de Talleyrand-Périgord, geborene de Damas d’Antigny (1728–1809), auf die Welt. Er war Mitglied der Adelsfamilie Talleyrand-Périgord, die ihre Abstammung bis ins Frühmittelalter zurückverfolgte und einen hohen Prestigegrad für sich beanspruchte. Diese Herkunft verhalf seinen Familienmitgliedern zu hohen Stellungen, so seinem Onkel Alexandre-Angélique in der Kirche und seinem Halbonkel Gabriel-Marie im Militär und der Verwaltung. Auch seine Eltern hatten Stellungen am Königshof in Versailles inne, lebten jedoch im Gegensatz zu ihrer Verwandtschaft in einer finanziell prekären Lage und konnten sich zeitweise nicht einmal Dienstboten leisten. Der junge Talleyrand musste, wie die Marquise de Créquy in ihren Memoiren überspitzt formulierte, mit den Krumen auskommen, die dem König vom Tisch fielen.[1]
Behinderung
Von früher Kindheit an wurde Talleyrand durch ein schweres Beinleiden an seinem rechten Fuß beeinträchtigt. Seinen eigenen Angaben zufolge (die er auch in seinen Memoiren verbreitete) erlitt er im Alter von wenigen Monaten in der Obhut einer Amme einen komplizierten Beinbruch. Da dieser nur unzureichend medizinisch versorgt und behandelt worden sei, seien seine Fußknochen verwachsen, so dass er sein Leben lang unter einem Klumpfuß (akzidentieller nach innen gekehrter Klumpfuß) zu leiden hatte. Weiter sei sein linker Fuß, der in der Zeit seiner starken Schmerzen allein das Gewicht seines Körpers habe tragen müssen, dadurch erheblich geschwächt worden. Das Ergebnis des Unfalls sei es gewesen, dass er „ein Hinkender“ geworden sei.[2]
Erst 1988 gelang es dem Historiker Michel Poniatowski, die von Talleyrand lancierte Erklärung seiner Verkrüppelung aus einem Unfall als frei erfunden nachzuweisen. Die neuere Forschung geht davon aus, dass der Klumpfuß Talleyrands entweder ein erbliches Leiden war – an dem auch Talleyrands Onkel Gabriel-Marie zu leiden hatte – oder, was als wahrscheinlicher gilt, dass er die Folge einer Polio-Infektion war. Talleyrand vertuschte den eigentlichen Grund für seine Gebrechen vermutlich, um sich so vor dem Verdacht zu schützen, geisteskrank zu sein. Zu seinen Lebzeiten war nämlich die Ansicht verbreitet, dass aus dem Erbgut herrührenden Körperschäden meist auch mit biologisch verursachten mentalen Störungen verbunden seien.[3]
Talleyrands Behinderung hatte zur Folge, dass er humpelte und sich, um gehen zu können, auf eine Krücke oder einen Gehstock stützen musste. Außerdem trug er zumindest in späteren Jahren orthopädische Spezialschuhe an seinem rechten Fuß: Diese Schuhe, die die Form eines Elefantenfußes hatten, fassten sein rechtes Bein in eine Metallschiene, die entlang der Wade bis zum Knie lief, wo sie mit einem Lederband befestigt war. Das knarrende Geräusch dieser Vorrichtung, das sein Kommen schon von fern akustisch ankündigte, brachte ihm den Spitznamen Der hinkende Teufel ein. Sein Biograph Jean Orieux hat diese für den Träger schmerzhafte Vorrichtung als „wahres Folterinstrument“ bezeichnet.[4]
Ausbildung und geistliche Laufbahn
Rückblickend schilderte Talleyrand seine Beziehung zu seinen Eltern als lieblos. Die fehlende Zuneigung führte er nicht nur auf die damals übliche Erziehungspraxis zurück – wie die meisten Kinder aus Adelsfamilien verbrachte der junge Talleyrand die meiste Zeit mit Ammen statt mit seinen Eltern –, sondern vor allem auf seine körperliche Behinderung. Nur seine Urgroßmutter, bei der er als Kind einige Jahre lang im ländlichen Chalais lebte, habe ihm echt Zuneigung zukommen lassen. Nach seiner Rückkehr zu seinen Eltern sei er unmittelbar ins Collège d’Harcourt, ein Internat gebracht worden, welches er als eine Hölle empfand. Das Desinteresse seiner Eltern habe ihn einerseits von der Außenwelt isoliert, ihm andererseits jedoch auch gelehrt, Schicksalsschläge mit Gleichgültigkeit aufzunehmen, und ihm ermöglicht, eine starke Denkfähigkeit zu entwickeln. Das von Talleyrand in seinen Memoiren gezeichnete Bild einer glücklosen Kindheit entsprach jedoch ebenso wie die von ihm behauptete Verletzungsgeschichte nicht der Wirklichkeit: Seine Behauptung, seine Eltern bis zum vierten Lebensjahr nicht einmal gesehen zu haben, ist erwiesenermaßen falsch. Auch verbrachte er vor dem Besuch des Collège d’Harcourt anderthalb Jahre im Elternhaus. Private Briefe und Aufzeichnungen seiner Eltern belegen, dass sie sich sehr wohl Sorgen um Talleyrand und sein Wohlergehen machten.[5]
Obwohl Talleyrand nach dem Tod seines ältesten Bruders Alexandre († 1757) eigentlich der erstgeborene Sohn seiner Eltern war, übertrugen diese das Erstgeborenenrecht anstatt auf ihn, den sie hierfür aufgrund seiner Behinderung für untauglich hielten, auf seinen jüngeren Bruder Archambaud de Talleyrand.
