Cinenova
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Cinenova ist ein 1991 als Filmvertrieb gegründetes selbstorganisiertes Film und Distributionsprojekt aus London, das sich auf die Bewahrung und Verbreitung feministischer Film- und Videoarbeiten spezialisiert hat. Das Archiv umfasst künstlerische, experimentelle, dokumentarische und Spielfilme von den frühen 1910er Jahren bis zu Arbeiten der frühen 2000er-Jahre.
Geschichte
Cinenova entstand 1991 durch den Zusammenschluss der beiden feministischen Filmverleihe Circles und Cinema of Women, die beide 1979 gegründet wurden. Während Circles ihren Schwerpunkt auf die Distribution von Filmen von Künstlerinnen und experimentellen Werken legte, konzentrierte sich Cinema of Women auf aktivistische und dokumentarische Videos, oftmals mit Bezug zu Gewerkschaften, Bildung und queer-feministischen Themen. Die Fusion reagierte auf die veränderten Förderbedingungen in Großbritannien[1] und führte das gemeinsame Ziel, feministische Filmproduktion, trans- und nichtbinäre Perspektiven und ihre Sichtbarkeit zu stärken, weiter.[2]
Seit seiner Gründung hat sich Cinenova als bedeutende Ressource für die unabhängige Filmverbreitung in England, Europa und international etabliert. Die Kataloge aus den Jahren 1912–2001 zählen um die 500 Titel.[2] Das Archiv umfasst inzwischen mehr als 300 Werke von Filmschaffenden, die sich als Frauen, als trans, nichtbinär oder gender-nonkonform identifizieren. Die Sammlung beleuchtet Themen wie Widerstandsgeschichten, post- und dekoloniale Kämpfe, Gender- und Sexualitätsdarstellungen sowie die Bündnisse und Wechselwirkungen zwischen verschiedenen sozialen Bewegungen.
Aktivitäten
Cinenova versteht Verbreitung nicht nur im Sinne klassischer Filmverleihe, sondern als kollaborative Praxis: Filme werden über individuell zusammengestellte Programme, Ausstellungen und kuratierte Festivals zugänglich gemacht, häufig verbunden mit Diskussions- und Bildungsformaten. Beratung, Programmarbeit und Archivpflege erfolgen ehrenamtlich und im engen Austausch mit Künstlern, Gruppen und der breiten Öffentlichkeit.
Ein zentraler Aspekt der Arbeit ist die Bewahrung und Restaurierung von Originalwerken, von denen viele ausschließlich im Archiv erhalten sind und daher besondere konservatorische Aufmerksamkeit benötigen. Daneben engagiert sich Cinenova dafür, historische Filme als Werkzeuge für heutige aktivistische und kuratorische Praxis verfügbar zu machen.[3]
Cinenova Working Group
Die Cinenova Working Group entstand 2010 und setzt die Aktivitäten des Projekts als offenes, nicht kommerzielles und selbstverwaltetes Kollektiv fort. Mitglieder wie Charlotte Procter, Irene Revell, Louise Shelley und Marina Vishmidt organisieren die laufende Archivarbeit, entwickeln Sonderprogramme und reflektieren kritisch die Bedingungen der Organisation. Das Kollektiv versteht „Arbeiten am Archiv“ und die Verbreitung der Filme als gemeinschaftliches und politisch motiviertes Projekt. Die Cinenova Working Group organisiert eigene Veranstaltungen, Filmreihen und Kooperationen mit Institutionen und Künstlern mit dem Ziel, feministische und marginalisierte Perspektiven in der Filmgeschichte und Gegenwart sichtbar zu halten.[4] Weitere aktive Protagonistinnen sind Melissa Castagnetto, Emma Hedditch, Karolin Meunier, Ash Reid, Irene Revell, Louise Shelley, Sandra Schäfer und Kerstin Schroedinger.[5][6]
Im Jahr 2011 fand im Showroom die Ausstellung „Reproductive Labour“ statt, die die Geschichte und das Wirken des Archivs anhand von Filmvorführungen, Vorträgen und Rechercheangeboten präsentierte.[7] Besucherinnen und Besucher konnten sich Werke aussuchen und diese im Ambiente eines Schnittraums ansehen. Überall im Raum hingen Filmplakate, Flyer und Broschüren zu den Werken und Aktivitäten der Filmemacher und der Organisationen. Zu den namhaften Regisseurinnen und Künstlerinnen zählen Sally Potter, Yvonne Rainer, Babette Mangolte, Martha Rosler und Trinh T. Minh-ha. Eine der Stärken der Sammlung liegt jedoch in der Bewahrung von Werken weniger bekannter Filmemacherinnen der feministischen Debatten der 1970er, 80er und 90er Jahre was in der Präsentation betont wurde.[8] Die Veranstaltung dauerte etwa zwei Monate und rückte feministische Filmproduktionen in den Mittelpunkt.
