Claire Denis

französische Filmregisseurin und Drehbuchautorin From Wikipedia, the free encyclopedia

Claire Denis (anhören/?; * 21. April 1946 in Paris) ist eine französische Filmregisseurin und Drehbuchautorin sowie Professorin an der Filmhochschule La fémis in Paris.

Claire Denis bei der Berlinale 2022

Leben und Wirken

Denis wuchs als Tochter eines französischen Kolonialbeamten zum Teil in Afrika in Kamerun, Burkina Faso und Dschibuti auf. Mit vierzehn Jahren[1] kehrte sie, an Polio erkrankt,[2] in ihre Geburtsstadt Paris zurück, wo sie am Gymnasium und an der Cinémathèque française die Welt des Films für sich entdeckte. Sie studierte zunächst Literatur und Wirtschaft und arbeitete für das Schulfernsehen des Niger.[3] Ihr damaliger Mann, ein Fotograf, schlug ihr vor, sich am Institut des hautes études cinématographiques (IDHEC) einzuschreiben.[4] 1972 schloss sie dieses Studium mit einem Diplom ab.

Ab Ende der 1960er-Jahre drehte Denis erste Kurzfilme[5] und arbeitete nach dem Studium bis 1987 als Regieassistentin, u. a. zunächst für Dušan Makavejev (Sweet Movie), Eduardo de Gregorio (Sérail), Alain Fleischer (Zoo zéro), dann vor allem für Roberto Enrico (Le secret, Das alte Gewehr, Auch Mörder haben schöne Träume und L'empreinte des géants),[3] sowie Anfang der 1980er Jahre Jacques Rouffio (Die Spaziergängerin von Sans-Souci), Costa-Gavras (Hanna K.), Jim Jarmusch (Down by Law)[6] und Wim Wenders (Paris, Texas, Der Himmel über Berlin).[7] Sie assistierte auch bei Jacques Rivette (Out 1), der sie als Regisseurin für einen Dokumentarfilm über sich selbst vorschlug.[8]

Denis 1991

Erst im Jahr 1988 drehte sie ihren ersten Langfilm Chocolat – Verbotene Sehnsucht, der autobiografisch inspiriert[9] von einer Kindheit im Kamerun der 1950er-Jahre erzählt. Dieses Erstlingswerk wurde 1988 für die Goldene Palme und 1989 für den César nominiert.[10] Seither hat Denis um die 30 teilweise preisgekrönte Kurz-, Dokumentar- und Kinofilme gedreht,[3] die verschiedenen Genres angehören bzw. die Genregrenzen durchbrechen:[11] In ihrem Œuvre sind bisher z. B. Teenagerfilm, Vampirfilm und Science-Fiction[12] vertreten. Denis denkt nach eigener Aussage schon lange darüber nach, ein Musical zu drehen.[13]

2019 wurde sie bei der 72. Auflage des Filmfestivals von Cannes als Jurypräsidentin des Kurzfilmwettbewerbs und der Sektionen Cinéfondation ausgewählt.[14] Ein Jahr später stand sie der Jury der Sektion Orizzonti auf den Filmfestspielen von Venedig vor.[15]

Im Jahr 2022 erhielt sie für ihren Spielfilm Mit Liebe und Entschlossenheit eine Einladung in den Wettbewerb der 72. Berlinale.[16] Im selben Jahr lief ihr Film Stars at Noon im Wettbewerb der Filmfestspiele in Cannes.[17]

Im Jahr 2025 begann unter ihrer Regie die Produktion des Films Der Zaun (The fence).

Arbeitsweise

Denis’ Filme heben sich deutlich vom klassischen Erzählkino ab. Ihre Art des Filmschnitts, bei der Pausen und Rhythmus wichtig sind, wird mit der Improvisation im Jazz verglichen.[18] Sie erzählt Geschichten oft nicht linear, sondern durch gleichwertig nebeneinander gestellte scheinbare Nebenhandlungen. Gesten, Blicke, Körperlichkeit und Musik haben einen hohen Stellenwert. Auf psychologischen Realismus wird verzichtet, die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit können verschwimmen.[19] Oft wird das Fremdsein in einer postkolonialen Welt thematisiert. Ihre Helden stehen oft am Rand der Gesellschaft und sind nicht immer weiß.[6] Der Philosoph Jean-Luc Nancy bezeichnet „eine Obsession für Körper und Oberflächen“ als zentrales Prinzip der meisten Filme von Denis.[20]