Talleyrand wurde von seinen Eltern für eine geistliche Laufbahn ausgewählt. Den Grund dafür sah er selber in seiner Behinderung, die ihn für die eigentlich für ihn vorgesehene Karriere im Militär untauglich machte. Der tatsächliche Hauptfaktor wird allerdings der Wunsch gewesen sein, dass Talleyrand in die Fußstapfen seines Onkels Alexandre-Angélique trete. Dieser hatte in der Kirche bereits Karriere gemacht und suchte deshalb einen geeigneten Nachfolger innerhalb seiner Verwandtschaft. Die Wahl fiel auf Talleyrand, da er als einziges männliches Familienmitglied im richtigen Alter war, eine Karriere im Klerus anzufangen. Dass ein Neffe seinen Onkel in seinem geistlichen Posten beerben konnte, war in dieser Zeit nicht unüblich. Außerdem versprach die Kirche in Zeiten des Ancién Regimes für Adelssöhne gute Aufstiegsmöglichkeiten, bis hin zum Minister des Königs – Aussichten, die mit dem Versprechen einer familiären Protektion durch den Onkel noch verstärkt wurden.[6]
Daher verbrachte Talleyrand nach dem Abschluss des Collège d’Harcourt 1769 auch ein Jahr bei seinem Onkel Alexandre-Angélique, der zu dem Zeitpunkt Koadjutor des Erzbischofs von Reims war. Der Fünfzehnjährige war vom materiellen Wohlstand der Kirche allerdings nicht beeindruckt, viel eher empfand er ihre Förmlichkeiten, wie er in seinen Memoiren beschrieb, als abstoßend. Es frustrierte ihn, dass er sich von seiner körperlichen Behinderung seinen weiteren Lebensweg diktieren lassen musste. Dennoch nahm er die Entscheidung seiner Eltern resigniert hin und ging nach seiner Rückkehr 1770 ins prestigeträchtige Priesterseminar St. Sulpice in Paris. Trotz seines fehlenden Interesses widmete er sich seinen Studien der Theologie und erlangte – nicht zuletzt wegen der Unterstützung seines Onkels – bereits 1774, also als Zwanzigjähriger und nicht wie üblich mit zweiundzwanzig Jahren, sein Baccalaureat. Das Priesterseminar erwies sich im Urteil solcher Zeitgenossen wie dem Comte Beugnot als prägend für Talleyrands Charakter, besonders im Hinblick auf seine Selbstbeherrschung, und war seinem Biographen Johannes Willms zufolge die „Voraussetzung für künftige Erfolge“. In seinen Memoiren schilderte er, wie unter dem Eindruck der Vollversammlung des französischen Klerus, in der primär Geldfragen und nicht Theologie diskutiert wurden, und der Karriere des Kardinal Richelieu ein gewisser Ehrgeiz ihn packten. Willms zufolge erkannte Talleyrand damals wie viele seiner Zeitgenossen, dass die Kirche für ihn zwar keine Berufung, aber ein Karrieresprungbrett sein kann.[7]
Nach seinem Abschluss wurde Talleyrand im April 1775 zum Subdiakon geweiht und verpflichte sich damit nicht ohne Widerwillen zu einer kirchlichen Laufbahn. Sein Onkel verhalf ihm zu seinen nächsten Karriereschritten: Noch im selben Jahr verlieh ihm König Ludwig XVI. seine ersten Pfründe, die des Abbés des Klosters von Saint-Denis, und damit auch die finanzielle Unabhängigkeit. Anschließend studierte er noch zwei weitere Jahre an der Sorbonne in Paris, wo er dank seines neuen Einkommens ein luxuriöses Leben führen und la douceur de vivre (zu Deutsch etwa: „Die Süße des Lebens“) kennenlernen konnte, wie er es selbst rückblickend formulierte.[8]
1779 wurde er zum Priester geweiht. 1780 machte man ihn zum Generalagenten des französischen Klerus und 1788 – für einen Mann seiner Herkunft überaus spät – zum Bischof von Autun. Nach Orieux hat Ludwig XVI. die Ernennungsurkunde nur widerwillig unterzeichnet.
