Claude Debru

französischer Wissenschaftshistoriker und Philosoph From Wikipedia, the free encyclopedia

Claude Debru (* 3. Dezember 1944 in Béziers)[1] ist ein französischer Wissenschaftshistoriker und -philosoph, der sich vor allem mit der Geschichte von Biologie und Medizin befasst.

Claude Debru (2025)

Leben

Debru studierte von 1965 bis 1970 an der Pariser École normale supérieure (ENS) und bestand 1969 die Agrégation (Staatsprüfung für das höhere Lehramt) im Fach Philosophie. Nach weiteren Studien bei Georges Canguilhem am Institut für Geschichte und Philosophie der Wissenschaften und Technik der Sorbonne schloss er 1974 das Doctorat de 3e cycle an der Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne mit einer Arbeit über die Theorien des Raums von Immanuel Kant und Johann Heinrich Lambert ab.

Ab 1972 war er Forschungsmitarbeiter (Attaché de recherche) am Centre national de la recherche scientifique (CNRS). Debru wandte sich dann der Geschichte der Protein-Biochemie zu und absolvierte hierzu auch ein zweijähriges Grundstudium der Biophysikalischen Chemie an der Universität Pierre und Marie Curie (Paris 6), das er 1977 mit einem Diplôme d’études universitaires générales (DEUG) abschloss. Als Gastwissenschaftler war er 1979/80 bei John T. Edsall in der Abteilung für Wissenschaftsgeschichte der Harvard University. Mit seiner von François Dagognet betreuten Schrift über den „Geist der Proteine“ in der Geschichte und Philosophie der Biochemie erwarb er 1982 an der Universität Lyon das Doctorat ès lettres (entspricht etwa einer Habilitation).

Sein Arbeitgeber CNRS ordnete Debru von 1981 bis 1989 zu gemeinsamen Forschungsarbeiten mit Michel Jouvet an die Abteilung für experimentelle Medizin in Lyon ab, 1986 wurde er zum Directeur de recherche (Forschungsdirektor) ernannt. Im Sommer 1986 führte ihn ein Gastwissenschaftleraufenthalt an das Labor für Schlaf- und Traumforschung von William C. Dement an der Stanford University. Als Gastprofessor für Medizingeschichte lehrte er 1988 an der Universität Genf, 1991 forschte er als Gastwissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology zu Philosophie und kognitiven Aspekten der Zeit. Von 1991 bis 1999 leitete Debru das Europäische Zentrum für Medizingeschichte (Centre Européen d’histoire de la Médecine) an der Medizinischen Fakultät der Universität Straßburg.

Als Professor für Geschichte der Wissenschaften wurde er 1999 an die Universität Paris VII „Diderot“ berufen. 2002 folgte er dem Ruf auf die Professur für Wissenschaftsphilosophie an der École normale supérieure (ENS) in Paris. Dort leitete Debru die transdisziplinäre Gruppe Geschichte–Philosophie–Naturwissenschaften und initiierte 2006 den von der ENS sowie den Universitäten Paris I, IV und VII gemeinsam angebotenen Master „Logik, Philosophie, Geschichte und Soziologie der Wissenschaften“. Ab 2007 war er bis zur Emeritierung Direktor der Abteilung Philosophie der ENS in Paris.

Wirken, Mitgliedschaften und Auszeichnungen

Er befasste sich unter anderem mit Geschichte der Proteinchemie, Biochemie und Molekularbiologie und deren philosophischen Aspekten, mit Geschichte von Schlaf- und Traumforschung (wobei er sich längere Zeit im Labor von Michel Jouvet in Lyon aufhielt), Hämatologie und Leukämieforschung (mit Jean Bernard und Marcel Bessis) und Geschichte der Biotechnologie und mit deren philosophischen Problemen. Von ihm stammt ein Buch über die wissenschaftsphilosophischen Aspekten der Traumforschung und Neurophysiologie der Träume. Außerdem befasst er sich mit allgemeiner Epistemologie und Philosophie von Normen.

Er ist korrespondierendes Mitglied der Académie internationale d’histoire des sciences, der European Academy of Sciences, der Academia Europaea, korrespondierendes Mitglied der französischen Akademie für Landwirtschaft, seit 2011 Mitglied der Académie des Sciences und seit 1998 Mitglied der Leopoldina. 2003 erhielt er den Binoux-Preis der französischen Akademie der Wissenschaften und 1992 deren Grammaticakis-Neumann-Preis. 2009 erhielt er die Blaise-Pascal-Medaille und 2012 den Erwin-Neuenschwander-Preis. Debru ist Ritter der Ehrenlegion und der Palmes Académiques und Offizier des Ordre national du mérite und erhielt das Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

Schriften (Auswahl)

  • Analyse et Représentation. De la méthodologie à la théorie de l’espace : Kant et Lambert, Paris, Vrin, 1977
  • L’esprit des protéines. Histoire et philosophie biochimiques, Paris, Hermann, 1983
  • Philosophie moléculaire : Monod, Wyman, Changeux, Paris, Vrin, 1987
  • Neurophilosophie du rêve, Paris, Hermann, 2. Auflage, Paris, Hermann 1990 (auch in Spanische und Englische (Herman, 2017) übersetzt)
  • Herausgeber mit Jean Bernard, Marcel Bessis: Soi et Non-Soi, Paris, Seuil 1990
  • Philosophie de l’Inconnu. Le Vivant et la Recherche, Paris, PUF 1998, (Neuauflage als: Penser l’inconnu ? La recherche en biologie, Paris, Hermann, 2009)
  • mit Pascal Novuvel: Le possible et les biotechnologies. Essai de philosophie dans les sciences, Paris, PUF, 2003
  • Georges Canguilhem, Science et nonSciences, Paris, Editions rue d’Ulm 2004.
  • Herausgeber mit Pierre Buser, Jean-Gaël Barbara: History of Neuroscience, Comptes rendus de l’Académie des sciences (Biologies), Band 329, 2006
  • Herausgeber mit Jean-Gaël Barbara, Céline Cherici: L’essor des neurosciences, France, 1945–1975, Paris, Hermann 2008
  • Herausgeber mit Christiane Chavirém, Mathias Girel: William James, Psychologie et cognition, Paris, Petra 2008
  • mit Pierre Buser: Le temps. Instant et durée, de la philosophie aux neurosciences, Paris, Odile Jacob 2011
  • Le sens du futur. Une science du temps au XIXe siècle, Paris, Hermann 2012
  • mit Alain Berthoz: Anticipation et prédiction. Du geste au voyage menta, Paris, Odile Jacob 2015
  • Herausgeber mit Pierre Buser, Andreas Kleinert: L’Imagination et l’Intuition dans les sciences, Paris, Hermann 2009
  • Herausgeber mit Pierre Buser, Philippe Meyer: Les Lumières : hier, aujourd’hui, demain. Sciences et société, Paris, Hermann, 2013

Einzelnachweise

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