Ein Jahr später, 2012, setzte sich „The Grand Domestic Revolution GOES ON“, ebenfalls im Showroom, mit der Bedeutung häuslicher und reproduktiver Arbeit für feministische Politiken auseinander. Diese Ausstellung wurde über mehrere Wochen gezeigt und zeigte Archivfilme, die feministische Themen historisch reflektieren.[4] Im Jahr 2013 beteiligte sich Cinenova am „Select and Dispossess Festival“ in Wien, einem mehrtägigen Festival, das sich mit Kolonialismus, Erinnerung und gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzte. Die Beiträge von Cinenova präsentierten feministische Perspektiven durch ausgewählte Filmprogramme.[9] Ab 2015 entstand die wiederkehrende Filmreihe „Now Showing“ im Showroom London, in der aktuelle Positionen eingeladen werden, Werke aus der Cinenova-Sammlung gemeinsam mit eigenen Produktionen vorzustellen.[10] Die Ausstellung „If You Can't Share No One Gets Any“ 2018 im LUX Kino in London wurde von den fünf Mitgliedern der Cinenova-Arbeitsgruppe: Emma Hedditch, Charlotte Procter, Ash Reid, Irene Revell und Louise Shelley organisiert und umfasste Filme aus der Cinenova-Sammlung. Die Show experimentierte mit einer Reihe von Strategien, um Filme und Videos einem vielfältigeren Publikum zugänglich zu machen, insbesondere Menschen mit Hör- und Sehschwäche.[11]
Neben diesen Programmen engagiert sich die Cinenova Working Group seit den 2010er Jahren fortlaufend in archivischen und performativen Projekten, die wechselnd an verschiedenen Orten stattfinden.[12][13] Diese Initiativen fördern die öffentliche Vermittlung und die kritische Auseinandersetzung mit feministischer Filmgeschichte.[14][15][16][17]
Im deutschsprachigen Raum finden ebenfalls regelmäßig Aktivitäten von Cinenova statt. So war die Working Group 2011 beim Kunstverein München mit „Group Affinity“[18] Teil einer Sommerakademie, die feministische Filmproduktion und kollektive Arbeitsweisen thematisierte. Beim „Select and Dispossess“-Festival 2013 in Wien zeigte Cinenova feministische Filmprogramme,[19] 2015 in Zürich bei Les Complices* gab es eine Veranstaltung[20] und 2023 in Berlin ein Filmprogramm bei dem Festival „feminist elsewheres“.[21]
Weblinks
Weiterführende Literatur
- Club des Femmes (Hrsg.): „Feminist Elsewheres: Films from the Cinenova Collection“. Arsenal Editions, Berlin, 2024.
- Procter, Charlotte & Revell, Irene: „From Circles to Cinenova: Feminist Film Distribution and Archiving in the UK“, in: Feminist Media Histories, Vol. 6/4, 2020.
- Vishmidt, Marina: „Feminist Film in the Archive: Cinenova and the Cultural Memory of Global Resistance“, in: Moving Image Review & Art Journal, 2022.
- Shelley, Louise: „Curating Cinenova: Collectivity, Collaboration, Care“, in: Afterall: A Journal of Art, Context and Enquiry, 2019.