Nach nicht einmal vierwöchigem Aufenthalt an seinem Bischofssitz wurde Talleyrand in die Generalstände gewählt.
Französische Revolution

Am Vorabend der Französischen Revolution war Talleyrand ein reformorientierter Politiker und Mitglied in der Gesellschaft der Dreißig, die 1789 Beschwerdebücher ausarbeitete und die Wahlen zu den Generalständen beeinflusste. Talleyrand selbst wurde als Bischof von Autun von den Mitgliedern seines Klerus zum Abgeordneten gewählt. Als sich jedoch der Dritte Stand zur Nationalversammlung erklärte, schloss sich Talleyrand der neuen Versammlung an.
Talleyrand entfernte sich von den Interessen von Kirche und Klerus, als er sich für die Verstaatlichung von Kirchengut aussprach, um mit dem Verkaufserlös die Staatsschulden zu begleichen. In seiner Antragsvorlage begründete er die Konfiskation damit, dass die Kirche ihr Vermögen nur zur Ausübung von Ämtern, aber nicht als persönlichen Besitz erhalten habe. Für Talleyrand lag streng genommen also keine Enteignung vor. Seiner Ansicht nach gab es zwar zwei vom Staat zu achtende Grundfreiheiten: Freiheit und Eigentum. Dort, wo das Eigentum jedoch so weit ginge, dass es das Naturgesetz verletze, da müsse es entfallen, ferner auch dort, wo der eigentliche Sinn des ursprünglichen Eigentumerwerbs entfallen sei.[9] Des Weiteren trat er für Habeas Corpus, Meinungsfreiheit, das Postgeheimnis und die Gründung einer Zentralbank ein.[10] Im März 1790 initiierte er vor der Nationalversammlung das Projekt der Vereinheitlichung von Maßen und Gewichten, aus dem das metrische System entstand.[11]
So wünschte er eine konstitutionelle Monarchie mit einem Zweikammersystem wie in Großbritannien.[12] 1791 leistete er einen Eid auf die neue Verfassung im Namen des Klerus und unterstellte sich somit dem Staat und dem Volk. Daraufhin exkommunizierte ihn Papst Pius VI. und enthob ihn seiner kirchlichen Ämter. Ausdruck von Talleyrands Standesbewusstsein war es jedoch, dass er noch im Sterben auf seinem Status als geweihter Bischof beharrte.[13] Talleyrand bezog dennoch für lange Zeit seine Einkünfte weiter aus der Abtei Saint-Denis.
Außenminister

Talleyrand verließ 1792 am Vorabend der Schreckensherrschaft mit Hilfe von Danton, der ihm die erforderlichen Ausreisepapiere beschaffte, Frankreich – offiziell in diplomatischer Mission. Dies ermöglichte ihm später die Rückkehr nach Frankreich, da er nicht mit dem Odium behaftet war, ein Emigrant gewesen zu sein. Er ging zunächst nach Großbritannien, wurde dort 1794 unter Pitt auf Druck der französischen Exilanten der ersten Stunde ausgewiesen und floh in die USA. Erst 1796 kehrte er nach Frankreich zurück und wurde 1797 durch das Direktorium unter Führung von Paul de Barras als „Bürger Außenminister“ zum Nachfolger von Charles-François Delacroix berufen. Diese Stelle verdankte er wesentlich der Fürsprache von Madame de Staël, die ihm seit langer Zeit geistig und politisch verbunden war.