Denis ist bei vielen ihrer Filme auch als Drehbuchautorin beteiligt. Die Regisseurin begreift das Filmemachen als Gemeinschaftswerk und arbeitet mit etlichen Team-Mitgliedern über lange Jahre zusammen. Dazu gehört der Schriftsteller Jean-Pol Fargeau, mit dem sie mehrere Drehbücher gemeinsam schrieb. Fargeau setzt sich in seinen Werken, ähnlich wie Denis, mit dem Thema Kolonisation auseinander.[21] Ebenfalls zum vertrauten Kernteam zählen der Produzent Bruno Pésery, die Filmeditoren Nelly Quettier und Guy Lecorne, sowie die Kamerafrau Agnès Godard, die seit Chocolat bei fast allen Filmen von Claire Denis für die Bildgestaltung verantwortlich war.[22] Auf Seiten der Schauspieler sind es z. B. Isaac de Bankolé, Alex Descas, Grégoire Colin und Béatrice Dalle. Bei der Filmmusik sind häufig die Tindersticks beteiligt.[6]

Filmografie

Claire Denis mit (von rechts) Christopher Lambert, Isabelle Huppert und William Nadylam bei der Vorstellung ihres Films White Material auf den 66. Filmfestspielen von Venedig 2009

Regie (Langfilme)

  • 1988: Chocolat – Verbotene Sehnsucht (Chocolat)
  • 1989: Man No Run (Dokumentarfilm)
  • 1990: Cinéma, de notre temps: Jacques Rivette – Le veilleur (Dokumentarfilm)
  • 1990: Scheiß auf den Tod (S’en fout la mort)
  • 1994: Ich kann nicht schlafen (J’ai pas sommeil)
  • 1994: US Go Home (Fernsehfilm, Teil der Reihe Tous les garçons et les filles de leur âge)
  • 1996: Nénette und Boni (Nénette et Boni)
  • 1999: Der Fremdenlegionär (Beau travail)
  • 2001: Trouble Every Day
  • 2002: Vendredi soir
  • 2004: Der Feind in meinem Herzen (L’intrus)
  • 2005: Mathilde Monnier: Ein Leben für den Tanz (Vers Mathilde) (Dokumentarfilm)
  • 2008: 35 Rum (35 rhums)
  • 2009: White Material – Land in Aufruhr (White Material)
  • 2013: Les Salauds – Dreckskerle (Les salauds)
  • 2017: Meine schöne innere Sonne (Un beau soleil intérieur)
  • 2018: High Life
  • 2022: Mit Liebe und Entschlossenheit (Avec amour et acharnement)
  • 2022: Stars at Noon
  • 2025: Le cri des gardes

Regie (Kurzfilme)

  • 1969: Le 15 mai
  • 1991: Keep It for Yourself
  • 1991: Pour Ushari Ahmed Mahmoud, Soudan – Episode in Amnesty International – Schreiben gegen das Vergessen (Contre l’oubli)
  • 1993: La robe à cerceau – Teil der Fernsehreihe Monologues
  • 1995: Nice, Very Nice – Episode in A propos de Nice – Wie es weiterging (A propos de Nice, la suite)
  • 2002: Vers Nancy – Episode in Ten Minutes Older: The Cello
  • 2011: To the Devil
  • 2014: Voilà l'enchaînement

Drehbuch

  • 1999: El Medina – Die Stadt (El Medina) – Regie: Yousry Nasrallah
  • 2022: Stars at Noon

Auszeichnungen

Commons: Claire Denis – Sammlung von Bildern
  • Literatur von und über Claire Denis im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
  • Claire Denis bei IMDb
  • Gavin Smith: Interview: Claire Denis. Film Society Lincoln Center, 2006, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 6. Februar 2006; abgerufen am 8. Oktober 2022 (englisch).

Literatur

  • Michael Omasta, Isabella Reicher (Hrsg.): Claire Denis. Trouble Every Day. Synema – Gesellschaft für Film und Medien, Wien 2005, ISBN 3-901644-15-6.
  • Andreas Jacke: Écriture féminine im internationalen Film: Margarethe von Trotta, Claire Denis, Chantal Akerman und Sofia Coppola. Psychosozial-Verlag, Gießen 2022, ISBN 978-3-8379-3149-5.

Einzelnachweise

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