Im Juli 1799 trat er zurück, wohl um sich nicht länger an das absehbar an sein Ende gelangte Direktorium zu binden und sich der neuen Kraft, Napoleon Bonaparte, zu empfehlen. Er war auf diesen aufstrebenden Mann aufmerksam geworden und begann ihn zu unterstützen. Napoleon erkannte Talleyrands Stärken in diplomatischen Angelegenheiten, sodass er nach dem Staatsstreich des 18. Brumaire VIII (9. November 1799) Talleyrand erneut zum Außenminister ernannte. Talleyrand war es, der maßgeblich an der Schaffung des napoleonischen Kaisertums beteiligt war. Er sorgte dafür, dass in dessen Gründungsjahr 1804 keine ausländische Macht ernsthaft Widerspruch dagegen einlegte.
Am 29. Juni 1802 laisierte Papst Pius VII. Talleyrand, ein zu dieser Zeit höchst ungewöhnliches Ereignis in der Kirchengeschichte. Die Hochzeit von Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord und Catherine Grand fand am 9. September 1802 in der Rue de Verneuil im Beisein von Bonaparte und dessen Frau Joséphine de Beauharnais statt. Talleyrands Interesse an seiner Ehefrau kühlte nach der Hochzeit deutlich ab.
Doch die Ansichten Napoleons und Talleyrands über das Wohl Frankreichs liefen auseinander. Immer wieder übte Talleyrand Kritik an den Plänen des Kaisers, z. B. gegen Preußen und Österreich in den Krieg zu ziehen. Die Kriegserklärung von 1805/06 offenbarte Talleyrands schwindenden Einfluss. Er war der Auffassung, Frankreich habe mit dem Frieden von Amiens aus dem Jahr 1802 mehr als genug erreicht. Nach dem Frieden von Tilsit reichte er seine Demission ein, worauf Napoleon ihn zum Vize-Großwahlherrn (vice-grand-électeur) und damit zum Großwürdenträger des Französischen Kaiserreichs ernannte, einer der höchsten Ehrentitel, den der Staat zu vergeben hatte.
Nachdem Napoleon 1815 endgültig gestürzt worden war, wurde Talleyrand nochmals für kurze Zeit Außenminister Ludwigs XVIII., dem er zum Thron verholfen hatte, und vertrat nach dieser ersten Restauration der Bourbonen Frankreich zwar als Verlierermacht auf dem Wiener Kongress von 1814/15, doch handelte er geschickt erst ein Mitspracherecht, dann eine bedeutende Bündnisposition mit Großbritannien und Österreich gegen Russland und Preußen aus, so dass das ehemalige Bündnis zerbrochen war. Kurz: Er schaffte es, als Vertreter der Verliererseite so günstige Bedingungen auszuhandeln, dass Frankreich keine Gebietsverluste erleiden musste. Sein größter Coup war wohl die Wiederherstellung der Grenzen von 1792.
Fürst von Benevent
Von 1806 bis 1815 war Talleyrand von Napoleons Gnaden souveräner Fürst von Benevent in Italien; seinen nebenher erbrachten verwalterischen Leistungen zollt sein Biograf Cooper durchaus Lob.
Botschafter in Großbritannien
Als 1830 die Julirevolution ausbrach, war Talleyrand ein entschiedener Befürworter des Königtums von Louis Philippe. Dieser schickte ihn dafür von 1830 bis 1834 als französischen Botschafter nach Großbritannien. Hier bewirkte er eine Verbesserung der stark gestörten Beziehungen der beiden Staaten. Sein letzter großer politischer Auftritt fand bei den Verhandlungen über die Unabhängigkeit des Königreiches Belgien statt. Durch Talleyrands großes Verhandlungsgeschick konnte am 4. Oktober 1830 Prinz Leopold Georg Christian Friedrich von Sachsen-Coburg-Saalfeld zum König Leopold I. von Belgien gewählt werden. Von Talleyrand stammt allerdings auch das bekannte Zitat, wonach die Belgier keine Nation seien, denn man könne keine Nation am Schreibtisch erzeugen. Belgien könne als Land langfristig nicht bestehen.[14]
Tod
Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord starb am 17. Mai 1838 in Paris und wurde auf eigenen Wunsch in der Krypta der Kapelle der von ihm gegründeten école libre (Privatschule) in Valençay begraben.[15] Seit einer Renovierung, in deren Rahmen sein Sarg heraufgebracht und anstelle des beseitigten Altares aufgestellt wurde, kann die Kapelle wieder besichtigt werden, nicht aber die Krypta mit den Särgen anderer Familienmitglieder.
Wappen von Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord
- Wappen der Grafen von Périgord
- Nach den Regeln der napoleonischen Heraldik gestaltetes Wappen Talleyrands als Fürst von Benevent in der noblesse impériale
- Wappen Talleyrands zur Zeit der bourbonischen Restauration
Erben
Universalerbin wurde seine langjährige Begleiterin Dorothea von Sagan, die 1824 geschiedene Ehefrau seines Neffen Edmond de Talleyrand-Périgord, dem er auch einige Zuwendungen bestimmte. Die häufig vertretene These, dass Dorothea, später Dorothée, duchesse de Dino genannt, Talleyrands Geliebte gewesen sei, wird in der von Johannes Willms verfassten Biographie nicht geteilt. Zwar habe es sich seitens Talleyrands durchaus um eine späte Liebe zu dieser attraktiven und intelligenten Frau gehandelt, aber angesichts des Altersunterschieds von 39 Jahren sei die enge Beziehung wahrscheinlich nicht sexueller, sondern nur geistiger Art gewesen. Willms schreibt über das Verhältnis Talleyrands zu seiner angeheirateten Nichte: „Wie andere zuvor war auch diese Liebe eine platonische, eine mit der Leidenschaft des Geists, nicht des Körpers, aber vielleicht eben deshalb noch intensiver gelebte und oft unter Eifersuchtsqualen erlittene, für die sie ihm reichlich Anlass gab.“[16]
Nachkommen
Talleyrand hatte keine ehelichen Kinder, wohl aber einige uneheliche. Als bekanntestes dieser Kinder gilt Charles-Joseph de Flahaut, der 1785 seiner Beziehung mit Madame de Flahaut entstammte, in deren Salon der junge Abt verkehrte. Charles-Joseph wurde später ein Offizier im Heer Napoleons und war Liebhaber von Napoleons Stieftochter Hortense de Beauharnais und Vater von Charles Auguste de Morny, Halbbruder und wichtiger Berater Napoleons III.
Talleyrands vielfach zitierte Vaterschaft im Falle von Eugène Delacroix ist umstritten. Vertreten wird die These von Talleyrand als Erzeuger des berühmten Malers u. a. von Franz Blei und Alfred Duff Cooper, 1. Viscount Norwich und Orieux. Diese Autoren berufen sich dabei auf die angebliche physiognomische Ähnlichkeit von Talleyrand und Delacroix und die Unmöglichkeit der biologischen Vaterschaft dessen nominellen Vaters, der zum Zeugungszeitpunkt infolge eines erst mehrere Monate nach der Zeugung behobenen Hodenleidens nicht zeugungsfähig war. Außerdem wurde der junge Delacroix durch einen anonymen, aber mächtigen und finanzkräftigen Wohltäter gefördert, hinter dem Talleyrand als Vater vermutet wird.
Auszeichnungen und Ehrungen
- 1804: Grand Aigle der Ehrenlegion
- 1805: Schwarzer Adlerorden[17]
- 1814: Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies
- 1815: Elefanten-Orden
- Helen-Violette de Talleyrand-Périgord, Duchesse de Sagan (1915–2003), vorletzte Vertreterin der älteren Linie der Familie Talleyrand-Périgord, die in zweiter Ehe mit dem Politiker Gaston Palewski (1901–1984) verheiratet war, Minister und Kabinettschef Charles de Gaulles, richtete in ihrem Schloss Le Marais in Le Val-Saint-Germain (Département Essonne, Region Île-de-France) ein Museum zu Ehren Talleyrands ein, das die verschiedenen Lebensabschnitte des Staatsmannes im geschichtlichen Zusammenhang aufzeigt.
Zugeschriebene Aussprüche und Bonmots
Obwohl er aktiv an der französischen Revolution beteiligt war, neigte Talleyrand doch zu einer gewissen Nostalgie für das Ancien Régime. Dies bestätigt sich in seiner oft zitierten Bemerkung:
« Ceux qui n’ont pas connu l’ancien régime ne pourront jamais savoir ce qu’était la douceur de vivre. »
„Wer das Ancien Régime nicht kannte, wird niemals wissen können, wie süß das Leben war.“
Der wohl berühmteste Ausspruch Talleyrands:
„Klug und fleißig – gibt’s nicht;
klug und faul – bin ich selbst;
dumm und faul – für Repräsentationszwecke noch ganz gut zu gebrauchen;
dumm und fleißig – davor behüte uns der Himmel!“
Auch der Ausspruch „Der Kaffee muss heiß wie die Hölle, schwarz wie der Teufel, rein wie ein Engel und süß wie die Liebe sein.“ soll von Talleyrand sein.
Als der spanische Gesandte Izquiero im Jahre 1807 Talleyrand an ein Versprechen erinnerte, erwiderte ihm Talleyrand in Abwandlung eines Ausspruchs von Voltaire: « La parole a été donnée à l’homme pour déguiser sa pensée » (deutsch: „Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen“), bei Voltaire heißt es: « Les hommes ne se servent de la pensée que pour autoriser leur injustices et n’emploient les paroles que pour déguiser leurs pensées. » (deutsch: „Die Menschen bedienen sich ihrer Vernunft nur dazu, um ihre Ungerechtigkeiten zu rechtfertigen, und die Sprache dient ihnen allein dazu, ihre Gedanken zu verbergen.“)
„Verrat, Sire, ist nur eine Frage des Datums.“ – zu Zar Alexander I., Wiener Kongress
Rezeption
Talleyrand lastete schon zu Lebzeiten der „Ruf eines skrupellosen Verräters und zynischen Opportunisten“ an. Grund dafür war seine immense Überlebensfähigkeit: Auch nach radikalen Umbrüchen gelang es ihm immer wieder, seine Stellung in der sich rasant verändernden politischen Landschaft Frankreichs zu behaupten oder sogar zu verbessern. Es gelang ihm, in sechs verschiedenen Regimes teils hohe Ämter zu okkupieren und die französische Geschichte entscheidend zu prägen. Ohne Skrupel oder Loyalität fiel er seinen Regierungen in den Rücken und passte sich – so der Vorwurf seiner Gegner – den jeweils herrschenden Bedingungen an, nur um seine eigene Karriere weiter voranzutreiben. Sein Biograph Johannes Willms spricht von vierzehn Loyalitätsschwüren und Gelöbnissen, die er allesamt gebrochen haben soll. Als besonders niederträchtig galt seinen Zeitgenossen dabei sein Verrat an der Kirche.[18]
„[Talleyrand] könnte und würde nicht das sein, was er ist, wenn er moralisch wäre. Andererseits ist er ein ausgesprochen politisch denkender Mensch und als solcher ein Mann der Systeme. Das macht ihn gleichermaßen nützlich oder gefährlich.“
„Wir waren nicht immer der gleichen Meinung, aber mehr als einmal war der Rat, den er mir gab, gut und vernünftig.“
„Was mich überzeugt, dass es weder einen strafenden noch einen belohnenden Gott gibt, ist der Umstand, dass die anständigen Menschen immer unglücklich und die Schufte immer glücklich sind. Sie werden es erleben, dass ein Talleyrand in seinem Bett sterben wird.“
Literatur
Memoiren
- Adolf Ebeling (Hrsg.), Charles Maurice de Talleyrand-Périgord: Memoiren des Fürsten Talleyrand. 5 Bände, Köln 1891–1893 Digitalisat
Biografien
- J. F. Bernard: Talleyrand – Diplomat – Staatsmann – Opportunist. Heyne Verlag, München 1989, ISBN 978-3-453-03034-3.
- Duff Cooper: Talleyrand. Insel, Wiesbaden, 1950.
- Philipp G. Dwyer: Talleyrand. Longman, Harlow 2002, ISBN 0-582-32384-3.
- Jean Orieux: Talleyrand. Die unverstandene Sphinx. Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-596-25657-7.
- Emmanuel de Waresquiel: Talleyrand. Le Prince immobile. Fayard, Paris 2003, ISBN 2-213-61326-5.
- Johannes Willms: Talleyrand: Virtuose der Macht 1754–1838. C. H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-62145-1.
Filme (Auswahl)
- Der hinkende Teufel (1948), Spielfilm, Regie Sacha Guitry, mit Sacha Guitry als Talleyrand
- Ein Abendessen mit dem Teufel (1992), Kammerspielfilm, Regie Édouard Molinaro, mit Claude Rich als Talleyrand
Weblinks
- Literatur von und über Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Werke von und über Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord in der Deutschen Digitalen Bibliothek
- Lebenslauf von Talleyrand bei napoleon-online.de
- Talleyrand-Sammlung in der SLUB Dresden
- Eintrag zu Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord auf catholic-hierarchy.org (englisch)